Danielle Arn-Stieger und Sabine Klar sind Lehrtherapeutinnen der Österreichische Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien (ÖAS). In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift systeme, die dem 40jährigen Jubiläum der ÖAS gewidmet ist, reflektieren sie die aktuelle Entwicklung der systemischen Ausbildung in Österreich. Anlass ist das neue österreichische Psychotherapiegesetz, das die Ausbildungsstruktur grundlegend neu regelt: Auf ein Masterstudium mit vorrangig akademischem Wissen folgt ein postgradualer Abschnitt an einer Fachgesellschaft, in dem eine bestimmte Methode praktisch eingeübt wird, bevor eine übergreifende Approbationsprüfung absolviert werden muss. Diese Zweistufigkeit bildet den strukturellen Hintergrund, vor dem die Autorinnen für den Erhalt der klassischen systemischen Haltung – Prozessoffenheit, Kontextsensibilität, das bewusste „Noch-nicht-genug-Wissen“ – gegenüber wachsendem Diagnostik- und Standardisierungsdruck plädieren. Ihr Beitrag beleuchtet Spannungen zwischen therapeutischer Haltung und Technik, zwischen Offenheit und Standardisierung, und diskutiert deren Folgen für die systemische Ausbildung in Österreich. Auch wenn die gesetzlichen Regelungen in Deutschland und Österreich unterschiedlich sind, sind die hier angeschnittenen Themen gleichermaßen relevant.
systemagazin veröffentlicht diesen Text mit freundlicher Genehmigung der systeme.
Danielle Arn-Stieger, Sabine Klar, Wien: Die Klient:innen sind wichtiger als das Wichtige, das wir über sie gelernt haben. Überlegungen zur Entwicklung der systemischen Fachausbildung
Zusammenfassung
Der Artikel beschreibt das Selbstverständnis systemischer Psychotherapie und der zugehörigen fachlichen Ausbildung in der Fachgesellschaft für systemische Therapie – ÖAS (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien). Ausgehend von der Tradition einer konsequenten Klient:innen- und Prozessorientierung werden aktuelle Verschiebungen diskutiert, die sich unter dem Einfluss institutioneller Anforderungen, akademischer und ökonomischer Logiken und gesetzlicher Rahmenbedingungen zeigen. Thematisiert werden Spannungen zwischen Haltung und Technik, Offenheit und Standardisierung sowie zwischen dem systemischen „Noch-nicht-genug-Wissen“ und dem wachsenden Druck zur Begründung und Absicherung therapeutischen Handelns. Die Autorinnen beleuchten aktuelle Entwicklungen wie den zunehmenden Stellenwert von Diagnostik, störungsspezifischen Zugängen sowie emotions- und körperorientierten Erweiterungen des therapeutischen Tuns und reflektieren deren Bedeutung für Ausbildung und Identität systemischer Therapie. Abschließend plädieren sie trotz der Notwendigkeit der Integration neuer Entwicklungen für eine klare Orientierung am aus systemischer Sicht Wesentlichen: Beziehung, Kontextsensibilität, reflexive Verantwortung und die Bereitschaft, therapeutische Prozesse gemeinsam mit Klient:innen offen und nicht linear zu gestalten.
Zur Tradition des systemischen Therapieverständnisses in der ÖAS
Die ÖAS – aktuell die größte Fachgesellschaft für Systemische Therapie in Österreich – vertritt seit vielen Jahren mehrheitlich folgendes Therapieverständnis, das sich primär an den Interessen und Besonderheiten der Klient:innen (1) orientiert. Systemiker:innen lassen sich weniger von Techniken und Wissensbeständen leiten als von der Bereitschaft zuzuhören, Entwicklungen und Dynamiken geduldig zu begleiten und dabei einen warmherzigen Zugang zu den Klient:innen zu bewahren. Systemische Therapie kann Klient:innen unterstützen, ein freundlicheres Verhältnis zu sich selbst zu entwickeln, andere Menschen in ihrer Umgebung „besser leben zu lassen“, sich in belastenden Lebenslagen aufzurichten und neue Gestaltungsmöglichkeiten zu entdecken. Die Autor:innen und viele ihrer lehrenden Kolleg:innen in der ÖAS verfolgen das Ziel, dass Therapeut:innen in der Ausbildung diese Haltungen erlernen bzw. verfestigen.
Unserer Therapierichtung steht zwar ein reicher Schatz an Ideen und Methoden zur Verfügung – neben den systemischen Grundhaltungen bietet sie aber kaum allgemeingültige Vorgehensweisen und verzichtet im europäischen Raum weitgehend auf Therapiemanuale. Sie bezieht Umgebungsbedingungen als wesentlichen Kontext ein und konzentriert sich nicht nur auf den Veränderungswillen der einzelnen Personen, sondern auch auf ihre störenden Lebensumstände – ausgehend vom unmittelbaren Umfeld bis zur gesellschaftlichen Ebene. Diagnostische Beschreibungen und darauf bezogene Behandlungsideen haben in der systemischen Therapie einen prozesshaften und vorläufigen Charakter. Die Objektivierung diagnostischer Merkmale und die Idee einer raschen Behebung individueller Störungen mittels diverser Behandlungstechniken im Sinne einer „Reparatur von Störungen“ wird als problematisch gesehen.
Systemiker:innen beobachten sich selbst dabei, wen bzw. was sie durch ihr therapeutisches Handeln unterstützen und was dadurch eventuell auch verhindert wird. Im Bewusstsein der eigenen Begrenztheit stellen sie Vorannahmen hintan, die im aktuellen Therapieprozess nicht hilfreich sind. Trotz umfassender Ausbildung und langjähriger therapeutischer Erfahrung haben sie eine Haltung entwickelt, ausgehend von der sie – bezogen auf die konkreten Menschen, mit denen sie aktuell arbeiten – immer noch nicht genug wissen. Sie (er-)finden gemeinsam mit ihren Klient:innen die für sie sinnvolle Therapie jeweils neu (Klar, Arn-Stieger 2024).
Theoretisch betrachtet ist Systemische Therapie ein von Therapeut:innen und Klient:innen gemeinsam geschaffenes soziales System, in dem durch die kunstvolle Verwendung von Perspektivenvielfalt und Ideen im Dialog eine Neuselektion von Sinn und das Entdecken anderer Handlungsoptionen ermöglicht wird. Der Bezug auf diverse Grundlagentheorien war allerdings nie sehr elaboriert und diente meist nur dazu, einer grundsätzlich lernbereiten Haltung, einem breit angelegten Interessensfokus und einem primär an der Rezeptionsbereitschaft der Klient:innen orientierten Interventionsverständnis einen theoriebezogenen Erlaubnisrahmen zu geben.
Die Ausbildung gilt dieser Tradition gemäß als ein von Vertreter:innen der Ausbildungseinrichtung und Studierenden gemeinsam geschaffenes soziales System, in dem Lehrende zwar Angebote setzen und auch klare Vorstellungen zu Verfügung stellen, was sie als „systemisch“ verstehen, aber bei allen von ihnen präferierten Vorstellungen, wie Systemiker:innen sein sollen, nicht endgültig bestimmen oder vorhersagen können und wollen, was die Studierenden daraus konkret lernen und gewinnen. Lehrtherapeut:innen der ÖAS eröffnen gemäß ihrer persönlichen Interessensschwerpunkte immer wieder andere Blickwinkel auf die systemische Therapie und muten Studierenden damit auch zu, sich mit teilweise widersprüchlichen Perspektiven auseinanderzusetzen und Unterschiede in ihrem Potential zu nutzen. Üblicherweise begegnen Lehrende Studierenden als weiterhin lernende und nicht bloß wissende Menschen. Studierenden wird damit auch zugetraut, im Rahmen der Ausbildung eine ihnen gemäße und stimmige eigene Form systemischer Therapie zu entwickeln. Im Unterschied zu einem Modell der „Prägung“ durch die Curriculumsleitung ergibt sich durch diese Zumutung eine spannende Herausforderung: „Die Vielfalt der vermittelten systemischen Zugänge kann phasenweise zu Verwirrung und zu Widersprüchlichkeiten führen. Sie birgt auch die Gefahr einer zu geringen Vertiefung, weil für eine ausgiebige Schulung in den methodischen Strömungen und die Einübung einzelner Techniken nicht ausreichend Zeit bleibt. Im Blick auf das grundlegende systemische Therapieverständnis bringt allerdings gerade das den Vorteil, dass man durch fehlende Eindeutigkeit offen bleiben muss für den gerade stattfinden Prozess mit den Klient:innen.“ (Klar, Arn-Stieger 2024, S. 19) Statt einer primären Vertiefung einzelner Methoden steht in der systemischen Ausbildung die Entwicklung einer spezifischen therapeutischen Haltung sowie die Entwicklung der Fähigkeit zu reflexiver Sinnkonstruktion, Beziehungs- und Kontextkompetenz, und zum Umgang mit Nicht-Eindeutigkeit und Prozessoffenheit im Vordergrund. (Klar & Arn-Stieger 2024) Eine solche Ausrichtung ist nicht nur im Einklang mit dem Selbstverständnis systemischer Therapie, sondern orientiert sich zugleich an jenen Wirkfaktoren, die empirisch als zentral für den Therapieerfolg belegt sind (Von Sydow, Borst 2018).
Wirksamkeitsstudien der Psychotherapieforschung können aus systemischer Perspektive als empirische Bestätigung eines kontextuellen, beziehungs- und prozessorientierten Psychotherapieverständnisses interpretiert werden: der größte Anteil therapeutischer Wirksamkeit ist nicht auf störungsspezifische Techniken zurückzuführen, sondern auf Wirkfaktoren wie die Qualität der therapeutischen Beziehung, ein für Klient:innen plausibles und sinnstiftendes Erklärungsmodell sowie kulturell eingebettete und glaubwürdige therapeutische Rituale (Wampold & Imel 2015; Wampold 2017). Diese Befunde stimmen in hohem Maße mit dem Selbstverständnis systemischer Therapie überein, das Veränderung primär als relationalen, kontextabhängigen und ko-konstruierten Prozess versteht und therapeutisches Handeln weniger an manualisierten Interventionen als an Prozess-Sensibilität, Passung und Beziehungsgestaltung orientiert. Vor diesem skizzierten Hintergrund zeigen sich aktuelle Entwicklungen, die diese Tradition zugleich herausfordern als auch weiterentwickeln.
Zu aktuellen Entwicklungen des systemischen Therapieverständnisses in der ÖAS
Aktuell können sowohl im Verständnis systemischer Therapie als auch im Ausbildungsverständnis Veränderungen beobachtet werden.
Zum einen ist der Umgang systemischer Therapeut:innen mit dem Themenfeld der Diagnostik in Bewegung geraten (Von Sydow & Borst 2018). Zunehmend verbreitet sich das klassisch psychiatrische Verständnis von Diagnostik, die im Zusammenhang mit Ansuchen um Refundierung der Psychotherapie von den Krankenkassen verlangt wird. Die weitaus komplexeren Beziehungsdiagnostiken, welche die Therapeut:innen in ihrer Beobachter:innenrolle mitreflektieren, rücken demgegenüber in den Hintergrund. Stattdessen gibt es vermehrt Publikationen zu bestimmten Störungsbildern, in denen Hypothesen und Herangehensweisen zum systemischen Umgang mit solchen Phänomenen vermittelt werden. Seminarangebote zu störungsspezifischen Inhalten finden auch in der Ausbildung regen Zulauf. Czollek und Messner (2025) haben in ihrem Artikel versucht, aufzuzeigen, wie systemische Fallkonzeption auch in den normierten Berichten für die (deutsche) Krankenkasse möglich sein kann, um trotz „Diagnoseverpflichtung“ die systemische Haltung nicht zu verlieren.
Darüber hinaus zeichnet sich ab, dass emotions- und körperorientierte Zugänge in der systemischen Ausbildung künftig stärker berücksichtigt werden müssen. Impulse hierfür ergeben sich unter anderem aus Befunden der neurobiologischen Emotions- und Stressforschung, aus der Forschung zur Behandlung von Traumafolgestörungen sowie aus Wirksamkeitsstudien, welche die Bedeutung impliziter, affektiver und beziehungsregulativer Prozesse hervorheben (Wampold & Imel 2015; Zanotta 2023). Insbesondere im hypnosystemischen Ansatz (z.B. Schmidt 2015) sowie in neueren Entwicklungen narrativer Therapie (z.B.: Lee 2023; Beaudoin, Zimmermann 2011; Beaudoin, Maclennan 2021) finden sich konzeptionelle Erweiterungen, in denen Körper und Emotion nicht als Gegensatz zu systemischer Reflexivität verstanden werden, sondern als integrale Bestandteile zirkulärer Prozesse von Wahrnehmung, Bedeutung und Beziehung. Verkörperte Emotionen, affektive Resonanz und körperliche Selbst- und Ko-Regulation können dabei systemisch eingebunden werden und ergänzen den ursprünglich stark kognitiv-sprachlich und reflexiv ausgerichteten systemischen Zugang um eine prozess- und erlebnisorientierte Dimension (Tschacher, Storch 2014; Wagner, Russinger 2016). Für die systemische Ausbildung impliziert dies eine verstärkte Betonung von Wahrnehmungs-, Beziehungs- und Prozesskompetenzen, die es angehenden systemischen Therapeut:innen ermöglichen, auch körperlich-emotional vermittelte Dynamiken im therapeutischen System zu erkennen, zu reflektieren und verantwortungsvoll in den Veränderungsprozess einzubeziehen.
Von Psychotherapeut:innen wird in institutionellen Kontexten, im multiprofessionellen Setting und auch von Seiten der Klient:innen immer häufiger verlangt, das eigene therapeutische Vorgehen professionell zu begründen. In diesem Zusammenhang wird gefordert, dass „geeignete Interventionen zum richtigen Zeitpunkt“ gesetzt werden (Klar, Arn-Stieger 2024, S. 21).Manche Studierende befürchten schlecht zu arbeiten, wenn sie sich primär an den Eigenheiten und Bedürfnissen ihrer Klient:innen orientieren und sich mit der erworbenen systemischen Haltung auf einen ergebnisoffenen therapeutischen Prozess einlassen. Sie werden nervös, wenn nicht bereits in den ersten Einheiten klare Therapieziele zu formulieren sind bzw. in der Therapie angeblich „nichts weitergeht“ und fragen die Klient:innen bzw. sich selbst, ob die Therapie sich „lohne“ (Klar, Arn-Stieger 2024, S. 20). Von der Ausbildung erhoffen sich viele Studierende eine Fülle an Behandlungstechniken – einen „Werkzeugkoffer“, der ihnen die Sicherheit geben soll, nichts falsch zu machen.Manche Studierende, die in klinischen Settings oder in Kontexten arbeiten, in denen im Rahmen weniger Stunden Symptommilderung erreicht werden soll, erleben die Kompetenz der systemischen Gesprächsführung, die sie in der Ausbildung erlernen, als nicht ausreichend. Sie wünschen sich eine Ergänzung durch teilweise methodenfremde (z.B. körperorientierte) Techniken. Andere Studierende fordern spezifische systemische Werkzeuge für die Behandlung diverser Zielgruppen oder Störungsbilder.
Während die ÖAS vor allem in ihrem zweiten Studienabschnitt zunehmend auch auf störungsspezifische Zugänge eingeht, ist es unrealistisch, diesen Bedürfnissen vollumfassend zu entsprechen. Die Ausbildungsstunden sind im Interesse eines von den Studierenden finanzierbaren Kostenrahmens durchaus begrenzt. Je mehr Zeit für die Vermittlung störungsspezifischer Inhalte und für das Einüben diverser Techniken verwendet wird, desto weniger Raum bleibt für das offene Experimentieren mit Gesprächssituationen und für die Reflexion der eigenen Entwicklung. Problem ist dabei unter anderem die Fülle des angeblich Relevanten, das sich als (be-)merkenswert in den Vordergrund rückt – gleichzeitig aber daran hindert, sich nach dem zu erkundigen, was im Sinn des Wesentlichen eventuell wichtiger sein könnte.
Wir verstehen „das Wesentliche“ zusammengefasst wie folgt: Systemische Therapie versteht psychische Probleme als kontextuell eingebettete und zirkulär organisierte Phänomene, geht (im therapeutischen Kontext) von einer konstruktivistischen Auffassung von Wirklichkeit aus, richtet den Blick auf vorhandene Ressourcen und Entwicklungspotenziale und begreift Veränderung als selbstorganisierten, prozesshaften Vorgang, der therapeutisch angeregt, jedoch nicht linear gesteuert werden kann.
Studierende, die sich mit diesen Kern-Prinzipien identifizieren, fühlen sich entlastet und erleichtert, wenn man davon abrät, ihre Sicherheit aus diversen Handlungsanleitungen und vollen Werkzeugkoffern zu gewinnen und der Sammlung an Techniken allzu große Bedeutung beizumessen. Sie freuen sich über die Gestaltungsfreiräume, die sich ihnen öffnen, wenn sie sich in ihrem therapeutischen Tun primär an dieses Wesentliche fokussieren dürfen, und Methoden und Techniken als „Würze“ und weniger als Grundzutat ihres therapeutischen Tuns verstehen.
Zu möglichen Auswirkungen des neuen Psychotherapiegesetzes auf die Ausbildung
Trotz aller Bemühungen der Fachgesellschaften, Studierenden auch in der zukünftigen Ausbildung eine methodenspezifische und an den jeweiligen Klient:innen orientierte Psychotherapie zu vermitteln, ist ihr Gestaltungsspielraum durch das neue Psychotherapiegesetz (PThG 2024, BGBl. I Nr. 49/2024) eingeschränkt worden. Durch manche der für die Ausbildung geforderten Inhalte könnte ein aus systemischer Sicht falsches Psychotherapieverständnis bestärkt werden – nämlich eine standardisierte Behandlung klinischer Störungsbilder auf der Basis von primär theoretischem Vorwissen. Neben der durch die Interventionen von Ärztekammer und Krankenkassen fokussierten Idee, dass die geforderten 1000 h Praxis im postgraduellen Ausbildung nach dem Master vorrangig in Einrichtungen mit klinischem Charakter absolviert werden sollten, wodurch die Vielfalt der Praxiserfahrung in der Arbeit im niedergelassenen Bereich stark reduziert würde, liegt das Problem vor allem in den Inhalten und der Form der geplanten Approbationsprüfung.
Unter den Voraussetzungen des neuen Psychotherapiegesetzes kommen Absolvent:innen mit umfassendem, allerdings vorrangig akademischem Wissen nach bestandener Masterprüfung und einem entsprechenden Eignungsverfahren in den postgraduellen Abschnitt. In diesem geht es dann dezidiert um das Einüben einer bestimmten psychotherapeutischen Methode. In systemischen Fachgesellschaften werden Studierende in der Folge auch damit konfrontiert sein, sich von gelernten Inhalten fall- und prozessbezogen wieder verabschieden zu müssen, um für ein Lernen mit und von den beteiligten Klient:innen offen zu sein. Aus systemischer Perspektive ist es bei der Entwicklung einer geeigneten Haltung vor allem wichtig, sich nicht mit den gelernten Wissensinhalten zu identifizieren, sondern sich im Interesse der Klient:innen bzw. der Klient:innensysteme immer wieder davon distanzieren zu können, um gemeinsam mit ihnen das spezifische Problemverständnis und die Lösungswege zu suchen, die zu deren Interessen, Eigenheiten und Voraussetzungen passen.
Im Rahmen der abschließenden Approbationsprüfung soll laut Wissensstand der Autor:innen in der neuen Psychotherapieausbildung eine umfangreiche Liste von Themen überprüft und auch Fragen zum Vergleich zwischen den Therapieschulen gestellt werden. Die Studierenden, die sich in der dritten Phase der Ausbildung primär mit der Entwicklung einer an der gewählten Methode orientierten therapeutischen Identität und Haltung beschäftigen, werden über diesen umfassenden Prüfungsfragenkatalog mit allgemeinen Aspekten der Psychotherapie befasst, die eigentlich bereits Teil des Masterstudiums und der Masterprüfung waren. Die Idee eines für alle Therapiesituationen und Klient:innen relevanten, objektiven und abprüfbaren Wissens ist beim nötigen Einüben der am Konstruktivismus und sozialen Konstruktionismus orientierten systemischen Haltung des „Noch-nicht-genug-Wissens“ möglicherweise kontraproduktiv. Wenn die Studierenden am Ende ihrer postgraduellen Ausbildung wieder mit einem Konzept geprüft werden, das solche (nicht der systemischen Methode entsprechenden) Ideen voraussetzt, könnte sich das nachteilig für den gesamten Lernprozess im postgraduellen Teil auswirken und langfristig der Identität der systemischen Schule schaden.
Aus systemischer Sicht wäre es daher sinnvoll, eine klare Trennung zwischen der theoretischen Approbationsprüfung und dem praktischen Abschluss an der Fachgesellschaft zu vollziehen. Im metaphorischen Sinne bietet sich der Vergleich mit der Führerscheinprüfung an: Die Approbationsprüfung ähnelt einer theoretischen Prüfung, die aus Fachbüchern erworbenes Wissen abfragt, aber wenig über das tatsächliche Fahren im Straßenverkehr aussagt. Für den Abschluss an der Fachgesellschaft sollte hingegen das fallspezifische Tun im Vordergrund stehen – eine Art „praktische Fahrprüfung“ im systemischen Fahrstil: Wie sicher „fahren“ die angehenden Therapeut:innen? Können sie unterschiedliche „Straßenverhältnisse“ (settings) bewältigen, Risiken einschätzen und ein stimmiges Tempo wählen? Und vor allem: gelingt es ihnen, den Klient:innen die Kontrolle über das „Steuer“ zu überlassen und dennoch vom „Beifahrersitz“ aus Verantwortung für einen sicheren Prozess zu übernehmen – eine aus systemischer Sicht zentrale Fähigkeit?
Für die Vermittlung dieser Qualifikationen sehen wir uns als Fachgesellschaft verantwortlich. Der Nachweis solcher konkreten systemischen Kompetenzen sollte für unsere Studierenden mindestens ebenso wichtig werden wie die theoretische Approbationsprüfung.
Unsere Perspektiven
Systemische Therapeut:innen bewegen sich in einem Spannungsfeld aus Professionalisierung, Akademisierung, institutionellen Anforderungen und Klient:inneninteressen – sie passen ihre Arbeitsweisen zunehmend auch an bestehende Auftrags- und Versorgungsstrukturen an. Diese Anpassungen bleiben nicht folgenlos für die therapeutische Praxis. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwiefern systemische Therapie ihre kontextorientierte, kreative und an persönlicher Entwicklung interessierte Ausrichtung bewahren und gemeinsam mit Klient:innen weiterhin Prozesse anstoßen kann, die über die Bearbeitung individueller Problemlagen hinausreichen und „auch Umgebungsbedingungen ändern und bevorzugte Lebensbewegungen fördern können“ (Klar, Arn-Stieger 2024, S.21). Während sich die Familientherapie der 40er und 50er-Jahre in kritischer Abgrenzung zur Psychiatrie befand und die Idee hatte, dass sich primär die Umwelt und nicht das Individuum ändern müsse, gewinnen zunehmend therapeutische Technologien des Selbst mit dem ökonomischen Paradigma der Leistungssteigerung und der ständigen Verbesserung Einfluss. (Elberfeld 2012, S. 169ff). Der Fokus auf klassisch psychiatrische Störungsbilder könnte dazu führen, dass sich Therapie primär auf die Behebung individueller Störungen konzentriert, die als objektiv vorhanden und nicht im systemischen Sinn als Beobachtungen in einem interaktionellen Kontext verstanden werden.
Aus unserer Sicht sollte die Spezialisierung auf bestimmte Symptomlagen, Settings und Störungsbilder auch in Zukunft nicht in die Basis-Ausbildung integriert werden – Studierende würden damit (angesichts der begrenzten Ausbildungsstunden) bloß auf eine eher oberflächliche Weise diverse Behandlungstechniken kennenlernen, ohne diese ausreichend einüben zu können. Die Reflexion des Einflusses gesellschaftlicher Rahmungen und Diskurse und das vertiefte sich Einlassen als Person „mit Haut und Haar“ auf teilweise schmerzliche Erfahrungsprozesse bliebe dabei womöglich ganz auf der Strecke. „Die Idee, endgültig wissen zu können bzw. zu müssen „wo es langgeht“, stellt aus systemischer Sicht (…) ein Hindernis für den therapeutischen Prozess dar, der aus einem immer von neuem beginnenden Versuchs-Irrtums-Lernen besteht und nicht aus einer gezielten Suche nach vorgegebenen („markierten“) Wegen. Die Kunst systemischer Therapeut:innen besteht unter anderem darin, sich mit all ihren vielfältigen Angeboten in einem Spannungsfeld aus „noch-nicht-genug-Wissen“ und „das Wesentliche fokussieren“ zu bewegen.“ (Klar, Arn-Stieger 2024, S.21) Für die Erfahrung des Praktizierens als systemische Psychotherapeut:in auf einer Ebene der Begegnung, des sich Einlassens, des Wahrnehmens und Mitdenkens von Kontext, des Arbeitens in unterschiedlichen Settings, des Aushaltens von Vielfalt und für die Haltung der Ergebnisoffenheit, des Zuhörens mit allen Sinnen usw. braucht es ausreichend Zeit. Diese Ausbildungsziele müssen daher wesentlicher Teil der fachspezifischen Grundausbildung bleiben.
Demgegenüber sind Fort- und Weiterbildungen, die problemorientierte, lösungsfokussierte, hypnosystemische, narrative oder kollaborative Ansätze vertiefen oder in ihrem methodischen Zugang stärker auf körperorientierte Verfahren achten, durchaus zu empfehlen. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, komplex traumatisierten, sehr alten oder in unterschiedlicher Weise in ihren Möglichkeiten „eingeschränkten“ Menschen benötigt im Anschluss an die Basis-Ausbildung vermutlich noch eine weitere vertiefte Auseinandersetzung.
Für die zukünftige Entwicklung systemischer Psychotherapie erscheint es uns zentral, dass sie sich (möglicherweise entgegen den Erwartungen von Kostenträgern und anderen Steuerungsinstanzen) nicht vorrangig an einer möglichst raschen Symptombehebung orientiert, sondern die einzelnen Menschen in ihrer biografischen, relationalen und lebensweltlichen Komplexität im Blick behält. Systemische Therapeut:innen sind in diesem Sinne nicht primär Expert:innen für die „Beseitigung“ von Störungsbildern, sondern für die reflexive Unterscheidung, wann ein störungsspezifischer Fokus und der gezielte Einsatz therapeutischer Interventionen zur Symptombehebung sinnvoll und angezeigt sind – und wann es notwendig ist, prozesshaften Entwicklungen, ambivalenten Themen oder nicht eindeutig problemlogischen Anliegen Raum zu geben. (Klar, Arn-Stieger 2024, S. 22)
Diese Unterscheidungskompetenz impliziert zugleich eine kritische Aufmerksamkeit gegenüber neoliberalen Einflusslogiken auf die Psychotherapie (etwa in Form von Machbarkeits-, Effizienz- und ökonomischen Diskursen), die therapeutisches Handeln auf Reparatur- und Optimierungsaufträge zu verkürzen drohen. Systemische Professionalität zeigt sich hier nicht zuletzt in der Fähigkeit, solche Diskursanforderungen im Interesse der Klient:innen zu reflektieren und sich ihnen situativ auch zu entziehen (vgl. Klar & Trinkl, 2018; Grubner 2017; Keupp 2018).
Im Rahmen der Ausbildung der Zukunft könnten je nach Perspektive widersprüchliche Ausbildungsziele als gleichermaßen wichtig betrachtet werden:
• fundiertes störungsspezifisches Wissen und entsprechende Techniken zur Beseitigung von Symptomen zu erwerben,
• Kompetenzen in den einzelnen methodischen Strömungen zu vermitteln und diese einzuüben,
• und gleichzeitig den Fokus auf Technik bzw. spezifische Methodik bewusst zurückzunehmen, um Offenheit für prozessuale Dynamiken zu fördern und alternative therapeutische Handlungsspielräume zu erschließen.
Aus unserer Sicht ist es hier zu wenig, das systemisch durchaus häufig präferierte und angeblich wohlwollend-wertschätzende „sowohl als auch“ zu strapazieren, um Konflikten und Auseinandersetzungen zu entgehen. Angesichts der durch den Kostenfaktor begrenzten Zeit für die eigentliche systemische Ausbildung im postgradualen Teil, braucht es eine klare Entscheidung für das aus systemischer Sicht unerlässlich Wesentliche, das uns in unserer Identität ausmacht. Wir haben es 2024 so formuliert: „Die Fülle an Techniken und Zugängen, die in den letzten Jahren an unterschiedlichen Standorten entwickelt wurden, ermöglicht als „Spielbein“ Flexibilität und Kreativität. Mit ihrer Hilfe bringen sich Systemiker:innen aktiv gestaltend in die therapeutische Beziehung ein. „Standbein“ muss (…) aber die offene Haltung bleiben, die sich im Klient:inneninteresse nicht mit solchen Vorgehensweisen identifiziert und darauf fixiert.“ (Klar, Arn-Stieger 2024, S. 22)
Systemische Therapie lebt von dieser Haltung Menschen gegenüber und ihrem zu ständiger Reflexion bereiten Interesse – sie erschließt sich nicht aus Rezepten und vollen Werkzeugkoffern. In einer Umgebung, die sich an Machbarkeit, Effizienz und Ökonomie orientiert, stellt die Fülle an Wissensinhalten und Kenntnissen unter Umständen eine Gefahr für die systemische Psychotherapie dar. Wenn wir uns damit allzu sehr identifizieren, halten wir uns in unserer ideengenerierenden und problemlösenden Rolle den Klient:innen gegenüber für zu wichtig. Es wäre aus unserer Sicht schade, wenn wir dem, was wir als angeblich Wichtiges gelernt haben, mehr vertrauen als den Klient:innen und ihren ganz eigenen und manchmal vielleicht auch eigentümlichen Lernbewegungen.
Anmerkungen:
(1) Auch wenn im aktuellen österreichischen Psychotherapiegesetzes (PThG 2024, BGBl. I Nr. 49/2024) ausschließlich von Patient:innen die Rede ist, sehen systemische Psychotherapeut:innen in der Verwendung der Bezeichnung Klient:innen einen Unterschied, der einen Unterschied macht.
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Bundesgesetz über die Ausübung der Psychotherapie (Psychotherapiegesetz 2024 – PThG 2024) BGBl. I Nr. 49/2024
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Autorinnen:
Sabine Klar sabine.klar@chello.at
Danielle Arn-Stieger: danielle.arn-stieger@oeas.at