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Krankheitsschmerz als soziales Konstrukt

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Rosalia Condorelli

Die italienische Soziologin Rosalia Condorelli lehrt am Dipartimento di Scienze Politiche e Sociali der Universität Catania, wo sie unter anderem den Kurs Sociological Theories and Models of Complexity verantwortet. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt seit Jahren auf der Anwendung der Komplexitätstheorie und insbesondere der Systemtheorie Niklas Luhmanns auf soziale Phänomene – von Intimität und Geschlechterbeziehungen über Suizid bis zu kultureller Differenzierung in globalisierten Gesellschaften. In früheren Arbeiten hat sie etwa Durkheims Suizidstudie aus nichtlinearer Perspektive neu gelesen oder die „Morphogenese der Liebe“ im Übergang von Solidarität ohne Wahl zu Solidarität ohne Konsens untersucht. Ihr aktueller Aufsatz „Complex Social System Theory – The Systemic Meaning of Illness Pain in Contemporary Modern Society“, erschienen 2026 in Sociology Mind, fügt sich in dieses Programm ein und wendet das Instrumentarium der Systemtheorie nun auf Krankheitsschmerz an.

Condorelli geht von der Beobachtung aus, dass die Bedeutung (im Gegensatz zur Erfahrung) von Schmerz kein biologisches Faktum, sondern ein historisch wandelbares Produkt kollektiven Bewusstseins ist. Ihre Leitfragen sind: Wie hat sich die soziale Codierung von Krankheitsschmerz in der westlichen Moderne verändert? Wie hat sich seine kommunikative Ausdrucksform gewandelt? Und erzeugt Schmerz heute überhaupt noch tragfähige Beziehungen? Zur Beantwortung verortet sie die gegenwärtige Schmerzdeutung in zwei historischen Vorläufertraditionen – der griechischen und der christlichen – und konfrontiert diese mit der heutigen Codierung, die sie als Technologisierung und Medikalisierung bezeichnet. Ihre Haupthypothese: Die daraus resultierende Hospitalisierung von Krankheit hat die Einsamkeit der Leidenden verstärkt.

Bevor Condorelli die historische Analyse entfaltet, begründet sie ausführlich, weshalb sich Schmerz als soziales Phänomen nur mit einer nichtlinearen, systemtheoretischen Begrifflichkeit angemessen erfassen lässt. Klassische Erklärungsmodelle sozialer Ordnung scheitern ihrer Ansicht nach an einem gemeinsamen Problem: Individualistische (bottom-up-)Ansätze erklären zwar, wie individuelles Bewusstsein Strukturwandel auslöst, müssen aber zur Erklärung von Struktur-Stabilisierung heimlich wieder auf institutionelle Zwänge zurückgreifen, die sie eigentlich erklären sollten. Strukturalistische (top-down-)Ansätze, wie sie Condorelli bei Talcott Parsons diagnostiziert, erklären umgekehrt Stabilität, können aber Wandel nicht plausibel machen, weil sie Individuen letztlich nur als Vollstrecker vorgegebener Strukturen behandeln.

Luhmanns zirkuläres System-Umwelt-Modell soll diese Aporie auflösen. Der Mechanismus funktioniert nach folgendem Muster: Das individuelle Bewusstsein – die Mikroebene, nie vollständig von institutionellen Erwartungen erfasst – produziert unvorhersehbar neue Bedeutung und irritiert damit bestehende Erwartungsstrukturen. Diese Irritation bildet die Umwelt des sozialen Systems. Das soziale System – die Makroebene – reagiert darauf autonom, selbstreferenziell und emergent, indem es unter vielen angebotenen Bedeutungsmöglichkeiten diejenige selektiert und stabilisiert, die sich am besten zur Reduktion von Umweltkomplexität eignet. Das Ergebnis ist eine neue, emergente Makro-Konfiguration, die auf die Individuen zurückwirkt – der zweite Mikro-Schritt – und ihnen bis zur nächsten Bedeutungsänderung Orientierung für Kommunikation und Beziehungen gibt.

Entscheidend ist, dass dieser Prozess im Sinne Prigogines nichtlinear-emergent verläuft: deterministisch bedingt, aber nicht vorbestimmbar. Anders als bei negativer Rückkopplung, die Störungen dämpft und zum Ausgangszustand zurückführt, wirkt hier positive Rückkopplung, wodurch echte strukturelle Neuordnungen statt bloßer Reproduktion entstehen. Condorelli veranschaulicht das Modell am Beispiel der Intimität: Das Bewusstsein von Frauen erzeugt als Mikro-Umwelt eine neue Bedeutung von Geschlechterrollen, basierend auf freier Partnerwahl; das gesellschaftliche Makrosystem stabilisiert diese Bedeutungsänderung, mit der überraschenden Nebenfolge, dass Beziehungen dadurch fragiler werden, weil auch Trennung kulturell normalisiert wird. Wichtig bleibt: Bedeutung ist bei Luhmann stets redundant und kontingent – jede aktuell stabilisierte Möglichkeit könnte auch anders ausfallen und wird über kurz oder lang durch eine neue ersetzt. Genau diese Instabilität, nicht der Stillstand, gilt als eigentliches Kennzeichen sozialer Systeme.

Condorelli rekapituliert die zentralen Bausteine der Luhmannschen Theorie: Soziale Systeme sind umweltoffen, kreativ, emergent, operational geschlossen, autonom, selbstreferenziell und autopoietisch – kommunikative Systeme, die auf Bedeutung basieren. Nicht Individuen kommunizieren, sondern nur soziale Systeme reproduzieren sich, indem sie Kommunikation durch Kommunikation erzeugen; symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie Geld, Macht, Wahrheit, Glaube, Liebe oder Recht regeln dabei die Autonomie der einzelnen gesellschaftlichen Teilsysteme. Luhmanns Rückgriff auf die Autopoiesis-Konzepte von Maturana und Varela markiert seine endgültige Abkehr vom Parsonsschen Normativismus und dessen AGIL-Schema. Soziale Ordnung, so die Pointe, hat mit Konsens wenig zu tun – sie ist Ergebnis einer fortwährenden, potenziell disruptiven Selbstorganisation im Kontinuum zwischen Verbindung und Differenzierung.

Im archaischen Griechenland gilt Schmerz als unbegründetes, den Göttern willkürlich zugeschriebenes Schicksal; die dazugehörige Tugend besteht darin, Schmerz mit Fassung zu ertragen, um die eigene Würde zu bewahren. Mit Hippokrates vollzieht sich ein Umbruch: Krankheit wird nun als Ungleichgewicht der vier Körpersäfte erklärt, verursacht durch individuellen Lebensstil statt göttlichen Willen – eine erste Säkularisierung und Rationalisierung der Schmerzdeutung. Diese Humoralpathologie verbindet körperliche mit psychischer Konstitution und begründet ärztliche Diagnose und Therapie als eigenständige gesellschaftliche Praxis. Krankheit hatte dabei zugleich soziale Konsequenzen – etwa den Ausschluss aus öffentlichen Ämtern –, und der Zugang zu Behandlung war klassenabhängig.

Das Christentum rechtfertigt Leid demgegenüber als gerechte Strafe für die Sünde der Freiheit, verbindet es aber zugleich mit einer Erlösungsfunktion im Hinblick auf das ewige Leben. Christus als leidender, unschuldiger Gottmensch liefert das Modell für sinnstiftendes Leiden. Anders als die diesseitig-menschliche griechische Hoffnung ist die christliche Hoffnung absolut und jenseitig verankert, fußend auf der jüdischen Bundesidee der Treue Gottes.

Die Säkularisierung beschreibt Condorelli selbst als Mikro-Makro-Mikro-Prozess: Sie schwächt gemeinschaftliche Bindungen wie kirchliche Praxis, verlagert Verantwortung ins Individuum und lässt Gott als Erklärungsinstanz entfallen. Weil das Individuum „hier und jetzt“ glücklich sein will, wird Schmerz zunehmend an medizinische Institutionen delegiert – ein Prozess, den kritische Soziologen wie Illich und Freidson als „Medikalisierung“ bezeichnen, bei dem Schmerz auf ein bloßes, medikamentös zu beseitigendes Symptom reduziert wird. Auch heute ist Schmerz sozial ungleich verteilt: Mit Einkommen und Bildung steigen Lebenserwartung und Gesundheitszustand, während benachteiligte Gruppen häufiger chronisch krank sind und schlechteren Zugang zu Therapie haben.

Vor diesem Hintergrund unterscheidet Condorelli vier Haltungen, die im heutigen pluralistischen Deutungsangebot koexistieren: Man kann sich Gott und seinem Willen überlassen und im Leiden Christi Sinn finden; man kann atheistisch sein und nur der Technik vertrauen; man kann an ewige Glückseligkeit glauben und dem Schmerz eine sühnende Funktion zuschreiben; oder man glaubt ausschließlich an irdisches Glück, wodurch Schmerz als bloß identitätszerstörend codiert wird. Ihre These: In der Gegenwart hat sich im fortlaufenden Wechselspiel zwischen Verbindung und Differenzierung vor allem die letzte, säkulare Haltung durchgesetzt.

Aus dieser kulturellen Weltoffenheit – dem Gegenteil der christlichen „Weltverweigerung“ – folgt für Condorelli, dass Schmerz aus dem kulturellen Bewusstsein zunehmend ausgeblendet wird. Als Bezugspunkt zieht sie Durkheims Le Suicide heran: Wie bei Durkheim habe wachsender Individualismus einen paradoxen Nebeneffekt, indem er soziale Bindungen schwächt – ein Effekt, den Condorelli nun auf Krankheit und Schmerz übertragen sieht. Sie beschreibt einen kulturellen Kult der Jugendlichkeit, Gesundheit und Fitness, in dem Krankheit, Schmerz und die Fürsorge für andere als Belastungen und objektive Hindernisse erscheinen. Dies führe zu einer fortschreitenden Verdrängung von Endlichkeit und Verletzlichkeit – mit der Folge, dass Menschen ohne Bewältigungsmittel zurückbleiben, sobald die Medizintechnik an ihre Grenzen stößt.

Besonders deutlich wird für Condorelli die relationale Konsequenz: Während Schmerz früher primär eine familiäre Beziehung war, gemeinsam erlebt von Pflegenden wie Gepflegten, ist Hospitalisierung heute eine kulturell vorgesehene, von den Sozialsystemen bereitgestellte Option. Diese Auslagerung von Krankheit aus der familiären Fürsorge in spezialisierte Institutionen schwächt nach ihrer Auffassung gerade jene Beziehung, in der Schmerz zuvor vollständig erfahren wurde – und verstärkt dadurch die Einsamkeit der Leidenden. Condorelli spitzt dies zu: Die vom Sozialsystem anerkannte Freiheit führe überraschend dazu, dass eine „Sozialisierung zum Schmerz“ – analog zur Sozialisierung zum Alter – faktisch fehlt und die kantische Verantwortungsübernahme geschwächt wird.

Statt einer abschließenden Antwort formuliert Condorelli eine bewusst offene, provokante Frage: Sind die Menschen heute egoistischer geworden, oder waren sie es schon immer, und relationale Freiheit macht diese Tendenz nur sichtbar? Verweigern diejenigen, die nicht leiden, anderen die Hilfe nicht aus Unwillen, sondern aus Angst, im eigenen Lebensrhythmus zurückzubleiben und keine Zeit zum Anhalten zu haben ? Diese Fragen berühren nach Condorelli grundsätzliche Verhältnisse von Natur und Kultur, die sich soziologisch gerade durch den Verweis auf die symbolische Komplexität des Sozialsystems begreifen lassen – ein System, das Schmerz relational konstituiert und damit auch relational wieder zum Verschwinden bringen kann.

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2 Kommentare

  1. Stefan Beher sagt:

    Was hier als Defizit beschrieben wird, scheint mir systemtheoretisch eher der Preis funktionaler Differenzierung: personale Beziehungen werden in modernen Gesellschaften ja nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil in vielerlei Hinsicht intensiviert und eben in Spezialkontexten ausdifferenziert; in der medizinischen Behandlung treten sie aber logischerweise zugunsten ebenso spezialisierter und genau deshalb viel leistungsfähigerer Formen der Problembearbeitung (i.S. von Schmerzreduktion auf physiologischer Ebene) zurück.

    Irgendwie dann schon ein bisschen strange, sich auf Luhmann zu berufen und das nicht zu sehen.

  2. Rufer Martin sagt:

    Interessanter, bedenkenswerter Exkurs. Allerdings stösst eine „soziologisch-sozialhistorische“ Sichtweise dort an die Grenzen, wo in persönlicher (Schmerz-) Betroffenheit das persönliche Erleben (innen) Regie führt und sich der Kontrolle (aussen) auch entziehen kann. So wird z.B. mit dem Angebot von begleitetem Suizid (Exit) in „Selbstregulation“ im Umgang mit Schmerz eine (medikalisierte) Alternative sowohl zur familiären Fürsorge wie auch zur Hospitalisierung möglich.

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