systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

11. Oktober 2021
von Tom Levold
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Hans Jellouschek, 21.1.1939 – 22.9.2021

Ende September ist Hans Jellouschek gestorben, einer der bekanntesten und populärsten Paartherapeuten im deutschsprachigen Raum, der vor allem über seine zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Liebe, Paarbeziehungen und ihren Krisen über das therapeutische Feld hinaus wirken konnte. Über unsere Kontakte und unsere jeweilige Zusammenarbeit mit Rosmarie Welter-Enderlin hatten wir uns in den 90er Jahren kennen gelernt und uns über die Jahre immer wieder einmal auf Tagungen und anderen Veranstaltungen wieder getroffen. 2002 lud er mich ein, in seinem großzügigen Haus in Ammerbuch ein dreitägiges Seminar über Metaphern zu halten und bestand darauf, die Selbstreflexionseinheiten der Teilnehmer in Partnerarbeit mit mir zu bearbeiten. Hierdurch und durch die Spaziergänge rund um den Ort sind wir uns näher gekommen. Seine ruhige und zurückhaltende, gleichzeitig offene und neugierige Art, mit Menschen umzugehen, hat mich immer beeindruckt. Nun ist er mit 82 Jahren von uns gegangen. Wir werden ihn als Person vermissen, seine inhaltlichen Perspektiven und sein gelassener Blick auf die Risiken und Chancen von Beziehungskrisen werden uns erhalten bleiben. Wolf Ritscher, der auch seit langen Jahren mit Hans Jellouschek immer wieder zu tun hatte, hat für systemagazin einen Nachruf verfasst.

Wolf Ritscher, Unterreichenbach: Hans Jellouschek (1939 – 2021) – Therapeut, Lehrer und Schriftsteller aus Leidenschaft

Am 22.9.2021 ist Hans Jellouschek im Alter von 82 Jahren gestorben. Sein Geburtsort war das österreichische Linz, ab 1971 wurde er in Tübingen und später Ammerbuch heimisch.

Er war in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter und außergewöhnlicher Mensch. Nach seinem Abitur 1957 trat er in den Orden der Jesuiten ein – den Intellektuellen unter den katholischen Ordensgemeinschaften und studierte in diesem Kontext Theologie und Philosophie. 1968 verließ er den Orden, promovierte 1969 mit einer Arbeit über den historischen Jesus im Werk des Theologen Wolfhart Pannenberg und siedelte dann wenig später, wie schon erwähnt, ins Schwabenland über. Sein Interesse an der Psychotherapie richtete sich zunächst auf die Transaktionsanalyse nach Eric Berne, so dass er sich in diesem Verfahren als Therapeut und später als Lehrtherapeut qualifizierte. Von der Transaktionsanalyse, die ihr von der Psychoanalyse abgeleitetes Modell der psychischen Struktur (Kind-Ich, Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich) mit einem Modell der Transaktionen zwischen Personen/Rollen und zwischen den drei Ich-Strukturen verbindet, ist es nur ein kleiner Schritt zu einem systemischen Verständnis von Beziehungen und der therapeutischen Prozesse. Diesen Weg ist Hans Jellouschek gegangen – konsequent und mit einer bewundernswert ruhigen, auf missionarische Überzeugungsversuche verzichtenden Leidenschaft für sein Projekt – die Beziehung von Paaren und deren Therapie. Mit einem auch heute noch lesenswerten Buch über Stieffamilien als Co-Autor zusammen mit Verena Krähenbühl, seiner damaligen Frau Margret Kohaus –Jellouschek und Roland Weber, begann seine Karriere als Autor über Themen der Paar- und Familientherapie. In diesem Werk beschrieb das AutorInnenteam die Arbeit mit Patchworkfamilien – damals noch theoretisches und therapeutisch-praktisches Neuland – zumindest im deutschsprachen Raum. Es folgten Arbeiten über Märchenmotive, die sich in Paarbeziehungen wiederfinden lassen, z.B. das Buch über den Froschkönig. Hier wurde schon ein zentraler Aspekt seines theoretisch-praktischen Verständnisses von Paardynamik und -therapie deutlich: Paarbeziehungen bieten, wenn die PartnerInnen sich in Konflikten und Missverständnissen verstrickt haben, gerade durch diese Konflikte die Möglichkeit der gemeinsamen Weiterentwicklung. Ganz so wie im Märchen vom Froschkönig, in dem der verwünschte Prinz und die noch ziemlich in kindlichen Wunschphantasien festgefahrene Prinzessin sich finden können, weil sich das bisher negativ konnotierte Erscheinungsbild in eine neue attraktive Gestalt verwandelte. In diesem Sinne war Entwicklung die zentrale Perspektive in Hans Jellouscheks paartherapeutischem Konzept, wie auch der Zusammenklang von Paardynamik und Umwelt. Denn es finden nicht nur Prinz und Prinzessin zueinander, sondern auch Heinrich, der Diener und Kutscher wird von seinen Eisenringen befreit, die ihm seit der Verzauberung des Prinzen die Brust abschnüren – eine Metapher für die Abspaltung der nicht auszuhaltenden Gefühle des Verlassenseins und Bindungsverlustes. Systemisch gesprochen geht es hier nicht nur um eine Dyade, sondern eine triadische Weiterentwicklung.

In vielen weiteren Büchern hat Hans Jellouschek seine paartherapeutischen Erfahrungen in einer Form weitergegeben, die nicht nur das Wissen der PaartherapeutInnen bereichert hat, sondern auch in der Krise befindlichen Paaren Anregungen für eigene Lösungsprozesse finden ließ. Das machen schon Titel deutlich wie „Trennungsschmerz und Neubeginn“, „Der „Schlüssel zur Treue“, „Was heilt uns?“, „Familie werden – Paar bleiben“, „Wie Partnerschaft gelingt – Spielregeln der Liebe“, „Im Irrgarten der Liebe“ und viele mehr. Therapie muss also nicht immer im Sprechzimmer stattfinden, sondern kann sich auch im Lesen ereignen. An diesem Punkt lässt sich noch ein weiterer zentraler Aspekt seines therapeutischen Denkens und Handelns Denkens verorten: den Kompass der Entwicklung und Veränderung halten die Paare selbst in ihren Händen.

Ich habe Hans Jellouschek Anfang der neunzehnhundertachtziger Jahre auf einem Workshop mit Karl Tomm und Max van Trommel kennen gelernt. In einem Rollenspiel repräsentierte er einen Familienvater, der sich in einer psychotischen Krise befand, ich selbst war ein aufmüpfiger Teenager. Schon nach wenigen Takten des Rollenspiels war klar: hier zeigt jemand, dass er mit allen Höhen und Tiefen, allen Fallstricken aber auch positiven Handlungsmöglichkeiten alltäglicher Kommunikation vertraut ist. Dieses Wissen in Kombination mit der eigenen Lebenserfahrung hat es Hans Jellouschek ermöglicht, auch in schwierigen Situationen die therapeutische Beziehung zu erhalten und Therapie als einen sicheren Platz zu gewährleisten.

Er hatte die Gabe, aus der therapeutischen Beziehung heraus einen eigenen und selbst gestalteten Entwicklungsprozess der Paare anzuregen und sich auch zurückzuziehen, wenn diese Eigendynamik sich entfaltete. Und er war ein Lehrer für uns, die sich als Professionelle für paartherapeutische Prozesse weiter entwickeln wollten. In dieser Funktion haben wir ihn auch als hilf- und einflussreichen Wissensvermittler und Erfahrungsanreger in Workshops am Bodensee-Institut erlebt. Und ich denke, dass dies auch in anderen Ausbildungskontexten so war.

Wir haben viel von ihm gelernt, und danken ihm dafür von ganzem Herzen.

((Wolf Ritscher ist Lehrtherapeut am Bodenseeinstitut für systemische Therapie und Beratung Radolfzell)

2. Oktober 2021
von Tom Levold
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Settingwechsel als Intervention – ein Interview mit Martin Rufer

Für die letzte Ausgabe des Mitgliederjournals der ÖAS hat Johanna Schwetz-Würth ein Interview mit Martin Rufer über die Bedeutung des Settings in Therapieverläufen geführt, das sie dankenswerterweise dem systemagazin zur Veröffentlichung angeboten hat. Martin Rufer aus Bern in der Schweiz ist im systemagazin lange bekannt, als Fachpsychologe für Kinder- und Jugendpsychologie mit langer Erfahrung in der stationären Drogentherapie, Erziehungsberatung und Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitete er viele Jahre als Co-Leiter des Zentrums für Systemische Therapie und Beratung in Bern. Er arbeitet heute in freier Praxis in Bern und hat diverse Publikationen zur Theorie und Praxis von Psychotherapie/systemischer Therapie veröffentlicht.

JSW: Als wir im Redaktionsteam beschlossen, den Schwerpunkt diesmal dem Thema Setting zu widmen, sind mir gleich Sie eingefallen. Ihr Name ist ja in der deutschsprachigen systemischen Literatur mit dem Begriff „Setting als Intervention“ verbunden. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

MR: Ja gut, als Systemiker*in sind sie ja mit der Settingfrage im Prinzip ohnehin konfrontiert. Für eine Psychoanalytiker*in ist das klassische Setting ja das Einzelsetting. Als Systemiker*in sind Sie ja herausgefordert, sich zu überlegen, mit wem macht es Sinn zu arbeiten? Und ich glaube, das ist eine ganz wichtige Frage, die Sinnfrage oder die Indikation eines Settings. Es gibt für mich keine Grundregel, die besagt, jede*r Systemiker*in muss im Mehrpersonensetting arbeiten. Der Umkehrschluss gilt allerdings genauso. Und da bin ich besorgt über die Entwicklung in den letzten Jahren. Immer weniger Systemiker*innen arbeiten im Mehrpersonensetting. Es wäre eine Diskussion für sich, warum das so ist. Die Settingfrage ist wichtig für Systemiker*innen, weil man sich überlegen muss, warum und wieso beziehe ich jemanden ein, der vielleicht gar nicht unbedingt der oder die Hilfesuchende ist? Die andere Frage, die durch das Setting virulent wird, ist: Sehr oft sind die Hilfesuchenden nicht die Klient*innen selber. Speziell bei Kindern und Jugendlichen ist das sehr signifikant. Also wenn Sie z.B. mit dissozialen Jugendlichen arbeiten, dann wollen die eigentlich nichts. Dagegen wollen die Eltern etwas, nämlich für Ruhe im privaten System sorgen. Und von daher sollte man sagen, dass sie damit auch Teil eines möglichen Entwicklungsprozesses sein müssen. In meinem Buch habe ich darauf hingewiesen, dass Kinder und Jugendliche ihre Eltern eigentlich sehr oft einbeziehen wollen – wenn sie nicht gerade auf Kollisionskurs sind – weil sie nämlich merken, dass die irgendwo wichtig sind. Aber die Frage, ob ihre Eltern einbezogen werden dürfen, wird zum Teil ambivalent beantwortet. Oft wird sie einem aber fast nahegelegt. So nach dem Motto: „Ich will nichts. Vielleicht wollen Mama oder Papa was.“ Und von daher macht die Settingfrage natürlich in hohem Maße Sinn.

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30. September 2021
von Tom Levold
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Oliver König wird 70!

Heute feiert Oliver König seinen 70. Geburtstag und systemagazin gratuliert von Herzen. Schon zu seinem 65. Geburtstag habe ich ihn, der sich als Soziologe, Therapeut, Supervisor, Autor und Publizist in ganz unterschiedlichen Feldern einen Namen gemacht und auch den systemischen Diskurs mit verschiedenen Beiträgen bereichert hat, gewürdigt und als „Broker“ beschrieben, „der sich in Differenz zu den jeweiligen Konzepten und Modellen setzt und daraus Erkenntnisgewinne entwickelt, die allen Vertretern der jeweiligen mainstreams (also der Zentren) ans Herz gelegt werden können“. Eines seiner Herzensprojekte war und ist die Gruppendynamik, zu der er eine Reihe von Veröffentlichungen vorgelegt hat, unter anderem ein Kapitel über „Gruppendynamische Grundlagen“ im von Bernhard Strauß und Dankward Mattke herausgegebenen Lehrbuch „Gruppenpsychotherapie“, das auch hier im Netz zu finden ist.

In der Einleitung heißt es: „Die folgende Darstellung soll eine Einladung zur Gruppendynamik sein, ohne dass dabei die Übernahme bestimmter (hoch oder niedrig strukturierter) Arbeitsweisen impliziert wäre, also ohne in eine Konkurrenz oder einen Schulterschluss zur Selbstdefinition und Selbstbeschreibung der verschiedenen gruppenpsychotherapeutischen Vorgehensweisen und Verfahren zu gehen. In der Konsequenz läuft dies auf ein Mehrebenenmodell gruppenpsychotherapeutischen Handelns hinaus, das unterschiedliche Sichtweisen auf das gleiche Geschehen und daraus zu entwickelnde unterschiedliche Vorgehensweisen ermöglicht. Im Zentrum stehen im Folgenden sozialpsychologische, sozialwissenschaftliche und systemtheoretische Modelle, die im Hinblick auf ihre gruppenpsychotherapeutische Relevanz beschrieben werden.“

Lieber Oliver, alles Gute zum runden Geburtstag und für die kommenden Jahre! Auf dass uns dein kritischer und unabhängiger Blick auch in Zukunft begleiten möge.

29. September 2021
von Tom Levold
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Fast 6 Millionen ältere Menschen leben allein

WIESBADEN – Die meisten Menschen in Deutschland leben im Alter im eigenen Zuhause. Für eine wachsende Zahl von ihnen bedeutet dies allerdings ein Leben allein. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) zum Internationalen Tag der älteren Menschen am 1. Oktober mitteilt, lebten im Jahr 2020 rund 5,9 Millionen Menschen ab 65 Jahren allein – das war jede dritte Person (34 %) in dieser Altersgruppe. 20 Jahre zuvor waren es noch 5,1 Millionen. Wenn Partner oder Partnerin sterben, bleiben viele ältere Menschen allein zurück. Das ist der Hauptgrund dafür, dass mit zunehmendem Alter der Anteil der Alleinlebenden steigt: So lebte von den über 85-Jährigen 2020 bereits deutlich mehr als die Hälfte (58 %) allein. Gaben in der Altersgruppe 65plus noch fast zwei Drittel (62 %) an, einen Partner oder eine Partnerin zu haben, so war es in der Altersgruppe 85plus nur noch gut ein Drittel (34 %).

Das Zusammenleben mit Jüngeren unter einem Dach ist für Ältere eher die Ausnahme: Zuletzt lebten nur in 6 % der Haushalte über 65-Jährige mit Jüngeren zusammen, 25 % waren reine 65plus-Haushalte. Deren Zahl ist wegen der Alterung der Bevölkerung deutlich gestiegen: im Vergleich zum Jahr 2000 um 29 % auf 10,3 Millionen Haushalte.  Zuletzt lebten in fast jedem dritten Haushalt in Deutschland ältere Menschen: Der Anteil stieg binnen 20 Jahren von 28 % im Jahr 2000 auf 31 % im vergangenen Jahr.

82 % der über 85-Jährigen leben im eigenen Zuhause

Die überwiegende Mehrheit der älteren Menschen bleibt im eigenen Hausstand – auch im hohen Alter. Im vergangenen Jahr lebten nur etwa 4 % der über 65-Jährigen in einer Pflegeeinrichtung, einem Altersheim oder einer ähnlichen Gemeinschaftsunterkunft. Auch bei den Hochbetagten der Altersgruppe 85plus lebte weniger als ein Fünftel (18 %) in einer solchen Einrichtung.

Mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen ist 80 Jahre und älter

Mit zunehmendem Alter wächst allerdings die Zahl derer, die Unterstützung brauchen, um ihren Alltag bewältigen zu können. Die Wahrscheinlichkeit, auf Pflege angewiesen zu sein, nimmt vor allem ab dem 80. Lebensjahr deutlich zu: Waren zum Jahresende 2019 nur knapp 5 % der 65- bis 69-Jährigen pflegebedürftig, so waren es in der Altersgruppe 80 bis 84 Jahre schon 26 %. Bei den über 90-Jährigen waren bereits drei von vier (76 %) auf Pflege angewiesen. Insgesamt waren über die Hälfte (55 %) aller Pflegebedürftigen in Deutschland mindestens 80 Jahre alt – zuletzt betraf dies rund 2,3 Millionen Menschen.

Für einen Großteil der älteren Menschen bedeutet die Pflegebedürftigkeit keineswegs den Verlust ihres eigenen Zuhauses: Fast drei Viertel (74 %) der Pflegebedürftigen ab 80 Jahren wurden zuletzt zu Hause versorgt, mehr als die Hälfte von ihnen überwiegend durch Angehörige. Die Wahrscheinlichkeit, in einem Pflegeheim zu leben, nimmt mit dem Alter zu: Lebten von den Pflegebedürftigen im Alter von 65 bis 69 Jahren nur knapp 16 % in Heimen, so wurden von den über 80-Jährigen bereits 26 %, bei den über 90-Jährigen bereits 35 % in Pflegeheimen vollstationär versorgt.

22,0 % der Bevölkerung sind mindestens 65 Jahre alt

Der “Tag der älteren Menschen” wurde 1990 von den Vereinten Nationen ins Leben gerufen, um auf die Herausforderungen angesichts einer alternden Bevölkerung zu reagieren. Im vergangenen Jahr lebten in Deutschland 18,3 Millionen Menschen im Alter 65plus – das war ein Anteil von 22,0 % an der Gesamtbevölkerung. Im Zuge des demografischen Wandels ist diese Gruppe gewachsen: 2011 waren noch 16,6 Millionen Menschen hierzulande über 65 Jahre alt, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprach 20,7 %. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

23. September 2021
von Tom Levold
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Gedenken an Helm Stierlin

Helm und Satu Stierlin 2003 (Foto: Tom Levold)

Wie schon berichtet, ist Helm Stierlin am 9. September dieses Jahres gestorben. Seine langjährigen Mitarbeiter und Freunde Fritz B. Simon und Gunthard Weber haben auf der website des Carl-Auer-Verlags Nachrufe auf ihn veröffentlicht, die hier verlinkt sind. Wolf Ritscher, der sehr früh zu Helm Stierlins Studenten gehörte und über die Jahrzehnte immer in Kontakt mit ihm war, hat für systemagazin einen ausführlichen Nachruf verfasst, der heute hier neben einigen anderen Würdigungen zu lesen ist.

Wolf Ritscher, Unterreichenbach: Helm Stierlin (1926 – 2021): Ein Blick zurück

Am Donnerstag den 9. September hat Helm Stierlin im Alter von 95 Jahren unsere Welt verlassen. Er betrat sie am 12.3.1926, als ältester von drei Brüdern und diese Geschwisterkonstellation war ein ihn prägendes Muster. Wie er von 1974 bis 1991 das Team im Institut für Familientherapie in der Heidelberger Mönchhofstraße geleitet hat, war sicherlich auch ein in seiner Herkunftsfamilie gelebtes Muster: der ältere Bruder, der die Verantwortung für die jüngeren übernimmt, sie dabei unterstützt, ihren eigenen Weg zu finden und dabei selbst in der eigenen Entwicklung vorankommt. Hier zeigt sich schon das Konzept der familiären Koevolution, das Helm Stierlin immer so wichtig war. Schwestern hatte er keine, und da die Mutter ihm in der Jugendzeit innerlich fern blieb, waren es die Brüder und der oft abwesende Vater, mit denen er in einer inneren Verbindung stand. Später konnte Helm Stierlin auch die Ressourcen und positiven Seiten seiner Mutter würdigen: sie wollte Ärztin werden, und durfte es nicht, weil sie ein Mädchen war. So wurde sie Künstlerin und ging als eine Verfechterin weiblicher Selbstständigkeit in einer immer noch patriarchalisch geprägten Welt ihre eigenen Wege. Und sie hielt die Familie nach dem Tod des Vaters und eines der Brüder zusammen, bis alle wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

Helm Stierlin musste früh selbstständig und selbstverantwortlich werden und in dem Desaster des (glücklicherweise) untergegangenen „Dritten Reiches“ und der Zeit danach seinen Platz im Leben finden. Das war nicht einfach, denn der für ihn emotional wichtige Vater tötete sich in den letzten Kriegstagen selbst. Dass es eine Selbsttötung war, enthüllte ihm die Mutter erst 35 Jahre später. Wir sehen schon an diesen familiendynamischen Stichworten, dass Stierlins Wahl, zunächst für die Psychoanalyse, dann während seiner Jahre in den USA (1955 bis 1974) für die Familiendynamik und Familientherapie, auch mit seiner eigenen Herkunftsfamilie verbunden war. Diese Verknüpfung von Herkunftsfamilie und professioneller Biographie hat seine Frau Satuila in ihrem Buch „Ich brannte vor Neugier“ an Hand vieler PionierInnen der Familientherapie beschrieben.

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19. September 2021
von Tom Levold
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Über die Entstehung einer Systemtheorie des Lebens: Die konzeptionelle Verbindung von Paul A. Weiss und Ludwig von Bertalanffy

Heute vor 120 Jahren wurde der Begründer einer allgemeinen Systemtheorie Ludwig von Bertalanffy in Atzgersdorf bei Wien geboren. In den 1920er Jahren studierte er Philosophie und Biologie in Wien. In dieser Zeit lernte er den Biologen Paul A. Weiss kennen, woraus eine fruchtbare Zusammenarbeit entstand, die sich als bedeutungsvoll für die Entwicklung einer Systemtheorie des Lebens erweisen sollte. Im Jahr 2007 erschien ein Artikel von Manfred Drack, Wilfried Apfalter und David Pouvreau über die Zusammenarbeit der beiden Forscher: On The Making Of A System Theory Of Life: Paul A Weiss And Ludwig Von Bertalanffy’s Conceptual Connection, der in der Quarterly Review of Biology erschien. In diesem Artikel wird dargestellt, wie Paul A. Weiss und Ludwig von Bertalanffy begannen, ihre eigenen Perspektiven für eine Systemtheorie des Lebens zu entwickeln. Ihre Arbeiten sind vor allem in der experimentellen Biologie, wie sie an der Biologischen Versuchsanstalt Wien durchgeführt wurde, sowie in der Philosophie verwurzelt, und sie stimmen in ihren Grundkonzepten überein. Die Autoren heben die begrifflichen Verbindungen ihres Denkens hervor, darunter das Konzept des Organismus als organisiertes System, die hierarchische Organisation und das Prinzip der primären Aktivität des Organismus. Mit ihrem Systemdenken teilten beide Biologen den starken Wunsch, das zu überwinden, was sie als „mechanistischen“ Ansatz in der Biologie betrachteten. Ihre Interpretationen sind relevant für die Renaissance des Systemdenkens in der Biologie – die „Systembiologie“. Der vollständige Text des englischsprachigen Artikels kann hier gelesen werden.

16. September 2021
von Tom Levold
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Norbert Wetzel wird 85!

Heute gilt es, den 85. Geburtstag von Norbert Wetzel zu feiern, einem Mitglied der frühen familientherapeutischen Bewegung in Deutschland. In den 70er Jahren arbeitete er am Heidelberger Institut für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie bei Helm Stierlin und war Mitautor des für viele wegweisenden Buches Das erste Familiengespräch. Seine eigene familientherapeutische Ausbildung machte er er u.a. bei Salvador Minuchin, Jay Haley, Kitty LaPerriere, Don Bloch, und Charles Fishman in den USA, in die er Ende der 70er Jahre auswanderte. Neben seiner Hochschullehre widmete er sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem der systemischen Gemeinwesenarbeit, ein Feld, das hierzulande wohl eher stiefmütterlich behandelt wird – jedenfalls was die öffentliche Wahrnehmung betrifft. Von 1994 bis 2014 war er als Mitbegründer Direktor des Weiterbildungsbereiches des Center for Family, Community, and Social Justice in Princeton, New Jersey. In diesem Feld ist Norbert Wetzel nach wie vor – auch als Mitglied des Princeton Family Institutes – engagiert. Sein Schwerpunkt war und ist die Ausbildung von „Minderheiten“-Fachkräften im Bereich der psychischen Gesundheit für die Arbeit mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen in unterversorgten städtischen Gebieten. Er hat in diesem Kontext den Ansatz einer „beziehungsorientierten und kontextsensitiven Familiensystemtherapie“ (RCFST: Relationship-oriented and Context-sensitive Family Systems Therapy) als Alternative zu den verbreiteten medikalisierten und pharmakotherapeutischen Ansätzen zur Behandlung „psychischer Krankheiten“ entwickelt. Ein wichtiges Anliegen ist die Integration von Familiensystemtherapie und der Aktivierung von Familienangehörigen in der Primärversorgung und der medizinischen Versorgung chronisch kranker Patienten.

Eine Liste von Veröffentlichungen Norbert Wetzels finden Sie in der Systemischen Geschichtswerkstatt und nachfolgend können Sie die Würdigung von Michael Wirsching lesen, der in den 70er Jahren mit Norbert Wetzel in Heidelberg zusammengearbeitet hat.

Lieber Herr Wetzel, zum Geburtstag wünscht systemagazin Ihnen alles Gute, weiterhin viel Energie und Schaffenskraft und die Gesundheit, die es dazu braucht!

Michael Wirsching, Freiburg: Zum 85. Geburtstag von Norbert Wetzel (Frankfurt, Heidelberg, Princeton)

Ja, ie Systemische Therapie wird älter und mit ihr altern auch die Frauen und Männer der ersten Stunde.
Einer von denen, der uns Allen liebe und wichtige Norbert Wetzel ist in den fernen USA zum 85. Geburtstag zu beglückwünschen. Dort ist er nun schon seit Jahrzehnten das soziale Gewissen der Systemischen Therapie. Schon lange, bevor Trump alles auf die Spitze getrieben hat, hat er das soziale Ungleichgewicht vieler heutiger Gesellschaften am Beispiel seiner Wahlheimat USA angeprangert und tatkräftig bekämpft. Als Hochschullehrer an der Rutgers University sowie als Gründer und Leiter des Zentrums für Familie, Gemeinde und Soziale Gerechtigkeit in New Jersey. Gründer, der er ist, hat er auch noch das bis heute bestehende Princeton Family Institute geschaffen. Der Urzelle, dem New Yorker Ackermann Institut nachfolgend, steht auch hier das soziale Engagement, vor allem der Einsatz für sozial benachteiligte (meist farbige) Jugendliche in den elenden Großstadtslums ganz vorne an. Dazu gehört natürlich auch der Kampf gegen die alltägliche Gewalt, der diese jungen Menschen von Anbeginn ausgesetzt sind. Der Anfang dieser Arbeit war bereits in den 60ern in der Frankfurter Telefonseelsorge und in der ebenfalls von ihm begründeten sozialtherapeutischen Beratungsstelle „Offene Tür“ in Frankfurt am Main gelegt.
Zur Systemischen Therapie, damals noch Familientherapie genannt, kam Norbert Wetzel Mitte der siebziger Jahre in Heidelberg. Helm Stierlin, der gerade aus dem US NIMH als Leiter der Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie an die Psychosomatische Uniklinik Heidelberg berufen worden war, hatte ihn schon in den USA „entdeckt“, wo Norbert Wetzel an zwei renommierten Ausbildungs, Forschungs- und Behandlungszentren, dem Menninger Institut und dem Ackermann Institut arbeitete.
Da hatten sich zwei Philosophen gefunden: der bei Jaspers promovierte Arzt Helm Stierlin und der in Theologie und Philosophie promovierte Norbert Wetzel. Zum Heidelberger Team gehörten noch die beiden klinischen Psychologinnen Satuila Stierlin, Helms Ehefrau und Ingeborg Rücker-Emden, die so früh verstarb. Etwas später kam noch der Psychiater Gunthard Weber dazu. Als junger Oberarzt war ich selbst, nach 68er Medizinstudium an der FU Berlin, mittendrin. Jochen Schweitzer war Zivi, Gunther Schmidt und Wolfgang Trenkle Psychologiestudenten. Ab jetzt wurde fleißig theoretisiert und philosophiert, im Kontakt mit vielen internationalen Expert:innen, zu denen Norbert und Helm in USA, Ingeborg in Kanada und Gunthard in Mailand Kontakt hatten. Das Heidelberger Konzept nahm Gestalt an und wurde im „Ersten Familiengespräch“ als Gemeinschaftswerk veröffentlicht, und im gleichen Verlag (Klett) kam noch die Zeitschrift „Familiendynamik“ dazu. Eine immer rappelvolle Vorlesung, zahllose Workshops und ein erstes Ausbildungsprogramm legten den Grundstein für das, was Heidelberg bis heute so wichtig macht. Norbert war in diesen entscheidenden Jahren dabei. Seine Beiträge waren die humanistische Philosophie und die soziale Verantwortung. Beides sind Grundpfeiler, die in der Begeisterung für neue Methoden und Techniken, beinahe zu kurz gekommen wäre, ohne den steten Mahner Norbert Wetzel.
Ende der 70er Jahre trennten sich schon die Wege. Norbert ging mit seiner Frau Hinda nach Princeton, ich machte Fritz Simon Platz und folgte Rufen nach Gießen und Freiburg.
Mit Norbert sind wir alle bis heute sehr herzlich verbunden. Unvergessen sind seine zahlreichen Vorträge und Workshops auf unseren Tagungen, die immer für soziale Gerechtigkeit stritten. Gern gelesen auch seine Lehrbuchbeiträge zur Philosophie der systemischen Familientherapie.
Norbert, lieber älterer Freund, viel Glück und Gesundheit und ein schönes Leben auch im nächsten Abschnitt.

Michael Wirsching

13. September 2021
von Tom Levold
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Helm Stierlin (12.3.1926-9.9.2021)

(Foto: Tom Levold – Helm Stierlin auf der Beiratssitzung des Carl-Auer-Verlages 2009)

Am vergangenen Donnerstag, dem 9.9.2021 ist Helm Stierlin gestorben. Mit ihm verlieren wir einen großen Wegbereiter für die Entwicklung der Systemischen Therapie nicht nur in Deutschland. Als Psychoanalytiker hatte er die familientherapeutische Bewegung in den USA kennengelernt und brachte seine Kenntnisse und Beziehungen 1974 nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik in die auch dort entstehende familientherapeutische Szene ein, setzte jedoch im Unterschied zu seinen akademischen psychoanalytischen Kollegen Horst-Eberhard-Richter in Gießen und Eckhard Sperling in Göttingen früh auf systemische Konzepte, die in Heidelberg am von ihm geleiteten Institut für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie einer ganz neuen Generation von systemischen Therapeuten erforscht und ausprobiert wurden. Diese Richtungsentscheidung führte zu durchaus konflikthaften Auseinandersetzungen in den familientherapeutischen Gründerjahren, kann aber heute als wichtige Voraussetzung der enormen Entwicklung und praktischen Verbreitung des systemischen Ansatzes gesehen werden, der seit den 80er Jahren eine unglaubliche Erfolgsgeschichte aufzuweisen hat. Helm Stierlins Fähigkeit, große Talente nicht nur zu fördern, sondern ihnen auch den nötigen Entwicklungsraum zu geben und sie auf ihren unterschiedlichen Entwicklungswegen immer zu unterstützen sowie die verschiedenen Perspektiven des systemischen Feldes zu integrieren, ohne die Verbindungen zu anderen theoretischen Konzepten abreißen zu lassen, zeichnete seinen Weg in den vergangenen Jahrzehnten immer aus. In den letzten Jahren ist es aufgrund seiner fortschreitenden Demenzerkrankung still um ihn geworden. Nun ist er im hohen Alter von 95 Jahren friedlich in seinem Heidelberger Zuhause eingeschlafen. Wir verlieren mit Helm Stierlin einen der letzten Großen der Pioniergeneration und sind in Gedanken bei seiner Familie und seinen Freunden. Das systemagazin wird in den nächsten Tagen weitere Gelegenheit bieten, ihn zu würdigen und seiner zu gedenken.

9. September 2021
von Tom Levold
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Ideengeschichte der Psychotherapieverfahren

Im Kohlhammer-Verlag ist dieses Jahr ein Gemeinschaftswerk zur Ideengeschichte der Psychotherapie erschienen, das von Bernhard Strauß, Mark Galliker, Michael Linden und Jochen Schweitzer als Vertreter der bekanntesten und verbreitetsten Therapieschulen herausgegeben worden ist und Beiträge von über 50 renommierten Autorinnen und Autoren aufweist. Mit Spannung habe ich das Buch in die Hand genommen, mich aber bei der ersten Durchsicht zunehmend gewundert, dass im Buch keine Literaturangaben zu den in den Texten erwähnten Quellenangaben zu finden sind – stattdessen enden die einzelnen Texte mit ein paar spärlichen Lesetipps zur ,Vertiefung’. Schließlich wurde ich durch die Rezension von Stefan Beher darauf aufmerksam, dass die Literaturverzeichnisse sämtlich nur im Internet zu finden sind. Dort kann man dann eine zip-Datei herunterladen und bekommt damit 44 PDF-Dateien auf den Rechner gespielt. Dass Verlage auf diese Weise Kosten reduzieren wollen, scheint Mode zu werden (immerhin eine Praxis, die der Thieme-Verlag mit der Zeitschrift PiD schon seit Jahren betreibt), billigen kann man das nicht. Unfassbar vor allem aber, dass sich die Herausgeber auf diese Verfahrensweise eingelassen haben, handelt es sich doch dabei um eine weitgehende Amputation eines wissenschaftlichen Werkes, dessen Rezeption in hohem Maße auf die Zugänglichkeit von Quellen angewiesen ist – wer möchte schon ein Buch mit daneben gelegten 44 ausgedruckten PDF-Dateien oder vor dem eingeschalteten Rechner lesen? Ich halte es für die Verantwortung von Autoren und Herausgebern aller Geschlechter, sich nicht auf solche Verstümmelungen einzulassen.

Stefan Beher und Barbara Bräutigam haben das Buch rezensiert – ihre Besprechungen können Sie hier lesen.

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7. September 2021
von Tom Levold
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Francisco Varela (7.9.1946-28.5.2001)

Foto: Joan Halifax (cc 2.0 Wikicommons)

Heute würde Francisco Varela 75 Jahre alt. Er wurde in Talcahuano (Concepción) geboren, studierte an der dortigen Universität Biologie, wo auch seine Zusammenarbeit mit Humberto Maturana begründet wurde, und erwarb 1970 an der Harvard-Universität seinen Doktor (Ph.D.) in Biologie. Drei Jahre nach seiner Rückkehr nach Santiago fand der Militärputsch in Chile statt und Varela reiste zurück in die USA, wo er von 1974 bis 1978 forschte. Ab 1984 war er nur noch in Europa tätig, zunächst als Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt/M., danach bis zu seinem Tode in Paris, wo er als Forschungsdirektor der Abteilung für Neurodynamik des CNRS in Paris sowie als Leiter der Neurodynamik-Einheit am Hôpital de la Salpêtrière tätig war. Seinen letzten wissenschaftlichen Vortrag hielt Varela am 24. März 2000 auf der 8. Mind-and-Life-Konferenz, die unter Leitung von Daniel Goleman in Dharamsala stattfand. Das Thema des Vortrags lautete Wissenschaftliche Erforschung des Bewußtseins. 2001 starb Varela an seinem Krebsleiden.

In Deutschland bekannt wurde er vor allem für seine gemeinsamen Arbeiten mit Humberto Maturana zur Autopoiese-Theorie und durch seine buddhistisch inspirierten Arbeiten zum Thema Bewusstsein. In John Brockmans Buch The Third Culture: Beyond the Scientific Revolution, das 1995 bei Simon & Schuster erschien und in dem die Arbeit verschiedener Theoretiker der Lebenswissenschaften vorgestellt und diskutiert wurden, ist ein Kapitel über Varela erschienen, in dem er seine eigene wissenschaftliche Agenda zusammenfasst, (mehr oder auch weniger wohlwollend) kommentiert von verschiedenen wissenschaftlichen Fachkollegen. Der Text dieses Kapitels kann hier gelesen werden…

3. September 2021
von Tom Levold
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Kinder sind keine Tyrannen. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) zur WDR-Dokumentation „Warum Kinder keine Tyrannen sind“

Vor kurzem hat die Ausstrahlung einer Dokumentation über die Praktiken des Bonner Kinder- und Jugendlichenpsychiaters und prominenten Autors Michael Winterhoff am 9.8.2021 im WDR Aufsehen erregt. Von der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) liegt folgende Stellungnahme vom 3.9.2021 vor:

Stellungnahme der DGSF zur WDR-Dokumentation „Warum Kinder keine Tyrannen sind“

Der TV-Beitrag „Warum Kinder keine Tyrannen sind” von Nicole Rosenbach (Die Story, Erstausstrahlung am 9. August 2021, WDR-Fernsehen) befasst sich mit der Arbeit des auch als Bestsellerautor bekannten Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. Michael Winterhoff. Der Bonner Facharzt arbeitet mit Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen zusammen und behandelt Kinder aus stationären Einrichtungen. Seine Behandlungsmethoden werden in der Dokumentation heftig kritisiert. Als Autor wurde Winterhoff vor allem mit dem Sachbuch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ bekannt, ein Bestseller aus dem Jahr 2008.

Als größte systemische Fachgesellschaft mit über 8000 Mitgliedern (u. a. systemisch- therapeutisch/-beraterisch arbeitende Sozialarbeiter*innen, Pädagog*innen, Sozialwissenschaftler*innen, Erzieher*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen) sehen wir uns zu einer Stellungnahme veranlasst, da wir gerade an der Schnittstelle Psychiatrie, Psychotherapie und Jugendhilfe Kinder und deren (Familien-)Systeme im Blick haben und das im Film gezeigte Material systemischen Grundannahmen und -haltungen eklatant widerspricht.

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1. September 2021
von Tom Levold
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Autopoietische Systeme und sympoietische Gefüge. Niklas Luhmann meets Donna Haraway.

In einem Beitrag zur Ad-Hoc-Gruppe »Symbiose als Begriff und Gegenstand der Soziologie. Zur
Komplexität biosozialer Dynamiken zwischen Lokalem und Globalem« auf dem 39. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der 2018 in Göttingen stattfand, präsentierte die Frankfurter Soziologin Katharina Hoppe ein Paper, in dem sie das Autopoiese-Konzept Niklas Luhmanns mit dem Sympoiese-Konzept der Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway in Verbindung setzt.

In ihrer Einleitung heißt es: „Es liegt vielleicht nicht unmittelbar auf der Hand so unterschiedliche theoretische Positionen, wie die Donna Haraways und jene Niklas Luhmanns in ein Gespräch zu bringen. Auf der einen Seite Haraway, die sich als Biologin und feministische Theoretikerin darum bemüht, eine narrative, häufig mit Figurationen und Beispielen operierende Theoriebildung zu befördern (…). Eine Theoriebildung, die dabei jeder Großtheorie eine Absage erteilt und demgegenüber partiale Perspektiven (Haraway …) fordert. Auf der anderen Seite Luhmanns Systemtheorie – vielleicht die Großtheorie schlechthin –, die mit dem Vorwurf des Szientismus ebenso konfrontiert wurde wie demjenigen des Konservatismus (vgl. etwa Habermas …). Während es also zunächst kontraintuitiv erscheint, diese Perspektiven gemeinsam zu diskutieren, finden sich bei näherer Beschäftigung eine ganze Reihe von Parallelen. Einer dieser Konvergenzen möchte ich im Folgenden nachgehen: dem beiden gemeinsamen Interesse an einer post-anthropozentrischen Theorie und der Beschäftigung mit ökologischen Gefährdungen aus Perspektive der soziologischen Theoriebildung. Denn nicht nur werden Haraways Arbeiten jenen Denkbewegungen zugeordnet, die seit einigen Jahren nicht-menschliche Wirkmächtigkeit in die soziologische Theorie einzubeziehen versuchen, wie die Akteur-Netzwerk-Theorie (Law, Hassard; Belliger, Krieger) oder sogenannte Neue Materialismen (Coole, Frost; Hoppe, Lipp; Löw et al.); auch Luhmann (…) begründet seine Faszination für die Kybernetik zweiter Ordnung mit einer Begeisterung für deren post-anthropozentrische Stoßrichtung, nämlich damit, „daß man von verschiedenen emergenten Ebenen des Ordnungsaufbaus der Realität ausgehen muß, die den Menschen sozusagen durchschneiden.“ Beide Ansätze haben diese theoretische Orientierung auch an die Annahme gekoppelt, dass es sozio- logisch relevant ist, sich mit Umwelt und Ökologie zu beschäftigen, ohne eine starre Unterscheidung von Natur und Sozialem vorauszusetzen: Diese Grenzziehung muss vielmehr selbst Gegenstand der Analyse werden. Und überzeugt sind sie beide – schon seit den 1980er Jahren –, dass ein naiver Anth- ropozentrismus keine soziologische Antwort auf das sein kann, was in den letzten Jahren häufig als „Anthropozän“ (Crutzen, Stoermer) bezeichnet wird.

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