Die DGSF hat ihre Mitglieder per Online-Fragebogen (ausgerechnet in der Microsoft-Cloud) eingeladen, „Erfahrungen, Beobachtungen und Bedarfe“ in einen laufenden „intersektionalen Strukturentwicklungsprozess“ einzubringen. Die Einladung klingt nach Partizipation. Liest man den Fragebogen genau, zeigt sich das Gegenteil: Es handelt sich um ein Erhebungsinstrument, das eine offenbar bereits getroffene institutionelle Entscheidung durch den Anschein von Mitgliederbeteiligung legitimieren soll – und das kritischen Positionen gegenüber dem Prozess selbst strukturell keinen Raum lässt. Es lohnt daher ein genauerer Blick auf den Fragebogen und den sogenannten intersektionalen Strukturprozess.
Was der Fragebogen als gegeben voraussetzt
Der Einleitungstext setzt den Ton: „Die Integration intersektionaler Perspektiven in systemisches Arbeiten ist ein wichtiger Bestandteil von Kontextsensibilität, Professionalität und der Umsetzung der Ethikrichtlinien.“ Diese Aussage stellt keine Hypothese oder ein Diskussionsangebot dar, sondern ist eine normative Vorentscheidung. Wer den intersektionalen Umbau kritisch sieht oder für fachlich nicht begründet hält, hat damit bereits im Einleitungssatz erfahren, dass er gegen Professionalität und Ethik verstößt. Das ist die klassische Struktur einer rhetorischen Präsupposition, auch Framing genannt: Der Rahmen wird gesetzt, bevor die Befragung beginnt.
Aus der Perspektive empirischer Sozialforschung handelt es sich dabei um einen schwerwiegenden methodischen Fehler, der jedem Erstsemesterstudenten um die Ohren gehauen würde. Begriffe wie „Rassismus“, „Klassismus“, „Ableismus“ oder „Queerfeindlichkeit“ entstammen zudem einem spezifischen aktivistischen Theorierepertoire – der Critical Race Theory, der Queer Theory und dem intersektionalen Feminismus – und sind in der wissenschaftlichen Gemeinschaft keineswegs konsensuell als neutrale Beschreibungskategorien anerkannt. Im Fragebogen erscheinen sie als selbstverständliche Grundbegriffe professioneller Realität, ohne dass ihre theoretische Herkunft oder ihre Umstrittenheit auch nur erwähnt würden. Der Satz im Einleitungstext, „Rückmeldungen aus macht- und diskriminierungskritischen Perspektiven haben gezeigt, dass es spezifische Leerstellen, Belastungen und Entwicklungsbedarfe gibt“, verwendet eine partielle Evidenzbasis – Rückmeldungen aus einer bereits identifizierten Interessengruppe – als quasi-empirische Legitimation des gesamten Prozesses. Dass Rückmeldungen aus anderen Perspektiven diese Diagnose nicht teilen könnten, wird gar nicht erst erwogen.
Strukturelle Unmöglichkeit kritischer Antworten
Der Fragebogen enthält an keiner Stelle eine Frage, die auf die Bewertung des sogenannten intersektionalen Prozesses als solchem abzielt. Frage 15 lautet: „Welche strukturellen Veränderungen wünschst du dir langfristig innerhalb der DGSF im Umgang mit Rassismus und Intersektionalität?“ – die Prämisse, dass Veränderungen erwünscht und notwendig sind, ist in die Frageformulierung eingebaut. Die Alternative Antwort „Ich wünsche mir keine strukturellen Veränderungen in dieser Richtung“ ist nicht vorgesehen.
Auch Frage 16 operiert mit derselben Logik: „Welche Chancen siehst du für eine rassismuskritische und intersektionale Weiterentwicklung?“ Die Frage nach Risiken, Einwänden oder Gegenargumenten fehlt vollständig. Aus methodischer Sicht handelt es sich um eine klassische Ja/Ja-Frage: Beide möglichen Antworten (viele Chancen vs. wenige Chancen) bestätigen, dass der Rahmen akzeptiert wird. Wer Risiken, Einwände oder eine grundsätzliche Ablehnung des Rahmens kommunizieren will, findet keine Antwortmöglichkeit.
Methodische Defizite: Wenn Antworten nur in eine Richtung zeigen können
Frage 11 fragt z.B., welche Formate der Befragte „für fachlich sinnvoll“ hält, und listet ausschließlich Angebote innerhalb des intersektionalen Rahmens auf: diskriminierungskritische Supervision, intersektional sensibilisierte Selbsterfahrung, machtkritische Methodenentwicklung. Die einzige neutrale Antwortmöglichkeit lautet „Noch keine Einschätzung“ – eine Option, die die vorgelegten Kategorien akzeptiert, erlaubt, sich noch (sic!) nicht festlegen zu können, aber nicht, sie abzulehnen. Die Prämisse, dass die von den Fragestellern angebotenen Veränderungen erwünscht sind, ist in der Fragestellung schon eingebaut. Das entspricht dem Tenor der gesamten Befragungsaktion.
Die einzige offene Frage, die theoretisch Dissens ermöglichen würde, ist Frage 17: „Gibt es etwas, das du ergänzen möchtest und das bisher keinen Platz hatte?“ – eine nachgeordnete Auffangkategorie. Kritische Stimmen werden damit residualkategorisiert: formal berücksichtigt, strukturell marginalisiert. Hinzu kommen messtheoretische Mängel: Das Konstrukt „Diskriminierungserfahrung“ wird durchgehend verwendet, ohne zu differenzieren zwischen subjektiver Attribution, tatsächlich erlebter Beeinträchtigung oder strukturell nachweisbarer Benachteiligung. Frage 6 enthält eingebettete Beispiele wie „Normalisierung weißer Perspektiven“ als Ausfüllhilfe für eine offene Antwort – ein in der Fragebogenforschung gut belegter Mechanismus, der den Deutungsraum präformiert, bevor der Befragte eine eigene Beschreibung entwickelt hat.
Suggestivstruktur einzelner Fragen
Beispielsweise lautet Frage 8: „Hast du selbst diskriminierende Dynamiken reproduziert?“ mit den Optionen Ja / Vielleicht–unsicher / Nein / Dazu möchte ich nichts sagen. Diese Frage setzt voraus, dass das Konzept der „Reproduktion diskriminierender Dynamiken“ für den Befragten bedeutsam und operational ist. Sie enthält keine Option, die das Konzept selbst zurückweist (etwa: „Die Frage ist für meine Praxis nicht sinnvoll anwendbar“). Die Antwort „Nein“ impliziert zudem nicht Ablehnung der Frageprämisse, sondern lediglich deren Verneinung – die Kategorie bleibt gültig.
Systemisch denken heißt: den blinden Fleck beobachten
Es liegt eine besondere Ironie darin, dass ausgerechnet ein systemischer Fachverband diesen Fragebogen veröffentlicht. Denn systemisches Denken bedeutet ja zunächst immer: Beobachtungen zweiter Ordnung zumindest in Erwägung zu ziehen. Jede Beobachtung hat einen blinden Fleck – den Unterschied, den sie selbst nicht sehen kann.Der Fragebogen operiert mit einer spezifischen Leitdifferenz: marginalisiert/nicht-marginalisiert bzw. diskriminiert/privilegiert. Diese Differenz ist nicht aber aus dem Funktionssystem Psychotherapie/Beratung abzuleiten, sondern entstammt einem aktivistisch geprägten Politik-Milieu, das sich jetzt auch den Zugriff auf den systemischen Diskurs sichern will. Der Fragebogen reklamiert diese Differenz als universalen Beobachtungsrahmen für ein professionelles Funktionssystem und blendet dabei die Eigenrationalität dieses Systems aus.
Systemisches Arbeiten im therapeutischen Kontext gründet auf Neutralität, Allparteilichkeit und dem Verzicht auf normative Vorgaben des Therapeuten gegenüber dem Klienten. Diese Prinzipien sind nicht beliebige Stilentscheidungen, sondern konstitutiv für die professionelle Legitimationsgrundlage des Feldes. Wird dieses System mit dem politischen Code diskriminiert/privilegiert überschrieben, verliert es genau jene Eigenrationalität, die es als Professionssystem auszeichnet. Dass dieser Widerspruch im Fragebogen nicht nur unthematisiert bleibt, sondern durch die Behauptung verdeckt wird, Intersektionalität sei ein Bestandteil systemischer Ethik, ist kein Versehen – es ist das Kernproblem. Systemisches Denken schließt die Fähigkeit ein, die eigene Beobachterperspektive zu beobachten. Dieser Fragebogen tut das Gegenteil: Er immunisiert seine leitende Unterscheidung gegen Reflexion. Hinter der methodischen Schlampigkeit steckt also eine politische Strategie.
Eine Strategie und ihre Protagonisten
Der Fragebogen ist nicht ohne seinen institutionellen Kontext zu verstehen. Auf der DGSF-Website gibt es eine Unterseite, in der folgendes postuliert wird: „Die DGSF hat sich im Herbst 2025 im Zuge ihres Transformationsprozesses auf den Weg gemacht, zu einer Organisation zu werden, die intersektionale Perspektiven systematisch in Strukturen, Konzepte und Angebote integriert. Kooperationen mit diskriminierungskritischen Akteur*innen, neue Räume für interne Reflexion, die Qualifizierung von Multiplikator*innen und der längerfristige strukturelle Umbau markieren Schritte hin zu einer umfassenden intersektionalen Organisationsentwicklung, die auf allen Ebenen – von der Geschäftsstelle bis zu Fachgruppen, Ethikbeirat, Gremien und Weiterbildungsinstituten – wirksam werden soll“.
Eine Beschlusslage des Verbandes zum Thema Intersektionalität habe ich allerdings nicht finden können. Im Protokoll der Mitgliederversammlung von „Herbst 2025“ ist davon nicht die Rede, nur dass der Aufsichtsrat „mit Nachdruck“ am Thema „intersektionale Arbeit“ arbeite.
Die Legitimationskette lautet: Der Aufsichtsrat beschließt eine Strategie, berichtet darüber auf der Verbandswebsite und billigt einen methodisch dubiosen Fragebogen, um Daten zu erheben, die – wie gezeigt – kritische Rückmeldung strukturell verunmöglichen. Das ist ein geschlossener Selbstreferenzkreis, der den allen fachlichen Standards eines Fachverbands Hohn spricht.
Zum Themenfeld werden auch gerne immer wieder „Kooperationspartner“ der DGSF genannt, wobei bestimmte Hintergründe dieser Kooperation verschleiert werden. So sitzt im Aufsichtsrat der DGSF Stephanie Cuff-Schöttle, die gleichzeitig Mitgründerin und Geschäftsführerin der DE_CONSTRUCT LAB UG ist, eines gewerblichen Unternehmens, das unter dem Namen „DE_CONSTRUCT Akademie“ kostenpflichtige Supervisionen und Fortbildungen zur Rassismussensibilisierung anbietet – zu Preisen zwischen 180 und 250 Euro pro Session. Auf kommerziellen Plattformen wie dem Nushu Circle 2025 wird Cuff-Schöttle explizit mit dem Zusatz „seit 2024 Aufsichtsrätin bei der DGSF“ vermarktet: Das Verbandsamt funktioniert öffentlich als Reputationsressource für das eigene Geschäft.
Der Interessenkonflikt liegt auf der Hand: Eine Person sitzt in der Leitungsebene des Verbandes, der gerade Standards setzt, die die Nachfrage nach genau jenem Produkt erzeugen, das sie selbst gewerblich anbietet. Das ist keine bloß hypothetische Befangenheit, sondern eine strukturelle Interessenkollision. In den Veröffentlichungen der DGSF wird diese mit keinem Wort erwähnt. Als Kooperationspartner des Fachbereichs Arbeitswelt werden des Weiteren die Tupokademie von Tupoka Ogette und das Berliner Medienunternehmen Neue Narrative erwähnt. Die Tupokademie ist ein kostenpflichtiges Abo-Modell für Rassismussensibilisierungstrainings (19–35 Euro/Monat); Neue Narrative ein gewerbliches Magazin- und Beratungsunternehmen mit Umsätzen knapp über einer Million Euro jährlich. Keiner dieser Kooperationspartner ist gemeinnützig, keiner wird im Verbandskontext als kommerzieller Anbieter ausgewiesen – sie erscheinen stattdessen als selbstverständliche Ressourcen für die „fachliche Vernetzung“ der DGSF-Mitglieder.
Kontinuität der Strategie: die Kontext-Debatte
Dieser Befund fügt sich in ein inzwischen bekanntes Muster. Als Stefan Beher 2023 in der Verbandszeitschrift Kontext eine Rezension über Martin Schröders empirische Studien zur Lebenszufriedenheit von Frauen veröffentlichte, löste das eine koordinierte Gegenkampagne aus, die in ihren „Repliken“ nicht nur die Rezension kritisierte, sondern die inhaltliche Kontrolle der Zeitschrift durch Verbandsinstanzen forderte. An dieser Kampagne waren auch die Aufsichtsratsmitglieder Nikola Siller und Dirk Rohr beteiligt, die ihre Urheberschaft um jeden Preis anonym halten wollten und sich bis heute weigern, die Verbandsmitglieder über den Inhalt der Repliken zu informieren. Als die Namen der Unterzeichner im systemagazin veröffentlicht wurden, reagierte die DGSF-Führung nicht mit inhaltlicher Auseinandersetzung, sondern mit der Androhung rechtlicher Schritte gegen mich als Herausgeber des systemagazin.
Im der Rechenschaftsbroschüre DGSF-intern-2025 wird mitgeteilt, dass eine Arbeitsgruppe von der MV beauftragt sei, „die Fach- und Verbandszeitschrift im Rahmen der Strukturentwicklung der DGSF unter die Lupe zu nehmen (sic!) und die Konzeption zu überdenken. Eine zentrale Frage dabei ist, inwieweit der Kontext inhaltlich und personell weiterhin autonom agieren und entscheiden sollte und inwiefern die Zeitschrift inhaltlich und personell in die Strukturen und Abläufe des Verbandes angebunden wird“.
Im Klartext: Die einzige verbandsinterne Publikation mit redaktioneller Unabhängigkeit soll der inhaltlichen Steuerung durch dieselbe Führung unterstellt werden, die bereits in der Kontext-Debatte Zensur forderte. Fragebogen, Interessenkonflikte, Kontrollambition über das Publikationsorgan – das ist kein zufälliges Zusammentreffen von Einzelereignissen, sondern eine kohärente Strategie.
Satzungstext als Steinbruch: Wie aus allgemeinen Werten eine spezifische Ideologie wird
Der eigentliche argumentative Kunstgriff, mit dem der intersektionale Umbau als zwangsläufig dargestellt werden soll, liegt in einer sehr merkwürdigen Auslegung der Verbandssatzung. Die DGSF verpflichtet sich in §2 Abs. 2 ihrer Satzung der „Wertschätzung und Überwindung von Diskriminierung gegenüber allen Menschen“ und nennt als leitende Werte Frieden, Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Teilhabe, Ausgleich und informationelle Selbstbestimmung. Diese Formulierungen sind positiv (wer könnte schon etwas gegen diese Werte einwenden), sie sind aber auch weit, offen und interpretationsbedürftig – sie könnten ebenso gut eine konservative, eine liberale oder eine kommunitaristische Ethik begründen. Dass ausgerechnet ein aktivistisch-intersektionales Programm aus ihnen zwangsläufig folgen soll, ist mehr als fragwürdig. So wird behauptet: „Intersektionalität ist demnach kein Zusatz, sondern Ausdruck dieser Ziele und Werte. Sie ist festgehalten in den im Oktober 2025 verabschiedeten Ethikrichtlinien des Verbands“.
Das ist insofern interessant, als in den Ethik-Richtlinien der DGSF, zuletzt geändert im Oktober 2025, das Wort „Intersektionalität“ kein einziges Mal vorkommt. Der Abschnitt zu Grundhaltungen verlangt „Allparteilichkeit gegenüber den zum System gehörenden Personen“ und die Achtung von Klienten „als Experten für sich und ihre Lebensgestaltung“ – Formulierungen, die der Idee eines politisch vordefinierten Thematisierungsauftrags für die Beziehung zwischen Therapeuten und Klienten grundlegend widersprechen. Das Diskriminierungsverbot bezieht sich auf die professionelle Beziehung: Mitglieder sollen Klienten unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder politischer Haltung begegnen. Das ist ein Gebot professioneller Neutralität – nicht die Aufforderung, gesellschaftliche Machtverhältnisse als therapeutisches Deutungsschema in jede professionelle Beziehung zu importieren.
Was hier vollzogen wird, ist ein klassischer Versuch der Durchsetzung politischer Deutungshoheit: Allgemeine normative Satzungsformeln werden als Mandat für ein spezifisches politisches Programm in Anspruch genommen. Der Schritt von „Überwindung von Diskriminierung“ zu „intersektionaler Strukturentwicklung mit Fokus auf Rassismuskritik“ ist keine Auslegung mehr, sondern eine Substitution, die zeigt: Die Satzung dient hier nicht als Orientierungsrahmen, sondern als Legitimationsreservoir für eine vorab getroffene Richtungsentscheidung – eine Entscheidung, für die es in den Ethik-Richtlinien des Verbandes keine textliche Grundlage gibt.
Fazit
Die Daten, die dieser Fragebogen produziert, sind als Grundlage für institutionelle Entscheidungen inhaltlich nicht belastbar. Das Erhebungsdesign schließt kritische Positionen strukturell aus, die Operationalisierenden sind messtheoretisch defizitär, und das Instrument wurde von denselben Personen verantwortet, die von seinen Ergebnissen profitieren – institutionell wie kommerziell. Wenn die DGSF die Resultate als Beleg für den „Rückhalt in der Mitgliedschaft“ präsentieren möchte, sollte die Fachöffentlichkeit wissen, was diese Befragung methodisch und politisch war: eine Akklamationsveranstaltung in Fragebogenform. Systemisch?
Hallo Tom, danke für deinen differenzierten und informativen Blick auf die Befragung.
Ich habe den Fragebogen mit gemischten Gefühlen ausgefüllt, bin aber meinem Unbehagen nicht weiter nachgegangen.
Daher war es für mich hilfreich, deine Einschätzung und Kritik zu lesen und mir den Fragebogen erneut anzuschauen.
Dabei wurde mir dann auch mein anfänglich diffuses Gefühl von „ „worum geht es hier eigentlich“ erklärbarer.
Allerdings weiß ich noch nicht, was ich jetzt damit mache.