
Heute vor 125 Jahren, am 19.9.1901, wurde Ludwig von Bertalanffy, der Begründer der „Allgemeinen Systemtheorie“ geboren. Ein lesenswertes Buch über seine Theorie und die damit verbundene „Begründung interdisziplinärer Wissenschaftspraxis“ hat Thomas Diesner 2015 in der Schriftenreihe des Projektes Humanontogenetik der Humboldt-Universität zu Berlin und der Gesellschaft für Humanontogenetik e.V. veröffentlicht. Der Autor ist ein in Berlin ansässiger Philosoph, promovierter Wissenschaftstheoretiker und Praktiker an der Schnittstelle von Philosophie, Psychoanalyse und interdisziplinärer Wissenschaftsorganisation. Das Buch ist als Open Access-Veröffentlichung im Logos-Verlag erschienen.
Diesner beginnt mit der Bestandsaufnahme, dass die Systemtheorie zwar „noch in aller Munde” sei, doch die klassischen Gründungstexte, vor allem die von Bertalanffy, bereits Geschichte und „kontinuierlich verblasst” seien. Was in den 1970er und 80er Jahren viele Systemtheoretiker inspirierte, sei heute kaum noch bekannt. Seine Arbeit will die Hintergründe und zentralen Aspekte von Bertalanffys Denken darstellen und dabei kritisch aufgreifen, was seine Aktualität heute noch ausmachen könnte.
In seiner Einleitung schildert er kurz Bertalanffys Werdegang: geboren 1901 bei Wien, Studium und Professur in Wien, geprägt von Lehrern wie Moritz Schlick (Positivismus) und Robert Reininger (Neukantianismus), sowie durch das Umfeld der Biologischen Versuchsanstalt im Wiener Prater. Zentral ist dabei die Verortung Bertalanffys zwischen zwei damals konkurrierenden Wissenschaftsauffassungen: dem reduktionistischen Mechanismus einerseits, der Lebensphänomene nicht wirklich erklären konnte, und dem Vitalismus andererseits, der zwar die Ganzheit des Organismus betonte, dafür aber ein metaphysisches, ganzheitserhaltendes Prinzip voraussetzen musste. Bertalanffy stand, so Diesner, zwischen beiden Polen und fragte sich, wie ein wissenschaftlich fundierter und zugleich ganzheitlicher Ansatz überhaupt möglich sei.
Sein Ziel war es, Ganzheit als solche selbst wissenschaftlichen Methoden zugänglich zu machen – als Organisation, als „Gesamtheit der Wechselwirkungen, bei denen jedes Element die Eigenschaften der anderen Elemente mitbestimmt”. Dieser Übergang von einer metaphysischen zu einer organisationsbezogenen Fassung von Ganzheit ist der eigentliche Kerngedanke, aus dem sich die spätere Systemtheorie entwickelt.
Diesner formuliert als Leitthese, dass der Erfolg interdisziplinärer Arbeit wesentlich von transdisziplinären Bemühungen abhängt. Er entwickelt den Zusammenhang von Trans- und Interdisziplinarität in Kapitel in seinem Buches als eine Stufenlogik, an deren Spitze die Transdisziplinarität steht, und argumentiert, dass Bertalanffys Allgemeine Systemtheorie genau diese höchste Integrationsform verkörpert. Dabei stützt Diesner sich auf die von Julie Thompson Klein entwickelte und später erweiterte Typologie interdisziplinärer Praxis, die zwischen drei Graden der Integration unterscheidet. Die schwächste Form ist die Multidisziplinarität: Hier stehen Disziplinen einfach nebeneinander, ohne dass echte Kommunikation zwischen ihnen stattfindet – ein enzyklopädischer Ansatz, der Diesner zufolge „bestenfalls ein schwacher interdisziplinärer Ansatz“ ist, weil die Breite des Gegenstandsbereichs allein noch keine Interdisziplinarität ausmacht. Die eigentliche Interdisziplinarität setzt dagegen aktive Interaktion, Zusammenarbeit und Integration voraus. Diesner unterscheidet hier weiter zwischen einer methodologischen Interdisziplinarität, bei der lediglich eine Methode oder ein Konzept von einer Disziplin auf eine andere übertragen wird, und einer theoretischen Interdisziplinarität, die ein umfassenderes Bezugssystem für zukünftige Forschung schaffen will. Innerhalb dieser theoretischen Form trennt er nochmals generalisierende Interdisziplinarität (eine einzelne theoretische Perspektive wird auf ein breites disziplinäres Spektrum angewandt) von integrativer Interdisziplinarität (Theorien und Begriffe einer Disziplin tragen aktiv zur Problemlösung einer anderen bei, sodass neue, modifizierte Kategorien entstehen).
Transdisziplinarität – ein Begriff, den Diesner auf den Zukunftsforscher Erich Jantsch zurückführt – bezeichnet demgegenüber eine Praxis, die auf einem gemeinsamen Axiomensystem beruht und den engeren Horizont disziplinärer Sichtweisen durch eine umfassende Synthese überschreitet. Charakteristisch ist hier die systematische Integration von Wissen, ein oft kritischer Imperativ, ein eigenständig artikuliertes Begriffssystem, die Ausrichtung auf konkrete Probleme sowie die Rückbindung des erzeugten Wissens an lebensweltliche oder gesellschaftliche Zusammenhänge.
Transdisziplinarität ist aus dieser Perspektive kein Selbstzweck, sondern notwendige Voraussetzung für eine gelingende interdisziplinäre Praxis im konkreten Forschungsprozess. In einer ersten, analytischen Phase müssen disziplinäre Ergebnisse und Sichtweisen kritisch-reflexiv analysiert werden – hier kommt der reduktionismuskritische Aspekt der Systemtheorie zum Einsatz, etwa bei der Frage nach dem angemessenen Komplexitätsgrad oder den Systemgrenzen. In einer zweiten Phase müssen die verschiedenen disziplinären Perspektiven relational und begrifflich auf das gemeinsame Problemfeld hin geordnet werden – und diese Ordnungsleistung kann laut Diesner durch systemtheoretische Prinzipien angeleitet werden. Transdisziplinarität liefert also den übergeordneten begrifflichen Rahmen, während sich Interdisziplinarität im konkreten Forschungsalltag als praktische Anwendung dieses Rahmens vollzieht.
Diesner geht auch auf die Einwände gegen diesen Anspruch ein. Er referiert Kritiker, die für einen wissenschaftlichen Pluralismus argumentieren und den Einheitsanspruch transdisziplinärer Metatheorien für überholt halten, sowie den konkurrierenden pragmatischen Ansatz der „Interfield Theory“, der Integration ohne generalisierende Metatheorie über punktuelle Beziehungen zwischen einzelnen „Feldern“ erklärt. Diesners Gegenargument lautet, dass reine praktische Vernunft ohne ein regulatives transdisziplinäres Moment weder eine systematische Theorienkritik noch eine gezielte Förderung interdisziplinärer Wissenschaft leisten kann – die Allgemeine Systemtheorie liefere hier, so seine Schlussfolgerung, zwar keine „universelle Einheitswissenschaft“, aber ein „fruchtbares Werkzeug“, das die bestehende Verfasstheit der Wissenschaften zugleich bewahrt, auflöst und auf eine höhere Stufe hebt. Genau in dieser vermittelnden, heuristischen Funktion zwischen einzeldisziplinärer Praxis und übergreifendem Ordnungsanspruch liegt für Diesner der eigentliche Kern des „systemtheoretischen Imperativs“.
Gemeint ist damit keine bloße empirische Feststellung, sondern eine Art wissenschaftliche Verpflichtung: Forschung sollte sich an Prinzipien wie Ganzheitlichkeit, Komplexität, Relationalität, Dynamik, Offenheit und Eigenaktivität komplexer Systeme orientieren, und die alten Dichotomien von reduktionistischem Mechanismus und metaphysischem Vitalismus sollten systemtheoretisch überwunden werden. Diesner betont ausdrücklich, dass sich diese Intention der klassischen Allgemeinen Systemtheorie nur im Zusammenspiel dieser Prinzipien bewähren und weiterführen lässt – der Imperativ ist also kein starres Dogma, sondern eine Art methodische Grundhaltung.
Gleichzeitig zeigt er auf, warum der ursprüngliche Anspruch einer formal geschlossenen, alle Disziplinen vereinenden Metatheorie nicht eingelöst werden konnte, verwahrt sich aber andererseits dagegen, Bertalanffy deshalb abzuschreiben. Stattdessen arbeitet er heraus, was an dessen Denken bewahrenswert bleibt – die Unterscheidung von Trans- und Interdisziplinarität, der Perspektivismus als Vermittlung zwischen Realismus und Relativismus, das kritische Potential systemtheoretischer Begriffe gegenüber reduktionistischen Denkgewohnheiten. Diese Rekonstruktion ist deshalb wertvoll, weil sie Bertalanffy in Beziehung zu aktuellen wissenschaftstheoretischen Debatten setzt.
Bei der Beschäftigung mit Bertalanffy bleibt für Diesner klar, dass „Systemtheorie“ gleichwohl nur im Plural zu haben ist – Kybernetik (Wiener, Ashby), Autopoiesis-Theorie (Maturana, Varela), Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Kauffmans Selbstorganisationstheorie und schließlich die Allgemeine Systemtheorie, zu deren Gründern neben Bertalanffy auch der Ökonom Kenneth Boulding und der Mathematiker Anatol Rapoport zählen. Im Unterschied etwa zu Luhmanns Systemtheorie, die eine Sozialtheorie ist, zielt Bertalanffys Ansatz auf eine Wissenschaftskonzeption, die quer zu den Einzeldisziplinen liegt – auf eine Metawissenschaft, die die Autonomie der einzelnen Fächer gerade bewahren soll, statt sie zu vereinheitlichen.
Aus den ursprünglichen Bertalanffy’schen Leitsätzen von Ganzheit, Dynamik und Eigenaktivität leitet Diesner drei konkrete Imperative für heutige wissenschaftliche Praxis ab. Erstens hat die Komplexität eines Gegenstandes Vorrang vor eng lokalen Forschungsintentionen, und Relationen – einschließlich der System-Umwelt-Relation – haben Vorrang vor punktuell operierenden Forschungsmethoden. Zweitens muss die organisatorische Dynamik des Gegenstandes berücksichtigt werden, was bedeutet, dass offene Systemmodelle Vorrang vor geschlossenen haben und die Eigenaktivität des Systems beachtet werden muss. Drittens müssen innerdisziplinäre dichotome Positionen und Widersprüche zwischen Disziplinen aufgedeckt und systemtheoretisch überwunden werden – wofür laut Diesner nicht bloß interdisziplinäre, sondern spezifisch transdisziplinäre, integrative Positionen notwendig sind, wie es sich etwa am Beispiel des Gegensatzes zwischen klassischer Thermodynamik und biologischer Organisation zeigte, der erst durch die Theorie offener Systeme aufgelöst werden konnte.
Diesner verschweigt nicht die Beschränkungen des Ansatzes. Er betont ausdrücklich, dass mit dem Stand der Systemtheorie bei Bertalanffy keine „endgültige und problemfreie theoretische Matrix” eines wissenschaftlich fundierten, ganzheitlichen Forschungsprogramms gegeben sei. Auch als heuristisches Konzept bleibe die Systemtheorie eine Reduktion der Komplexität der Welt und damit prinzipiell fehlerbehaftet – eine kritische Analyse systematischer Fehler ganzheitlicher Heuristiken stehe für den systemtheoretischen Ansatz noch aus.
Das Buch ist für jeden, der sich für die Ideengeschichte des systemischen Feldes interessiert, eine interessante Lektüre, weil es Bertalanffy nicht als historisches Relikt behandelt, sondern deutlich macht, wie viele Impulse er mit seinem Werk für die Entwicklung heute gängiger systemischer und systemtheoretischer Konzepte gegeben hat.