
In den sogenannten „westlichen“ Gesellschaften ist seit einigen Jahren eine zunehmende Moralisierung öffentlicher Selbst- und Weltdeutungen zu beobachten. Das spricht einerseits für eine gesteigerte Sensibilisierung für moralische Themen, andererseits für eine problematische, weil normative Einengung sozialer Diskurse.
Auch im systemischen Feld stellt sich verschärft die Frage, wann moralische Sensibilität in Bevormundung und Ideologie umschlägt. Diese Frage wird im systemagazin seit längerem verhandelt – etwa in Debatten über professionelle Identität, den ideologisch aufgeladenen Aktivismus in den systemischen Verbänden oder den Umgang systemischer Praxis mit normativen Zumutungen.
Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle auf einen Aufsatz von Maria-Sibylla Lotter, ihres Zeichens Professorin für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum, aufmerksam gemacht, in dem sie auf die Gefährdung des freien wissenschaftlichen Diskurses hingewiesen hatte.
Nun ist im Hanser-Verlag ihr aktuelles Buch erschienen, in dem es um die eingangs erwähnte gesellschaftliche Moralisierung geht. „Opfer“ analysiert diese Entwicklung unter dem Begriff einer „neuen Therapiemoral“. Gemeint ist eine Pseudomoral, in der sich therapeutische Praxis und öffentliche Moralität so verschränken, dass die Grenzen zwischen beiden zunehmend verwischt werden.
Ausgangspunkt ist die kulturdiagnostische Beobachtung, dass einzelne Begriffe ganze Epochen prägen können. Für die Neuzeit waren dies Vernunft und Freiheit; sie standen nicht nur im Zentrum philosophischer Diskussionen, sondern trugen den Glauben an die Gestaltbarkeit des – privaten wie politischen – Lebens. In ihnen bündelten sich Hoffnungen auf moralischen Fortschritt, Gerechtigkeit und politische Legitimation. Die Schattenseite dieser Rationalisierung der Lebenswelt bestand in der Ausblendung des Unkontrollierbaren, der Macht äußerer Umstände, der Rolle der Gefühle und der Verletzlichkeit des Menschen. In den letzten Jahrzehnten sind viele Errungenschaften der Aufklärung – oft zu recht – in Verruf geraten, werden sie doch für die geopolitischen, technischen und ökonomischen Katastrophen verantwortlich gemacht, die wir heute weltweit beobachten können. An ihre Stelle ist in den letzten Jahren eine Kultur der Verletzlichkeit getreten, die sich in der Verbreitung einer traumabezogenen Sprache manifestiert, in der Begriffe wie „Trauma“, „Opfer“, „Gewalt“, „Diskriminierung“, „Mikroaggression“ etc. dominant sind.
Das Buch richtet den Blick darauf, wie sich Menschenbild, Debattenkultur und demokratische Praxis verändern, wenn Verletzlichkeit zum zentralen Deutungsrahmen avanciert – nicht nur als gesteigerte Sensibilität, sondern als Leitbegriff von Wissenschaftspolitik, Recht und kollektiver Identitätsbildung. Lotter unterscheidet dabei konsequent zwischen Verletzlichkeit als moralischer Tatsache und Verletzlichkeit als universalem Deutungsrahmen. Dass Menschen verletzbar sind, dass es Diskriminierung gibt und dass die Benutzung bestimmter Wörter verletzen kann, ist unbestreitbar. Problematisch wird es dort, wo Verletzlichkeit andere Deutungsangebote verdrängt und als alleinige Beobachtungsperspektive etabliert wird, die moralische Geltungsansprüche legitimiert. Die Mechanismen dieser Verschiebung stehen im Zentrum ihrer Analyse.
Ein zentraler Bezugspunkt ist Nick Haslams Konzept des „Concept Creep“: die schleichende Ausweitung von Begriffen wie Trauma, Missbrauch, Gewalt und Hass. „Horizontal“ erweitert sich der Anwendungsbereich auf Phänomene, die zuvor nicht unter diese Begriffe fielen; „vertikal“ werden mildere Ausprägungen einbezogen, die früher nicht als relevant galten. Horizontaler Concept Creep liegt etwa vor, wenn für ein schmerzhaftes Beziehungsende, gescheiterte Prüfungen, berufliche Enttäuschungen oder das Miterleben belastender Erfahrungen anderer bereits der Traumabegriff herangezogen wird. Vertikale Ausdehnung zeigt sich, wenn gelegentliches Ärgern, ein einzelner abwertender Kommentar oder situativer Ausschluss schon als Mobbing gelten, während Intensität, Dauer und Wiederholung – ursprünglich definierende Kriterien – in den Hintergrund treten.
Lotter rekonstruiert am Beispiel der Posttraumatischen Belastungsstörung, wie aus einer seltenen klinischen Diagnose ein allgegenwärtiger Deutungsrahmen wurde. Was 1980 im DSM noch an außergewöhnliche Ereignisse gebunden war, wurde 1987 mit dem DSM-III-R auf Alltagskrisen ausgedehnt. Diese Ausweitung wird nicht primär durch neue empirische Befunde erklärt, sondern durch ein Zusammenspiel von politischem Aktivismus, veränderten Wertorientierungen und Anreizstrukturen im Wissenschaftssystem.
Dabei betont Lotter, dass die damit verbundene Tendenz zur Entstigmatisierung psychischen Leidens und einer besseren Versorgung durchaus reale Fortschritte darstellen. Die Ausweitung des Traumabegriffs ist vor diesem Hintergrund also ambivalent – und das Buch unterschlägt diese Ambivalenz nicht. Entscheidend ist für Lotter die Schwelle, an der diese Dynamik dysfunktional wird: dort, wo die Rückgewinnung von Selbstverantwortung und Handlungsfähigkeit durch die Logik des Schutzbedarfs blockiert wird, weil subjektive Schädigungserfahrungen – durch Traumata, Diskriminierung oder andere Belastungen – unmittelbar in Geltungsansprüche gegenüber Dritten transformiert werden.
Realer oder empfundener Schaden ist jedoch nicht dasselbe wie das Erleiden von Unrecht. Nicht jede Beeinträchtigung begründet einen moralischen Anspruch gegen andere. Vieles, was Menschen erleiden, müssen sie hinnehmen – weil niemand dafür verantwortlich ist, weil sich die Beeinträchtigung aus legitimen Praktiken und Regeln oder aus gesellschaftlichen Verhältnissen ergibt, die nicht ohne weiteres zu ändern sind. Wenn diese Grenze systematisch verwischt wird, verliert das Schadensprinzip seine normative Trennschärfe. Für Lotter ist die „Verschiebung vom Akteur zum Opfer“ insofern keine begriffliche Nuance, sondern eine „tektonische Bewegung innerhalb des moralischen Diskurses – mit weitreichenden Konsequenzen auf normativer wie gesellschaftlicher Ebene“. Sie resultiert u.a. in einer moralischen Steigerungslogik und der Ausbildung von Opferhierarchien, die im Konzept der Intersektionalität ihren Kulminationspunkt finden und auch im systemischen Feld – bedauerlicherweise – zunehmend als Bezugspunkt dienen.
Die Opferkultur als neue moralische Ökonomie
In diesem Zusammenhang greift Lotter auf die amerikanischen Soziologen Bradley Campbell und Jason Manning zurück, die in The Rise of Victimhood Culture (2018) den Aufstieg einer neuen Moralkultur beschreiben. Diese „Opferkultur“ kontrastieren sie mit zwei älteren Mustern: Ehren- und Würdekulturen. In Ehrenkulturen reagierte der Einzelne sensibel auf Kränkungen, suchte die Antwort aber im Gegenangriff, häufig mit Gewalt, weil sozialer Status an die Fähigkeit zur Selbstverteidigung gekoppelt war. In Würdekulturen galt es als Stärke, Beleidigungen zu ignorieren und Gelassenheit zu bewahren. Die neue Opferkultur knüpft an die psychologische Sensibilität der Ehrenkultur an, verbindet sie aber mit anderen Handlungsmustern: Nicht der Gegenschlag oder das stille Ertragen stehen im Vordergrund, sondern die öffentliche Dramatisierung der eigenen Verletzlichkeit.
Kennzeichnend ist die enge Kopplung sozialer Identität an strukturelle Verwundbarkeit. Wer sich als besonders verwundbar darstellen kann und seine Zugehörigkeit zu historisch oder strukturell benachteiligten Gruppen plausibel macht, gewinnt moralische Aufmerksamkeit und Deutungshoheit. Lotter zitiert zustimmend den italienischen Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli: „Opfer zu sein verleiht Prestige, […] immunisiert gegen jegliche Kritik, garantiert eine über jeden vernünftigen Zweifel erhabene Unschuld.“ Die dadurch entstehende Statusökonomie der Opferrolle markiert eine „Umwertung der Werte“ im Rahmen einer schleichenden kulturellen Verschiebung, die gerade wegen ihres graduellen Charakters in ihrem Ausmaß leicht verkannt wird.
Ein besonders instruktiver Zug dieser Opferkultur liegt in der Verlagerung von Konflikten in die Öffentlichkeit. In Würdekulturen wurden Konflikte bevorzugt privat oder über den Rechtsweg bearbeitet. In der Opferkultur werden Konflikte frühzeitig in den öffentlichen Raum getragen. An die Stelle des Rechtsanwalts tritt die Plattform; an die Stelle der Verständigung tritt die Mobilisierung der Öffentlichkeit als vermeintliche Richterin. Das erhöht die Abhängigkeit von den Medien der Aufmerksamkeitsökonomie und transformiert rechtliche und ethische Fragen in Fragen öffentlicher Stimmungen. Lotter verweist hier auf die Rolle digitaler Medien, die neue Formen der Machtausübung über öffentliche Beschämung und Mobilisierung eröffnen. Diese technologische Dimension erklärt nach ihrer Einschätzung jedoch nicht, warum die Opferrolle selbst eine so hohe Attraktivität entfaltet; diese Motivlage ist ein eigener Untersuchungsgegenstand.
Therapeutisierung des Moralischen und horizontale Ausdehnung
Die zentrale These des Buches lautet, dass die Aufwertung der Opferrolle das Resultat einer kategorialen Verwechslung ist: therapeutische Haltungen werden in moralische Gebote umgedeutet. Lotter spricht von „Therapiemoral“, einer Pseudomoral, die aus der Übertragung therapeutischer Konzepte und Praktiken auf Alltagsmoral entsteht.
In der Psychotherapie ist es funktional, Urteile über Klienten zurückzustellen, ihre Schilderungen zunächst nicht infrage zu stellen und ihre Perspektive ernst zu nehmen – auch dort, wo sie verzerrt erscheinen. Das Therapiesetting ist kein Gerichtssaal, seine Aufgabe ist nicht die Klärung von Wahrheit im juridischen Sinn, sondern die Förderung von Heilungsprozessen. Problematisch wird es, wenn diese Grundhaltung auf öffentliche Debatten, juristische Verfahren oder Fragen der Gerechtigkeit übertragen wird. In diesen Kontexten wird eine strikt validierende Haltung gegenüber subjektiven Deutungen dysfunktional.
Hier zeigt sich die horizontale Ausdehnung therapeutischer Kategorien besonders deutlich. Der Traumabegriff, ursprünglich relativ eng definiert als Reaktion auf überwältigende Ereignisse mit spezifischem Symptomprofil, wird auf unterschiedlichste Formen von Belastungserfahrung ausgeweitet. Mikroaggressionen – kleinste, oft unbeabsichtigte Kränkungen – werden teilweise wie Traumata behandelt, als reiche die subjektive Schmerzbeschreibung aus, um umfassende therapeutische oder juristische Schutzmechanismen zu rechtfertigen. Ähnliches gilt für Gewaltbegriffe: von physischer Gewalt über verbale und strukturelle Gewalt bis hin zu epistemischer Gewalt. Mit jeder Ausdehnung nimmt die Differenzierungskraft ab, während die politische Aufladung zunimmt.
Lotter behandelt Triggerwarnungen als ein prägnantes Beispiel dafür, wie therapeutische Schutzlogiken auch in Bildungs- und Kulturräume übertragen werden. Kunst und Literatur erscheinen aus diesem Blickwinkel nicht mehr vor allem als zumutende, aber eben auch bildende und entwicklungsfördernde Auseinandersetzung mit Leid, Gewalt und Ambivalenz, sondern als potenzielle Gefahr für das seelische Gleichgewicht. Sie rekonstruiert, wie sich Warnhinweise aus aktivistischen Online-Kontexten über Hochschulen und Kultureinrichtungen verbreitet haben, obwohl sich empirisch kein belastbarer präventiver Nutzen nachweisen lässt. Stattdessen verweisen Studien auf Nebenwirkungen: Triggerwarnungen können Angst und negative Erwartungen schüren, Vermeidungsverhalten verstärken und die Tendenz fördern, Trauma als identitätsstiftenden Fixpunkt der eigenen Biographie zu verstehen.
Diese Dynamik bleibt nicht auf Kunst- und Geisteswissenschaften beschränkt. Auch in psychotherapeutischen und beraterischen Kontexten nehmen Triggerwarnungen sichtbar zu, auch in systemischen Ausbildungsgängen, in Curricula und Seminarunterlagen oder am Beginn von Lehrveranstaltungen, in denen auf „potenziell belastende Inhalte“ hingewiesen wird. Selbst in fachlichen Publikationen und Zeitschriften tauchen entsprechende Hinweise inzwischen auf. So schließen Tanja Kuhnert und Nikola Siller ihr Einführungskapitel im von ihnen bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienenen Herausgeberband „Systemik, die“ mit dem Warnhinweis: „Bitte beachten: Wir gehen in unserem Buch auch auf Ereignisse ein, die für manche Leser*innen unangenehm sein und Stress auslösen könnten. Achtet gut auf euch und eure Grenzen“ (S. 24). Welche Texte in diesem Band von den Herausgeberinnen als grenzüberschreitend angesehen werden, wird freilich nicht verraten.
Für Lotter ist das Ausdruck eines erweiterten therapeutischen Deutungsrahmens, der Maßstäbe aus dem hochsensiblen Setting der Psychotherapie – Schonung, Validierung, Vermeidung von Überforderung – in Kontexte exportiert, in denen Auseinandersetzung, Ambiguitätstoleranz und Zumutbarkeit konstitutiv sind. Damit werden nicht nur Begriffe, sondern auch institutionelle Praktiken Teil einer „Therapiemoral“, die kulturelle und professionelle Räume zunehmend nach den Kriterien des Schutzes strukturiert.
Lotter’ Analyse dieser Ausdehnungsprozesse ist zurückhaltend im Ton. Sie erkennt an, dass in vielen Fällen auf reale Phänomene reagiert wird: strukturelle Ungleichheiten, subtile Diskriminierungen, psychische Folgen alltäglicher Interaktionen. Kritik richtet sich nicht gegen die Sichtbarmachung dieser Phänomene, sondern gegen die Gleichsetzung von subjektiver Betroffenheit mit objektivem Unrecht und gegen die Verallgemeinerung therapeutischer Maximen zu moralischen Allgemeinnormen.
Vertikale Ausdehnung und Hierarchisierung
Von vertikaler Ausdehnung spricht Lotter dort, wo sich nicht nur der Bedeutungsumfang eines Begriffs verschiebt – also mildere Fälle einbezogen werden –, sondern zugleich eine Rangordnung der Perspektiven entsteht, in der die therapeutische Sichtweise zur obersten Instanz erklärt wird.
In dieser Perspektive geht es also nicht nur darum, dass traumabezogene Diagnosen oder Gewaltbegriffe milder angewandt werden, sondern darum, dass sich an diese Begriffe eine Hierarchie der Geltungsansprüche knüpft: Wer sich auf Trauma oder Gewalt berufen kann, soll vorrangig gehört, nicht kritisiert und schon gar nicht geprüft werden. Lotter zeigt, wie damit die therapeutische Maxime, subjektive Deutungen zunächst validierend aufzunehmen, in eine moralische Pflicht zur Zustimmungsbereitschaft übersetzt wird. Die empathische Grundhaltung, die im Behandlungszimmer funktional ist, wird verallgemeinert zu einer Norm, die auch in rechtlichen und politischen Kontexten gilt: Zunächst nicht hinterfragen, zunächst glauben, zunächst schützen.
Dies erzeugt eine gestufte Ordnung von Perspektiven. An der Spitze steht die subjektive Betroffenheit, verstanden im Licht therapeutischer Sensibilität; nachgeordnet sind sachliche Prüfung, empirische Rekonstruktion und rechtliche Einordnung. Lotter diskutiert dies am Beispiel der Forderung, bestimmte Erfahrungen „zunächst nicht in Frage zu stellen“ und kritisiert nicht den Schutzanspruch selbst, sondern die implizite Verschiebung: Aus dem sinnvollen Verbot, Leidensberichte vorschnell abzuwerten, wird eine generelle Suspendierung prüfender Distanz. Damit verändert sich auch der Status von Kritik: Sie erscheint nicht mehr als notwendige zweite Stufe eines Verständigungsprozesses, sondern als moralisch verdächtiger Akt.
Vertikale Ausdehnung meint in Lotters Lesart damit zweierlei: die Absenkung der Schwellen, ab denen negative Erfahrungen mit starken Begriffen bezeichnet werden, und die Aufwertung derjenigen Stimmen, die diese Begriffe für sich beanspruchen. In der Kombination entsteht eine moralische Landschaft, in der die therapeutisch sensibilisierte Perspektive tendenziell alle anderen überragt. Am Beispiel des Falls Gil Ofarim zeigt Lotter, wie konflikthaft diese Hierarchie werden kann, wenn sich später herausstellt, dass zentrale Behauptungen – hier: antisemitischer Diskriminierung ausgesetzt gewesen zu sein – nicht tragfähig sind.
Politisierung der Therapie
Parallel zur Therapeutisierung des Moralischen beschreibt Lotter eine Politisierung der Therapie. Therapie wird nicht nur als individuelle Heilungspraxis verstanden, sondern als Mittel zur Transformation gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Die öffentliche Darstellung von Traumatisierung und Verletzung gilt in vielen Bewegungen als politischer Akt. In den Frauen- und Queerbewegungen war die Sichtbarmachung privater Gewalt und Diskriminierung eine zentrale emanzipatorische Strategie. Lotter erkennt den Gewinn dieser Strategie an, problematisiert aber eine damit verbundene Verschiebung: Aus der These, dass strukturelle Ungerechtigkeit zu individuellen Verletzungen führt, wird die These, dass individuelle Verletzungserzählungen selbst als Beweis struktureller Ungerechtigkeit zu gelten haben – und dass es moralisch heikel sei, diese Evidenzbasis zu hinterfragen.
In dieser Konstellation wird kritisches Nachfragen schnell als Infragestellung der Leidenswirklichkeit gelesen. Die Folge ist eine Diskurslage, in der Zweifel und Differenzierungen leichter delegitimiert werden können, weil sie mit der Zumutung verbunden werden, Betroffene nicht ernst zu nehmen. Gleichzeitig greift die therapeutische Semantik auf politische Phänomene aus: „nationale Traumata“, „koloniale Wunden“ und „transgenerationale Traumatisierung“ dienen als Erklärungsangebote für aktuelle politische Konfliktlagen. Auch hier betont Lotter, dass historische Gewalt reale Langzeitwirkungen hat. Ihre Skepsis richtet sich auf die Tendenz, politische Probleme systematisch in psychische Kategorien zu übersetzen und dadurch die Eigenlogik politischer Funktionssysteme sowie soziale, ökonomische und historische Pfadabhängigkeiten auszublenden und Interessenkonflikte als moralische Konflikte zu verstehen.
Die Tyrannei der Werte
Zur Erklärung der Eigendynamik solcher Überhöhungen greift Lotter auf Nicolai Hartmanns Begriff der „Tyrannei der Werte“ zurück. Werte neigen, sobald sie hinreichende Bindungskraft gewonnen haben, zur Selbstverabsolutierung und zur Verdrängung konkurrierender Güter. Lotter illustriert dies am Beispiel der Corona-Pandemie. Der Schutz des Lebens wurde in der öffentlichen Kommunikation zur dominanten Norm, von der andere Güter – Bildungsgerechtigkeit, psychische Gesundheit, Freiheitsrechte – abgeleitet oder ihr untergeordnet wurden. Wer auf die Nebenfolgen der Restriktionen hinwies oder den Vorrang dieser Schutzlogik in Zweifel zog, musste mit moralischer Diskreditierung rechnen. Kritikern wurde unterstellt, sie nähmen Todesfälle in Kauf. Lotter interpretiert diese Dynamik nicht primär als Ausdruck politischer Machtausübung, sondern als Resonanzeffekt in einem moralisch hochsensibilisierten öffentlichen Raum, in dem moralische Vorwürfe und Unterstellungen sich gegenseitig verstärken.
Das untersuchte Muster lässt sich aber nicht auf die Pandemie beschränken. Es zeigt sich überall dort, wo bestimmte Deutungsprämissen nicht mehr als diskutable Hypothesen, sondern als Zugehörigkeitsmarker fungieren.
Opfer als Identität
Ein weiteres Kapitel beschreibt Verschiebungen im kollektiven Selbstverständnis, die über den akademischen Diskurs hinausreichen. Identität wird im Unterschied zu früher weniger über Aneignung und Selbstermächtigung, sondern stärker über die Identifikation mit Diskriminierungs- und Benachteiligungserfahrungen hergestellt. Die emanzipatorischen Bewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre standen noch stärker für die Verbindung von Leidenserfahrung und kollektiver Handlungsfähigkeit. Das heute dominierende Narrativ betont nach Lotters Diagnose eher Verwundbarkeit und die Delegation von Verantwortung an Andere oder an „Strukturen“.
Lotter bestreitet nicht, dass strukturelle Benachteiligungen existieren und anerkannt werden müssen, damit man sie ändern kann. Ihre Frage richtet sich auf die Tragfähigkeit des Vulnerabilitätsnarrativs als Strategie. Wer dauerhaft Schutz aus einem reklamierten Opferstatus bezieht, bleibt auf die Bereitschaft anderer angewiesen, Verantwortung zu übernehmen. Dieses asymmetrische Verhältnis ist fragil. Moralische Appelle, die auf Schuldgefühle setzen, neigen dazu, mit der Zeit an Wirkung zu verlieren und in Abwehr umzuschlagen. Lotter liest daran gegenwärtige politische Gegenreaktionen als teilweise verständliche, wenn auch nicht notwendigerweise wünschenswerte Antworten.
Meinungsfreiheit, Schweigen und demokratische Kompetenz
Besonders stark ist der Abschnitt, in dem Lotter ihre Diagnose mit demokratietheoretischen und kognitionswissenschaftlichen Überlegungen zu Meinungsfreiheit verbindet. Sie unterscheidet zwischen rechtlicher Meinungsfreiheit und gefühlter Meinungsfreiheit: dem wahrgenommenen Raum, in dem Menschen sprechen können, ohne unverhältnismäßige soziale Kosten wie Stigmatisierung, berufliche Nachteile, öffentliche Beschämung befürchten zu müssen. Während in den 1990er-Jahren etwa drei Viertel der Befragten der Aussage zustimmten, man könne in Deutschland frei seine Meinung sagen, waren es 2023 nur noch etwa 40 Prozent.
Diese Verschiebung bleibt nicht ohne Folgen für die Diskurskultur. Wo Menschen mit moralischer Diskreditierung rechnen müssen, wenn sie Widerspruch formulieren oder sich bestimmten Geltungsansprüchen nicht anschließen, steigt die Bereitschaft zum Schweigen. Dadurch verarmen notwendige Auseinandersetzungen, und auch im systemischen Feld lässt sich eine solche Tendenz beobachten. Lotter erinnert daran, dass rationale Fähigkeiten wesentlich soziale Funktionen haben: Sie entwickeln sich im Streit, im Austausch mit anders positionierten Gegenübern. Nur in kontroversen Auseinandersetzungen können Vorannahmen sichtbar, hinterfragt und gegebenenfalls revidiert werden. Wer aus Angst vor Sanktionen schweigt, entzieht sich nicht nur dem Diskurs, sondern auch der eigenen Verpflichtung, Gedanken auszuarbeiten und konsistent zu halten.
Als Gegenfigur zur Empörungskultur plädiert Lotter für eine „Verpflichtung zur wohlwollenden Interpretation“ von Debattenbeiträgen und für Zurückhaltung gegenüber spontanen moralischen Reaktionen. Wer eine Äußerung als verletzend oder falsch erlebt, sollte nicht sofort mit maximaler Empörung reagieren. Moralische Empörung ist für sie kein rein privater Gefühlsausdruck; sie fungiert als Signal, dass hier eine Norm verletzt sei, von der unterstellt wird, dass sie für alle gelten müsse. Für die von solchen moralischen Reaktionen betroffene Person kann dies hoch belastend sein, wenn Empörung als Machtdemonstration und öffentliche Bloßstellung inszeniert wird.
„Opfer“ ist kein polemisches Buch. Die historische Rekonstruktion des Traumabegriffs ist präzise und quellennah, die Diagnose der selbstverstärkenden Dynamik von Schutzimperativ und Vulnerabilitätsdiskurs – je mehr Schutz gefordert wird, desto größer das Unsicherheitsgefühl – ist theoretisch schlüssig und über die analysierten Beispiele hinaus anschlussfähig. Die begrifflichen Unterscheidungen (Schaden/Unrecht, rechtliche/gefühlte Meinungsfreiheit, Ermächtigung/Fixierung) sind sorgfältig ausgearbeitet und analytisch fruchtbar.
Für die systemische Praxis sind die skizzierten Dynamiken unmittelbar anschlussfähig. Ausbildungskontexte, Supervisionen und Verbandsdiskurse sind nicht frei von moralischem Druck. Wo bestimmte Haltungen stillschweigend zur professionellen Norm erklärt und Kritik als Angriff gerahmt werden, reproduzieren sich Opfer- und Bevormundungslogiken im Feld selbst. Die Forderung nach Allparteilichkeit, nach wohlwollender Interpretation und Ambiguitätstoleranz, die Lotter als demokratische Tugenden hervorhebt, gehören klassischerweise auch zum Kern systemischer Selbstbeschreibungen. Die Frage ist, ob das Feld diesen Anspruch auch dort einlöst, wo moralischer Druck entsteht und Zugehörigkeit an bestimmte Positionierungen gebunden wird. Gerade systemische Organisationen, die sich gern als besonders reflexiv verstehen, sind gut beraten, ihre Beteiligung an moralischen Eskalationsdynamiken mitzudenken.
Lotter schließt mit dem Bild einer Gesellschaft, die – mit Cass Sunstein – zum „epistemischen Opfer ihrer eigenen Erfolge“ wird: moralische Fortschritte verändern Wahrnehmungsrahmen so, dass die erreichten Verbesserungen kaum als solche anerkannt werden. Nun lässt sich fragen: Wie können die fraglosen Verbesserungen als moralische Fortschritte anerkannt werden, ohne dass man selbst dem Risiko moralischer Diskreditierung ausgesetzt wird, die Dinge nur beschönigen zu wollen? Und wer bestimmt, wann ein Ziel als erreicht gelten darf? Lotter gibt darauf keine abschließende Antwort. Sie formuliert die Fragen jedoch so deutlich, dass sie sich im weiteren Diskurs nicht mehr leicht umgehen lassen. Es wäre zu wünschen, dass sich auch das systemische Feld diesen Fragen stellt, anstatt sich zur Avantgarde der neuen Opferkultur zu machen.

Maria-Sibylla Lotter (2026): Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild. München (Hanser)
288 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-446-28227-8
Preis: 25,00 € (ebook: 17,99 €)
Verlagsinformationen:
Was bedeutete es in der heutigen Gesellschaft, die Opferrolle zu erleben und Verwundbarkeit zu zeigen? Schwäche zu zeigen galt lange als Tabu. Heute kann, wer sich als Opfer sieht, mit Aufmerksamkeit und Empathie rechnen. Sieger und Helden taugen nicht mehr selbstverständlich als Vorbilder. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter erklärt diesen Wandel mit der weiten Verbreitung psychotherapeutischen Denkens und den vielfältigen Formen der Erinnerung an die Opfer politischer Gewalt. Damit wird die Gesellschaft menschlicher, geht aber das Risiko ein, dass Menschen in der Opferrolle Handlungsfähigkeit und Autonomie einbüßen. Reden wir allzu schnell von Opfern? Müssen wir uns darin üben, Konflikte und Verletzungen als unvermeidliche Erfahrungen zu akzeptieren? Maria-Sibylla Lotter wirft einen kühlen Blick auf eine aufgeregte Debatte.
Über die Autorin:
Maria-Sibylla Lotter, geboren 1961 in Kassel, studierte in Freiburg, Berlin und St. Louis Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. 2010 habilitierte sie sich in Zürich, seit 2014 ist sie an der Ruhr-Universität Bochum Professorin für Ethik und Ästhetik. Daneben schreibt sie regelmäßig für die NZZ und Die Zeit. Sie lebt in Freiburg.
Wie immer würden man sich nun wünschen, dass ein Gespräch unter den Beteiligten begänne, gestützt auf ARGUMENTE (wie im Beitrag) und die Anerkenntnis von Kontroverse, JB
Sehr wichtige Diskussion, die umempört zu führen dringend notwendig ist!
Therapeutische Maxime sind evidenzbasierte Kommunikationsformen. Diese sind in jeglichem Kontext sinnvoll. Diese Buch scheint mir die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit Max Planck zu ignorieren und möchte stattdessen lieber wieder zur alten Zeit und ihrer Realität zurückkehren.
Da würde mich ja eine Erklärung interessieren. Soll das heißen, dass therapeutische Kommunikationsformen immer und in jedem Kontext anzustreben sind? Und dass es dafür „seit Max Planck“ Evidenz geben soll??? Und nur Evidenz dafür, keine dagegen?
Das wirkt auf mich eher wie eine unwiderlegbare Behauptung als wie eine wissenschaftliche Schlussfolgerung…
Danke für diesen sehr diskutierenswerten wenn auch wahrscheinlich kontroversiell wirkenden Beitrag lieber Tom
allesliebe
sabine