1996 haben Ludwig Reiter und Egbert Steiner in einem spannenden Text dargelegt, dass Psychotherapie, Medizin, Pädagogik oder Sozialarbeit keine Wissenschaften sind, sondern Professionen, in deren Umwelt Wissenschaft vorkommt. Während Professionen dem Leitcode handeln/nicht handeln unterliegen, geht es in den Wissenschaften immer um die Unterscheidung wahr/unwahr (im Sinne einer fortlaufenden Begründungs- und Überprüfungspflicht von Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnissen).
Es handelt sich um unterschiedliche gesellschaftliche Funktionssysteme, die ihren eigenen Logiken folgen und unterschiedliche Wissensbestände generieren und pflegen. Die Pointe dieser Konzeption liegt darin, dass sie die Autonomie beider Systeme wechselseitig schützt. Die Profession bleibt gegenüber der Wissenschaft autonom, weil ihre Handlungslogik, dass Expertenwissen nur selten wissenschaftlichen Maßstäben unterworfen ist, nicht aufgehoben wird. Gleichzeitig bleibt die Wissenschaft gegenüber der Profession autonom, weil sie sich nicht auf die Funktion reduzieren lässt, unmittelbar anwendbares Handlungswissen für die Praxis zu liefern.
Betrachtet man die aktuellen systemischen Diskurse, kann man feststellen, dass sowohl die Professionen bzw. das professionelle Handeln systemischer Therapie und Beratung als auch die von ihnen herangezogenen Bezugswissenschaften zunehmend unter den Druck eines ideologischen Aktivismus geraten. Offenbar ein Trend der Zeit, der nicht nur im systemischen Feld zu beobachten ist.
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