
Mit dem Tode von Hans-Christoph Vogel, der am 22. Juni 2026 im Alter von 83 Jahren verstorben ist, verliert die Soziale Arbeit einen Theoretiker, der zur Erweiterung professioneller Möglichkeiten wichtige Impulse aus konstruktivistischer Perspektive beigetragen hat.
Hans-Christoph Vogel gehörte zu jener Generation von Hochschullehrern, die in den 1980er und 1990er Jahren die Programmatik einer systemisch‑konstruktivistischen Sozialen Arbeit an der Hochschule Niederrhein mitentwickelt haben. Gemeinsam mit Theodor M. Bardmann und Heinz J. Kersting initiierte er in Mönchengladbach einen Diskurs über Konstruktivismus und Systemtheorie, der mehrere Studentengenerationen für erkenntnistheoretische Selbstreflexion und theoretische Präzision in der Sozialen Arbeit gewinnen konnte.
In diesem Kontext entstand ein interdisziplinärer Arbeitskreis „Konstruktivismus in der Sozialen Arbeit“, in dem Vertreter aus Organisations‑ und Verwaltungswissenschaft, Pädagogik, Soziologie und Praxis gemeinsam an den Konsequenzen konstruktivistischen Denkens für Sozialarbeit und Sozialpädagogik arbeiteten. Aus diesen Kolloquien ging u. a. der Sammelband „Irritation als Plan. Konstruktivistische Einredungen“ hervor (leider nur noch antiquarisch zu erhalten), zu dem Vogel beigetragen hat. Seine Arbeit war eingebettet in die Rezeption von Autoren wie Gregory Bateson, Humberto R. Maturana, Niklas Luhmann, Paul Watzlawick und Heinz von Foerster, deren Konzepte – Autopoiesis, strukturelle Koppelung, Kontingenz, Beobachtung zweiter Ordnung – er für Sozialarbeitswissenschaft und Beratungspraxis fruchtbar gemacht hat.
In dem erwähnten Beitrag „Organisationen. Rationalistisches und Konstruktivistisches zum Planungsprozess“ beschreibt er ausgehend von einer Kritik klassischer Planungslogiken und des Rationalitätsmythos organisatorischer Sozialsysteme Planung als selbstreferentielle Operation autopoietischer Systeme, die nicht auf eine ihnen äußerliche Wirklichkeit zugreifen, sondern rekursiv auf eigene Daten reagieren. Planung wird dadurch nicht mehr als Instrument zur Absorption von Unsicherheit verstanden, sondern als Form der Wirklichkeitskonstruktion, die selbst Irritation erzeugt und aufnehmen muss.
In dieser Perspektive sind Irritationen keine Defizite, die durch „bessere“ Methoden zu eliminieren wären, sondern notwendige Bestandteile jeder Planung, weil Veränderung immer mit Neu‑Konstruktion von Wirklichkeit einhergeht. Vogel steht damit für eine konsequente konstruktivistische Wendung: Die Anerkennung der prinzipiellen Nichterkennbarkeit einer objektiven Wirklichkeit führt nicht zu Resignation, sondern zu einem anderen Verständnis von Intervention, das auf das Gestalten von Kommunikationsprozessen und Beobachtungswechseln zielt. Heiko Kleve ordnet diese Arbeiten im Rahmen des „Aachener Konstruktivismus“ ein, der zeigt, „in welch kreativer Weise konstruktivistisches Denken die Soziale Arbeit und die Supervision … befruchten kann“ (Kleve 2011, S. 508).
Vogels Texte trugen dazu bei, die die klassischen Grundpostulate der Sozialen Arbeit – Hilfe zur Selbsthilfe, Nicht‑Machbarkeit fremder Veränderung, Primat der Kommunikation – erkenntnistheoretisch zu unterlegen. Ausgehend von Autopoiesis, struktureller Koppelung und Kontingenz wird begründet, warum professionelle Einflussnahme sich auf das Anregen von Selbstveränderungsprozessen und das Stiften von Kommunikation beschränken muss, statt auf direkte Steuerung zu setzen. Die Konsequenzen dieser Einsicht für sozialarbeiterische Methoden und Organisationsformen wurden in gemeinsamen Arbeiten mit Bardmann und Kersting in Lehr‑ und „Werkbüchern“ zur Organisationsberatung und Supervision ausgearbeitet.
Erfolg professioneller Praxis wird hier nicht mehr über normativ fixierte Zielerreichung definiert, sondern über die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten von Klientensystemen und Organisationen. Vogels Denken trug dazu bei, dass die notorisch „ungeklärte“ Identität der Sozialen Arbeit – ihre Eigenschaftslosigkeit – als funktionale Offenheit anstatt als Defizit interpretiert werden kann, die sie anschlussfähig an unterschiedliche gesellschaftliche Problemlagen hält. Damit steht er für eine Professionstheorie, die die eigene Kontingenz akzeptiert und gerade dadurch lern‑ und irritationsfähig bleibt.
Die konstruktivistische Perspektive Vogels hat über die Sozialarbeitswissenschaft hinaus auch Impulse in die frühkindliche Bildung und Kindergartenpädagogik gegeben. In systemtheoretisch informierten Konzepten frühkindlicher Erziehung wird betont, dass Kinder als eigenlogische psychische und soziale Systeme verstanden werden müssen, deren Entwicklung über strukturelle Koppelung und Kommunikation angeregt, aber nicht deterministisch gesteuert werden kann. Pädagogische Angebote im Elementarbereich werden dabei als Kommunikationsformen gelesen, die Unterschiede setzen und damit Informationsprozesse im Sinne von Batesons Diktum des „Unterschieds, der einen Unterschied macht“ initiieren.
In dieser Sichtweise erhalten Motive wie „Irritation als Plan“ eine konkrete pädagogische Bedeutung: Frühpädagogik zielt nicht auf Abrichtung an vorgegebene Normen, sondern auf das Eröffnen und Stabilisieren vielfältiger Anschlüsse, in denen Kinder ihre eigenen Konstruktionen entwickeln und erweitern können.
Mit Hans-Christoph Vogel verliert die systemische Szene einen Theoretiker, der sein akademisches Arbeiten konsequent mit der Aufgabe verband, professionelle Praxis für die Zumutungen konstruktivistischer Erkenntnistheorie zu öffnen. Seine Texte vermeiden Heilsversprechen und beharren darauf, dass Steuerungsvorstellungen sich an den Grenzen autopoietischer Systeme brechen, während aus der Anerkennung dieser Grenzen neue Formen der Intervention entstehen können.
Wer heute über systemische Sozialarbeit, über Autopoiesis in Beratungsprozessen oder über die Konsequenzen systemtheoretischer Modelle für frühkindliche Bildung nachdenkt, sollte sich an die Spuren erinnern, die Hans-Christoph Vogel gemeinsam mit den Aachener Mitstreitern gelegt hat. Sein Werk lädt dazu ein, den Diskurs über Konstruktivismus in Sozialer Arbeit und Pädagogik lebendig zu halten.
Literatur
Bardmann, Theodor M. / Kersting, Heinz J. / Vogel, Hans-Christoph / Woltmann, Bernd (1991): *Irritation als Plan. Konstruktivistische Einredungen. Aachen (Kersting)
Bardmann, Theodor M. / Kersting, Heinz J. / Vogel, Hans-Christoph (1992): *Das gepfefferte Ferkel. Lesebuch für Sozialarbeiter und andere Konstruktivisten.* Aachen (Kersting).
Kleve, Heiko (2011): Vom Erweitern der Möglichkeiten. Der Konstruktivismus in der Sozialen Arbeit. In: Pörksen, Bernhard (Hrsg.): *Schlüsselwerke des Konstruktivismus.* Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 507–519.
Vogel, Hans-Christoph: Systemtheorie in der Kindergartenpädagogik. In: *Kindergartenpädagogik – Online-Fachportal*, Rubrik Soziologie/Systemtheorie.