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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Ein Plädoyer für intellektuelle Vielfalt und agonalen Streit

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Maria-Sibylla Lotter, Philosophieprofessorin der Ruhr-Universität Bochum, stellte in der Zeitschrift Forschung & Lehre 10/2024 die Frage „Ist der freie wissenschaftliche Diskurs in Gefahr?“ Der Text, der hier auch online frei lesbar ist, diagnostiziert eine zunehmende Gefährdung des freien wissenschaftlichen Diskurses durch moralisch-ideologische Erwartungen, mediale Dynamiken und innerakademische Konformitätszwänge – und argumentiert, dass Gerechtigkeitsanliegen ohne Vorrang der Wahrheitssuche selbst geschwächt werden. Diese Problemanzeige lässt sich relativ unmittelbar auf ideologische Tendenzen im systemischen Diskurs übertragen, in dem ähnliche Mechanismen von Moralismus, Sprachpolitik und Schweigespirale zu beobachten sind.

Der Beitrag von Lotter setzt bei der Funktion der Wissenschaft für demokratische Gesellschaften an: Wissenschaft soll als unparteiische, methodisch kontrollierte und ergebnisoffene Erkenntnisquelle dienen, deren Streitkultur zugleich Vorbild für gesellschaftliche Debatten ist. Voraussetzung dafür ist eine Diskursordnung, in der intellektuelle Vielfalt, agonaler Streit und das Infragestellen dominanter Begriffe und Theorien institutionell geschützt und kulturell gewünscht sind. Diese Voraussetzungen lassen sich nicht allein rechtlich sichern, sondern sind auf Praktiken der Diskursteilnehmenden angewiesen (Böckenförde-Argument).

Lotter beschreibt mehrere Gefährdungsmechanismen. Technisch verstärken soziale Medien und Smartphones die Skandalisierungslogik: interne Äußerungen lassen sich leicht öffentlich machen, Shitstorms erzeugen Druck auf Hochschulleitungen, die aus Imagegründen vorschnell einknicken. Wissenschaftspolitisch und ökonomisch verschärft der Drittmitteldruck den Konformismus: gerade der Nachwuchs meidet Themen, die als politisch kontrovers gelten, weil er nicht sicher sein kann, dass Gutachter zwischen wissenschaftlicher Qualität und politischer Erwünschtheit unterscheiden.

Ideologisch verschiebt sich der Fokus von klassischer Links-Rechts-Polarisierung hin zu moralischen Projekten unter dem Banner von Gerechtigkeit und Schutz vulnerabler Gruppen (Gender, Minderheiten, Rassismus etc.). Paradigmatisch zitiert Lotter Sandra Korn („Let’s give up on academic freedom in favor of justice“), die eine Priorisierung „academic justice“ vor „academic freedom“ fordert und verlangt, Forschung, die als „promoting or justifying oppression“ gilt, zu unterbinden. Diese Position verbindet zwei weit verbreitete Leitideen: eine an Foucault/Bourdieu orientierte Sprach- und Diskurstheorie, die soziale Realität primär durch Sprache erzeugt sieht, und ein Vulnerabilitätsleitbild, das benachteiligte Gruppen primär als durch Sprache verletzbar versteht. Daraus ergibt sich eine moralische Pflicht, vor vermeintlich verletzenden Äußerungen zu schützen – mit der Folge, dass auch sachliche Kritik als Kränkung markiert und delegitimiert werden kann.

Vor diesem Hintergrund thematisiert Lotter die Ausweitung „basically contested concepts“ (Antisemitismus, Rassismus, Transphobie, Islamophobie, Sexismus) zu Kampfbegriffen, mit denen Personen öffentlich disqualifiziert werden. Sie illustriert dies an Fällen wie Kathleen Stock (Transphobie), Susanne Schröter (Islamophobie), Herfried Münkler und Egon Flaig (Rassismus/Sexismus) und Georg Meggle (Antisemitismus), bei denen Ausladungen, Kampagnen und persönliche Bedrohungen die eigentliche Diskussion ersetzen. Noch wichtiger als die Einzelfälle sei die resultierende Selbstzensur: zu heiklen Themen wie Migration, Gendern, Intelligenzforschung oder Geschlecht schweigen viele, um nicht Ziel moralischer Kampagnen zu werden – mit der Folge einer Schweigespirale.

Normativ argumentiert Lotter, dass Gerechtigkeit in der Wissenschaft nicht über, sondern nur auf Basis von Wahrheitssuche zu haben ist. Sie greift ein Buch („Kindly Inquisitors“) des Wissenschaftsjournalisten Jonathan Rauch auf, der zwischen irrationalem und „rationalem“ Hass unterscheidet (Ablehnung, die auf falschen Annahmen beruht, aber durchaus nachvollziehbar wäre, wenn die Annahmen zuträfen) und zeigt, dass Diskriminierung marginalisierter Gruppen nicht durch Sprechverbote, sondern durch empirische Widerlegung dieser Annahmen abgebaut werden kann. Die Emanzipation etwa homosexueller Menschen sei erst möglich geworden, als Wissenschaft Vorurteile durch Forschung korrigiert und dadurch öffentliche Einstellungen verändert hat. Damit wird der freie Diskurs selbst als emanzipatorische Ressource begriffen.

Überträgt man diese Argumentation auf den systemischen Diskurs, zeigen sich mehrere analoge Verschiebungen. Auch in der Systemik lassen sich in den letzten Jahren eine starke Moralisierung zentraler Themenfelder (Gender, Diversität, Migration, Rassismus) und eine deutlich zugenommene Bedeutung politisch-moralischer Selbstverortung beobachten, häufig gekoppelt an ein spezifisches Verständnis von Sprachmacht und Vulnerabilität. Systemische Texte und Stellungnahmen binden Legitimität von Positionen immer häufiger an moralische Zugehörigkeit zu bestimmten Projekten („Safer Spaces“, „Betroffenenorientierung“) und weniger an argumentative, methodische oder empirische Strenge – genau die Verschiebung, die Lotter auf der Ebene der Wissenschaft als problematisch markiert.

Die von Lotter kritisierte Konstellation von Diskurstheorie plus Vulnerabilitätsleitbild ist im systemischen Feld ebenfalls präsent. Diskurs- und machtkritische Perspektiven, die auf Foucault rekurrieren, werden in der Systemik breit rezipiert und mit einem starken Schutzanspruch gegenüber vulnerablen Klient:innen- und Gruppenidentitäten kombiniert. Wo Sprache primär als potenziell verletzende, Realität konstituierende Praxis begriffen wird, entsteht die Tendenz, kontroverse Deutungsangebote (z.B. zu Geschlecht, Kultur, Religion, Integration) weniger als Beiträge zur Perspektivenvielfalt, sondern als potentielle Gewaltakte zu sehen. Das hat Folgen für die interne Streitkultur: Anstelle der systemischen Grundfigur des neugierigen, hypothetisierenden, selbstreflexiven Fragens tritt – zumindest in Teilen des Diskurses – eine Haltung, die bestimmte Positionen vorab als nicht mehr sagbar markiert.

Parallelen bestehen auch hinsichtlich der Schweigespirale. Lotter beschreibt, wie die Furcht vor Stigmatisierung (z.B. als rassistisch, transphob oder islamophob) dazu führt, dass Kollegen zu „heiklen“ Themen schweigen oder sie meiden. In systemischen Kontexten zeigen sich ähnliche Effekte: Praktiker und Autoren berichten informell, dass sie etwa kritische Nachfragen zu Formen des Genderns, zur Reichweite identitätspolitischer Kategorien in der Therapie, zu Grenzen kultur- oder religionssensibler Praxis oder zur Politisierung des therapeutischen Settings zurückhalten, um nicht in die Nähe moralischer Diskreditierungen zu geraten. Die systemische Szene produziert damit – analog zur von Lotter beschriebenen Dynamik – Zonen informellen Schweigens, in denen nur noch bestimmte, als „vertretbar“ markierte Diskurse öffentlich geführt werden.

Hinzu kommt eine an die Logik von Drittmittelkonformität erinnernde Binnenökonomie systemischer Institutionen. Lotter betont, dass Abhängigkeit von Förderlogiken den Mut zu kontroversen Projekten mindert. Übertragen auf das systemische Feld lässt sich in Ansätzen zeifen, dass Curricula, Zertifizierungsprozesse, Verbandspositionen und Tagungsthemen zunehmend einem Kanon von „erwartbaren“ moralisch-politischen Positionierungen folgen. Wer diesen nicht teilt oder differenziert, läuft Gefahr, institutionell zu marginalisiert zu werden – beispielsweise weniger eingeladen, zitiert oder für Funktionen vorgeschlagen zu werden. Die Konsequenz ist eine normative Homogenisierung, die dem traditionellen systemischen Selbstverständnis als Theoriepluralismus und Praxisexperiment widerspricht.

Ein weiterer Punkt ist Lotters Hinweis auf die Ausweitung und Entgrenzung umkämpfter Begriffe wie Rassismus, Sexismus, Transphobie oder Antisemitismus als Diffamierungsvokabeln. Im systemischen Diskurs beobachten wir vergleichbare semantische Verschiebungen etwa bei Begriffen wie „kolonial“, „gewaltvoll“, „unsicher“, „übergriffig“ oder „gaslighting“, die teilweise sehr schnell in moralische Gesamturteile über Personen oder Schulen übersetzt werden. Damit verlagert sich die Auseinandersetzung von der Ebene argumentativer Kritik (Was ist an einer Intervention problematisch?) auf die Ebene moralischer Etikettierung (Wer so arbeitet, ist per se problematisch). Systemische Kernkompetenzen wie Kontextsensibilität, Mehrperspektivität und Hypothesencharakter von Beschreibungen werden an dieser Stelle aufgegeben.

Lotters zentrale These, dass der Vorrang der Gerechtigkeit vor der Wahrheitssuche letztlich auch den Interessen marginalisierter Gruppen schadet, hat für die Systemik eine unmittelbare Relevanz. Systemische Praxis will gerade vulnerable und marginalisierte Positionen sichtbar machen und stärken. Wird der Diskurs aber normativ so verengt, dass bestimmte empirische Fragen, Ambivalenzen oder Widersprüche nicht mehr gestellt werden dürfen, verliert man die Möglichkeit, jene „rationalen“ Formen von Angst und Ablehnung zu bearbeiten, die Rauch beschreibt. Systemische Beratung und Therapie benötigen die Freiheit, auch unbequeme Hypothesen zu formulieren, Eltern- oder Klientenperspektiven zu irritieren, kulturelle Muster zu hinterfragen und gesellschaftliche Narrative kritisch zu prüfen. Wird diese Freiheit unter Verweis auf potenzielle „Verletzungen“ moralisch delegitimiert, verliert die Systemik ihre eigene emanzipatorische Potenz.

Insofern lässt sich Lotters Plädoyer für eine wissenschaftliche Streitkultur, die intellektuelle Redlichkeit, methodische Strenge und Bereitschaft zur Selbstkorrektur höher gewichtet als moralische Konformität, auch auf den systemischen Diskurs übertragen. Gerade eine Praxis, die sich auf Relationalität, Kontextualität und Mehrstimmigkeit beruft, ist gut beraten, interne ideologische Verfestigungen zu problematisieren, Schweigespiralen sichtbar zu machen und an jenem systemischen Ethos festzuhalten, das Differenz nicht moralisch vorsortiert, sondern als Ausgangspunkt für Hypothesenbildung und dialogische Aushandlung begreift.

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