systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

4. August 2021
von Tom Levold
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Erinnern I und Erinnern II

In den Medien tobt derzeit eine Auseinandersetzung über das Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus, von Holocaust und Kolonialismus, über die Frage, ob Holocaust ein singuläres Ereignis war oder in Bezug zu anderen Genoziden gesetzt werden darf. Diese Debatte wird hitzig, oft moralisierend und manchmal auch hysterisch geführt. In einer sehr klugen Analyse untersucht Sebastian Conrad, seit 2010 Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin, in der neuen Ausgabe des Merkur, warum die Vergangenheitsdebatte gerade jetzt so explodiert. Er weist auf eine Veränderung des „Erinnerungsregimes“ von der im Deutschland der Nachkriegszeit mit viel Mühen entwickelten Vergangenheitsbewältigung hin zu einer nun globalisierten Erinnerungskultur, die nur vordergründig miteinander im Konflikt liegen, sich aber gar nicht ausschließen.

In seinem sehr lesenswerten Text heißt es: „Geschichte lebt wieder in Deutschland, ist präsent im öffentlichen Raum wie lange nicht mehr. Konflikte und polemische Debatten überall: das Humboldt-Forum und koloniale Beutekunst; die Umbenennung der M-Straße; einhundertfünfzig Jahre Deutsches Kaiserreich; Achille Mbembe, Holocaust und Kolonialismus, die Deutschen mit »Nazihintergrund« und nicht zu vergessen die Machenschaften der Hohenzollern. So unterschiedlich die Debatten im Einzelnen sind, immer wird dabei die Deutung der NS-Zeit oder des Kolonialismus mitverhandelt; häufiger sogar beides. Kein Tag, an dem das Feuilleton nicht bebt, die Twitter-Sphäre ohnehin. Die Dinge, um die es geht, liegen alle lange zurück, sehr lange; manche waren beinahe vergessen. Jetzt sind die Diskussionen gleichwohl so heftig, als ginge es um alles. Warum regen sich gerade alle so auf?

In dem gegenwärtigen Kampf um die historische Deutungshoheit mangelt es nicht an Kommentaren, Einlassungen, Deutungen. Aber meist geht es dabei um normative Fragen: Soll koloniale Kunst zurückgegeben, Immanuel Kant aus den Lehrplänen verbannt, sollen Straßen umbenannt werden? Sollte die deutsche Gesellschaft auf der Einzigartigkeit des Holocaust bestehen, oder gibt es eine Verantwortung für die Opfer des Kolonialismus? Diese normativen Fragen – was sollen wir tun? – sind wichtig; sie werden die Feuilleton-Öffentlichkeit noch auf absehbare Zeit beschäftigen. Bislang wird jedoch viel zu wenig thematisiert, worin die Gründe für die aktuelle Aufmerksamkeitsexplosion bestehen. Warum jetzt? Was sagt es über die Gegenwart, wenn die Geschichte wieder zum Gegenstand einer erbitterten, häufig polemischen Auseinandersetzung wird?Was wir im Kern beobachten, sind die Effekte der Ablösung eines Erinnerungsregimes durch ein anderes: Das historische Narrativ der Nachkriegszeit (Erinnerung I) wird durch einen veränderten Erfahrungshaushalt in der globalisierten Gegenwart herausgefordert oder zumindest ergänzt (Erinnerung II). Die Erinnerungsdebatte ist dabei nur die Oberfläche, unter der grundlegende gesellschaftliche Veränderungen liegen, die keineswegs auf Deutschland beschränkt bleiben.“

Der vollständige Text kann hier gelesen werden…

2. August 2021
von Tom Levold
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Eve Lipchik wird 90!

Eve Lipchik 2014 (Foto: Tom Levold)

Heute feiert Eve Lipchik ihren 90. Geburtstag und systemagazin gratuliert von ganzem Herzen. Zu ihrem 85. Geburtstag hatte ich im systemagazin über sie geschrieben: „Sie wurde am 2.8.1931 in Wien geboren und konnte in letzter Minute mit ihrer Mutter nach dem nationalsozialistischen Anschluss Österreichs in die USA entkommen, nachdem ihr Vater schon kurz zuvor nach England ausreisen konnte. Im Frühsommer 1940 erreichte sie mit ihrer Mutter New York. Nach Schulabschluss und einem Studium der Literaturwissenschaften arbeitete sie u.a. bei einer Werbeagentur und bei der Fernsehgesellschaft NBC. Mit ihrem Mann Elliot, einem Arzt und Biologen, ging sie 1953 nach Basel, wo sie als Übersetzerin tätig war. 1958 gingen sie zurück in die USA. Nach einer längeren Familienzeit, in der drei Kinder geboren wurden, entschloss sie sich in den 70er Jahren, noch einmal eine Ausbildung zu machen und kam so mit den Feldern der Psychotherapie und Sozialarbeit in Berührung. Um 1980 kam sie mit Steve de Shazer und Insoo Kim Berg in Kontakt und war Mitbegründerin des Brief Family Centers in Milwaukee und wirkte in dieser Zeit an der Entwicklung der lösungsfokussierten Therapie mit. 1988 kam es aber zu einer Trennung von der Gruppe, die auch inhaltliche Aspekte hatte. In der Folgezeit fokussierte sie stärker auf den Bereich der Affekte und Emotionen in der Arbeit mit Klienten, ein Fokus, der in der theoretischen Arbeit des BFTC kaum eine Rolle spielte.“

Über ihr dramatisch beginnendes und bis ins hohe Alter hinein spannendes und erfülltes Leben haben Corina Ahlers und ich lange mit ihr gesprochen, unser Interview ist auch im systemagazin veröffentlicht worden. Über ihre eigene berufliche Entwicklung, die gemeinsame Zeit mit Steve de Shazer und Insoo Kim Berg sowie ihre Trennung von der BFTC-Gruppe hat sie 2014 einen Artikel im International Journal of Solution-Focused Practices veröffentlicht, der hier zu lesen ist.

Liebe Eve, zum 90. Geburtstag alles Gute! Ich hoffe, dass du diesen Tag gesund erlebst und ihn mit deinen Lieben feiern kannst. Let life be good to you!

31. Juli 2021
von Tom Levold
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Die Psychologie des Zusammenseins

Vor kurzem erschien an dieser Stelle ein Rezensionsessay von Wolfgang Loth über Texte der BochumerArbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus, über Die Psychologie des Alltags. Ebenfalls im dgvt-Verlag ist mit gleichem, aber spiegelverkehrten Cover, ein 444 Seiten starker, bereits 2009 im englischen Original veröffentlichter Band von Ken Gergen über Die Psychologie des Zusammenseins erschienen, in dem er die Abkehr von der individualistische Tradition, das autonome Selbst in den Mittelpunkt der Psychologie zu stellen, begründet. Wolfgang Loth hat auch dieses Buch für systemagazin gelesen und steuert folgenden Rezensionsessay bei:

Wolfgang Loth, Niederzissen: Vision einer relational aufmerksamen Welt

Kraft und Bedeutung des Gemeinschaftlichen sind Ken Gergens Thema seit vielen Jahren. Das Gemeinschaftliche in den Vordergrund zu rücken gegenüber der in unseren Breiten dominierenden individualistischen Weltsicht ist sein Anliegen, und er hat das konsequent weiterverfolgt auch gegen Widerstände. Der Begriff des Sozialen Konstruktionismus ist untrennbar mit ihm und seiner Frau Mary verbunden[1]. Das nun vorliegende Buch erschien im Original vor etwas mehr als 10 Jahren unter dem Titel Relational Being: Beyond Self and Community (2009[2]). Trotz der Prominenz, die die Gergens auch im deutschsprachigen Raum genießen, war es bis jetzt nicht ins Deutsche übersetzt worden. Thorsten Padberg hat diese Lücke nun geschlossen, er hat das Buch übersetzt und ihm ein ausführliches Vorwort gewidmet: „Aufforderung zum Tanz – Kenneth Gergens Psychologie des Zusammenseins“. 

Das Vorwort führt auf ansprechende Art in Gergens Denkweise und in die Absicht ein, die dieses Buch trägt[3]. Doch lässt der Titel des Vorwortes, wie eben auch der Titel der übersetzten Buchausgabe bei mir eine Irritation entstehen, die sich auch nach der an sich erhellenden und im Wesentlichen sehr anregenden Lektüre nicht auflöst. Was hat Padberg bewegt, das spielraumeröffnende relational being für eine bestimmte Fachdisziplin zu reklamieren? Da sich Padberg – exzellent auch in seinen erläuternden Fußnoten – als ein sprachlich versierter und desgleichen in Übersetzungsdingen sattelfester Autor erweist, vermute ich hier einen Zusammenhang, der eher nichts mit Gergen zu tun hat, sondern mit einem spezifischen akademischen Kontext, der mir ebenfalls in dem Band der Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus über die „Psychologie des Alltags“ aufgefallen ist[4]. Das hier besprochene Buch und das zur Psychologie des Alltags sind gemeinsam herausgekommen, auch optisch als Zwillinge kenntlich gemacht (gleiche Aufmachung, gleiche Coverfarbe), verbindend unterschieden durch die spiegelbildliche Wiedergabe des bekannten Hase-Ente-Kippbildes auf dem Cover (im vorliegenden Buch schaut „der Hase“ nach links). Ich komme auf den irritierenden Psychologie-Fokus am Ende noch einmal zu sprechen.

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25. Juli 2021
von Tom Levold
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Paul Watzlawick (25.7.1921-31.3.2007)

Heute würde Paul Watzlawick 100 Jahre alt. Nachdem er 1960 zur Forschungsgruppe um Gregory Bateson am Mental Research Institute in Palo Alto gestoßen war, wurde er 1969 im deutschen Sprachraum durch seine Übersetzung des Buches Menschliche Kommunikation bekannt, das er gemeinsam mit Janet Beavin und Don D. Jackson verfasst hatte und in dem die wesentlichen Erkenntnisse der Forschungsgruppe enthalten waren. In den Folgejahren machte er die Grundsätze seiner Kommunikationstheorie auch einem weiteren Publikum durch viele Veröffentlichungen bekannt. In den 80er und 90 Jahren war er oft zu Kongressen und Workshops in Europa unterwegs. Vor kurzem ist an dieser Stelle schon ein Video mit den Erinnerungen von Fritz B. Simon an seine persönlichen Begegnungen mit Paul Watzlawick zu sehen gewesen, hier ist ein Vortrag aus dem Jahre 1987 zu sehen, der sehr typisch für sein Auftreten war. Seine Verdienste um die Popularisierung systemischer Überlegungen können nicht hoch genug eingeschätzt werden.

22. Juli 2021
von Tom Levold
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Vom guten Umgang mit Differenzen

Noa Zanolli ist eine Schweizer Sozialanthropologin und Mediatorin und lebt in Bern. In den USA arbeitete sie mehrere Jahre als Mediatorin in einem kommunalen Mediationszentrum, war Ausbildungsleiterin am Iowa Peace Institute und ist international als Mediatorentrainerin tätig. Heute ist sie Mitglied des Redaktionsbeirats der deutsch/schweizerisch/österreichischen Vierteljahreszeitschrift perspektive mediation. Im Wolfgang Metzner-Verlag hat sie 2020 ein kleines Büchlein über „Mediatives Denken“ veröffentlicht. Wolf Ritscher hat es gelesen und empfiehlt die Lektüre.

Wolf Ritscher, Unterreichenbach: Mit feinen Strichen und überaus verständlich

Noa Zanolli ist eine Expertin der Mediation, die in dieser Landschaft theoretisch und praktisch vielseitig unterwegs ist. Sie hat entschieden, kein Buch für Fachleute zu schreiben, die sich im Feld der Mediation noch weiter bilden bzw. ausbilden wollen, sondern einen Text für Menschen, die in ihrem Alltag mit schwierigen oder tagtäglichen zwischenmenschlichen Krisen zurechtkommen müssen und dafür Handwerkszeuge, Handlungskonzepte und möglicherweise neue Sichtweisen über Funktion, Sinn und Lösungsmöglichkeiten von Konflikten benötigen.
Das setzt voraus, für den Text keine Fachsprache zu benutzen, sondern den Leser/innen einen Text anzubieten, der trotz des Verzichts auf differenzierte theoretische und begriffliche Exkurse einlädt, über die in der Lebenswelt von Menschen, Gruppen, sozialen Gemeinschaften auftretenden Konflikte nachzudenken und miteinander nach möglichen Lösungen zu suchen. Ihre wichtigste Intention dabei ist, dass ihnen dieses Buches hilft, einen veränderten und ressourcenorientierten Blick auf die anstehenden Probleme zu werfen.
Die Autorin versteht Mediation als eine Kunst, bei allem was Menschen in Konflikten trennt doch das Verbindende zu suchen und zu finden. Ich würde es eher als Kunsthandwerk bezeichnen, um zu betonen, dass es eben doch auch methodischer Fertigkeiten bedarf, um Konflikte nachhaltig lösen zu können. Die Vision, der sie in ihrem Buch folgte, formuliert sie schon in der Einführung: »Warum sollten nicht möglichst viele Menschen mediativ denken lernen können, sodass sie ihre kleinen und größeren Konflikte angstfrei und zuversichtlich selbst angehen können – so wie es ganz normal ist, bei kleineren Verletzungen zunächst die Hausapotheke zu nutzen oder bei einem Regenguss einfach zum Schirm zu greifen?« (S. 11). Das finde ich so sympathisch an diesem Buch: Mithilfe ganz einsichtiger Formulierungen und Metaphern wird die Welt der Theorien in die Welt alltäglicher Kommunikation überführt und kann alltagspraktisch der Lösung zwischenmenschlicher Konflikte dienen.

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20. Juli 2021
von Tom Levold
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Professionalisierung personenbezogener Beratungsformate

Die Differenzierung und Professionalisierung personenbezogener Beratungsformate ist Schwerpunktthema des aktuellen Heftes der Zeitschrift Organisationsberatung Supervision Coaching. Im Editorial heißt es: „Die Diskussion über den Stand der Professionalisierung und sowie über den Professionsanspruch personenbezogener Prozessberatung begleitet die fachliche Entwicklung der Beratung von ihren Anfängen an. Dabei hat sich diese Beratungsform inzwischen so erfolgreich etabliert, dass auch klassische Unternehmensberatungsfirmen, die ihre Dienstleistung vormals ausschließlich auf der Basis betriebswirtschaftlicher und juristischer Expertise anboten und großen Wert auf Distanz zu psychologisch orientierten Ansätzen legten, längst selbst Coaching, Teamentwicklung und Organisationsentwicklungsmaßnahmen anbieten. Diese steigende Akzeptanz geht auf der einen Seite mit immer weiteren Ausdifferenzierungen von Beratungsangeboten einher, die eine Orientierung im Feld der Beratung weiter erschweren. Auf der anderen Seite haben speziell die Beratungsangebote Supervision, Coaching und Organisationsentwicklung bereits eine so lange Erfahrung und Tradition, dass sich hier zunehmend konsistente Berufsbilder herauskristallisieren, ohne dass allerdings dieser Prozess als abgeschlossen betrachtet werden könnte. Noch immer ist ,Der Weg zum passenden Türschild’ (…) nicht klar beschrieben. Keines der genannten Beratungsformate hat bisher einen formalen Professionsstatus, wie ihn zum Beispiel Ärzte oder Juristen für sich reklamieren können. Im Verlauf der Institutionalisierungsgeschichte der personenbezogenen Prozessberatung scheinen inzwischen immerhin zwei grundlegende Perspektiven geklärt zu sein: So hat sich erstens inzwischen die kategoriale Unterscheidung zwischen der Prozessberatung und der Expertenfachberatung etabliert (…), die auch dann erhalten bleibt, wenn beide Aspekte in einem Beratungsgeschehen zusammenfließen. Über eine reine Fachberatung hinausgehend macht die Prozessberatung den Prozess selbst zum Thema und beansprucht die Prozessberatung eine Professionalisierung des Beratungsgeschehens selbst. Zweitens konnte durch die Unterscheidung von Methode und Format bzw. Beratungsformen Klarheit über den Ansatzpunkt der Professionsbildung gewonnen werden (…). Nicht die Methoden, sondern die Formate bilden die Basis für die Definition einer Profession, in deren Rahmen unterschiedliche wissenschaftsbasierte, theoretische Ansätze und methodische Vorgehensweise zur Anwendung kommen. In diesem Heft knüpfen wir an diese Überlegung an: Im Fokus steht die Frage nach dem Selbstverständnis und dem jeweiligen Zuständigkeitsanspruch, die mit den Beratungsangeboten verbunden werden. Es ist nämlich keineswegs klar, wie spezifisch die Problemlagen definiert werden können und wie spezifisch die Antworten der jeweiligen Beratungsformate ausfallen.“

Das vollständige Editorial kann auch als Open Access-Datei gelesen werden. Alle bibliografischen Angaben und abstracts finden Sie hier…

13. Juli 2021
von Tom Levold
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Fehlentwicklungen im Coaching

Die Entwicklung und Verfolgung von Zielen und deren Aushandeln in der Auftragsklärung halten viele Vertreter des systemischen Ansatzes für das A&O einer erfolgreichen Praxis. „Das Werkzeug ,Ziele setzen’ ist so allgegenwärtig und so anerkannt, dass man fast ein Sakrileg begeht, wenn man es in Frage stellt oder sich selbst der Nicht-Seriosität verdächtig macht, wenn man es nicht in jeder Hinsicht und überall sinnvoll und hilfreich findet. Management by Objectivs gilt als professionell und state of the art. Kein Wunder also, wenn auch die HR-Abteilungen, die sowieso immer unter dem Druck stehen, ihre Arbeit als umsatzrelevant und nicht nur als Kostenfaktor zu erweisen, diese Orientierung an Zielen und Zielerreichung auf Coaching anwenden“. Dass die Zielmetapher, in der Coaching, Beratung und Therapie dann der Weg zur Zielerreichung darstellen, nur eine mögliche Weise ist, einen gewünschten Zustand abzubilden, wird dabei eher ausgeblendet.

In einem sehr schönen Text nicht nur über die Problematik einer übersteigerten Zielorientierung, sondern auch über andere Mängel einer kommerzialisierten Coaching-Ideologie, die die ursprüngliche Aufgabe von Reflexion des (auch eigenen) Handelns zugunsten einer Anwendung von Tools aus den Augen verliert und sich an die Weltsicht und den Handlungsdruck der Coaching-Klientel anpasst, setzt sich Klaus Eidenschink mit diesen Fehlentwicklungen auseinander. Er schreibt unter anderem: „Üblicherweise wird die Bedeutung von Werten (im Coaching) betont und hervorgehoben. Dass Werte aber nie zum Nulltarif zu haben sind, dass es einen Preis hat, sie ernst zu nehmen und dass sie am allermeisten in Gefahr sind, wenn das an die Werte gekoppelte Gut (in unserem Fall Coaching) von der Erfolgswelle getragen wird, gerät nur all zu schnell aus dem Blick. Schon der christliche Glaube verlor viele seiner Wesenskerne als er durch Kaiser Konstantin zur Staatsreligion im römischen Reich wurde. Da könnte Coaching im Hinblick auf Identitätsverlust am prominenten Beispiel lernen. Gerade der Erfolg führt zu Anpassungsformen, die unter Druck nie zustande gekommen wären. Deshalb braucht es in der Coachingbranche dringend einen Diskurs, welche Werte sich aus welchem Selbstverständnis heraus entwickeln, begründen und leben lassen. Das „Anything goes“ einer Vielfalt, die eine verkappte Beliebigkeit ist, hat den gewaltigen Nachteil, dass die Kunden das, was der eine Coach als unseriös, unsinnig und unprofessionell ablehnt, er bei einem anderen Coach ohne Wimperzucken bekommen kann. Dies kann man hinnehmen, wenn man auch hinnimmt, dass es die Kunden sind, die dann aus ihrem Schaden klug werden müssen. Den Preis dieser nicht geführten Diskussion im Coaching, zahlen die Kunden. Auch eine Strategie.“ Der vollständige Text ist hier zu lesen…

11. Juli 2021
von Tom Levold
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Mohammed El Hachimi wird 70!

Foto: Tom Levold

Heute feiert Mohammed El Hachimi seinen 70. Geburtstag. Vieles über ihn ist an dieser Stelle auch schon zu seinem 65. Geburtstag gesagt worden, dem man nicht vieles hinzufügen kann.

Lieber Mohammed, Du, Liane Stephan und ich haben von 2014 bis zum letzten Jahr sieben wunderbare Trialogie-Tagungen miteinander in deinem Riad in Zagora in Marokko durchgeführt – und hatten das große Glück, dass im vergangenen Jahr rechtzeitig alle Teilnehmer vor dem großen Lockdown wieder nachhause reisen konnten. Dass wir schon vorher beschlossen hatten, die Trialogie-Serie zu beenden, hatte nichts damit zu tun, dass der Reiz nachgelassen hätte, sondern dass wir uns darüber klar waren, dass man eigentlich aufhören sollte, wenn es am schönsten ist. Und so bleibt die Geschichte dieser gemeinsamen Begegnungen mit wunderbaren Menschen an einem wunderbaren Ort durch gemeinsames Tanzen, Malen, Fotografieren, Singen, Spielen usw. für immer in unseren Herzen. Deine unfassbare Kreativität, Spontaneität und Verspieltheit, deine Energie und Schaffenskraft und deine Fähigkeiten, auch die schwierigsten Situationen mit Improvisation und Lösungszuversicht zu meistern, ist mitreißend und bewunderswert. Auch wenn du dich zunehmend aus dem professionellen Feld systemischer Praxis zurückgezogen hast und dein Leben in Rabat, Marrakesch, Zagora und Berlin im Kreis deiner Familie und deiner Freunde genießt, ist es schön, dabei zuzuschauen, wie deine unerschöpfliche Energie immer noch in neue Projekte fließt und mit welcher verblüffenden Leichtigkeit du dafür sorgst, dass aus diesen spontanen Ideen dauerhafte Gestalten werden, seien es Häuser, Möbel, Kunstwerke oder soziale Initiativen. Das Foto, das ich von dir als Baumeister 2015 in Marrakesch gemacht habe, bringt für mich diese Seite an dir wunderbar zum Ausdruck.

Dass du auch weiterhin diese Energie zur Verfügung haben wirst, von der schon so viele Menschen etwas gehabt haben, wünsche ich dir und freue mich schon auf weitere Begegnungen mit dir in Marokko oder wo auch immer.

Herzliche Glückwünsche und alles Gute zum Geburtstag!

9. Juli 2021
von Tom Levold
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Psychiatrie unter der Lupe

Das aktuelle Heft des Kontext nimmt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Psychiatrie unter eine kritische Lupe. Im Editorial heißt es: „Nach psychiatrischer Logik werden psychische Probleme nach einem medizinischen Modell verstanden und behandelt. Damit ist gemeint, dass, wie in ärztlicher Praxis längst üblich, erst eine Diagnose Aufschluss darüber gibt, was überhaupt für ein Problem vorliegt und dann ebenfalls festlegt, wie zur weiteren Behandlung dieses Problems vorgegangen werden muss. Nach diesem Modell sollen heute, jedenfalls nach offizieller Lesart, auch Psychotherapien funktionieren: evidenzbasiert und störungsspezifisch. Zweierlei lässt sich dazu wohl bei allen Kontroversen festhalten, ohne allzu großen Widerspruch zu erregen: Zum einen hat die Psychotherapie als in Deutschland über öffentliche Kassen finanzierte Gesundheitsleistung materiell ganz enorm von diesem Verständnis profitiert. Ihre Methoden gelten seither als »wissenschaftlich fundiert«; die Behandlungen werden aus den solidarisch organisierten Gesundheitstöpfen für alle finanziert, und dies zu einem Stundensatz, der jedenfalls in dieser Höhe und in diesem Umfang auf dem »freien Markt« kaum zu erreichen wäre. Zum anderen passt eine konstruktivistische Erkenntnistheorie, wie sie systemischer Therapien klassischerweise zu Grunde liegt, ziemlich schlecht zu diesem Modell. Und zu Gunsten dieser systemischen Perspektive sei hier noch die Anmerkung erlaubt: Auch die Ergebnisse aus der Psychotherapieforschung hinterlassen zunehmend Risse in der Fassade störungsspezifisch-evidenzbasierter Psychotherapie – man lese hier nur die beachtenswerte Übersicht von Wampold und Imel zur »großen Psychotherapie-Debatte«. Nichtsdestotrotz ist seit nun schon mehr als zwei Jahren auch systemische Therapie Mitglied im Club der evidenzbasierten Therapieverfahren, die in Deutschland über eine sozialrechtliche Anerkennung verfügen – also prinzipiell mit den Kassen abrechnen dürfen, weil in Studien nach der beschriebenen medizinisch-psychiatrischen Logik ausreichend störungsspezifische Behandlungserfolge nachgewiesen wurden. Es spricht also einiges dafür, dass sich Psychiatrie und systemische Therapie seit den 1960er Jahren auch aufeinander zubewegt haben. Grund genug jedenfalls, diese Entwicklung noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und das Verhältnis zwischen Psychiatrie und systemischer Therapie, zwischen medizinischem Modell und brauchbarer Behandlung psychischer Probleme neu zu vermessen. (…) Tom Levold rekonstruiert für uns zunächst in historischer und gleichwohl sehr kritischer Perspektive die Entwicklungsprozesse von Diagnosemanualen from plato to nato, also von der Antike bis zum DSM-5. (…) Die Gegenwart psychiatrischer Praxis erhellt dann Stefan Weinmann für uns, der insbesondere das »medizinische Modell« der Psychiatrie als eine Selbsttäuschung entlarvt. Anschließend an sein unlängst erschienenes und höchst empfehlenswertes Buch »Die Vermessung der Psychiatrie« analysiert er die fundamentalen Mechanismen, die den oft biologisch orientierten Behandlungen psychosozialer Auffälligkeiten zu Grunde liegen und die sich mehr über einen kulturell gewachsenen Konsens erklären lassen als über die »Natur« der zu Grunde liegenden Sachverhalte (…) Daran knüpft unmittelbar der Beitrag von Volkmar Aderhold an, der sich ebenfalls als Psychiatriekritiker einen Namen gemacht hat. Auch sein Blick in die Zukunft fällt insgesamt eher pessimistisch aus. Auf unseren besonderen Wunsch hin hat er aber einige Perspektiven aufgezeigt, wie sich die heutige Psychiatrie zum Positiven hin entwickeln könnte, wenn sie denn wollte. Wie schon bei Weinmann angedeutet, wünscht sich auch Aderhold eine Abwendung vom medizinischen Modell mit all seinen Implikationen und stellt die größtmögliche individuelle Autonomie von Patienten sowie eine Behandlung des Einzelnen über basale Prinzipien menschlicher Beziehungsgestaltung in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.“

Mit einer Vielzahl von ausführlichen Rezensionen als Add-On ist ein spannendes Heft daraus geworden, dessen bibliografischen Angaben mit allen abstracts hier gelesen werden können.

5. Juli 2021
von Tom Levold
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Die Psychologie des Alltags

Von der Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus, einem Autorenkollektiv von Angehörigen und StudentInnen der psychologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, ist soeben im dgvt-Verlag ein Buch über Die Psychologie des Alltags erschienen. Es enthält viele bislang eher kursorisch aufzufindende Texte aus den 80er und 90er Jahren zum Sozialen Konstruktivismus. Auf der katastrophal schlechten Website des Verlages ist wenig über dieses Buch zu erfahren, man kommt nur über die leicht übersehbare Suchfunktion auf den Titel, der sich dann noch nicht einmal verlinken lässt. Ob es sich lohnt, sich mit diesen Texten auch heute noch auseinanderzusetzen, schreibt Wolfgang Loth in seinem umfangreichen Rezensionsessay.

Wolfgang Loth, Niederzissen: So fühlt sich Aufbruch an – oder ein Nachruf?

Das Buch

So fühlt sich Aufbruch an. Mit ungebremstem Enthusiasmus und einem unbedingten Willen zur Aufklärung hatte sich vor jetzt 35 Jahren die „Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung“ (im Folgenden kurz AG genannt) auf den Weg gemacht. Der Startschuss war ein Aufruf, den Ekkehard Müller-Eckhard im Oktober 1986 „An alle Arbeitseinheiten der Fakultät für Psychologie“ an der Ruhr-Uni Bochum adressierte. Als Gegenstimme zu der als wirklichkeitsfremd erachteten Mainstream-Psychologie bot er das „Abenteuer“ an, „die derzeitige kommunale Basis sozialen Wissens und Handelns in der Wissenschaft Psychologie zu verlassen und sich auf die Suche nach neuen Wegen zu begeben“[1]. Da freut sich der Rezensent (Psychologie-Diplom 1978). Inmitten der real existierenden angepasst-eingekauften, oft desillusionierenden Bestrebungen unserer Profession die Erinnerung an die Ausstrahlung von etwas Lebendigem! In ihrem kurzen Statement am Ende des Buches schreiben Manfred Wiesner und Lothar Duda, zwei Altgediente dieser Szene: „Ach, es war so wunderbar. Nicht wenig war in jenen Tagen wohltuend verstörend. Wo sind die Verstörungen heute?“ (S.348). Ja, where have all the flowers gone…?! Diese Brille, wird mir allerdings schnell klar, würde zu einem ungünstigen Blickwinkel für eine Rezension verleiten. Heute ist heute, hieß es schon gestern… Was kann ich also dazu sagen, heute, mit meiner Sicht der Dinge nach einem bewegten Arbeits- und Schreiber-Leben? Zu etwas, was seinerzeit Provokation war und heute eine womöglich verklärte Erinnerung? Und in welchem Zusammenhang, unter welcher Perspektive ist das Provokante heute noch aufregend?

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1. Juli 2021
von Tom Levold
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Das Wuchern der Formalstruktur

Unter diesem Titel untersuchen Phanmika Sua-Ngam-Iam und Stefan Kühl in einer neuen Nummer der Online-Zeitschrift Journal für Psychologie im psychosozial-Verlag „Funktionen und Folgen holakratisch formalisierter Organisation“. Das Heft setzt sich kritisch mit dem prominenten Thema Agilität in Organisationen auseinander. Im Editorial heißt es: „Ein neues Gespenst geht um in der Welt der Wirtschaft – das Gespenst der agilen Organisation. Seit einigen Jahrzehnten (vermehrt aber und größere Aufmerksamkeit auf sich ziehend vor allem in den vergangenen Jahren) werden, angestoßen vor allem durch einige Teile der Organisationsberatung, sogenannte agile Prozesse und Strukturen in Unternehmen eingeführt, die als Wunderwaffe gegen die vielfältigen und starken Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft gepriesen werden. Noch handelt es sich um nur wenige Organisationen, die in Teilen oder sogar vollständig auf den Zug der agilen Steuerung aufspringen. Es kann aber erwartet werden, dass diese Managementphilosophie, man könnte auch von einer Managementmode sprechen, in den kommenden Jahren an Attraktivität gewinnen wird. Es handelt sich freilich nicht um ein einheitliches Phänomen. Agilität in Organisationen kann vieles heißen, und bei genauer Betrachtung versammeln sich verschiedene neuere Ansätze der Unternehmenssteuerung unter diesem Begriff. Wichtige Begriffe, die in diesem Zusammenhang meist Erwähnung finden, sind Scrum, Holacracy und Feature Driven Development. Aufgrund von einigen Ähnlichkeiten werden vergleichend auch ältere Zugänge wie die Netzwerkorganisation oder die Soziokratie genannt. Dies sind nur einige Beispiele. Es handelt sich dabei nicht wirklich um elaborierte Organisationstheorien, sondern um Ansätze des projektorientierten Organisationsdesigns, also der praxisnahen Steuerung von Prozessen über netzwerkartige, hierarchieferne Strukturen oder Formalkategorien, die auch als postbürokratisch bezeichnet werden können.“

Im Abstract ihres Beitrages schreiben Sua-Ngam-Iam und Kühl: „Dieser Artikel geht der Frage nach, welche Funktionen das Managementkonzept Holacracy für Organisationen erfüllt und welche Folgen sich daraus ergeben. Als empirische Basis dienen dabei Daten, die in fünf holakratischen Organisationen erhoben wurden. Die theoretische Grundlage bildet Luhmanns Konzept der formalen Organisation. Mit der Einführung des Organisationsmodells Holacracy sollen nicht nur Abschottungseffekte durch Abteilungsbildung abgemildert, sondern es soll auch der Filterung von Informationen aufgrund von Hierarchie entgegengewirkt werden. Erkauft wird dies durch eine starke Durchformalisierung der Organisation. Ungewollte Nebenfolgen sind unter anderem das Wuchern der Formalstruktur, die Verunsicherung angesichts der sich schnell ändernden Formalstruktur, die Möglichkeit des Entzugs der Arbeitskraft, die Reduzierung von Initiativen jenseits der Formalstruktur und die Starrheit des Rahmens aufgrund der vorgegebenen holakratischen Organisationsprinzipien.“

Der vollständige Text kann hier abgerufen werden…