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Umgang mit Diagnosen – Rassismus-Kontroverse

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Der kritische Blick auf Diagnostik und Diagnosen gehört ins Zentrum des systemischen Ansatzes. Auch wenn dazu in den vergangenen Jahrzehnten schon viel geschrieben und veröffentlicht wurde, hat die Bedeutung des Themas seit der sozialrechtlichen Anerkennung der Systemischen Therapie nicht nachgelassen. Ganz im Gegenteil kann man vermuten, dass die nun bestehende Notwendigkeit, vermittels ICD-Diagnosen mit anderen Akteuren im Gesundheitssystem kommunizieren zu müssen, zu einer zunehmenden gewohnheitsmäßigen Anpassung nicht nur an die diagnostische Sprache, sondern auch an die dahinter liegende medizinische Krankheitslogik geführt hat. Das lässt sich auch durchaus in systemischen Ausbildungskontexten beobachten. 

Die aktuelle Ausgabe der Familiendynamik ist daher erfreulicherweise dem Schwerpunktthema „Systemischer Umgang mit (Kinder-)Diagnosen“ gewidmet und versammelt dazu vier Beiträge, die das Spannungsfeld von psychiatrischer Diagnostik, systemischer Kritik und pragmatischer Orientierung ausloten. Diagnostik wird dabei weder schlicht verworfen noch als neutrale, folgenlose Fachsprache behandelt.

Filip Cabys Beitrag „Multiperspektivisch diagnostizieren und klassifizieren bei Kindern und Jugendlichen geht!“ entfaltet dieses Spannungsfeld aus klinischer Perspektive. Caby zeichnet die Geschichte psychiatrischer Klassifikationssysteme nach, diskutiert die problematische Rolle von ICD und DSM, geht auf das Labeling-Risiko von Diagnosen ein und stellt anhand von multiaxialen und mehrdimensionalen Modellen aus der Sozialpädiatrie und Jugendhilfe wie MAS, MSDS, MBS sowie ICF und ICF-CY ausführlich Möglichkeiten einer ressourcen- und teilhabeorientierten Erweiterung klassischer Diagnostik vor. Für ihn erschöpft sich Diagnostik nicht in Klassifikation, sondern lässt sich fachlich weiterentwickeln, wenn man die Frage ernst nimmt, was eine Diagnose für Betroffene, Familien und professionelle Praxis tatsächlich hilfreich macht.

Wilhelm Rotthaus bringt die systemische Kritik an psychiatrischen Diagnosen im Kindes- und Jugendalter zugespitzter auf den Punkt. Seine „Zehn Thesen“ machen deutlich, dass psychiatrische Diagnosen allzu leicht dazu verführen, das aus der somatischen Medizin stammende Krankheitsverständnis auf psychische Störungen zu übertragen, obwohl diese nur kontextabhängig, dimensional und als Resultat sozialer Konstruktionsprozesse verstanden werden können. ICD und DSM sind keine tragfähigen Beschreibungen einer ontischen Realität, sondern historisch gewachsene, (fach)politisch hergestellte Übereinkünfte von Expertengruppen, die für Forschung, kollegiale Verständigung und Finanzierung zwar unverzichtbar geworden sind, deren Gebrauch aber kritische Distanz verlangt. Rotthaus stellt in seinem Beitrag die unterschiedlichen Aspekte der systemische Skepsis gegenüber dieser Form der Diagnostik in übersichtlicher und nachvollziehbarer Weise zusammen.

Sebastian Baumann kritisiert die zunehmende Dominanz individueller und biologisch ausgerichteter Diagnosen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und beschreibt, wie dadurch systemische Sichtweisen auf Symptome als Ausdruck sozialer, familiärer und institutioneller Kontexte in den Hintergrund geraten. Diagnosen, so Baumanns Grundgedanke, erzeugen eine scheinbare Klarheit, individualisieren aber häufig Probleme, die in Beziehungen, in Organisationen oder in gesellschaftlichen Verhältnissen mit hervorgebracht werden. Das Editorial bündelt diese Perspektive in dem prägnanten Satz: „Wo wir psychiatrisieren, müssen wir die Systemfrage nicht mehr stellen.“ Baumann plädiert demgegenüber für funktionale Betrachtungen von Verhalten, für Kontextsensibilität und für mehr Beziehungsarbeit statt Etikettierung.

Jörn de Haen nähert sich dem Autismus-Spektrum aus systemischer Perspektive, setzt aber einen anderen Akzent als Caby und Rotthaus. Während diese die biologische Dimension psychiatrischer Diagnostik eher kritisch beleuchten, beschreibt de Haen Autismus stark in neurologischen und neuropsychologischen Begrifflichkeiten und als besondere Form der Informationsverarbeitung. Auch innerhalb systemischer Zugänge bleibt also durchaus offen, wie stark neurobiologische Modelle integriert oder relativiert werden sollen. Das Editorial würdigt de Haens Beitrag ausdrücklich als abwägenden, ressourcenorientierten Blick auf das autistische Spektrum.

Manfred Vogt als Autor der Rubrik des „Besonderen Falls“ bezieht sich ebenfalls auf das Rahmenthema der Diagnostik in der Systemischen Therapie. Er plädiert, das diagnostische Dilemma eines Entweder-Oder in ein „Sowohl-als-auch“ zu überführen, das er als – gleichwohl fragile – dritte Seite der Medaille beschreibt.

„Kontroverse Beiträge zum ,Rassismus‘-Heft 1/24“

Neben dem Schwerpunktthema werden in der Rubik „Seiten-Blicke“ unter der Überschrift „Kontroverse Beiträge zum ,Rassismus‘-Heft 1/24“ zwei Positionen einander gegenübergestellt, die nicht zum Diagnostik-Schwerpunkt gehören, sondern laut Editorial einen „Diskursraum: Rassismus und Widerstreit“ markieren sollen. Es handelt sich um einen Text von Stefan Beher über die „Beschädigung professioneller Standards in der Psychotherapie durch deren Politisierung – am Beispiel des Themenhefts »Rassismus« der FD (1/24)“ sowie um einen Artikel von Johannes Czollek über „Spaltende Debatten über Diskriminierungskritik“, der sich allerdings nicht auf das Heft 1/24 bezieht, sondern sehr im Allgemeinen verbleibt.

Die editorischen Umstände dieser Veröffentlichungen werfen ein paar Fragen auf. Wie bei allen Veröffentlichungen üblich, gibt es bei Stefan Behers Artikel eine Information über das Datum der Einreichung. Seinen Text, in dem er sich kritisch mit dem Fokus der „Macht- und Rassismuskritik“ auseinandersetzt, hatte er bereits im Februar 2024, also sehr zeitnah nach Erscheinen des kritisierten Heftes eingereicht. Darin argumentiert er gegen eine Politisierung der systemischen Therapie aus einer professionssoziologischen Perspektive. In einer – ziemlich unüblichen – editorischen Vorbemerkung der Herausgeber neben dem Einreichungsdatum unmittelbar vor Behers Text heißt es nun, im Anschluss an die Einreichung habe es eine intensive Auseinandersetzung zwischen Autor, Herausgeberin und Redaktion stattgefunden, bei der einige, aber nicht alle Punkte hätten geklärt werden können, und eine Einigung über den ganzen Text sei letztlich nicht möglich gewesen. Veröffentlicht werde der Beitrag nun dennoch „in der vorliegenden Form“, „um den zeitlichen Abstand zur Ausgabe 1/24 nicht noch weiter zu vergrößern“. Angenommen worden ist der Text erst am 12.3.2026, also mehr als zwei Jahre nach seiner Einreichung!

Schon vier Wochen früher, am 11.2.2026, wurde der Artikel von Johannes Czollek angenommen, der erst am 30.9.2025 eingereicht wurde – offenbar ohne größere editorische Probleme. Abgesehen davon, dass sich der Artikel von Czollek gar nicht auf Behers Text bezieht, was für einen Diskurs ja hilfreich gewesen wäre, stellt sich schon die Frage, was dazu geführt hat, dass es zwei Jahre gebraucht hat, um eine Kritik an einem Themenheft zu publizieren, bei dem die Herausgeber offensichtlich erreichen wollten, eine „Einigung über den ganzen Text“ zu erzielen, anstatt ihn zu veröffentlichen und ggf. Kommentare dazu einzuholen. Vor allem, wenn es ihnen laut Editorial darum gegangen sei, den „Austausch von Argumenten fruchtbar zu gestalten, ohne die Polemik (über-)mächtig werden zu lassen“, was sich „als große Herausforderung“ erwiesen habe. Da der Text nun doch veröffentlicht wurde, lässt sich prüfen, worin eine (über-)mächtige Polemik erkannt worden sein könnte. Bei der Lektüre lassen sich allerdings schwerlich qualitative Gründe finden, warum er nicht schon früher hätte erscheinen sollen, außer: man ist nicht seiner Ansicht.

Inhaltlich argumentiert Beher, dass die Politisierung der Psychotherapie, die in den aktuellen systemischen Diskursen mit dem Argument, dass Therapie „nicht nicht politisch“ sein könne, weithin proklamiert wird, aus seiner Sicht deren funktionale Autonomie und ihre professionelle Standards beschädigt. Ausgangspunkt ist seine Kritik am Rassismus-Heft 1/24, dem er eine moralische Überformung des Fachdiskurses und eine Verschiebung von professioneller Problembearbeitung hin zu politisch-aktivistischen Weltbildern vorwirft. Psychotherapie, so sein Grundgedanke, habe die Aufgabe, psychische Adaptivität in konkreten Fällen zu fördern, nicht aber, politische Programme oder kollektive Glaubenssätze zu transportieren. Zentral ist dabei seine Kritik an einem maximal ausgeweiteten Rassismusbegriff. Beher unterscheidet zwischen einem engeren, alltagsnäheren Verständnis von Rassismus und einem erweiterten, aktivistisch geprägten Begriff, der immer mehr Aussagen und Situationen unter Diskriminierungsverdacht stelle. Mit Bezug auf das Konzept des „concept creep“ beschreibt er dies als schleichende Ausweitung von Begriffen, die ursprünglich klarere Phänomene bezeichneten und nun immer mildere oder uneindeutigere Fälle mit erfassen. Für die Psychotherapie sei das problematisch, weil damit die Grenze zwischen fachlicher Hypothesenbildung und normativer Vorabfestlegung unscharf werde.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Argumentation betrifft Konzepte wie „Mikroaggressionen“ und „Safetyism“. Beher kritisiert, dass intersubjektiv überprüfbare Kriterien an Gewicht verlieren, während subjektiv erlebte Verletzung oder Kränkung zum maßgeblichen Kriterium erhoben werde. Dadurch könne fast jede uneindeutige oder unbequeme Kommunikation als übergriffig gedeutet werden. Für die psychotherapeutische Praxis hält er das deshalb für dysfunktional, weil notwendige Irritation, Konfrontation oder kritische Rückfrage aus dieser Sicht leicht selbst als Aggression erscheinen können. Insgesamt versteht Beher seinen Beitrag als Verteidigung professioneller Standards gegen eine Aktivisierung der Psychotherapie, die er am damaligen Rassismus-Heft exemplarisch festmacht.

Dieser Einschätzung muss man nicht zustimmen. Dass sich aber Herausgeber einer Fachzeitschrift so schwer tun, sie zu veröffentlichen (während sogenannte „macht- und diskrimierungskritische“ Artikel seit einigen Jahren die systemischen Zeitschriften zuverlässig befüllen) gibt schon zu denken, zumal bislang nicht so viele kritische Stimmen zum gegenwärtig dominanten Diskurs dort zu finden sind. Womöglich haben die Herausgeber aber auch gewartet, bis sie dem Text einen zweiten, „diskriminierungskritischen“ Artikel zur Seite stellen konnten.

Jonathan Czollek kündigt in seiner Einleitung an, dass er Widerstände gegen diskriminierungskritische Ansätze im systemischen Feld analysiere, verbreitete Mythen und methodische Fehler identifiziere und für eine differenzierte Auseinandersetzung plädiere, die strukturelle Gewalt als professionelles Thema ernst nähme. Das ist als Programm zunächst zu begrüßen. Er schreibt, dass er „in der systemischen Literatur, im Austausch mit Kolleg:innen, in der Lehre – an vielen Stellen“ Ideen über Diskriminierungskritik begegne, „die sich sehr stark von dem unterscheiden, wie ich Diskriminierungskritik verstehe und betreibe, bei Kolleg:innen erlebe und aus der Literatur kenne. Diese Ideen halte ich für Mythen, die seit Langem existieren“.

Dabei handele es sich um den „Mythos der einheitlichen Diskriminierungskritik“, den „Mythos der Sprechverbote“, den „Mythos der Absolutsetzung von Gefühlen“, den „Mythos der polarisierenden Einteilung“ und den „Mythos der Unprofessionalität“. Dabei ergeht er sich in sehr vagen Hypothesen über die Herkunft dieser Mythen und stellenweise auch in Jammerei darüber, dass beispielsweise kritische Stimmen zur Diskrimierungskritik diese an ihrer eigentlichen Arbeit abhalten würden: „Der Mythos der Unprofessionalität führt dazu, dass diskriminierungskritische Akteur:innen aufwendig ihre Professionalität nachweisen müssen, was sie davon abhält, bessere und damit professionellere Konzepte zu entwickeln, was wiederum Ansatzpunkte für den Mythos der Unprofessionalität bietet“ (S. 249). Echt jetzt?

Des weiteren behauptet er in Hinblick auf die von ihm identifizierten Mythen: „Würden sie methodisch sauber und transparent auf den Fachdiskurs zu Diskriminierungskritik verweisen, könnten sie sich nicht halten, da dieser (wie gezeigt) den Mythen teilweise eklatant entgegensteht. Daher wird auf unterschiedliche Strategien zurückgegriffen, die aus wissenschaftlicher Perspektive als methodische Mängel betrachtet werden müssen“. „Gezeigt“ wird da aber leider eben ziemlich wenig. Seinen Text auf eigene methodische Mängel zu beobachten, fällt Czollek jedoch nicht ein. Der erste Schritt zur Untermauerung seiner Mythologisierungsthesen läge ja darin, sie an Aussagen von konkreten Personen oder Texten mit wörtlich nachprüfbaren Belegen auszuweisen. Wenn stattdessen eher auf Aussagen Bezug genommen wird, die „an vielen Stellen“ im eigenen Umfeld wahrgenommen worden seien, verliert sich die Argumentation ins Wolkige. Ein Diskursbeitrag, der methodische Mängel und mutwillige Missverständnisse kritisiert, müsste die kritisierten Aussagen möglichst präzise zitieren und verorten; sonst bleibt er selbst hinter dem methodischen Anspruch zurück, den er gegen andere erhebt. Allerdings schreibt er selbst, das Ziel seiner Arbeit sei nicht, „eine Aussage über einzelne Kritiken oder Kritik in ihrer Gesamtheit zu treffen (dafür wären Belege notwendig) [sic!], sondern eine lose Sammlung von Kriterien vorzustellen, um die Stichhaltigkeit einer Kritik in diesem Kontext zu bewerten“. Sein Vorwurf, dass manchmal „etwas Erfundenes über diskriminierungskritische Ansätze behauptet, manchmal ein besonders problematisches Ereignis oder ein Aspekt herausgegriffen [werde], ohne ihn als Teilaspekt eines Ganzen zu markieren“, lässt sich zwanglos auch gegen seinen eigenen Text wenden. Immerhin kann man Beher nicht vorwerfen, dass er seine Position nicht auf penible Quellenarbeit stützen würde.

Das Anliegen, Diskursräume offen zu halten, wie im Editorial zu lesen ist, ist sehr zu unterstützen. Dafür braucht es auch „agonalen Streit“, damit die systemische Diskurskultur nicht gänzlich im ideologisch-moralischen Aktivismus verendet.

Alle bibliografischen Angaben und abstracts zu den einzelnen Beiträgen sind wie immer hier zu finden…

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