Systemische Therapie und Beratung zeichnet sich dadurch aus, dass auch bei der Bearbeitung von vermeintlich nur individuellen Problemlagen seit jeher die Berücksichtigung von Beziehungen und aller möglichen Kontexte im Mittelpunkt steht. Das erhöht zwangsläufig die Komplexität zu erfassender Informationen, die berücksichtigt werden sollten. Wichtige Historische, soziale, ökonomische und kulturelle Daten müssen auf schnelle Weise zugänglich und sichtbar sein, wenn sie nicht in längeren Texten ein Schattendasein führen sollen.
Die Arbeit mit Genogrammen ist eine der am meisten verbreiteten Möglichkeiten, mehrgenerationale Familienverhältnisse und Kontextinformationen in einem Schaubild zu visualisieren. 1985 ist das Buch „Genograms in Family Assessment“ von Monica McGoldrick und Randy Gerson bei W. W. Norton erstmals erschienen, in dem sie bestimmte Symbole und Zeichen für klinisch relevante Daten vorgeschlagen haben, mit denen etwa der formale Status und die Qualität von Beziehungen, typische Beziehungsmuster, Symptome etc. markiert werden können. Diese Symbole wurden im Laufe der Jahre (auch wenn es immer andere und ähnliche grafische Varianten gab), neben den Eintragungen zu relevanten Lebensdaten (Zeit und Ort der Geburt, Beruf, Ausbildung Religion etc.) zum Standard beim Zeichnen von Genogrammen. Horizontale und vertikale Verbindungen zwischen den Personen in Verbindung mit den entsprechenden Daten erlauben auf diese Weise, auch langjährige familiäre Beziehungsmuster kompakt darzustellen.
Genogramme präsentieren nicht nur Informationen über Klientensysteme im Zusammenhang, ihre Struktur bietet auch Anregungen für die Erfassung von genogrammrelevanten Daten, entweder über Fragebögen oder direkt – gezielt oder beiläufig – im therapeutischen Gespräch. Die erfragten Informationen sind leicht auf Papier oder mit einem Tablet-Zeichenprogramm während eines Gespräches in die Form eines Genogramms zu bringen.
Das kann allerdings gerade bei größeren und komplexeren Familiensystemen – die angesichts der zunehmenden Patchworkkonstellationen immer öfter anzutreffen sind – herausfordernd werden, wenn die Zeichenfläche voll und kein Platz mehr für Erweiterungen vorhanden ist oder die Elemente neu geordnet werden müssten, damit die Darstellung noch übersichtlich bleibt.
Deshalb hat es immer wieder Software-Programme zur Erstellung von Genogrammen gegeben, die über eine vereinfachte Eingabe von Daten in dafür vorgesehenen Masken zu einer entsprechenden Ausgabe führen, die sich auch im Nachhinein noch an Änderungen und Erweiterungen anpassen kann.
Ein neues Programm auf dem Markt ist das von Dag Zippel erstellte GenoEasy, das sich von der vorhandenen Konkurrenz wie GenoPro, GenogramAI oder Webgeno u.a. dadurch unterscheidet, dass alle eingegebenen Daten DSGVO-konform ausschließlich lokal gespeichert und nicht in eine Cloud hochgeladen werden. Der für therapeutische Zwecke unabdingbare Datenschutz ist außerdem auch durch AES-256-Verschlüsselung gesichert.
Die Software gibt es für Windows, MacOS und IOS und kann auch direkt im Browser getestet werden.
Legt man in GenoEasy ein neues Genogramm an, kann man auf unterschiedlich komplexe Vorlagen zurückgreifen oder legt mit einem Doppelklick in der leeren Arbeitsfläche ein Symbol für eine Person an. Dann öffnet sich eine Maske, bei der man relevante Informationen zur Person wie Name, Geschlecht, Geburtsdatum und -ort, ggf. Todesdatum, Beruf, sowie Markierungen für Schwangerschaften, Fehlgeburten, Adoptionen etc. eintragen kann. In weiteren Reitern können Krankheiten, ICD-Diagnosen, Medikationen, stationäre Behandlungen, psychische Probleme, bisherige psychotherapeutische Behandlungen, Ausbildungsniveau, sozioökonomischer Status, Religion, Migration sowie besondere Lebensereignisse eingegeben werden.
Standardmäßig sind diese Informationen im Genogramm aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht gleich zu sehen. Mit einem Klick aus einem Auswahlmenü können jedoch medizinische, psychologische und soziale Aspekte aus diesen Registern in unterschiedlichen Textfarben im Genogramm eingeblendet werden, was aber nicht immer bei allen eingegebenen Daten funktioniert. So kann man zwar ein genaues Kennenlerndatum bei Beziehungen in der Maske eintragen, welches aber nicht im Genogramm erscheint, und trotz Eingabe eines genauen Heiratsdatums wird nur das Heiratsjahr angezeigt. Das ist angesichts der Bedeutung von bestimmten Jahrestagen ein Manko, das aber leicht zu beheben sein sollte.
Das Bearbeiten von Daten in den Eingabemasken unterschiedlicher Register ist recht umständlich. Will man auf die Daten zugreifen, muss man immer ein Personensymbol anklicken, um die damit verknüpfte Maske aufzurufen, will man die darin enthaltenen Informationen sehen. Das ist aber insofern kein großes Problem, weil man benötigte Daten auch in freie Textfelder eingeben kann, die dann sofort neben der jeweiligen Person im Genogramm erscheinen. Das funktioniert aufgrund der freien Eingabe wesentlich schneller als über einzelne Felder der Eingabemaske und man hat die gewünschten Daten immer im Blick. Gleichzeitig ist das intuitiver und kommt der traditionellen Erstellung eines Genogramms mit Stift und Papier bzw. einem Tablet-Pen viel näher.
Der Nachteil dieser Vorgehensweise ist jedoch, dass das in Abhängigkeit von den eingegeben Texten bei entsprechend großen Textfeldern dazu führen kann, dass sich das Genogramm-Layout verschiebt. Die Folge sind dann verrutschte Generationslinien oder dass Texte über die Verbindungslinien rutschen und in ihrer Lesbarkeit eingeschränkt werden. Zwar bleiben die Beziehungslinien bei der Verschiebung von Personen wie zu erwarten erhalten, allerdings muss man dann die grafische Zuordnung (etwa von Kindern zu Eltern) in den einzelnen Generationen händisch durch Verschieben jeder einzelnen Person wieder in eine übersichtliche Form bringen, was Zeit in Anspruch nimmt. Das ist ein Problem, das sich auch bei anderen Software-Lösungen finden lässt.
Das fertige Genogramm kann man als PDF oder PNG-Bild sowie im GEDCOM-Format exportieren und auf einem anderen Gerät öffnen und weiter bearbeiten.
Auf der Website der Software wird damit geworben, dass das Programm so „intuitiv wie Stift und Papier“ sein, „nur besser“, und dass es „live in der Therapiesitzung“ sofort genutzt werden könnte. Als jemand, der seit 46 Jahren mit Genogrammen arbeitet, nicht mehr mit Stift und Papier, sondern seit langem mit einem Zeichenprogramm auf dem iPad, möchte ich hier Skepsis anmelden. Das ständige Switchen zwischen den dargestellten Personen und den Eingabemasken ist eher umständlich und das Tippen dürfe im Therapiekontext auch eher störend sein, weil die Bearbeitung der Software den eigenen Blick an den Rechner oder das iPad bindet. Mit ein wenig Erfahrung im Aufbau und Zeichnen eines Genogramms ist man händisch wesentlich schneller, auch wenn das Ergebnis dann vielleicht nicht so schön aussieht. Auch kann man eigene Protokollnotizen schnell und unkompliziert an das Genogramm anfügen. Zwar gibt es auch in der GenoEasy-Software die Möglichkeit, in einem eigenen Sitzungsprotokoll-Fenster Notizen einzugeben, aber auch hier ist man auf die Tastatur angewiesen und muss jeweils umschalten, wenn man das Genogramm wieder sehen möchte. Den Gewinn gegenüber handschriftlichen Eingaben – intuitiv und live – kann ich da nicht erkennen.
Wer akkurate Genogramme erstellen und dafür die entsprechende Zeit aufwenden will, kann die Software aber sicherlich dafür gut nutzen, auch für Präsentationszwecke wie Veröffentlichungen oder Unterrichtsmaterial ist sie hervorragend geeignet.
Der Support bei Fragen und Problemen ist exzellent. Eine frühere Version, die ich testen konnte, wurde innerhalb von wenigen Tagen auf meine Hinweise hin verbessert, insofern ist auch zukünftig mit weiteren Updates zu rechnen, die noch vorhandene Fehler (wie z.B. tote Links oder fehlende Datendarstellung) beheben.
Eine Einzellizenz, die aber nur für jeweils ein aktives Gerät freigeschaltet wird, kostet einmalig 79 €, Praxislizenzen (für 2-5 Nutzer), Organisationslizenzen (bis 20 Nutzer) und Lizenzen für Großorganisationen ab 20 Nutzern sind nur im Abo für 349,-, 990,- und 3.490,- € jährlich erhältlich. Das sind happige Preise, die zudem nur als „Early-Bird“-Preise angeboten werden, was bedeutet, dass mit baldigen Preiserhöhungen zu rechnen ist. Abgesehen vom angebotenen zusätzlichen Service bei den Abo-Modellen ist unklar, warum man für 21 Plätze nicht besser einmalig 1.650,- € ausgeben sollte anstatt jährlich 3.490,- €.
Eine „KI-gestützte Musteranalyse“ transgenerationaler Muster ist als zukünftiges Feature in Vorbereitung.
Zur Website der Software, auf der auch zahlreiche Hilfetexte und weitere Anleitungen zu Fragetechnik, Sitzungsplanung, Genogrammerstellung etc. zu finden sind, geht es hier…