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Wenn Gleichheit zum Dogma wird. Das Problem der Agendawissenschaften

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1996 haben Ludwig Reiter und Egbert Steiner in einem spannenden Text dargelegt, dass Psychotherapie, Medizin, Pädagogik oder Sozialarbeit keine Wissenschaften sind, sondern Professionen, in deren Umwelt Wissenschaft vorkommt. Während Professionen dem Leitcode handeln/nicht handeln unterliegen, geht es in den Wissenschaften immer um die Unterscheidung wahr/unwahr (im Sinne einer fortlaufenden Begründungs- und Überprüfungspflicht von Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnissen).

Es handelt sich um unterschiedliche gesellschaftliche Funktionssysteme, die ihren eigenen Logiken folgen und unterschiedliche Wissensbestände generieren und pflegen. Die Pointe dieser Konzeption liegt darin, dass sie die Autonomie beider Systeme wechselseitig schützt. Die Profession bleibt gegenüber der Wissenschaft autonom, weil ihre Handlungslogik, dass Expertenwissen nur selten wissenschaftlichen Maßstäben unterworfen ist, nicht aufgehoben wird. Gleichzeitig bleibt die Wissenschaft gegenüber der Profession autonom, weil sie sich nicht auf die Funktion reduzieren lässt, unmittelbar anwendbares Handlungswissen für die Praxis zu liefern.

Betrachtet man die aktuellen systemischen Diskurse, kann man feststellen, dass sowohl die Professionen bzw. das professionelle Handeln systemischer Therapie und Beratung als auch die von ihnen herangezogenen Bezugswissenschaften zunehmend unter den Druck eines ideologischen Aktivismus geraten. Offenbar ein Trend der Zeit, der nicht nur im systemischen Feld zu beobachten ist.

Am 25.7.2026 erschien in Zeit-Online (leider hinter der Bezahlschranke) ein bemerkenswerter Essay von Armin Nassehi und Irmhild Saake, Professor und akademische Rätin am Institut für Soziologie der LMU in München. Darin stellen sie die Frage, ob „die Soziologie zu links“ sei. Ich weise auf diesen Text an dieser Stelle deshalb hin, weil er sich umstandslos auch auf den aktuellen Stand der systemischen Diskurse übertragen lässt.

Ausgangspunkt ihres Artikels ist eine Studie des Oxford-Doktoranden James Manzi, der mit Hilfe eines Large Language Models rund 600.000 sozialwissenschaftliche Abstracts aus den Jahren 1960 bis 2024 auf ihre politische Verortung hin untersucht hat. Wer sich für die methodischen Aspekte im Detail (und ihre Stärken und Schwächen) interessiert, kann das hier tun, der Artikel ist als Open Access frei verfügbar.

Das Ergebnis ist jedenfalls aufschlussreich: von den knapp 180.000 Abstracts aus 11 sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die sich explizit auf politische oder soziale Diskurse beziehen lassen, werden etwa 90 Prozent links der Mitte verortet, mit einer deutlichen Verstärkung dieser Verteilung in den letzten drei Jahrzehnten. Neben Gender Studies gehören zu den am weitesten dem linken Spektrum zugeordneten (und eher nicht unmittelbar auf das politische Handlungssystem bezogenen) Fächern die Soziologie, Anthropologie, Cultural & Communication Studies, Critical Whiteness usw., die insgesamt deutlich stärker links tendieren als die (eher als politiknah eingeordneten) Disziplinen wie Ökonomie, Politikwissenschaft, Public Administration, Kriminologie und Public Health. Ein aufschlussreicher Zusatzbefund zeigt auf, dass je linker eine Disziplin im Durchschnitt positioniert ist, desto homogener auch die einzelnen Abstracts innerhalb dieser Disziplin gefärbt sind – ein Muster, das mit der These einer sich selbst verstärkenden ideologischen Engführung durch Rekrutierungseffekte konsistent ist.

Nassehi und Saake nehmen den Befund als Anlass, bezogen auf ihre eigene Disziplin über die Struktur soziologischer Fragestellungen nachzudenken – und ich möchte diesen Gedanken hier aufnehmen, weil er auch für das systemische Feld fruchtbar gemacht werden kann, das über die Soziologie hinaus sich auch gerne aus den anderen genannten Fächern als Legitimationswissenschaften bedient.

Die soziologische Klassik, so erinnern Nassehi und Saake, hat die Frage untersucht, wie eine moderne Gesellschaft aus unterschiedlichen, oft unvereinbaren historischen, sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen, kulturellen und politischen Verhältnissen entsteht. Entscheidend war dabei die Frage, wie sich eine spezifische gesellschaftliche Ordnung herausbildet – nicht, ob diese Ordnung gerecht ist. Ein großer Teil der gegenwärtigen Sozialwissenschaften, so ihre These, hat diese Fragestellung durch eine Forderung nach einer Ordnung ersetzt, die dem modernen Versprechen der Gleichheit aller Menschen gerecht werden soll.

Das wäre, für sich genommen, ein normatives Programm, das – abgesehen von moralisch berechtigten Motiven – einen erheblichen wissenschaftlichen Legitimationsbedarf mit sich bringt. Problematisch wird es dort, wo die Disziplin blind wird für die Voraussetzungen ihrer eigenen Fragen. Nassehi und Saake formulieren das so: „Die Bedeutung von Gleichheit und ihrer Negation wird schlicht vorausgesetzt. Sie erscheint noch nicht einmal mehr als gewollte normative Voraussetzung, zu der man sich bekennen müsste, es aber auch sein lassen könnte. Die Soziologie kennt keinen Ort, an dem sich darüber reden ließe.“ Der „soziologische Reflex“ funktioniere so, „dass er schon immer weiß, dass Ungleichheit schlecht und ungerecht ist“ – sie werde kurz sichtbar, als bedrohlich erlebt, und im nächsten Moment durch den Verweis auf die Notwendigkeit von Gleichheit wieder beseitigt.

Wer mit systemischem Denken vertraut ist, wird an dieser Stelle hellhörig. Denn was hier beschrieben wird, ist nichts anderes als der Verlust der Beobachtungsdistanz gegenüber der eigenen Beobachtungskategorie. Ungleichheit wird nicht mehr beschrieben, sie wird als zu lösendes Problem erkannt – und mit der Erkennung ist die Bewertung schon mitgeliefert. Das ist genau jene Verwechslung von Beschreibung und Bewertung, vor der systemisches Denken seit Jahrzehnten warnt.

Ihre These illustrieren Nassehi und Saake an einem Klassiker der feministischen Sozialwissenschaft, dem Text der Historikerin Karin Hausen von 1976 über die Entstehung polarisierter „Geschlechtscharaktere“ im 18. und 19. Jahrhundert. Männern wurde Rationalität und der Bezug auf eine kompetitive äußere Welt zugeschrieben, Frauen Empfindsamkeit, Häuslichkeit und Kindererziehung. Hausen hat diese Konstruktion kritisch als Stabilisierung von Ungleichheit gelesen – hat aber zugleich auch betont, wie perfekt diese Rollenzuschreibungen zu der gleichzeitig entstehenden historischen Trennung von Berufswelt und häuslicher Sphäre gepasst haben.

Nassehi und Saake nennen das ein „Scharnier“: eine Konstruktion, die zwei parallel entstehende gesellschaftliche Bereiche funktional koppelt. Die eigentliche wissenschaftliche Leistung bestünde darin, dieses Scharnier zu untersuchen – seine Funktion, seine Voraussetzungen und seine Folgen –, ohne dabei sofort in Zustimmung oder Ablehnung zu kippen. Genau das, so ihre Beobachtung aus der eigenen Lehrpraxis, falle Studierenden unglaublich schwer. Sobald Ungleichheit sichtbar wird, wird über Macht, Herrschaft und Patriarchat gesprochen, die Kritik am Patriarchat laufe in den Seminaren immer still im Hintergrund mit: „So hat man es ihnen beigebracht, so steht es in der Forschungsliteratur, geradezu habituell und in kritischer Pose“.

Diese Dynamik dürfte auch in systemischen Kontexten nur zu bekannt sein. Wenn in einer Fallbesprechung, einer Supervision oder einem Fachartikel eine geschlechtsspezifische, kulturelle oder soziale Asymmetrie benannt wird, ist die Versuchung groß, sie unmittelbar in ein Vokabular von Unterdrückung und Befreiung zu übersetzen – bevor überhaupt geklärt ist, welche Funktion diese Asymmetrie im konkreten System erfüllt, welches Problem sie löst, welche Stabilität sie herstellt. Damit soll nicht der Verteidigung von Ungleichheit das Wort geredet werden. Allerdings sollte man Phänomene erst einmal verstehen, bevor man sie bekämpft – und Verstehen und Billigen sind zwei fundamental verschiedene Operationen. Die aktuellen Diskurse in unserem Feld würden erheblich gewinnen, wenn diese Unterscheidung nicht immer aus den Augen verloren ginge.

Nassehi und Saake schlagen deshalb vor, statt von Gleichheit und Ungleichheit von Symmetrieerwartungen und Asymmetrien zu sprechen, um den normativen Bias aus der Beobachtungssprache herauszuhalten. Asymmetrien, so ihr Argument, haben in Organisationen eine unvermeidliche Funktion: Sie ermöglichen Hierarchien und die Zurechenbarkeit von Entscheidungen. Asymmetrien zwischen Professionellen und Laien – Ärzten und Patienten, Therapeuten und Klienten, Wissenschaftlern und Öffentlichkeit – kollidieren strukturell mit modernen Symmetrieerwartungen, ohne deshalb per se dysfunktional zu sein.

Wer als systemischer Praktiker mit Familien, Teams oder Organisationen arbeitet, kennt diese Versuchung: die Asymmetrie zwischen Eltern und Kindern, zwischen Führung und Mitarbeitenden, zwischen Behandlern und Behandelten vorschnell einzuebnen, weil Asymmetrie unbequem ist – statt zu fragen, welche Asymmetrien heute noch funktional sind und welche dysfunktional geworden sind.

Systemische Theorie – und jede ernstzunehmende systemische Praxis – lebt davon, Differenzen nicht vorschnell normativ zu glätten. Unterschiede von Positionen, Rollen, Ressourcen, Perspektiven sind nicht bloß zufällige Ungerechtigkeiten, sondern operative Bedingungen dafür, dass Systeme überhaupt funktionieren: Familien, Organisationen, professionelle Kontexte. Wer Ungleichheiten ausschließlich als Skandale im Lichte eines Gleichheitsideals wahrnimmt, verliert jene Beobachtungsebene, auf der man verstehen kann, warum bestimmte Asymmetrien entstanden sind, welche Probleme sie lösen – und warum sie heute so schwer veränderbar sind.

Momentan haben Themen Hochkonjunktur, die sich einem starken moralischen Reflex verdanken. Geschlechterverhältnisse, Macht in Organisationen, struktureller Rassismus, Klassismus, die Rede vom „weißen Heteropatriarchat“. Diese Perspektiven sind für die gesellschaftliche Selbstverständigung wichtig und notwendig! Problematisch wird es dort, wo die moralische Codierung so dominant wird, dass die Funktionslogik von Differenzen nicht mehr verstanden wird. Machtverhältnisse etwa sind nicht einfach „falsch“, sondern zunächst eine bestimmte Weise, Unsicherheit, Kontingenz und Entscheidungsbedarf in Organisationen zu strukturieren. Wer sie ausschließlich skandalisiert, versteht nicht, warum sie so stabil sind – und wie Interventionen gestaltet sein müssen, um nicht bloß symbolische Alibis zu produzieren.

Nun ließe sich einwenden, das sei am Ende doch nur ein akademischer Disput, der mit der politischen Wirklichkeit wenig zu tun habe. Ein Aufsatz über den „Bumerang der Agendawissenschaft“ des Berliner Philosophen Geert Keil in der FAZ vom 22.7. (leider ebenfalls hinter der Bezahlschranke), zeigt, wie falsch eine solche Beruhigung wäre. Keil rekonstruiert, wie die AfD den Begriff „Agendawissenschaft“ übernommen hat, um ganzen Forschungsrichtungen, vor allem in den Gender-, Migrations- und Klimawissenschaften, die Wissenschaftlichkeit und damit den verfassungsrechtlichen Schutz der Wissenschaftsfreiheit abzusprechen. In einem Antrag der AfD-Bundestagsfraktion heißt es, der Agendawissenschaft gehe es „nicht um Erkenntnisfortschritt […], sondern darum, mittels Indienstnahme von Forschung und Lehre ein ideologiegeleitetes gesellschaftspolitisches Programm voranzubringen“.

Die Pointe dieser Strategie ist, dass sie sich exakt auf jenes Wissenschaftsverständnis beruft, das auch das Bundesverfassungsgericht seinen Entscheidungen zugrunde legt: Wissenschaft als „ernsthafter und planmäßiger Versuch zur Ermittlung von Wahrheit“, als methodische, systematische und nachprüfbare Erkenntnissuche. Und hier liegt das Problem, das Keil als „Bumerang-Gefahr“ bezeichnet. Die in Teilen der Sozial- und Kulturwissenschaften verbreitete Verteidigung – Wertfreiheit sei ein Mythos, jede Forschung sei ohnehin standpunktgebunden, also dürfe man auch offen für eine progressive Agenda forschen – liefert genau das Argument, das ein rechtspopulistischer Wissenschaftsminister spiegelbildlich übernehmen kann: „Wir haben andere Interessen und Werte, und jetzt sind wir am Ruder.“

Keil unterscheidet fünf Argumentationslinien, mit denen versucht wird, eine nicht-neutrale Wissenschaft zu rechtfertigen: 

1. Kritik an Max Webers These und Postulat, es sei nicht möglich Werturteile wissenschaftlich zu begründen. Mit dieser These wandte sich Weber vehement gegen eine Instrumentalisierung von Wissenschaft. 2. Das Orientieren an der Standpunkttheorie: das Gewinnen von Erkenntnis sei stets gesellschaftlich gebahnt und folge der jeweils eingenommenen Perspektive. 3. Das Orientieren am Ansatz des sogenannten Moral Encroachments, also des größeren Gewichts moralischer Positionen: moralische Positionen gelten nicht als Gefährdung einer ergebnisoffen gestalteten Suche nach Erkenntnis, sondern als deren unumgängliche Grundlage. 4. Das Orientieren an einem emanzipatorischen Verständnis von Wissenschaft: Wissenschaft habe der Kritik an herrschenden Machtverhältnissen und hegemonialen Interessen zu dienen. 5. Das Orientieren am Ansatz der emanzipatorischen Methodologie: Ob eine wissenschaftliche Theorie über die soziale Wirklichkeit korrekt sei, ergebe sich aus den emanzipatorischen Zielsetzungen derjenigen politischen Bewegung, als deren akademischer Arm die Theorie zu dienen habe. Diesem letzten Ansatz folgen z.B. auch Katharina Keil und Dirk Rohr, wenn sie Shannon Sullivan zustimmend zitieren, dass es darum ginge, „ob eine Behauptung, wenn man sie in die Tat umsetzt, die gewünschten Veränderungen in der Welt herbeiführt. Wenn sie dies tut, ist sie wahr; wenn nicht, ist sie falsch“ (S. 117).

Die ersten drei Ansätze – mit den nötigen Einschränkungen – sind für Geert Keil mit ergebnisoffener Erkenntnissuche vereinbar. Die letzten beiden sind es nicht mehr, weil sie den wissenschaftlichen Erfolg einer Theorie an die Übereinstimmung mit einem politischen Ziel binden, statt ihn empirisch offenzuhalten.

Ich lese seine Analyse als politische Zuspitzung dessen, was Nassehi und Saake wissenschaftstheoretisch beschreiben und was Manzi empirisch belegt. Reflexhaft auf Gleichheit als Norm zu pochen, ist idealistisch verständlich, gerät jedoch praktisch in Not. Dies deshalb, weil dieser Reflex eine Steilvorlage für diejenigen liefert, die mit eben diesem Reflex bekämpft werden sollen. Wer Differenzen, Asymmetrien und Ungleichheiten reflexhaft moralisch codiert, statt sie zunächst funktional zu untersuchen, macht sich erpressbar – aufgrund der eigenen Unfähigkeit, die moralische Agenda der AFD von einer wissenschaftlichen Position aus zurückzuweisen, die nicht selbst schon eine Gegenagenda ist.

Für das systemische Feld heißt das: 

1. Wenn wir Macht, Geschlecht, Herkunft oder institutionelle Hierarchien in Therapie, Beratung und Organisationsentwicklung thematisieren, sollten wir uns die Zumutung gefallen lassen, die Nassehi und Saake ihren Studierenden zumuten. Nämlich zu fragen, welches Problem eine bestimmte Asymmetrie löst, bevor wir fragen, wie man sie beseitigt. Das schließt Kritik, Engagement und Parteinahme für Betroffene nicht aus, ganz im Gegenteil. Als Professionelle, die sich mit den Belangen von Klienten befassen, die in unterschiedlicher Weise von sozialen ökonomischen und politischen Problemlagen betroffen sind, ist es unsere Aufgabe, auch in die unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionssysteme zu intervenieren. Dieses Engagement ist Teil unseres Mandats. Es muss aber reflexiv sein: Wir sollten uns der eigenen Symmetrieerwartungen, Gleichheitsnormen und moralischen Intuitionen als Einschränkungen unserer professionellen Freiheitsgrade bewusst werden, anstatt sie als selbstverständliche Wahrheiten zu behandeln.

2. Als Forscher (oder als Praktiker, die Forschung rezipieren) brauchen wir eine Form von Zurückhaltung, die methodisch ergebnisoffen ist. Wir dürfen Forschung nicht so konfigurieren, dass bestimmte Ergebnisse – etwa die Bestätigung eines Gleichheitsideals oder einer bestimmten „richtigen“ Agenda – von vornherein als Legitimitätsbedingung gelten. Die Aufgabe der Forschung ist nicht, die moralische Intuition der Profession zu bestätigen, sondern sie vielmehr gerade dort, wo sie wissenschaftliche Geltungsansprüche erhebt, zu prüfen, zu irritieren, zu differenzieren.

3. An genau dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob wir Agendawissenschaft betreiben oder wissenschaftliche Offenheit wahren. Agendawissenschaft verwischt die Grenze zwischen Profession und Wissenschaft, indem sie das Engagement der Profession – für Gleichheit, Emanzipation, Diversität – in den Geltungsmodus wissenschaftlicher Aussagen hineinzieht. Wissenschaftliche Offenheit akzeptiert, dass Professionen engagiert sind, verlangt aber, dass ihre Selbstbeschreibungen im Lichte empirischer Befunde korrigierbar bleiben – auch dann, wenn diese Befunde Gleichheitsreflexe, ideologische Homogenität oder blinde Flecken in der Problemdefinition sichtbar machen, wie Manzis Studie und Nassehi/Saakes Essay es tun.

Wir sollten unser professionelles Engagement also nicht reduzieren, sondern sondern genauer zu unterscheiden, in welchem Kontext welches Engagement gilt. In der Praxis: Partei für die Belange unserer Klientinnen und Klienten im gesellschaftlichen Diskurs zu ergreifen, gehört zu unserem Auftrag. Die Therapie oder Beratung zum Ort für ideologisch-moralische Positionierungen zu machen, nicht. In der wissenschaftlichen Reflexion: Die eigenen moralischen Präferenzen so weit zurücknehmen, dass wir sehen können, wie Differenzen, Asymmetrien, Ungleichheiten funktionieren – auch dort, wo sie unseren Gleichheitsnormen widersprechen. Nur an dieser Grenze kann systemische Theorie ihre Stärke ausspielen: als Beschreibung von Differenzen, nicht als Vollzugsorgan einer jeweils „richtigen“ Agenda.

Systemisches Denken bezog seinen Erkenntniswert schon immer genau aus der Fähigkeit, Differenzen als konstitutiv statt als Defizite zu behandeln – eine „Systemik“, die diese Fähigkeit an ein moralisches Vorzeichen bindet, hört auf, der Logik systemtheoretischen Denkens zu folgen.

Eine „weniger linke“ Soziologie, schreiben Nassehi und Saake, wäre keine rechte Soziologie, sondern schlicht eine wissenschaftlichere. Ich würde ergänzen: Eine Systemik, die sich dem ideologisch-moralischen Aktivismus verweigert, verweigert sich nicht der gesellschaftlichen Verantwortung. Sie verweigert sich nur der Bequemlichkeit, mit der man Differenz und Ungerechtigkeit kurzschließt, weil man die Funktion der Ungleichheit nie studiert hat. Genau das aber wäre die Aufgabe – und der Grund, warum sie sich zu stellen lohnt.

Quellen

Hausen, Karin: „Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“. In: Werner Conze (Hrsg.)(1976):, Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen. Stuttgart (Klett), S. 363-393.

Keil, Geert (2026): Der Bumerang der Agendawissenschaft. FAZ vom 22.7.2026

Keil, Katharina & Dirk Rohr (2025): Wenn Beratung (epistemisch) ungerecht ist … – Eine philosophische Analyse. In: Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung  43 (03), S. 115-121.

Manzi, James (2026): The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. In: Theory & Society (2026) 55:25

Nassehi, Armin & Irmhild Saake (2026): Ist die Soziologie zu links? Zeit-Online vom 25.7.2026

Reiter, Ludwig & Egbert Steiner (1996): Psychotherapie und Wissenschaft. Beobachtung einer Profession. In: Alfred Pritz (Hrsg.): Psychotherapie – eine neue Wissenschaft vom Menschen.Wien/New York (Springer), S. 159–203.

Sullivan, Shannon (2017): On the harms of epistemic injustice. Pragmatism and transactional epistemology. In: Ian James Kidd et al.: The Routledge Handbook of Epistemic Injustice. Oxon/New York (Routledge), S. 205-212

Dank

Wolfgang Loth sei gedankt für die wie immer hilfreichen Gedanken und Anregungen, die in diesen Text eingeflossen sind!

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