systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

16. Januar 2021
von Tom Levold
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Narrationen und Narrative Therapie

Narrationen und Narrative Therapie sind Schwerpunktthema des ersten Familiendynamik-Heftes des neuen Jahres. Im Editorial heißt es: „Mit Geschichten erzählen wir unser Leben, geben ihm Sinn und Bedeutung, treffen Unterscheidungen, erklären, was wir erleben. Unsere Geschichten können problembeladen oder lösungsorientiert sein oder auch beides. Besonders eindrücklich sind Narrative, die von Herausforderungen erzählen und zeigen, wie diese gemeistert wurden. Geschichten greifen jedoch nicht nur Erlebtes auf, sondern beeinflussen ihrerseits unser Erleben und Verhalten. Sie können Bindungen stärken oder schwächen, uns Lösungen näherbringen oder aber zur Eskalation beitragen. In Therapie, Beratung und Coaching begegnen wir vor allem Problemerzählungen, die Klient*innen daran hindern, ihre Stärken zu entfalten und sich als selbstwirksam zu erleben. Daher ist die psycho-soziale narrative Arbeit eine Art Dekonstruktion von defizitorientierten Narrativen, um neue Erzählungen hervorzubringen. Obwohl dies in jeder Form von psycho-sozialer Arbeit mehr oder weniger ausgeprägt geschieht, etwa als Reframing, möchten wir mit diesem Heft Narrative und die Narrative Therapie explizit in den Mittelpunkt rücken. Damit führen wir zugleich einen Diskurs fort, den Arist v. Schlippe im Februar 2020 an der Universität Witten/Herdecke mit der internationalen Tagung »Durch Geschichten wandern … Narrative Psychotherapie und Nomadische Theorie« initiiert hat. Hier wurden philosophische Fragen diskutiert, aber auch emotionale Erfahrungen ermöglicht, die spürbar machten, aus welchem Stoff unsere Welt des Denkens, Fühlens und Sprechens gemacht ist – eben aus Erzählstoff. Und dieser Stoff verleiht uns die Kraft, nicht nur soziale Veränderungen zu reflektieren, sondern sie anzuregen.“

Peter Jakob beschreibt Narrative Therapie als Therapiekonzept, das sich kontinuierlich weiterentwickelt hat. Jan Olthof und Mariëlle Gelissen beschreiben den Verlauf einer narrativen Traumatherapie, Jiajia Wu und Alexander Korittko untersuchen Traumata und Narrative zwischen politischer Propaganda und familiärer Transgenerationalität am Beispiel der DDR/BRD-Vereinigung und der Ein-Kind-Politik in China. Finn Schmidt und Heiko Kleve unternehmen den Versuch einer phänomenologischen Erklärung der repräsentierenden Wahrnehmung in der Aufstellungsarbeit. Neben weiteren Artikeln gibt es auch drei Leserbriefe zur Covid-19-Ausgabe (4/2020): Abstract: Kurt Pelzer kritisiert die Auswahl von Harald Walach als Covid-Experten und nimmt eine klare Gegenposition ein. Günther Emlein findet gleich das ganze Heft schrecklich und kritisiert es aus der Metaposition Luhmann’sch-systemtheoretischer Sicht als nicht tiefgründig genug und sprachlich inadäquat. Ulrich Sollmann wiederum wendet ein, dass manche Beiträge durch ihre allzu kunstvolle Sprache vom Inhalt des Geschriebenen ablenken.

Alle bibliografischen Angaben und abstracts finden sich hier…

14. Januar 2021
von Tom Levold
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KJSG-Entwurf: Kinderschutz, wird auf Meldung und Intervention bei Kindeswohlgefährdung reduziert

Fachverbände fordern Beibehaltung gesetzlicher Regelungen im hilfeorientierten Kinderschutz

Mit der Stellungnahme „Besserer Kinderschutz ist Kinderschutz, der bei den jungen Menschen ansetzt und bei Familien ankommt!“ fordern acht Fachorganisationen gemeinsam die Beibehaltung bewährter Kinderschutzstandards und einen hilfeorientierten Kinderschutz. Der im November vorgelegte Regierungsentwurf für das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG), der von den Verbänden im Grundsatz begrüßt wird, gewährleiste dies im Kinderschutz noch nicht ausreichend.

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren betonen zusammen mit weiteren Fachverbänden: „Die systematische Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Eltern ist besonders für den (präventiven) Schutz von Kindern und Jugendlichen Voraussetzung.“ Ausgangspunkt für Hilfen müsse daher die Situation des jungen Menschen beziehungsweise der Familie sein, nicht institutionelle Gefüge und standardisierte Verfahren. Insbesondere müsse die „Hilfeorientierung für alle Akteur*innen“ beibehalten werden, sie dürfe nicht durch eine forcierte „Kultur der Meldung“ an das Jugendamt „verschüttet“ werden.

Für eine bessere Zusammenarbeit von Medizin und Kinder- und Jugendhilfe biete der Gesetzentwurf begrüßenswerte Ansätze, weitere Veränderungen in den Sozialgesetzbüchern VIII und V seien notwendig. Hochproblemtisch sei allerdings, die Finanzierung von Kooperationsleistungen von dem Feststellen von Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung abhängig zu machen. Die im Gesetzentwurf vorgesehene verbindliche Vorlage des Hilfeplans im familiengerichtlichen Verfahren lehnen die Unterzeichnenden – darunter auch der Deutsche Sozialgerichtstag und das Deutsche Institut für Jugendhilfe- und Familienrecht – ab.

Die Stellungnahme – mitgezeichnet haben auch die Erziehungshilfeverbände Bundesverband für Erziehungshilfe (AFET), Internationale Gesellschaft für Erzieherische Hilfen (IGfH), Evangelischer Erziehungshilfeverband (EREV) und Bundesverband katholischer Erziehungshilfeeinrichtungen (BVkE) – warnt vor einer Entwicklung im Kinderschutz, „die eine multiprofessionelle Kooperation von Fachkräften und Berufsgeheimnisträger*innen verkürzt auf strukturierte Handlungsvorgaben und engführende Verfahren der Kontrolle und Weitergabe von Informationen an das Jugendamt.“

zur Stellungnahme „Besserer Kinderschutz ist Kinderschutz, der bei den jungen Menschen ansetzt und bei Familien ankommt!“

12. Januar 2021
von Tom Levold
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Kontext 4/20020

Die letzte Ausgabe des Kontext-Jahrgangs 2020 war ein freies Heft ohne Zentralthema. Im Editorial heißt es: „Beatriz Arias Martín fragt sich, ob psychologische Diagnostik und systemisches Denken vereinbar sind, und differenziert ein leicht dahingesagtes »selbstverständlich« dahingehend, dass systemisches Denken zwar weniger mit einem kategorialen Verständnis von Diagnostik, sehr wohl aber mit einem dimensionalen und idiografisch geprägten diagnostischen Vorgehen einhergehen könne. Bruno Hildenbrand beschäftigt sich mit dem Fluch und Segen von Werkzeugkästen und wettert gegen die Gleichsetzung von Professionalität mit der schlichten Verwendung von Handwerkszeug. Gleichzeitig macht er darauf aufmerksam, dass es sich sehr wohl lohnt, Autorinnen und Autoren dazu zu verpflichten, »die Handlungsrelevanz ihrer Ausführungen« zu explizieren – dies ist durchaus auch als ein kleiner Hinweis in eigener Sache zu verstehen, denn auch der »Kontext« ist natürlich trotz mangelnder »Werkzeugkästen« dieses Dilemmas nicht enthoben. Weiterhin können Sie in diesem Heft in dem Interview mit Wolf Ritscher, das von Dörte Foertsch und Tom Levold geführt wurde, verfolgen, wie Soziale Arbeit, Beratung und Psychotherapie sowie politisches Denken und Handeln jenseits aller Schubladen und Abgrenzungsdiskursen zusammengedacht und noch dazu in einer Person gelebt werden. Abschließend finden Sie in der Rubrik »Genogrammatische Lektüren« die Besprechung des Romans »Brüder«, die im Übrigen vor der Black-Lives-Matter- Bewegung entstanden ist und unter anderem auf ziemlich eindringliche und mitunter ironische Weise die »Ausländer- und die Ostfrage« abhandelt und zusammenbringt. Und wie immer gibt es zahlreiche Rezensionen.

Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier…

7. Januar 2021
von Tom Levold
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In 3,2 Millionen Familien mit jüngeren Kindern sind beide Elternteile erwerbstätig

Wiesbaden (7.1.2021): Mit der Verlängerung des Lockdowns in Deutschland bleibt auch der Regelbetrieb in Schulen und Kitas in den meisten Bundesländern ausgesetzt. Berufstätige Eltern müssen Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen – vor allem für Eltern jüngerer Kinder und Alleinerziehende eine enorme Herausforderung. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, gab es 2019 rund 5 Millionen Paarfamilien mit Kindern unter elf Jahren in Deutschland, in denen mindestens ein Elternteil berufstätig war. In knapp 3,2 Millionen Familien mit jüngeren Kindern waren beide Elternteile erwerbstätig – das entspricht gut zwei Dritteln aller Paarfamilien mit Kindern unter elf Jahren (68 %). 

90% der erwerbstätigen Alleinerziehenden mit jüngeren Kindern waren Frauen

Für Alleinerziehende ist der Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung besonders schwierig. 1,1 Millionen Kinder im Kita- und Grundschulalter lebten zuletzt bei einem Elternteil. Im Jahr 2019 waren 581 000 Alleinerziehende mit Kindern unter elf Jahren erwerbstätig. Davon arbeiteten 41 % in Vollzeit (241 000), die übrigen in Teilzeit. Der überwiegende Teil der erwerbstätigen Alleinerziehenden mit jüngeren Kindern waren Frauen (90 %). 

Die Kultusministerkonferenz beschloss am 4. Januar eine Wiederaufnahme des Regelbetriebs in Schulen in mehreren Stufen. Danach sollen, sobald es das Infektionsgeschehen zulässt, zunächst Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 1 bis 6 in den Präsenzunterricht zurückkehren. Das könnte vor allem für berufstätige Eltern mit Kindern unter 13 Jahren die Betreuungssituation entspannen. 2019 gab es 5,7 Millionen Familien mit Kindern im Alter von 0 bis 12 Jahren, in denen mindestens ein Elternteil erwerbstätig war. In 3,6 Millionen Paarfamilien mit Kindern unter 13 Jahren waren beide Elternteile erwerbstätig. Bei den erwerbstätigen Alleinerziehenden hatten 730 000 Kinder im Alter von 0 bis 12 Jahren, 310 000 von ihnen arbeiteten in Vollzeit (Anteil von 42 %). 

4,5 Millionen Kinder wurden 2019/2020 in den Jahrgangsstufen 1 bis 6 unterrichtet 

Im Schuljahr 2019/20 besuchten rund 2,8 Millionen Kinder in Deutschland die Grundschule, 4,5 Millionen Kinder wurden in den Jahrgangsstufen 1 bis 6 unterrichtet. In Kindertageseinrichtungen wurden zum Stichtag 1. März 2020 bundesweit gut 3,7 Millionen Kinder unter elf Jahren betreut. (Quelle: Statistisches Bundesamt).

4. Januar 2021
von Tom Levold
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Rudolf Klein wird 65!

(Foto: Tom Levold)

Heute feiert Rudolf Klein seinen 65. Geburtstag und systemagazin gratuliert von Herzen. Rudolf ist in der systemischen Szene durch seine seiner zahlreichen Veröffentlichungen – viele davon zum Thema süchtigen Verhaltens – bekannt. Nach 20jähriger Tätigkeit in einer psychosozialen Beratungsstelle für süchtige Menschen arbeitet er seit 2003 in freier Praxis in Merzig. 1988 war er Mitbegründer der Saarländischen Gesellschaft für Systemische Therapie und ist seit Beginn der 90er Jahre gern gesehener Gast als Referent bei Weiterbildungsinstituten in Deutschland, Polen, Österreich, Russland, der Schweiz und der Ukraine.

Rudolf ist ein beneidenswert sportlicher Mensch, der schon als 18jähriger Stabhochspringer die Höhe von 4,25 m schaffte, ein brillanter Autor, bei dem man auch als Lektor und Redakteur immer seine Freude hat und ein unglaublich kluger und belesener Mensch, mit dem man bei Diskussionen schnell die Zeit vergisst. Vor allem ist er ein großartiger Genießer aller guten Dinge und ein wunderbarer Gastgeber – seine Kochkünste stellen alles in den Schatten, und wer schon mal in den Genuss der Gastfreundschaft von Rudi und seiner Frau Barbara Schmidt-Keller gekommen ist, kann davon mehrere Lieder singen.

Lieber Rudi, zum 65. Geburtstag, den man dir kaum abnehmen kann, weil man dir das Alter einfach nicht ansieht, wünsche ich dir alles Gute! Dass du ihn Corona-bedingt nicht mit allen deinen Freunden feiern kannst, ist traurig. Umso mehr wünsche ich dir für das neue Lebens- und Kalenderjahr Gesundheit, eine glückliche Hand bei allem, was du anfängst, Freude mit deinen Lieben und weiterhin viele Ideen und Anregungen zur Theorie und Praxis im systemischen Feld wie in der Küche. Und vor allem: weiterhin die Freude an den kulinarischen und emotionalen Genüssen, die das Leben dir und den Deinen bietet. Ich freue mich über unsere Freundschaft und freue mich schon auf viele weitere Treffen mit dir und Euch, im Saarland, an der Mosel, in Köln oder wo auch immer …

Herzliche Grüße, Tom

25. Dezember 2020
von Tom Levold
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Frohe Weihnachten

Ich wünsche allen systemagazin-Leserinnen und -Lesern frohe Weihnachten, Gesundheit und Zuversicht inmitten der Pandemie –
in der Hoffnung, dass es uns und der Welt im
kommenden Jahr wieder besser gehen möge!

24. Dezember 2020
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 24 – Tom Levold

(Foto: Tom Levold)

Corona-Hochzeit
„Im ersten Lockdown zu Ostern fand ich am Karfreitag im Schaufenster einer Kölner Konditorei Hochzeitstorten mit den angemessenen Maßnahmen zur Mund-Nase-Bedeckung und zum Abstandhalten“

(Foto: Tom Levold)

Die Leere Christi
„Eine Münchener Kirche im Mai:
Die Bänke werden durch wenige Stühle ersetzt
und in ein Seitenschiff verschoben.“

22. Dezember 2020
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 22 – Claus Riehle und Andreas Wahlster

(Foto: Claus Riehle)

Teamgeist stil(l)gelegt, Ballgefühl auch – Zuversicht nicht
„Vermisse das wöchentliche Kommunikations- und Kontaktspiel mit meinen Kameraden schon sehr. Ist g’rad wenig Luft drin im ,Ball’- und im Teamgeist. Jedoch zählt die Zuversicht, in jedem „Spiel’ …“ 

(Foto: Andreas Wahlster)

Lehre in Corona-Zeiten
„Was braucht ein Lehrender in Corona-Zeiten?  Etwa Luhmann, Selbstorganisationstheorie, Methodenvielfalt und ein paar Fragen usw. ? Weit gefehlt: Er braucht das kleine Einmaleins des Bedienens einer Luftreinigungsgerätes, das fehlerfreie Benutzen eines Meterstabes zur Abmessen des Mindestabstand-Platzierung von Stühlen sowie elastische Ohren, die den strammen Gummizug einer FFP2-Maske geschmeidig ausbalancieren.“

21. Dezember 2020
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 21 – Dörte Foertsch und Christian Michelsen

(Foto: Dörte Foertsch)

Learning from Korea
„Das Foto entstand im April 2015 während eines Besuchs bei einer alten Schulfreundin die drei Jahre in Südkorea lebte. Auf dem Weg zu ihrer Arbeit trug sie immer eine Maske wegen der grossen Luftverschmutzung. Wir besuchten den Nationalpark Seoraksan im Nordosten Südkoreas. Auch dort trugen viele Menschen eine Maske. Ich konnte mir damals nicht vorstellen welche Wirkung das Tragen einer Maske haben kann. Jetzt erlebe ich selber, wie die Maske meine Beziehungen verändert.“

(Foto: Christian Michelsen)

Primaten
Schade, dass ich den Blitz abgestellt hatte! Dass der Primat mit Maske Humor hatte und dass dem Makaken (oder welcher Spezies auch immer) der Schrecken aus den Augen blitzt, beides fand ich ansteckend; am 29. September 2020, in Würzburg.

20. Dezember 2020
von Tom Levold
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systemagazin Adventskalender 20 – Clemens Metzmacher und Katrin Richter

(Foto: Clemens Metzmacher)

Umarmt einander (nicht)!
„Diese Hauswand in Dresden ist zum öffentlichen Diskursraum geworden. Mit ihren zwei Seiten, Widerspruch und Appellen symbolisiert sie für mich die gesellschaftliche Spaltung des derzeitigen Diskurses.“

(Foto: Katrin Richter)

Atem

Katrin Richter
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