
Heute wird Eve Lipchik, die am 2. August 1931 in Wien geboren wurde, 95 Jahre alt – und systemagazin gratuliert von Herzen. An dieser Stelle ist schon zu früheren Gelegenheiten einiges zu Eve Lipchik veröffentlicht worden, u.a. ein großes Interview über ihr Leben, das Corina Ahlers und ich gemeinsam mit ihr 2014 führen durfte. Nach dem „Anschluss“ Österreichs floh sie als Kind einer jüdischen Familie mit ihrer Mutter in die USA und wurde später zu einer der prägenden Gestalten der lösungsfokussierten Kurztherapie. Zusammen mit Steve de Shazer, Insoo Kim Berg und anderen gehörte sie zum ursprünglichen Kreis am Brief Family Therapy Center in Milwaukee, aus dessen Arbeit die Solution-Focused Brief Therapy hervorging.
Aus Anlass ihres 95. Geburtstages möchte ich noch einmal auf ein Buch zurückzukommen, das für das Verständnis ihrer theoretischen Eigenständigkeit innerhalb des lösungsfokussierten Feldes bis heute zentral ist: „Beyond Technique in Solution-Focused Therapy: Working with Emotions and the Therapeutic Relationship“ (Guilford), das in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Von der Notwendigkeit, zwei Hüte zu tragen“ 2011 im Carl-Auer-Verlag erschienen ist.
Wer sich mit ihren Ideen und Konzepten intensiver auseinander setzt, erkennt, dass sie sich zwar als Teil der Entstehungsgeschichte des lösungsfokussierten Ansatzes versteht, zugleich aber immer darauf bestanden hat, dass das therapeutische Gespräch nicht in einer Methode aufgeht, nur der Vorbereitung einer am Ende präsentierten „Botschaft“ dient oder als Sammlung erfolgreicher Fragen verstanden werden kann. Ihr war immer wichtig zu betonen, dass es eine Theorie des therapeutischen Handelns erfordert, die Beziehung, Emotion, Sprache und Kontext zusammen denken muss, da nur so eine Reduktion auf Technik vermieden werden kann.

Lipchiks Buch ist zunächst als Einspruch gegen eine Entwicklung innerhalb der lösungsfokussierten Therapie zu lesen, die sie früh als Verengung wahrgenommen hat. Der Ansatz war im Feld berühmt geworden durch seine pragmatischen, eleganten und ökonomischen Techniken: Ausnahmefragen, Wunderfrage, Skalierungen, Aufgaben. Gerade dieser Erfolg hatte jedoch den Preis, dass die Technik oft vom theoretischen und interaktionellen Kontext abgelöst wurde und SFT dadurch formalistisch, mechanisch oder im schlimmsten Fall als leicht reproduzierbare Fragestrategie missverstanden werden konnte.
Für Lipchik besteht das Problem aber nicht in den Techniken selbst, sondern in deren Entkontextualisierung. Ein therapeutisches Modell wird erst dadurch tragfähig, dass seine Interventionen in einer Theorie der emotionalen Beziehung, Veränderung und Kommunikation verankert sind. Deshalb plädiert sie für eine Rückverschiebung „jenseits der Technik“: weg von der Frage, welche Frage als Nächstes gestellt werden sollte, hin zu der Frage, unter welchen relationalen und emotionalen Bedingungen eine Intervention für bestimmte Klienten überhaupt anschlussfähig werden kann.
Die theoretische Eigenständigkeit ihres Buches zeigt sich dort, wo Lipchik sich vom späteren sprachphilosophischen beziehungsweise postmodern gewendeten Verständnis der SFT absetzt. Sie kritisiert, dass die lösungsorientierte Therapie unter dem Einfluss postmoderner Theorie zunehmend auf „nichts als Sprache“ reduziert worden sei. Zwar teilt sie den konstruktivistischen Grundimpuls, dass Wirklichkeiten nicht einfach entdeckt, sondern kommunikativ erzeugt werden; sie hält es jedoch für unzureichend, daraus eine Therapieauffassung zu machen, in der Sprache mehr oder weniger als alleiniges Medium erscheint.
Für Lipchik bleibt Sprache wichtig, aber sie ist für sie immer in lebende, fühlende und relationale Systeme eingebettet. Sie muss daher nicht nur als sprachliche Form, sondern als Bestandteil einer biologisch, emotional und interaktionell verfassten Situation verstanden werden. Damit verschiebt sich das Zentrum des Ansatzes von der sprachlichen Konstruktion auf die Verschränkung von Kommunikation, Affekt und Beziehung, die zum eigentlichen Gegenstand der Theorie wird.
Für diese Erweiterung greift Lipchik auf Theoriequellen zurück, die im lösungsfokussierten Diskurs zwar randständig präsent waren, von ihr aber zu einem eigenen Denkzusammenhang verbunden werden. Dazu gehören Harry Stack Sullivan, Gregory Bateson, Milton Erickson und vor allem Humberto Maturana und Francisco Varela. Von Sullivan übernimmt sie die Idee des Therapeuten als „teilnehmenden Beobachters“ und die Einsicht, dass Probleme und Lösungen nicht unabhängig von interpersonalen Beziehungen und den darin erzeugten Zuständen von Angst oder Sicherheit verstanden werden können.
Mit Maturana und Varela gewinnt diese Perspektive eine biologische begründete Tiefendimension. Deren Beschreibung lebender Systeme als autopoietische, strukturdeterminierte Einheiten läuft darauf hinaus, dass Therapeutinnen und Therapeuten Klienten nicht kausal verändern, sondern nur Perturbationen anbieten können, auf die Klienten gemäß ihrer eigenen Struktur reagieren, eine Erkenntnis, die schon früh in den systemischen Kanon Einzug gehalten hat. Diese eigene Struktur in ihrer Verwobenheit in Interaktionsgeschichte und -zusammenhänge ist aber eben – und diese Erkenntnis ist im systemischen Feld erst spät zum Zuge gekommen – nicht nur kognitiv zu verstehen und über Sprache allein zu erreichen, sondern wesentlich an die enthaltenen affektiven Beziehungserfahrungen gebunden.
Systemtheoretisch lässt sich das so formulieren: Das therapeutische System operiert nicht durch lineare Steuerung, sondern durch das Angebot von Differenzen, an die das psychische und soziale System des Klienten anschließen kann oder auch nicht. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Welche Intervention bewirkt welche Veränderung?, sondern: Welche Form der Irritation ist in welcher Beziehungskonstellation für dieses System verarbeitbar? Genau deshalb ist bei Lipchik die Haltung des Nicht-Wissens kein bloßer postmoderner Gestus, sondern eine erkenntnistheoretischen Konsequenz der Eigenlogik lebender Systeme.
Der vielleicht wichtigste Beitrag des Buches liegt in der Rehabilitierung der Emotionen. Lipchik beschreibt ausdrücklich, dass diese in der lösungsfokussierten Therapie lange eher als unerwünschtes Thema behandelt wurden, weil man befürchtete, sie könnten vom Positiven, vom Zukunftsbezug oder vom Ressourcenfokus wegführen. Ihre Gegenthese lautet, dass gerade in therapeutischen Sackgassen häufig erst das ernsthafte Gespräch über Gefühle wieder Bewegung ermöglicht.
Das bedeutet keineswegs eine Rückkehr zu einer problemfixierten oder regressiven Therapieform. Vielmehr versteht Lipchik Emotionen als konstitutiven Teil jeder Lösungssuche, weil Menschen nicht nur in sprachlichen Beschreibungen, sondern immer auch in affektiven Zuständen leben und entscheiden. Sicherheit, Hoffnung, Scham, Ambivalenz, Schuld, Trauer oder Erleichterung sind nicht nur „Begleitmusik“ des therapeutischen Gesprächs, sondern Bedingungen dafür, was in einem Gespräch überhaupt gesagt, gehört und als bedeutsam erlebt werden kann.
Damit gewinnt auch die therapeutische Beziehung einen anderen Status. Sie ist nicht nur günstiger Kontext für den Einsatz wirksamer Fragen, sondern ein eigener Wirkfaktor. Der Therapeut erscheint bei Lipchik nicht als elegante Frageninstanz, sondern als Person, die durch Respekt, Akzeptanz, Wärme, Timing und die Fähigkeit zur affektiven Resonanz die Bedingungen mitgestaltet, unter denen ein Klient seine eigenen Ressourcen wieder in Anspruch nehmen kann.
Besonders aufschlussreich ist, wie Lipchik die klassischen lösungsfokussierten Annahmen neu einordnet. Aussagen wie, dass jede Situation einzigartig sei, dass Klienten über Stärken und Ressourcen verfügten, dass Veränderung ständig stattfinde, dass es keinen „Widerstand“ gebe oder dass kleine Veränderungen große Folgen haben könnten, erscheinen bei ihr nicht als bloße Merksätze für Praktiker, sondern als Elemente einer konsistenten Theorie lebender, sich selbst organisierender Systeme.
Diese Annahmen beschreiben, welche Beobachtungsweise Therapeutinnen und Therapeuten wählen sollten. Wer nicht in Pathologie, Defizit und Widerstand denkt, sondern in Einzigartigkeit, Kooperationslogik, Variabilität und Ressourcen, verändert nicht einfach seine Sprache, sondern den gesamten epistemischen Zugriff auf den Fall. In diesem Sinn könnte man sagen: Lipchik transformiert die lösungsfokussierten „beliefs“ in ein beobachtungstheoretisches Programm, das mit systemtheoretischen und konstruktivistischen Prämissen deutlich enger verbunden ist, als es auf den ersten Blick erscheint.
Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Erscheinen des englischen Originals hat das Buch wenig von seiner Aktualität verloren. Das liegt erstens daran, dass viele Missverständnisse, gegen die Lipchik schrieb, weiterhin im Feld zirkulieren: die Reduktion lösungsfokussierter Arbeit auf Gesprächstechniken, die Vernachlässigung affektiver Prozesse und die Versuchung, theoretische Reflexion zugunsten methodischer Verwertbarkeit beiseite zu schieben. Gerade in Bezug auf Ausbildungszusammenhänge, in denen Verfahren leicht in Form standardisierter Tools vermittelt werden, wirkt ihr Einspruch bemerkenswert frisch.
Zweitens ist das Buch deshalb besonders lesenswert, weil es eine seltene Verbindung herstellt: zwischen der historischen Innenperspektive einer Mitbegründerin des lösungsorientierten Ansatzes, einer durchdachten inhaltlichen Kritik des eigenen Feldes und einer klinisch außerordentlich differenzierten Darstellung therapeutischer Praxis. Lipchik schreibt nicht gegen die lösungsfokussierte Therapie, sondern aus ihrer Mitte heraus und zugleich über sie hinaus. Eben darin liegt die bleibende Stärke dieses Buches: Es verteidigt den lösungsfokussierten Ansatz durch seine Vertiefung und Erweiterung.
Zum 95. Geburtstag von Eve Lipchik lässt sich deshalb sagen: Wer verstehen will, warum lösungsfokussierte Therapie mehr ist als die Kunst des Fragens, warum Beziehung und Emotion kein Zugeständnis an andere Schulen, sondern immanente Bestandteile des Ansatzes sind, und warum theoretische Präzision der klinischen Nützlichkeit nicht entgegensteht, sondern sie erst ermöglicht, sollte dieses Buch noch immer mit großem Gewinn lesen können.
Ihre therapeutische Karriere hat erst spät begonnen, nachdem sie sich in den ersten Jahrzehnten nach ihrer Flucht in die USA „wie eingefroren“ gefühlt hatte, ein Zustand, der sich erst durch eine Therapie auflöste und ihr einen Zugang zu ihrer Lebensgeschichte ermöglichte. Die Arbeit an der Entwicklung des lösungsorientierten Ansatzes hat ihr dabei wohl sehr geholfen. Dass sie nach allem Leid, das sie in ihrer frühen Lebensgeschichte erfahren musste, wieder nach Österreich reiste und dort viele Seminare und Vorträge über ihren Ansatz hielt, war und ist ein großes Geschenk für die deutschsprachige Community. Bis ins hohe Alter hat Eve Lipchik ihre Praxis geführt und erzählte mir noch vor wenigen Jahren, dass sie immer noch gerne als Supervisorin konsultiert werde. In den vergangenen Jahren hat sie, die dem Faschismus als Kind knapp entronnen war, bestürzt den Rutsch der USA in den Autoritarismus und das Aufziehen eines neues Faschismus erleben müssen.
Liebe Eve, zum 95. Geburtstag alles Gute und Liebe! Möge es dir auch in der kommenden Zeit gut gehen. Und möge die Welt eine bessere werden. Für deinen Beitrag dazu sei dir herzlich gedankt!
Lieber Tom, danke für diese Würdigung zum 95. Geburtstag von Eve Lipchik. Ich bin froh, dass wir sie oft zu Fortbildungen nach Wien eingeladen haben. Wir haben damit eine Rückkehr in ihre Geburtsstadt initiiert. Ich habe mit ihr und ihrem Mann Elliot das Wohnhaus besichtigt, indem sie aufgewachsen ist und sie hat auch ihre dramatische Fluchtgeschichte mit mir geteilt. Damals konnten wir uns nicht vorstellen, dass faschistische Bewegungen sich wieder so verbreiten. Ich hoffe das Eve die Abwahl des Trump- Systems erleben darf.
Danke, lieber Tom, für diese schöne Würdigung und die Ausführungen, die hoffentlich Gehör (bzw. Geles) finden!
Ich durfte Eve Lipchik in Wien kennenlernen und habe sie sehr geschätzt
Alles Gute!
Sabine Klar