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Online-Journal für systemische Entwicklungen

ZSTB – Ende einer Ära

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Für viele überraschend, geht die „Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung“ mit dem dritten Heft des 44. Jahrgangs in ihre Schlusskurve; das Heft trägt nicht zufällig den Untertitel „Aus der Vielfalt systemischer Praxis – ein vorletzter Blick“ und wird im Editorial ausdrücklich als vorletzte Ausgabe vor der Einstellung der Zeitschrift markiert. Über die Hintergründe dieser Entscheidung gibt es leider bislang keine öffentlichen Informationen. Ihrem Editorial stellt Herausgeberin Cornelia Tsirigotis meine Diagnose einer systemischen Identitätskrise voran, die „die Diskussionsanforderungen für das systemische Feld in den nächsten Jahren“ aufzeige und betont, dass auch Abschiede nur Übergänge und keine Endpunkte seien. Warum aber gerade die ZSTB auf diese Diskussionsanforderungen in Zukunft nicht mehr reagieren wird, bleibt (vorerst noch) im Ungewissen.

Damit geht traurigerweise ein besonderes Kapitel der Geschichte systemischer Fachöffentlichkeit zu Ende. Tsirigotis macht noch einmal deutlich, „was die ZSTB in den letzten Jahren ausgemacht hat: sehr unterschiedlichen Perspektiven Raum zu geben, vielfältige Themen und Arbeitsfelder zu Wort kommen zu lassen, ebenso erweiterte Blicke über den systemischen Tellerrand hinaus zuzulassen, das Methodenspektrum zu verbreitern und den Dialog zu fördern. Alles, was Praktiker*innen für ihre Arbeit nutzen können, wenn sie sich systemisch verorten und sich auf die „Spuren hilfreicher Veränderungen“ [Wolfgang Loth] begeben möchten“.

Auch das aktuelle Heft versammelt noch einmal eine Bandbreite systemischer Praxis. Der Beitrag von Simone Lamerz und Ingo Spitczok von Brisinski „Als Badminton noch freiwillig war – freiwillig-unfreiwillige Gruppenangebote in der stationären Jugendhilfe“ rekonstruiert Erfahrungen aus intensivpädagogischen Wohngruppen, in denen vormals freiwillige Gruppenangebote häufig kaum genutzt wurden, während klar gerahmte, verpflichtende Formate ohne nennenswerten Widerstand akzeptiert wurden. Theoretisch entfaltet wird dies im Spannungsfeld von Freiwilligkeit und Zwang, Double-Bind-Kommunikation, Kinderrechten, Partizipation und Shared Decision-Making, verbunden mit einer Auseinandersetzung mit Erziehungsstilen von antiautoritärer Erziehung über autoritative Konzepte bis hin zur „Neuen Autorität“. Die zentrale These lautet, dass eine sorgfältig begründete Einschränkung von Freiwilligkeit nicht zwangsläufig Autonomieentwicklung behindert, sondern im Gegenteil unter bestimmten Bedingungen deren Voraussetzung sein kann.

Daran schließt Katja Homes mit „Systemisches Handeln lernen“ an, einem Beitrag zur Ausbildung von Erzieherinnen an Fachschulen für Sozialpädagogik. Systemisches Denken erscheint hier nicht als Spezialdiskurs, sondern als berufsrelevante Handlungs- und Reflexionskompetenz, die in der Ausbildung durch fallbezogene, erfahrungsorientierte Lernsettings gefördert wird. Systemisch-konstruktivistische Didaktik, so die Leitidee, ermöglicht es angehenden Fachkräften, Mehrperspektivität, Hypothesenbildung und Ressourcenorientierung frühzeitig in ihrem pädagogischen Alltag zu verankern. 

Mit „Am Hören und Verstehen sind viele beteiligt“ legt Anja Stollenwerk den Fokus auf psychosoziale Aspekte von Hörschädigung und Cochlea-Implantat-Versorgung in der Rehabilitation Erwachsener. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass Hören und Verstehen als relationale Prozesse zu begreifen sind: Betroffene, Angehörige, professionelle Systeme und technische Arrangements bilden ein komplexes Gefüge, in dem systemische Perspektiven helfen können, Kommunikationsbarrieren, Zuschreibungen und Erwartungen neu zu justieren. Ein Beitrag, der auch die jahrelange Arbeit der Herausgeberin mit Gehörgeschädigten reflektiert!

Angela Gosch greift in ihrer empirischen Arbeit „Ziele und Konsequenzen von Diagnostik aus Sicht von Laien und Fachkräften“ ein seit langem sensibles Thema systemischer Debatten auf: den Stellenwert diagnostischer Praxis. Auf der Basis einer Online-Befragung zeigt sie unter anderem, dass Laien Diagnostik eher positiv bewerten, während Fachkräfte deutlich zurückhaltender sind. Diese Differenz nutzt sie, um nach möglichen Konsequenzen für Transparenz, Beteiligung und die Gestaltung diagnostischer Settings zu fragen, ohne sich auf eine simple Gegenüberstellung von „diagnostisch“ und „systemisch“ festzulegen. Ob die Differenzen signifikant sind oder nur Tendenzen beschreiben, lässt sich aus den Daten aber nicht eindeutig ablesen.

Ergänzt werden die Hauptbeiträge durch eine kleine Fallgeschichte von Hartwig Hansen („Das Nest“), die  in verdichteter Form ein Beratungsgeschehen rund um Trennung, Ambivalenz und psychoedukative Hinweise aufgreift, sowie durch einen Bericht über eine internationale Konferenz zur Multifamilientherapie in Wien.

In der Rubrik „Diskussion“ findet sich ein Beitrag von Stefan Beher mit dem Titel „Zur normativen Umdeutung systemischer Standards – Eine Kritik an der Publikationspraxis der ZSTB“. Darin setzt er sich kritisch mit Beiträgen aus vier zurückliegenden Heften der ZSTB auseinander, die sich „schwerpunktmäßig politischen Themen widmen“ – gemeint sind hier Texte aus dem Kreis der sogenannten Macht- und Diskriminierungskritik, die in den letzten Jahren zunehmenden Eingang in den systemischen Diskurs gefunden haben und die Beher zufolge Kriterien wissenschaftlicher (im Unterschied zu normativ-programmatischer) Kommunikation verletzen. Das sind epistemische Offenheit, Kohärenz mit dem eigenen Bezugsrahmen, d.h. Reflexion der Kontingenz des eigenen Beobachterstandpunkts und Beschränkung von Schlussfolgerungen auf das benutzte empirische Material.

Ergebnis seiner Analyse ist die These, dass sich hier eine normative Programmatik etabliert habe, in der bestimmte politische Positionen quasi als selbstverständliche Orientierungslinien systemischer Praxis gesetzt würden. Problematisch wird dies aus seiner Sicht vor allem dort, wo theoretische Vorannahmen nicht mehr als kontingente Deutungsangebote markiert, sondern moralisch stark aufgeladen werden. Widerspruch oder alternative Lesarten erscheinen dann nicht länger als legitimer Bestandteil fachlicher Auseinandersetzung, sondern geraten leicht in die Nähe eines moralischen Defizits.

Beher kritisiert zudem die Tendenz, aus qualitativ überschaubaren empirischen Daten sehr weitreichende sozial- und professionspolitische Forderungen abzuleiten, ohne konkurrierende Interpretationen und Kontextfaktoren ernsthaft mitzudiskutieren. Auf diese Weise gerieten zentrale systemische Leitideen unter Druck: Mehrperspektivität und Neutralität würden weniger als methodische Haltung zur Ermöglichung ergebnisoffener Verständigungsprozesse verstanden, sondern als Strukturen der Reproduktion von Ungerechtigkeit umgedeutet; der Beratungsraum verschiebe sich von einem Ort zirkulärer Klärungsprozesse hin zu einem Medium politischer Bestätigung. Dabei geht es Beher nicht darum, die Thematisierung gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse generell zu delegitimieren. Sein Einwand richtet sich vielmehr gegen eine begriffliche und methodische Unschärfe, in der politischer Aktivismus und systemische Professionalität ineinander zu gleiten drohen, ohne dass die jeweiligen Rollen und Verantwortlichkeiten transparent auseinandergehalten werden.

So treffend seine Kritik an den behandelten Texten ist, so fehl geht der Titel seines Beitrages. Immerhin wird die „Kritik an der Publikationspraxis der ZSTB“ schon dadurch widerlegt, dass sein Artikel ohne weiteres hier veröffentlicht wurde (im Gegensatz zu einer offensichtlich sehr langwierigen Auseinandersetzung um die Veröffentlichung eines ähnlich gelagerten Artikels in der Familiendynamik). Lässt man die Hefte der vergangenen Jahre Revue passieren, wird sofort ersichtlich, dass auch bei aller Schwerpunktsetzung der Herausgeberin die ZSTB immer einen Raum zur Veröffentlichung aller möglichen Positionen gewesen ist. Dafür, dass in den systemischen Fachgesellschaften zunehmend unterkomplexe und moralisierende ideologische Positionen Raum einnehmen, was sich dann auch in entsprechenden Einreichungen bei  den Fachzeitschriften widerspiegelt, kann die Herausgeberin sicher nicht in Haftung genommen werden. Allerdings lässt sich vor diesem Hintergrund auch fragen, warum sich die gar nicht so wenigen Kolleginnen und Kollegen, die mit dieser Entwicklung nicht einverstanden sind, in diesem Diskurs nicht auch zu Wort melden.

Dass dieser prinzipiell offene Raum  mit dem „letzten Blick“ des kommenden Heftes demnächst auf Dauer verschwindet, ist mehr als bedauerlich. Gleichzeitig sollte diese Tatsache als Anstoß dienen, über die zukünftigen Formen, Standards und Grenzen systemischer Öffentlichkeit neu nachzudenken, auch wenn die ZSTB als institutionalisierter Ort dieser Debatten nicht mehr zur Verfügung stehen wird.

Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier zu lesen…

Ein Kommentar

  1. Sei bedankt, Tom, für diese Würdigung der ZSTB, sowie für Deine wiederholte Einlassung zur ramponierten Diskussionskultur im systemischen Feld. Ich bin nicht zuversichtlich, will aber wenigstens einmal zu erkennen geben, dass mich Deine Einlassungen nicht unberührt lassen. Sie halten wenigstens die Bedingung der Möglichkeit einer konstruktiven Entwicklung aufrecht. Vor Kurzem hast Du meinen Essay zum Buch von Peter Fuchs über die „vagen Dinge“ hier im systemagazin aufgenommen. In diesem Essay gibt es eine Passage, die mir hilft zu verstehen, was es mit dieser wortreichen Sprachlosigkeit auf sich hat, die diese (Nicht)Kontroverse kennzeichnet, die Du hier im systemagazin aufgegriffen hast. Wie ich das verstehe, hast Du dabei die fehlende Anschlussfähigkeit in dieser Angelegenheit angesprochen. Zumindest in der Luhmannschen Version systemtheoretischen Denkens wäre das ein Hinweis darauf, dass da kein Sinn beobachtbar erscheint. Wäre man nur Zuschauer, müsste das nicht weiter beunruhigen. Als jemand, der fast sein gesamtes Berufsleben auf den Mehrwert systemtheoretischer Denke und systemischer Praxis aufgebaut hat, ist es allerdings ein Armutszeugnis.
    Wie hülfe hier Fuchs weiter? Fuchs bietet die Unterscheidung zwischen Person und Unperson als brauchbares Konstrukt, um sich etwas denken zu können, wenn jemand im Strudel von Erwartungen ins Stocken kommt – Erwartungen, die, weil persönlich bedeutsam, nicht einfach vom Tisch gewischt werden können. Mit anderen Worten, wenn meine soziale Adresse auf dem Spiel steht. Das klingt theoretisch, kann aber praktisch ziemlichen Ärger machen. Eine mögliche Antwort auf dieses Problem ist nach Fuchs eine Art Aufleben als „Unperson“. Bitte, Unperson ist kein Mensch, sondern ein systemtheoretisches Denkgebilde, eine imaginäre Zahl, die es nicht gibt, aber für Gleichungen gebraucht wird (muss ich so etwas in einem systemisch/systemtheoretischen Kontext überhaupt betonen?) Die Variante „Unperson“ kann mir helfen, mich der Erwartungen zu erwehren, die ich aus welchen Gründen auch immer, nicht erfüllen kann, denen ich aber gerecht werden muss, wenn ich als „Person“ in der für mich relevanten Adressdatei (Vorsicht: Metapher) weiter eine Rolle spielen will oder glaube zu müssen.
    Als „Unperson“, so habe ich Fuchs verstanden und das in meinem Essay so geschrieben, rette ich mich in Kognitionen, Empfindungen und Handlungsnischen, „die nicht zu den Erwartungen an die jeweils angefragte Person passen (sondern nur unter anderen Umständen passen würden, womöglich nur unter solchen, die zum Ausschluss aus der überlebensnotwendig erscheinenden ‚Adressdatei’ führen). Latenzen, bzw. Latenzschutz (d.h. Unsichtbarmachen vor dem unaufhörlichen sozialen Scannen der Zugehörigkeitsmerkmale) spielen hier eine Rolle. Das mag sich dann in Form von „Symptomen“ zur Erkenntnis anbieten, womöglich als Sprachlosigkeit, als seltsames Verhalten, oder andere Formen von Not-Lösungen ohne Not-Wendung“. Sprachlosigkeit also als eine Möglichkeit, womöglich auch nur Schweigen (mit innerer Sprache, die womöglich rattert).
    Dagegen die „Person“: „Als Person sehe ich mich mit einem jeweils spezifizierten (mich „persönlich“ meinenden) Bündel sozialer Erwartungen konfrontiert, mit dem ich je nach Temperament, Erfahrungshintergrund und Grad der Sicherheit in relevanten sozialen Kontexten umgehen kann (bzw. nicht >> siehe Leidensdruck). Die Passung zwischen sozialer Erwartung an ein personspezifisch „korrektes“ Verhalten (eins, das zur Erwartung passt) und tatsächlichem Verhalten ist entscheidend für die (erlebte) Sicherheit, als soziale Adresse erkannt und anerkannt zu sein“.
    Ich bitte um Nachsicht für diesen Vorlauf. Doch von einem fundierten systemischen Diskurs erwarte ich eigentlich, dass er im Falle eines unverhandelbar (bzw. völlig verfahren) erscheinenden Dissenses auf grundlegende Prämissen systemischer Selbstreflexion zurückgreift. Will heißen: anzusprechen, wer sich selbst als Person (nicht als allgemein-amorph herumgereichtes Wesen) auf welche Weise als soziale Adresse gefährdet sieht, wenn er oder sie oder es sich auch nur einen Schritt auf die gegenseitige Argumentation einlässt. Das muss ja nicht zu einer Übereinstimmung kommen dann, aber beide Seiten könnten davon ausgehen, dass sie sich der Differenz redlich stellen. Redlich meint hier: nicht in Form von Plakaten, sondern in Form der Bereitschaft zur Selbsterkenntnis und wechselseitiger Anerkennung von Integrität. Wie gesagt, das wäre für mich eine Perspektive, die dem „Systemischen“ als reflektierte Praxis (mit u.a. wissenschaftlicher Umwelt) gerecht würde. Ich hoffe, das nachvollziehbar begründet zu haben.

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