
Egbert Steiner feiert heute, am 5. August 2026, seinen 80. Geburtstag – und systemagazin gratuliert von herzen. Er gehört zu jener Generation von Systemikern, die das Feld der Familientherapie in den 1980er und frühen 1990er Jahren zu einem theoretisch anspruchsvollen Konzept weiterentwickelt haben, ohne dabei den Anschluss an die Praxis zu verlieren. Wer sein Werk heute wieder liest, merkt, dass seine Texte nichts von ihrer konzeptionellen Schärfe verloren haben.
Egbert Steiner wurde am 5.8.1946 geboren und studierte Psychologie in Wien. Zunächst war er freier wissenschaftlicher Mitarbeiter der deutsch-schweiz-österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (1973 bis 1976), bevor er an das von Ludwig Reiter geleitete Institut für Ehe- und Familientherapie (IEF) der Stadt Wien wechselte. Das IEF war in jenen Jahren eines der wichtigen Zentren systemischer Forschung im deutschsprachigen Raum und die über zwei Jahrzehnte währende Zusammenarbeit Egbert Steiners mit Ludwig Reiter – sie begann 1972 im Rahmen eines vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft geförderten Projekts „über Werte und Ziele in der Psychotherapie unter besonderer Berücksichtigung der Familientherapie“ – wurde zur produktivsten Konstellation seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Sein Forschungsschwerpunkt lag von Anfang an auf der Psychotherapieforschung, insbesondere auf der methodischen und theoretischen Fundierung systemischer Therapieansätze. Fast alle seine zentralen Arbeiten entstanden in Ko-Autorenschaft, sei es mit Ludwig Reiter, mit Joachim Hinsch oder, in einer Falldarstellung, gemeinsam mit Hedwig Wagner. Diese Kollaborationsform war Ausdruck seines Verständnisses von Wissenschaft als einem Unternehmen, das den Austausch zwischen Praktikern und Forschern braucht, um den eigenen Wert für die Praxis zu beweisen. Bereits vor seinem 70. Geburtstag hatte er sich bedauerlicherweise schon weitgehend aus der öffentlichen wissenschaftlichen Debatte zurückgezogen. Da er ohnehin nie das Licht der öffentlichen Auftritte gesucht hat, ist es umso mehr an der Zeit, sein Wirken für die Entwicklung des systemischen Diskurses zu würdigen.
Zu nennen wäre an dieser Stelle die frühe und konsequente Einführung der Systemtheorie Niklas Luhmanns in die Diskussion um Familientherapie, die nach der sogenannten autopoietischen Wende Luhmanns erst zögerlich rezipiert wurde. In der 1986 mit Ludwig Reiter in der Zeitschrift Familiendynamik veröffentlichten Arbeit „Zum Verhältnis von Individuum und sozialem System: Hierarchie, strukturelle Koppelung oder Interpenetration?“ stellen die Autoren drei konkurrierende Paradigmen der Verbindung psychischer und sozialer Systeme systematisch gegenüber: das hierarchische Modell lebender Systeme nach J. G. Miller und Gottlieb Guntern, das Modell der strukturellen Koppelung nach Maturana und Varela und schließlich Luhmanns Konzept der Interpenetration. Während die ersten beiden Modelle Personen weiterhin als Elemente sozialer Systeme behandelten, löste Luhmann diese Vorstellung radikal auf – Individuen sind für ihn keine Bausteine der Familie, sondern eine Adresse für kommunikative Zuschreibungen. Mit dem Begriff der Interpenetration, dem wechselseitigen Zurverfügungstellen von Komplexität zwischen psychischem und sozialem System, erschlossen Steiner und Reiter der Familientherapie eine Möglichkeit, das alte Dilemma „System versus Individuum“ – zugespitzt im Diktum „You can never kiss a system“ – theoretisch aufzulösen, ohne die Autonomie beider Systemebenen zu opfern.
Diese Linie führen Steiner und Reiter 1988 in „Der Beitrag der Theorie selbstreferentieller Systeme zur Präzisierung von Forschungsfragen in der systemischen Therapie“ konsequent weiter. Dort unterscheiden sie zwei idealtypische Modelle therapeutischen Handelns: das „Medikamentenmodell“, dem experimentell-statistische Versuchspläne angemessen sind, und das „Konversationsmodell“, wie es Harold Goolishian oder Steve de Shazer vertreten. Für die Prozessforschung im Kontext des Konversationsmodells schlagen sie Luhmanns Theorie als vereinheitlichenden Rahmen vor, der hermeneutische Forschungsansätze integriert, ohne die Selbstbeschreibung der Therapeuten – ihre klinische Theorie – aus dem Blick zu verlieren. Dabei gehen sie von einer „Familienähnlichkeit“ zwischen Forschungs- und Therapiekonzepten aus, damit beide Seiten – Praktiker wie Forscher – von der Untersuchung tatsächlich profitieren können.
Neben den theoretischen Arbeiten zeichnet sich Steiners Werk durch eine ausgeprägte Bereitschaft aus, Theorien an konkreten, oft schwierigen Fällen zu erproben. In „Familientherapie als Etikett. Eine therapeutische Strategie bei institutionell verflochtenen Fällen?“ (1988, mit Joachim Hinsch, Ludwig Reiter und Hedwig Wagner) untersuchen die Autoren einen vom Wiener Jugendamt zugewiesenen Fall und konfrontieren zwei gegensätzliche theoretische Zugänge: den Ansatz „Symptom erzeugt System“ unter Bezugnahme auf Rosmarie Welter-Enderlin und Kurt Ludewig und das Konzept der System-Umwelt-Differenz nach Luhmann. Die Analyse zeigt, wie unterschiedlich sich dieselbe Fallgeschichte je nach zugrunde liegendem Paradigma erklären lässt – und wie sehr die institutionelle Verflechtung von Jugendamt, Gericht und Therapieinstitut die Handlungsspielräume aller Beteiligten begrenzt. Bemerkenswert ist dabei auch die kritische und ehrliche Selbstreflexion des Forschungsprozesses, nach wie vor ein Paradebeispiel für die Analyse eines Fallbeispiels aus dem Zwangskontext.
Ein weiterer gewichtiger Beitrag Steiners zur Standortbestimmung der systemischen Therapie ist der gemeinsam mit Ludwig Reiter verfasste Aufsatz „Psychotherapie und Wissenschaft. Beobachtungen einer Profession“, 1996 in dem von Alfred Pritz herausgegebenen Band „Psychotherapie – eine neue Wissenschaft vom Menschen” erschienen. Der Text entstand vor dem Hintergrund der österreichischen Psychotherapiegesetzgebung, die der Psychotherapie erstmals den Status einer eigenständigen Profession zusprach, und nutzt diesen Anlass für eine grundsätzliche professionstheoretische Neubestimmung. Die zentrale These lautet: Psychotherapie ist ebenso wenig wie die Medizin selbst eine Wissenschaft, sondern eine Profession, in deren Umwelt Wissenschaft lediglich vorkommt. Steiner und Reiter stützen sich dabei auf Luhmanns Theorie funktional differenzierter Gesellschaften und arbeiten heraus, dass Wissenschaft und Profession unterschiedlichen Leitcodes folgen – Wissenschaft der Unterscheidung wahr/unwahr, professionelles Handeln hingegen Kriterien wie klinischer Nützlichkeit oder Wirksamkeit –, weshalb wissenschaftliches Wissen für die Praxis stets „eine Konstruktion des Verwenders“ bleibt und nicht einfach appliziert werden kann. Der Aufsatz endet mit einem mehrfachen Wechsel der Beobachterperspektive – von der Differenz zwischen Profession und Wissenschaft über die Einheit von Praxis mit Supervision und Forschung als Reflexionssystemen bis hin zur Frage, ob Psychotherapie überhaupt ein eigenständiges gesellschaftliches Funktionssystem mit eigenem binärem Code bildet – und bleibt damit bis heute einer der methodisch anspruchsvollsten Beiträge zur Selbstverständigung der Psychotherapie als Profession.
Der vielleicht originellste und heute noch am wenigsten gewürdigte Beitrag ist die 1994 gemeinsam mit Reiter in der Zeitschrift System Familie veröffentlichte Studie „Klinische Synergetik und Selbstorganisation: Ein wissenschaftliches Feld formiert sich“. Hier wenden Steiner und Reiter bibliometrische Verfahren an, um zu prüfen, ob sich die um Hermann Haken, Günter Schiepek und Wolfgang Tschacher entstehende Bewegung der Klinischen Synergetik konzeptionell von ihrer systemtherapeutischen Herkunftsmatrix unterscheidet. Mittels Rangkorrelationen der häufigsten Sachregisterbegriffe zeigen sie, dass zentrale Werke der Synergetik – etwa der von Tschacher, Schiepek und Brunner herausgegebene Sammelband – eine deutliche konzeptuelle Distanz zu Werken der klassischen Familientherapie und der analytischen Familientherapie aufweisen. Über eine Zitationsanalyse der „Core-Documents“ weisen sie nach, dass das neue Feld überwiegend auf naturwissenschaftliche Klassiker wie Hakens „Synergetics“ oder Schusters „Deterministic Chaos“ zurückgreift und Gründerfiguren der Psychotherapie in den Literaturverzeichnissen kaum mehr vorkommen. Diese Studie ist ein frühes und methodisch ungewöhnlich striktes Beispiel wissenschaftssoziologischer Selbstbeobachtung innerhalb der systemischen Community.
Neben diesen Texten umfasst Steiners Werk Arbeiten zur praktischen Evaluation systemischer Therapie und zur Erfassung von Veränderungen im Therapieprozess, in denen er sich mit der Frage auseinandersetzt, wie sich Veränderung methodisch valide erfassen lässt, ohne die Eigenlogik des therapeutischen Geschehens zu verfehlen. In der Untersuchung, ob ein Erstinterview schon Veränderung bewirken kann, geht er der Frage nach, wie früh im therapeutischen Prozess sich Wirkungen zeigen – ein Thema, das unmittelbar an die Diskussion um Diagnose- versus Interventionslogik im Medikamenten- und Konversationsmodell anschließt. Auch der Übergang vom analytischen zum systemischen Denken sowie seine frühen Anmerkungen zum Systemkonzept selbst (1984) zeigen, wie konsequent Steiner von Beginn an versucht hat, die begrifflichen Grundlagen der systemischen Therapie zu klären, statt sie unhinterfragt zu übernehmen.
Wer sich einen ersten Eindruck von Steiners Werk verschaffen möchte, ohne gleich alle Fachzeitschriften durchzusehen, kann das über die Systemische Bibliothek des systemagazin tun: Dort stehen kostenfrei sowohl „Zum Verhältnis von Individuum und sozialem System: Hierarchie, strukturelle Koppelung oder Interpenetration?“ (1986, mit Ludwig Reiter) als auch „Familientherapie als Etikett. Eine therapeutische Strategie bei institutionell verflochtenen Fällen?“ (1988, mit Hinsch, Reiter und Wagner) als PDF zum Nachlesen bereit. Auch den mit Reiter verfassten Aufsatz „Der Beitrag der Theorie selbstreferentieller Systeme zur Präzisierung von Forschungsfragen in der systemischen Therapie“ hat systemagazin anlässlich Steiners 70. Geburtstags online zugänglich gemacht.
Egbert Steiner war nie jemand, der die große öffentliche Bühne suchte. Seine Wirkung liegt in der Substanz der Argumente: gerade das macht es lohnenswert, sein Werk immer wieder neu zu entdecken – für alle, die verstehen wollen, wie systemisches Denken theoretisch ernst genommen werden kann, ohne den Kontakt zur klinischen Praxis zu verlieren.
Lieber Egbert, zum 80. Geburtstag alles Gute, verbunden mit Dank für Deine Beiträge zum systemischen Diskurs, die hoffentlich auch in der Zukunft noch mit Gewinn gelesen werden!
Ausgewählte Literatur:
Egbert Steiner (1984): Einige Anmerkungen zum Systemkonzept von G. Guntern. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung 2 (7), S. 201-213.
Ludwig Reiter & Egbert Steiner (1986): Paradigma der Familie: Turings Maschine oder autopoietisches System? In: Familiendynamik 11 (3), S. 234–248.
Egbert Steiner & Ludwig Reiter (1986): Zum Verhältnis von Individuum und sozialem System: Hierarchie, strukturelle Koppelung oder Interpenetration? In: Familiendynamik 11 (4), S. 325–342.
Egbert Steiner (1987): Selbstorganisierende Systeme: Ein neues theoretisches Fundament für die Familientherapie. In: Gebhard Rusch & Siegfried J. Schmidt (Hrsg.): Delfin VIII. Rheda-Wiedenbrück ( Poiesis-Verlag), S. 48–58.
Egbert Steiner, Joachim Hinsch, Ludwig Reiter & H. Wagner (1988): Familientherapie als Etikett. Eine therapeutische Strategie bei institutionell verflochtenen Fällen?. In: Ludwig Reiter, Ewald Johannes Brunner & Stella Reiter-Theil (Hrsg.): Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive. Berlin/Heidelberg/New York (Springer), S. 137–157.
Ludwig Reiter & Egbert Steiner (1988): Über holistisches Denken und Methodologie. Eine Übersicht. In: ebd., S. 299–319.
Egbert Steiner & Joachim Hinsch (1988): Therapie: Ordnungskunst zwischen Finden und Erfinden. Zur Verwendung von Metaphern. In: Familiendynamik 13 (3), S. 204–219.
Egbert Steiner & Ludwig Reiter (1988): Der Beitrag der Theorie selbstreferentieller Systeme zur Präzisierung von Forschungsfragen in der systemischen Therapie. In: System Familie 1 (2), S. 115–123.
Egbert Steiner (1991): Zur praktischen Evaluation systemischer Therapie. In: Ludwig Reiter & Corina Ahlers (Hrsg.): Systemisches Denken und therapeutischer Prozess. Berlin/Heidelberg (Springer), S. 243-262.
Egbert Steiner & Ludwig Reiter (1991): Kann ein Erstinterview Veränderungen in der Familie bewirken?“. In: ebd., S. 219-229.
Joachim Hinsch & Egbert Steiner (1993): Vom Paar zum Subjekt. Ein Beitrag zur Paartherapie. In: systeme 7 (1), S. 34–45.
Ludwig Reiter, Egbert Steiner, Corina Ahlers, M.R. Vogel et al. (1993): Das reflektierende Team aIs therapeutische Methode. Ergebnisse einer klinischen Evaluierung. In: System Familie 6, S. 10–20.
Reiter, L., & Steiner, E. (1994). Klinische Synergetik und Selbstorganisation: Ein wissenschaftliches Feld formiert sich. In: systeme, 8(1), 52–66.
Joachim Hinsch & Egbert Steiner (1995): Vom Paar zum Subjekt II. Leitlinien für die Praxis Systemischer Paartherapie. In: systeme 9, S. 60–66.
Ludwig Reiter & Egbert Steiner (1996): Psychotherapie und Wissenschaft. Beobachtung einer Profession. In: Alfred Pritz (Hrsg.): Psychotherapie – eine neue Wissenschaft vom Menschen.Wien/New York (Springer), S. 159–203.
Ludwig Reiter, Egbert Steiner & Victor W. Gotwald (1997): Kontinuität und Wandel. Die Entwicklungsdynamik der deutschsprachigen Familientherapie und Systemischen Therapie aus bibliometrischer Sicht. In: systeme 11 (2), S. 4–20.
Egbert Steiner (1998): Zur Einheit von Psychotherapie und Psychotherapieforschung. In: systeme 12 (1), S. 80–85.
Lieber Egbert,
alles Gute zu deinem Geburtstag! Ich habe sehr viel von dir gelernt und dich als einen unserer „Denker“ immer geschätzt
Möge es dir gut gehen
Sabine
Lieber Egbert,
meinen herzlichen Glückwunsch zum 80.! Es ist so, wie Tom schreibt: „Seine Wirkung liegt in der Substanz der Argumente“, und das wirkt für mich bis heute nach. Eure seinerzeit in der „Familiendynamik“ veröffentlichten Arbeiten gehören zu denen, die mich angefixt hatten und mich bewegt, mich selbst an die Arbeit zu machen. Und die Arbeit über das Verhältnis von Profession und Wissenschaft ist heute so erhellend (und wichtig) wie seinerzeit. Ich schließe mich also Toms Dank unbedingt an. Nicht zu kurz kommen soll allerdings auch, dass neben der Substanz der Argumente auch das angeregte Gespräch mit Freuden erinnert wird, zu dem wir zwar nicht oft Gelegenheit hatten, aber wenn, dann hatte es etwas Belebendes.
In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch und „All the best!“
Herzlich,
Wolfgang