systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

13. Juli 2018
von Tom Levold
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Selbstmanagement und agile Führung

 

Das aktuelle Heft der Zeitschrift Konfliktdynamik befasst sich nur am Rande mit Konflikten und Konfliktdynamiken, im Zentrum stehen Texte zum Thema Agilität, dem neuesten Hype der Managementkultur. Verantwortet wird dieses Themenheft von Hans Rudi Fischer und Markus Troja. Interessant ist, was die Herausgeber im Editorial über die Entstehung dieses Heftes schreiben: „Kein anderes Schwerpunktthema in der KonfliktDynamik war bisher so kontrovers in den Gutachterreviews der Texte und in unseren internen Diskussionen. Manche wiesen darauf hin, man müsse nur erst einmal eigene Erfahrungen mit dieser neuen Form des Arbeitens machen: »(die Mitarbeit in einem) agilen Startup ist in vielerlei Hinsicht die beste Berufserfahrung meines Lebens.« Die meisten eingereichten Beiträge waren positiv bis euphorisch. Kritische Stimmen sprachen von »Neuem aus dem Bullshit-Universum« oder von Agilität als Lernprogramm für den Burnout. Einer der Gutachter wies auf die Gefahr ideologischer Überhöhung hin: »Die Idee von der Hierarchiefreiheit hat eine lange Tradition. Sie basiert auf normativen, ideologischen Grundannahmen, die aber letztlich für den Komplexitätsgrad, den die aktuelle digitale Transformation den Unternehmen zumutet, keine angemessene Antwort liefern. Hier werden aktuelle Umgestaltungstrends arbeitsorganisatorischer Prozesse instrumentalisiert, um ganz bestimmte, normative Organisationsvorstellungen zu propagieren.« Bei der Konjunktur des Themas, so der Eindruck, spielen unterschiedliche Motive zusammen: Zum einen geht es um die Suche nach effizienten und effektiven Formen, Organisationen in einer Welt zunehmender Unsicherheit und schnellen Wandels überlebensfähig zu halten. Zum anderen gibt es die Sehnsucht, z. B. unter dem Schlagwort »New Work«, entfremdeter Arbeit entgegen zu wirken und Formen von Zusammenarbeit zu ermöglichen, in denen sich der Mensch ganzheitlicher angesprochen fühlt und seine Tätigkeit als sinnstiftend und erfüllend erlebt. Ein anderer Diskussionsstrang ergibt sich aus der Kritik institutionalisierter Formen des Entscheidens und betrieblichen Aushandelns.“

Alle bibliografischen Angaben und abstracts dieses Heftes finden Sie hier…

10. Juli 2018
von Tom Levold
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Carl Auer – Geist or Ghost

Carl Auer, Namensgeber des Carl-Auer Verlags, wurde 1900 unweit von Rorschach/CH geboren; war in Kriegsgefangenschaft Zellengenosse von Ludwig Wittgenstein, langjähriger Popper-Freund und zeitweise Nachhilfelehrer Heinz von Foersters. Zuletzt war er Leiter des World Coincidence Control Centers (Wocococ) der Vereinten Nationen und stiller Teilhaber an einem Vergnügungspark auf Coney Island, Ehrenbürger von Appenzell und Gründer der Stiftung „Extrem-Lesen“ mit Sitz in Reading/England. Die Sammlung von von Texten von prominenten Systemikern über Begegnungen mit Carl Auer, die unter dem Titel „Geist or Ghost“ im Carl-Auer-Verlag erschienen ist, kann jetzt auch online kostenlos gelesen werden – sie soll eine erste Annäherung an diese vielschichtige Persönlichkeit ermöglichen und zu weiterer systematischer Auseinandersetzung mit seinem luziden, aber wissenschaftsgeschichtlich folgenschweren Oeuvre anregen. Den Zugang zu allen Texten von u.a. Ernst von Glasersfeld, Karl Tomm, Helm Stierlin, Lynn Hoffman, Rosmarie Welter-Enderlin, Paul Watzlawick und vielen anderen finden Sie hier…

6. Juli 2018
von Tom Levold
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Selbstorganisation – ein Paradigma für die Humanwissenschaften (zum 60. Geburtstag von Günter Schiepek)

Martin Rufer, Bern:

Unter diesem Titel fand am 8./9. Juni in Salzburg ein Symposium zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. Güntr Schiepek statt. Dazu wurden zahlreiche internationale Wissenschaftler, Forscher und Praktiker als Wegbegleiter von Günter Schiepek von seinem Mitarbeiterteam (am Institut für Synergetik und Psychotherapieforschung der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, Salzburg) eingeladen. In über 25 Kurzvorträgen wurde nicht nur das inter- und transdisziplinäre Schaffen von Günter Schiepek einmal mehr deutlich, sondern auch die visionäre Ausrichtung auf eine prozessorientierte, empirisch dokumentierte Psychotherapie jenseits des Diagnose- und störungsorientierten medizinischen Standardmodells. Vieles deutet darauf hin, dass das, was sich aus der Komplexitätsforschung heraus in anderen Wissenschaftsfeldern schon längst durchgesetzt hat, auch im Bereich der Psychotherapie nicht mehr wegzureden ist, auch wenn sich wohl nicht alle Visionen eins zu eins durchsetzen lassen. Insofern darf Günter Schiepek diesbezüglich in der Tat als unermüdlicher Pionier einer systemtheoretisch orientierten Praxisforschung gelten, auch wenn seine wissenschaftlichen Arbeiten in der Community nicht überall dementsprechend aufgenommen wurden und werden. Da in diesem Rahmen nicht näher auf die einzelnen Symposiumsbeiträge eingegangen werden kann (ein Tagungsband wurde angekündigt), stelle ich im Folgenden meinen persönlichen, sowohl würdigenden wie kritischen Beitrag zur Verfügung. Es handelt sich dabei um einen fiktiven Dialog zwischen einem Forscher und Praktiker unter dem Titel «Einfach und komplex – geht das zusammen?», in welchem sich auch das Wegstück abbildet, das mich mit Günter verbindet.  Weiterlesen →

5. Juli 2018
von Tom Levold
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Kleine Götter und ihre Viecher

 

Hinter diesem Titel steckt ein Buch von Sabine Klar, die auch den systemagazin-LeserInnen bekannt ist. Sie ist Lehrtherapeutin bei der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie und Systemische Studien – dieses Buch beschäftigt sich aber nicht mit systemischer Theorie, sondern stellt eher eine philosophisch-spirituelle Selbstreflexion der Themen dar, mit denen sich Sabine Klar in den vergangenen Jahren prononciert beschäftigt hat. Silke Grabenberger aus Graz und Diana Karabinova aus Wien haben das Buch rezensiert. Weiterlesen →

3. Juli 2018
von Tom Levold
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Systemische Praxis mit Tätern

 

Im Editorial der neuen Ausgabe der Familiendynamik schildern die Herausgeber Tilman Kluttig und Arist von Schlippe einen fiktiven Dialog, der die Paradoxien forensischer Arbeit auf den Punkt bringt: „Patient: Wie lange muss ich hier bleiben? Therapeut: Nun, das kann dauern. Bis es Ihnen besser geht und wir Ihre Entlassung empfehlen können. P: Wann bekomme ich Ausgang? Th: Das hängt davon ab, wie Sie sich verhalten. Erst einmal müssen wir Sie kennenlernen. P: Ja, aber ich mach’ ja nix. Ich will ja mitmachen. Th: Das freut mich, aber davon müssen Sie uns erst überzeugen. P: Vor Gericht hat man mir gesagt, wenn ich mitmache, bin ich bald wieder draußen. Th: Das hängt von der Prognose ab. Letztlich entscheidet die Strafvollstreckungskammer. P: Ja, schon, aber wie lange dauert das? Th: Na ja, das hängt davon ab, wie Sie mitmachen bei der Therapie. P: Ja, schon, ich will das ja auch, aber wie lange dauert das denn, wenn ich mitmache? Th: Das kann man schlecht vorhersagen, im Durchschnitt drei bis vier Jahre. Aber: Es hängt von der Prognose ab. P: Die anderen haben mir gesagt, mit meiner Straftat kann das zehn bis zwanzig Jahre dauern, stimmt das?“

Den Schwierigkeiten des Umgangs mit Gewalttaten und „Tätern“ (mit den Begriffen Tat und Täter setzt sich Wolfgang Loth in seiner Kolumne am Ende dieser Ausgabe gedankenreich auseinander) ist dieses Heft gewidmet. Im Editorial heißt es weiter: „Der Fokus-Beitrag von Tilman Kluttig, dem langjährigen Präsidenten der »Internationalen Vereinigung für Forensische Psychotherapie« (IAFP), beleuchtet, welche Bedeutung systemischer Praxis in der forensischen Psychotherapie zukommt, und arbeitet die Besonderheiten der Klientel im Maßregelvollzug heraus. Peter Reutter und Roswita Hietel-Weniger skizzieren die Möglichkeiten der Genogrammarbeit und zeigen, wie mit dieser Methode die prägenden Sozialisationsbedingungen gewalttätiger Patienten erschlossen werden können. In einem engagierten Beitrag schildert Michael Heilemann die Quintessenz seiner 35-jährigen Erfahrung mit schwer gewalttätigen jungen Männern. Bestimmte Eckpunkte der persönlichen Geschichte und der Bindung an die jeweilige Subkultur tauchen bei diesen Tätern immer wieder auf – Heilemann nimmt sie als Ausgangspunkt für das von ihm entwickelte Anti-Gewalt-Training. Schließlich fassen Ziv Gilad, Ronen Kasten und Haim Omer die Ergebnisse eines Projektes zusammen, in dem sie geprüft haben, wie sich elementare Informationen zur Philosophie des gewaltlosen Widerstands auf die Eskalationsbereitschaft israelischer Polizisten auswirken.“

Soweit zum Schwerpunktthema, das von weiteren interessanten Texten eingerahmt wird. Alle bibliografischen Angaben und abstracts finden Sie hier…

1. Juli 2018
von Tom Levold
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Wenn Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist, dann ist Heinz von Förster ein Lügner

 

Im September 2016 fand eine Tagung des Instituts für Familientherapie Weinheim in Weinheim unter dem Motto „Richtig war das falsche Wort“ statt, auch die zweite „Dosentagung“ genannt. Im Programmtext hieße es: „ … sich von Logiken der Gewissheit und Vorhersagbarkeit zu verabschieden, scheint nicht nur systemisches Denken zu fordern, sondern auch mehr und mehr eine unausweichliche Anforderung unseres Alltages und der brennenden Fragen zu werden. Wie stark erfüllt die Unterscheidung von ,richtig’ und ,falsch’ dabei auch eine Orientierung suchende oder gebende Funktion? Und: gesetzt den Fall, man nutzt dieses Gegensatzpaar, ist das dann ,falsch’ … oder war es doch richtig …? Oder gibt es doch etwas, das richtig oder falsch ist?“.

Haja Molter hat dazu einen kleinen Theorieinput beigetragen, den er in einem kleinen liebevoll zusammengestellten und wunderbar illustrierten Heft auch veröffentlicht hat – in drei Sprachen. Freundlicherweise hat er dieses kleine Brevier dem systemagazin als PDF zur Verfügung gestellt, lesen können Sie es hier…

16. Juni 2018
von Tom Levold
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Wilhelm Rotthaus wird 80!

Heute feiert Wilhelm Rotthaus seinen 80sten Geburtstag, eine Zahl, die man gar nicht glauben mag, die aber ein großartiger Anlass ist, ihm an dieser Stelle von Herzen zu gratulieren.

Lieber Wilhelm,

den vielen Dingen, die deine Gratulanten dir heute hier im systemagazin schreiben, kann ich kaum etwas hinzufügen, ich kann sie nur bekräftigen. Für die Entwicklung, Verbreitung und Konsolidierung des Systemischen Ansatzes nicht nur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern im gesamten psychosozialen Feld hast du Maßgebliches geleistet. Dafür ist dir unser aller Dank auch in Zukunft sicher! Deine vielfältigen Aktivitäten und Beiträge in diesem Bereich aufzuzählen würde den Rahmen einer Gratulation übersteigen. Aber die Art und Weise, in der du dich engagiert und die vielen Herausforderungen gemeistert hast, möchte ich an dieser Stelle besonders würdigen. Wir haben uns vor über dreißig Jahren kennen gelernt und sind uns immer wieder in unterschiedlichen professionellen Kontexten begegnet. Im Rahmen der Arbeit unserer systemischen Verbände DGSF und SG, aber vor allem als Organisatoren der großen EFTA-Tagung mit über 3500 Teilnehmern und der (etwas kleineren) Tagung „Was ist der Fall?“ in Heidelberg im vergangenen Jahr, in unserem Geschichtsprojekt, das demnächst das Licht der Öffentlichkeit erblicken wird sowie als Herausgeber von Buchreihen im Carl-Auer-Verlag haben wir vor allem seit Anfang dieses Jahrhunderts Phasen intensiver Zusammenarbeit erlebt, die auch von sehr persönlichen Gesprächen und Erlebnissen begleitet wurden. Anlässlich deines 70. Geburtstages haben wir ein ausführlichen Gespräch über deine Geschichte und deinen Werdegang geführt, das damals im Kontext erschienen ist und auch hier nachgelesen werden kann.
Im systemischen Feld wird viel von „Haltung“ gesprochen. Das hat leider manchmal den Charakter einer bloß theoretischen Einstellung und geht dann nicht wesentlich über eine Referenz auf bestimmte systemische „Key-Words“ hinaus. Haltung hat aber nicht nur dem Wort nach mit einer Verkörperung von Werten und Leitmotiven zu tun, die wir vertreten und vermitteln wollen. Eine Haltung einnehmen und sie auch gegen Widerstände zu bewahren, gleichzeitig Zurückhaltung zu üben, den eigenen Standpunkt mit Besonnenheit und Gelassenheit in jede Richtung zu vertreten, das gelingt nur, wenn die ganze Person in jeder Situation und Lebenslage darin einbezogen ist – einen solchen Habitus verkörperst du für mich in besonderer Weise. Dass deine Haltung nicht zuletzt aufgrund deiner professionellen Geschichte als Sänger schon immer, aber auch jetzt im Alter mit einer beeindruckenden Körperpräsenz und Eleganz verbunden ist, unterstreicht deine Wirkung nur noch. Mit einer Haltung in diesem Sinne kann man auch Halt und Orientierung geben, auch in dieser Hinsicht konnten und können sich viele Menschen an dich halten.
Dass das noch lange so bleiben kann, wünsche ich dir und uns von ganzem Herzen. Lieber Wilhelm, bleib gesund und weiter so aktiv und zugewandt, wie wir dich kennen. Sorge gut für dich und dein Gleichgewicht der Kräfte, genieße die Anregungen wie die Ruhezeiten – und lass dich feiern. Ganz herzliche Glückwünsche und alles Gute

Tom Levold

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9. Juni 2018
von Tom Levold
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Systemischer Forschungspreis 2018 von SG und DGSF für Dr. Susanne Witte

Der gemeinsame Forschungspreis 2018 von Systemischer Gesellschaft (SG) und Deutscher Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) wird an Dr. Susanne Witte verliehen. Sie erhält die Auszeichnung für ihre Forschung über Geschwister im Kontext von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung.

Berlin/Köln, Juni 2018. Die Systemische Gesellschaft (SG) und die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) haben gemeinsam den Forschungspreis 2018 an Dr. Susanne Margitta Witte vergeben. Die Ergebnisse ihrer empirischen Forschung hat sie unter dem Titel „Geschwister im Kontext von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung. Risikokonstellationen, Qualität der Geschwisterbeziehung und psychische Belastung“ veröffentlicht. Susanne Witte hat anhand einer umfangreichen Befragung von Erwachsenen und Geschwisterpaaren zu ihren Kindheitserfahrungen Faktoren herausgearbeitet, die das Erleben von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung begünstigen.
Susanne Margitta Witte hat in ihrer Dissertation die Herausforderung bewältigt, das gesellschaftlich äußerst sensible Thema der Kindeswohlgefährdung, das hinsichtlich von Geschwisterbeziehungen eher selten betrachtet wird, zum einen forscherisch zu bewältigen und zum anderen in einer systemisch-familiendynamischen Theoriebildung zu verorten. Die retrospektive Online-Befragung bei Erwachsenen und ihren Geschwistern, ein äußerst innovatives Forschungsdesign zur Erkundung von Dynamiken in sozialen Systemen, ist eine der ersten deutsch-sprachigen Studien zum Zusammenhang von Kindeswohlgefährdung und Geschwisterbeziehung.

Die Arbeit kann nicht nur innerhalb des systemischen Feldes als ein gewichtiger Beitrag bewertet werden, sondern wird auch außerhalb des engeren systemischen Diskurses zahlreiche Anschlüsse herstellen. Der Autorin ist es gelungen, systemische und familiendynamische Erkennt-nisse mit einer individualorientierten Perspektive zu verbinden. Zudem bietet die Arbeit wichtige praxisorientierte Ergebnisse für die sozial-pädagogische Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe sowie für die Kontexte des Kinderschutzes.
Mit ihrem wissenschaftlichen Forschungspreis verfolgen die systemischen Verbände das Ziel, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, die Weiterentwicklung der Forschungs- und Praxismethoden im Kontext des systemischen Denkens anzuregen und die Bedeutung des systemischen Ansatzes für die therapeutische und beraterische Praxis zu verdeutlichen. Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert.

Quelle: Systemischer Forschungspreis 2018 von SG und DGSF für Dr. Susanne Witte

5. Juni 2018
von Tom Levold
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Systemisch ist ein weites Feld

Frisch aus der Druckerpresse liegt das erste Heft des Jahrgangs 2018 der Zeitschrift systeme vor – und bietet ein breites Spektrum an Themen, die in unterschiedlicher Weise systemische Konzepte erweitern, aber auch in Frage stellen – oder eher links liegen lassen. Klaus Ottomeyer beginnt mit einem Text, der das “Comeback autokratischer Konstellationen”, sprich Nationalismus, Populismus und Rechtsradikalismus mit der Krise traditioneller Männlichkeitsvorstellungen verbindet. Seine interessante Patriarchatsanalyse stützt sich allerdings nicht auf systemische oder systemtheoretische, sondern in erster Linie auf psychoanalytische Konzepte. Ein ausführlicher Text von Jürgen Kriz zielt darauf ab, den Begriff des „Unbewussten“ für die systemische Theorie handhabbar zu machen, indem er den gängigen Fokus auf intrapsychische und interpersonale Dynamiken in systemischen Modellen um die somatische und kulturelle Dimension erweitert, welche intrapsychische und interpersonale Erfahrungen kontextualisieren, ohne diesen unmittelbar zugänglich zu sein, sondern nur reflexiv erschlossen werden können. Karl-Heinz Reger plädiert im Rückgriff auf das Werk von Hannah Ahrendt dafür, in jeder beraterischen oder psychotherapeutischen Arbeit einen „impliziten politischen Aspekt“ zu verorten. Stefan Geyerhofer, Martin Ritsch und Christoph Thoma reiten eine polemische – und theoretisch eher ziemlich dürftige – Attacke gegen die Kybernetik 2. Ordnung als epistemologische Basis des systemischen Ansatzes, die die „Integration störungsspezifischen Wissens in Konzepte Systemischer Therapie im deutschsprachigen Raum erschwert“ habe. Im übrigen handelt es sich dabei um eine Erweiterung eines Textes von Stefan Geyerhofer, der bereits 2011 in den Systemischen Notizen erschienen ist, ohne dass diesem Text allzu viel Neues hinzugefügt worden wäre. Ilka Hoffmann-Bisinger beschreibt ihre Arbeit mit Inneren Bildern in der „Analogen Systemischen Kurztherapie“, Leonhard Reul plädiert dafür, den Hinweise auf den Nutzen langer Therapien im systemischen Feld mehr Beachtung zu schenken. Martin Rufer und Wolfgang Loth runden das Heft mit einem email-Dialog aus Anlass des 60. Geburtstages von Günter Schiepek zu Anfang des Jahres ab, der an systemagazin leider vorbeigerauscht ist – ein Grund, an dieser Stelle noch einmal nachträglich herzlich zu gratulieren.

Alle bibliografischen  Informationen und abstracts finden Sie hier…

22. Mai 2018
von Tom Levold
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Klinische Diagnosen als soziale Konstruktionen

In einem hervorragenden Überblicksartikel in Ausgabe 8(1) der Online-Zeitschrift Psychotherapie-Wissenschaft kritisiert Volkmar Aderhold, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin sowie Lehrender für Systemische Therapie und Beratung (DGSF), die De-Kontextualisierung und Medikalisierung psychischer Probleme – ein Text, der zur Pflichtlektüre aller Psychotherapeuten gehören sollte. Im abstract heißt es: „Diagnosemanuale der zurückliegenden Jahrzehnte bewirkten oder beabsichtigten eine fortschreitende De-Kontextualisierung psychischer Störungen, die mit einer fortschreitenden Biologisierung der Psychiatrie einherging, die letzten Endes eher der Pharmaindustrie als den PatientInnen dient. Dabei ist die Befundlage der biologischen Psychiatrie alles andere als ermutigend, insbesondere auch deshalb, weil die diagnostischen Kategorien zu wenig valide sind. Das neue System der Research Domain Criteria (RDoC), das von funktionellen neuronalen Teilsystemen des gesunden Gehirns ausgeht, könnte die Neurobiologie weiterbringen. Ob dies gelingt, ist nicht absehbar. Klinische Diagnosen dagegen sollten in erster Linie dem Verstehen und der Verständigung dienen. Da sie grundsätzlich Ergebnis eines sozialen Konstruktionsprozesses sind, sollte ein dialogisches Ko-Konstruieren mit den bedeutungsvollen Anderen in der sozialen Welt des Betroffenen im Zentrum stehen. Notwendig und unhintergehbar ist dabei eine innere und äussere Polyphonie dieser Wirklichkeitskonstruktionen. Psychotherapeutisches Expertenwissen ist Teil dieser Polyphonie.“

Der vollständige Text ist hier online zu lesen…

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