
Heute wird Marianne Krüll 90 Jahre alt und systemagazin gratuliert von Herzen. In der heutigen systemischen Szene ist sie wohl nicht mehr vielen bekannt, hat sie doch in den letzten 20 Jahren zunehmend weniger in den einschlägigen Journals veröffentlicht. Erstaunlich aber, dass selbst im dickleibigen Werk „Systemik, die“, das der Leserschaft „Feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis“ nahebringen und „kluge und mutige Frauen sichtbarer […] machen“ möchte, von ihr ausschließlich als Mit-Gastherausgeberin eines Themenheftes der Familiendynamik von 1987 die Rede ist – ansonsten ist dort nichts über sie zu erfahren, die doch schon früh ihr Anliegen konsequent verfolgt hat, feministische Perspektiven in den systemischen Diskurs einzubringen. Schon bevor die systemische Therapie in Deutschland zur Blüte kam, wurde sie durch ihre Rezensionen für die Familiendynamik in der familientherapeutischen Szene bekannt, der sie auch durch viele andere Texte Impulse geliefert hat.
1936 in Berlin geboren, absolvierte sie nach dem Abitur und diversen Auslandsreisen eine Ausbildung zur Dolmetscherin in Englisch und Französisch und ein Sprachstudium in Spanien, bevor sie an der FU Berlin ein Soziologiestudium mit Diplom abschloss. 1965 bis 1966 arbeitete sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Sozialforschungsstelle der Universität Münster in Dortmund. In einer Familienpause begann sie 1971 mit einem Promotionsstudium an der Universität Bonn, das sie 1973 mit einer Dissertation über Geschlechtsrollenleitbilder in Stadt- und Landfamilien abschloss. Von 1974 bis 1993 arbeitete sie erst als Wissenschaftliche Assistentin, dann als Akademische Rätin am Seminar für Soziologie der Universität Bonn. Ihre Schwerpunkte in der akademischen Lehre waren: Empirische Sozialforschung, Frauenforschung, Sozialisationsforschung, Erkenntnistheorie, Wissenssoziologie und Wissenschaftssoziologie.
Ihr erkenntnistheoretisches Interesse ebenso wie ihre anderen Schwerpunktthemen brachten sie früh in Kontakt mit der sich entwickelnden familientherapeutischen Szene. Neben ihren schon erwähnten Rezensionen brachte sie in den 1980er und 1990er Jahren in unterschiedlichen Foren feministische Perspektiven in den systemischen Diskurs ein, jedoch ohne den ideologischen und dogmatischen Furor, der heute leider hier zu beobachten ist. Über lange Jahre war sie Mitglied der Editorial Boards der Familiendynamik und der Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung.
Nachdem ich sie zunächst nur aus ihren Texten kannte, bin ich Marianne Krüll in unterschiedlichen Kontexten immer wieder begegnet. Schon in diesen Begegnungen war spürbar, wie sehr Marianne Theorie, Ethik und persönliche Haltung zusammendenkt und nicht einfach nebeneinander stehen lässt.
Besonders präsent ist mir eine Erinnerung aus der Mitte der 1980er Jahre. Wenn ich mich richtig erinnere, war es 1986, als hatte Marianne Humberto Maturana zu einem Vortrag in die Universität Bonn eingeladen hatte, an der sie damals lehrte. Für die systemisch orientierten Kreise der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF) war Maturanas konstruktivistischer Ansatz ein wichtiger Referenzpunkt und Marianne war in dieser Zeit fasziniert und begeistert von Maturanas Autopoise-Konzept – und seiner Person. Ich hatte einen Aufsatz über diesen Ansatz veröffentlicht, worüber wir miteinander in Kontakt kamen und sie lud mich zur Veranstaltung sowie zu einem gemeinsamen Essen mit Maturana im Anschluss ein.
So saßen wir also zu dritt in einem Restaurant in der Nähe der Universität; ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem theoretische Fragen, politische Implikationen und biografische Bezüge zwanglos ineinandergriffen. Sie hatte sie einen wundervollen Humor und eine sehr warmherzige Art, die mich den Altersunterschied zwischen uns vergessen ließ. Ihr herrliches Lachen ist mir immer noch im Ohr. Auch im persönlichen Umgang zeigte sich jene Verbindung von systemischem Denken, Ethik und politischer Haltung, die in ihren Texten zu spüren sind.
Ein Artikel, der für mich prägnant diese Verbindung markiert, ist der Text über „Systemisches Denken und Ethik“ von 1987, der in der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung erschien. Marianne entwickelt darin ein mehrstufiges Reflexionsmodell, mit dem sie zeigt, wie wir uns zunächst aus einer scheinbar selbstverständlichen Ethik heraus bewegen (Null-Ebene), dann erkennen können, dass es viele unterschiedliche Ethiken gibt (Ebene 1), und schließlich zu der Einsicht gelangen, dass es keine absolut gültige Ethik geben kann (Ebene 2). Entscheidend ist jedoch, dass sie diese Bewegung nicht bei einer abstrakten Relativierung stehen lässt, sondern eine weitere Ebene einzieht: Die Einsicht „Es gibt keine absolute Ethik“ ist selbst nicht absolut, sondern beruht ihrerseits auf einer konkreten Ethik, also auf biografisch und politisch gewachsenen Prämissen (Ebene 3). Damit markiert sie eine rekursive Schleife, in der jede moralische Position zugleich kritisch reflektiert und doch als eigene, verantwortbare Haltung beibehalten werden kann.
An ihrem Beispiel als Feministin macht sie diese Rekursivität anschaulich: Sie zeigt, wie eine klare feministische Position – etwa die Kritik an patriarchalen Geschlechterordnungen – nicht dadurch geschwächt wird, dass sie die eigene Sichtweise als interessengeleitet und perspektivisch anerkennt. Im Gegenteil: Für Marianne liegt gerade darin eine Möglichkeit, sich nicht in dieselbe dogmatische Struktur zu verstricken, die sie kritisiert. Wer die eigene Ethik absolut setzt, riskiert, dass der Kampf gegen Verabsolutierungen selbst wieder verabsolutiert wird. Eine konstruktivistische, systemische Perspektive führt bei ihr nicht zu moralischer Beliebigkeit, sondern zu einer Ethik der Verantwortung – einer Ethik, die sich der eigenen Machtansprüche bewusst ist und sie nicht hinter „objektiven“ Wahrheiten versteckt. Der Artikel ist hier nachzulesen…
Gerade im Licht des zunehmenden moralischen Aktivismus im systemischen Feld wirkt dieser Text auf mich erstaunlich aktuell. Viele gegenwärtige Debatten sind von starken moralischen Eindeutigkeiten, scharfen Grenzziehungen und der Tendenz geprägt, die eigene Position als einzig legitime zu markieren. Marianne zeigte dagegen, dass man sehr wohl „das Patriarchat anprangern“ – oder allgemeiner gesprochen: Ungerechtigkeiten deutlich benennen – kann, ohne die eigene Perspektive als letzte Wahrheit auszugeben. Ihr Modell der Spirale, in der sich die Reflexion über die eigenen ethischen Prämissen immer wieder erneuert, bietet einen begrifflichen Rahmen, um moralisches Engagement und reflexive Bescheidenheit miteinander zu verbinden.
Seit dem Ende der 1990er Jahre hat sich Marianne Krüll zunehmend weniger mit systemischen Positionen beschäftigt. Ihr publizistisches Interesse galt schon immer ganz vorrangig ihren Studien über Familienbiografien. So veröffentlichte sie Werke über Freud und seinen Vater, über die Familie Mann, aber auch über ihre eigene Herkunftsfamilie, immer in wunderbarer Prosa. Die Fragen nach Ethik, Macht und Geschlecht, die sie im systemtheoretischen Kontext entwickelt hat, werden in den biografischen Arbeiten in eine andere Form übersetzt. Lesenswert sind sie alle Mal.
Liebe Marianne, ich weiß nicht, ob du diese Zeilen liest. Zum 90. Geburtstag wünsche ich dir alles Gute, verbunden mit einem großen Dank für deine vielfältigen Beiträge und Impulse, die hoffentlich auch in der Zukunft wach gehalten werden.