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Warum immer Brille? Anmerkungen zu einer unterkomplexen Metapher

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(Foto: Tom Levold)

Unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen von der Welt fassen wir gerne wie auch unsere Wirklichkeitskonstruktionen in visuelle Metaphern. Eine der meist gebrauchten und auch im systemischen Feld äußerst beliebten ist die Brillen-Metapher, die zum Grundvokabular des systemischen Wörterbuches gehört. Sie postuliert, dass ein unterschiedliches Bild der Wirklichkeit entstehe, je nachdem, welche Brille wir gerade aufsetzen. Diese Metapher soll verständlich machen, dass Wirklichkeit nicht einfach gegeben, sondern immer perspektivisch konstruiert ist, sie liegt gewissermaßen im Auge des Betrachters. Was uns nicht auffällt, wenn wir die Brille nicht wechseln. Ludwig Wittgenstein hat es in den Philosophischen Untersuchungen knapp formuliert: „Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unsrer Nase, und was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen“ (S. 50).

Unser Sehsinn vermittelt uns die – illusorische – Erfahrung, dass wir die Welt als Realität so erkennen können, wie sie beschaffen ist, obwohl schon der Aufbau des Bildes auf der Netzhaut nur ein neurologisches Verrechnungsprodukt aus der Zusammenschaltung von Stäbchen und Zäpfen ist, die ausschließlich für Kanten, Hell-Dunkel-Unterscheidungen und Farbeindrücke empfindlich sind. Was schon physiologisch Konstruktion (und nicht Spiegelung) ist, gilt erst recht für die psychologisch und sozial überformte Wahrnehmung. Was wir sehen, ist also nicht Realität an sich, sondern immer schon eine subjektiv konstruierte und sozial kontextualisierte Wirklichkeit.

Visuelle Metaphern, die sich unseres Auges und Sehvermögens als Bildspender bedienen, spielen eine besondere Rolle für unsere Wirklichkeitskonstruktionen. Wörter wie (ein)sehen, beobachten, (auf)klären, erhellen, durchblicken, einleuchten etc. machen deutlich, dass unser Wissen von der Welt stark von unserer visuellen Wahrnehmung geprägt wird.

George Lakoff und Mark Johnson haben in ihren gemeinsamen Arbeiten gezeigt, dass wir nicht nicht-metaphorisch sprechen können. Das gilt keineswegs nur für unsere Alltagssprache, sondern auch für jeden wissenschaftlichen Diskurs. Metaphern helfen, sich unterschiedliche, mehr oder weniger abstrakte, unseren Sinnesorganen nicht unmittelbar zugängliche Phänomene durch die Übertragung von Strukturelementen aus vertrauten „Quellbereichen“ zu veranschaulichen.

Metaphern tragen also dazu bei, zu erklärende bzw. zu veranschaulichende Phänomene analog zur Struktur des benutzten Bildspendebereichs zu verstehen. Das erhellt bestimmte Eigenschaften des Bildempfängerbereiches, verdunkelt aber gleichzeitig notwendigerweise andere Betrachtungs-Möglichkeiten (Was Lakoff und Johnson – mit einer ebenfalls visuellen Metapher – Highlighting und Hiding nennen). Wie weit eine Metapher trägt, um Erfahrungen zu strukturieren, hängt auch von der Komplexität des Bildfeldes ab, die sie eröffnet.

So weit, so plausibel. Nun ist leicht zu erkennen, dass die Brillenmetapher keine sonderliche Komplexität aufweist, die man doch für die Herstellung sehr unterschiedlicher Weltsichten erwarten könnte. 

Als Fotograf (und Brillenträger) beschäftigt mich diese Beobachtung schon länger. Brillen sollen uns ja keinesfalls unterschiedliche Perspektiven auf die Welt bieten, sondern dienen in erster Linie dazu, das ins Auge einfallende Licht auf solche Weise zu brechen, dass es exakt auf der Netzhaut gebündelt wird und dadurch ein scharfes Bild entsteht. Und natürlich können sie auch in Lichtdurchlässigkeit und Tönung variieren. Ob eine rosarote Brille die Welt tatsächlich schöner macht, bleibe dahingestellt.

Die Brille sitzt jedenfalls fest; sie bleibt Teil des Blicks und ist daher als Instrument des Perspektivenwechsels ungeeignet. Sie lässt auch nur rudimentär erkennen, dass wir die Welt immer durch einen Rahmen betrachten können. Dieser Rahmen  ist nicht die „Brille“, sondern unser Blickfeld selbst. Was seitlich oder hinter uns liegt, entzieht sich der unmittelbaren Wahrnehmung. Dennoch erleben wir dieses Blickfeld gewöhnlich nicht als Rahmen, sondern als Welt. Man kann das gedanklich zuspitzen: Hätten Menschen 360-Grad-Augen, gäbe es kein Blickfeld in dem Sinne, wie wir es kennen, also keinen nach vorne geöffneten Wahrnehmungsrahmen, der zugleich schließt und ausschließt. Unsere biologische Perspektivität ist deshalb nicht nur eine Randbedingung, sondern die Grundform unseres Weltbezugs. Sehen heißt immer auch: anderes nicht sehen. Die Brillen-Metapher setzt erst später an; sie thematisiert die Färbung des Blicks, aber nicht seine vorgängige Rahmung.

Aus der Perspektive der Fotografie wird genau dieser Unterschied unmittelbar einleuchtend. Wer fotografiert, sieht nicht einfach, sondern entscheidet fortlaufend: Wo stehe ich? Mit welchem Objektiv arbeite ich? Welchen Ausschnitt wähle ich, was schließe ich ein, was bleibt draußen? Wie nah gehe ich heran, wie groß ist die Distanz, worauf stelle ich scharf? In der fotografischen Praxis ist visuelle Konstruktion eine fortlaufende Folge konkreter Setzungen.

Die Kamera-Metapher ist deshalb der Brillen-Metapher überlegen, weil sie diese Rahmung sichtbar macht. Im Sucher erscheint eben nicht „die Welt“, sondern ein – sehr begrenzter – Ausschnitt daraus. Und anders als im alltäglichen Sehen ist dieser Ausschnitt als Ausschnitt erkennbar, weil es eine erkennbare Grenze gibt. Der schwarze Rand des Suchers macht sichtbar, dass aller Wahrnehmung eine Selektion zugrunde liegt. Genau darin liegt das systemisches Potenzial der Kamera-Metapher. Sie verschiebt die Aufmerksamkeit auf die aktive Herstellung von Perspektive.

Ihre Stärke liegt auch darin, dass sie noch einige weitere Unterscheidungen im Angebot hat. Der Kontrast etwa lässt sich als Metapher für die Art verstehen, wie Menschen Komplexität reduzieren. In konflikthaften oder leidvoll zugespitzten Lebenslagen wird ihr Bild häufig hochkontrastig: schwarz und weiß, richtig oder falsch, Opfer oder Täter, geliebt oder zurückgewiesen. Zwischentöne verschwinden. Systemische Arbeit lässt sich dann als Versuch beschreiben, den Kontrast zu senken, damit Übergänge, Ambivalenzen und bislang unsichtbare Nuancen als Differenzierung wieder wahrnehmbar werden.

Ähnlich produktiv ist die Unterscheidung zwischen Farbigkeit und Schwarzweiß. Ein Schwarzweißbild abstrahiert. Es reduziert bunte Fülle zugunsten von Struktur, Form und Hell-Dunkel-Verhältnissen. Das kann klärend sein, aber auch den Wahrnehmungsreichtum verringern. In therapeutischen Wirklichkeitskonstruktionen gibt es vergleichbare Prozesse: Manche Erzählungen sind emotional entleert und wirken wie ausgeblichene Bilder, andere sind von einer einzigen Farbe dominiert, etwa von Angst, Scham oder Kränkung. Die Frage, in welchen „Farben“ jemand eine Beziehung, eine Familie oder sich selbst wahrnimmt, öffnet oft einen anderen Zugang als die abstrakte Rede über Sichtweisen.

Hinzu kommt die Zweidimensionalität des Bildes und die Fixierung eines Momentes aus dem Fluss der Zeit. Jede Fotografie übersetzt eine dreidimensionale Wirklichkeit in eine Fläche. Tiefe geht verloren, Vorder- und Hintergrund können irreführend zusammenrücken, aber auch Dinge in Verbindung bringen, die sonst weit auseinander liegen. Räumliche und zeitliche Zusammenhänge werden stillgestellt. Auch darin liegt eine starke Metapher für therapeutische Beschreibungen: Komplexe Beziehungsgeschichten werden oft auf eine starre Zustandsbeschreibung reduziert. Ein Symptom überdeckt den Kontext, ein gegenwärtiger Konflikt überblendet eine lange Entwicklung, ein einzelner Moment wird zur scheinbaren Wahrheit über eine ganze Person. Systemische Arbeit versucht, diese verlorene Tiefe wiederherzustellen. Wäre das Bild nur das Standfoto eines Films, könnte man fragen, was in den folgenden Bildern geschieht, was zuvor geschehen ist. Dann kommt Bewegung ins Spiel.

Die Kamera-Metapher macht deutlich, dass Rahmung nie rein individuell ist. Wer hält (und kontrolliert) die Kamera? Wer bestimmt den Ausschnitt? Wer wird gezeigt, wer bleibt außerhalb des Bildes? Auf welche Sehgewohnheiten wird Rücksicht genommen, welche werden gezielt verletzt? In dokumentarischen Kontexten ist das keine technisch-individuelle, sondern eine soziale und oft auch politische Frage.

Auch in Familien, Organisationen und gesellschaftlichen Diskursen werden Rahmen (Frames) nicht nur individuell gewählt, sondern sozial hergestellt, angeboten, durchgesetzt und bestritten. Welche Geschichte als relevant gilt, welches Verhalten als auffällig markiert wird, wer als Problemträger erscheint und wer als Beobachter unsichtbar bleibt – all das sind Effekte von Framing. Die Kamera-Metapher kann sie sichtbar machen.

Eine Frau kommt in die Therapie und beschreibt sich als „grundsätzlich beziehungsunfähig“. Sie erzählt von gescheiterten Partnerschaften, Rückzügen, Enttäuschungen und Kränkungen und präsentiert diese Episoden wie Beweisfotos für eine bereits feststehende Diagnose. Mit der Brillen-Metapher ließe sich sagen, sie schaue mit einer dunklen Brille auf sich selbst. Das ist nicht falsch, aber therapeutisch noch wenig ergiebig.

Mit der Kamera-Metapher verschiebt sich die Arbeit. Man könnte fragen: Welches Bild machen Sie von sich? Aus welcher Perspektive? Mit welcher Distanz? Mit welchem Ausschnitt? Wie hoch ist der Kontrast dieses Bildes eingestellt? Gibt es zwischen „gelungen“ und „gescheitert“ überhaupt noch Zwischentöne? Ist das Bild farbig oder eher grau und ausgeblichen? Fehlt ihm Tiefe, weil nur noch der misslungene Moment sichtbar ist, nicht aber die Vorgeschichte, der Kontext, die Ambivalenz? Wenn das Bild Teil einer Serie oder eines Films wären, was wäre auf den anderen Bildern zu sehen? Was soll dokumentiert, was inszeniert werden?

Auf diese Weise kann die Metapher in eine konkrete therapeutische Praxis überführt werden. Die Klientin wird eingeladen, bis zur nächsten Sitzung selbst Fotografien zu dem Thema, das sie beschäftigt, anzufertigen und mitzubringen. Nicht illustrative „Kunstbilder“, sondern einfache Aufnahmen aus Alltagssituationen: Orte, Wege, Gegenstände, Beziehungsspuren. Die Aufgabe besteht darin, dasselbe Motiv mehrfach zu fotografieren – aus unterschiedlicher Distanz, aus verschiedenen Winkeln, mit engem und weitem Ausschnitt. Entscheidend ist nicht die ästhetische Qualität, sondern die Erfahrung, dass schon ein kleiner Standortwechsel ein anderes Bild hervorbringt.

Wenn diese Fotografien in der nächsten Stunde auf dem Tisch liegen, kann das Gespräch anders geführt werden. Dann lässt sich gemeinsam untersuchen, was in der Nahaufnahme sichtbar wird, was erst aus der Distanz erkennbar ist, welches Bild den Kontrast überzieht, welches mehr Zwischentöne zulässt, welches in Schwarzweiß stimmiger wirkt und welches Farbe braucht, um seine Bedeutung zu zeigen. Der Perspektivwechsel wird dadurch nicht nur besprochen, sondern kann leiblich und praktisch eingeübt werden. Gerade darin liegt eine Stärke der Kamera-Metapher: Sie lässt sich aus dem Diskurs in eine konkrete Handlung übersetzen.

Reframing bedeutet dann nicht nur, eine andere Interpretation anzubieten, sondern den Rahmen selbst sichtbar und variierbar zu machen. Die Kamera-Metapher unterstützt diese Bewegung. Sie zeigt, dass ein anderer Ausschnitt nicht notwendig eine „schönere“, wohl aber eine andere und oft komplexere Wirklichkeit erzeugt. Das gilt für Selbstbilder ebenso wie für Paar-, Familien- oder Organisationsgeschichten.

Literatur:

George Lakoff & Mark Johnson (2011): Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. 7. Aufl. Heidelberg (Carl–Auer)
Wittgenstein, Ludwig (2009): Philosophische Untersuchungen – Philosophical Investigations. Rev. 4th ed. Chichester (Blackwell Publishing)

3 Kommentare

  1. Sabine Klar sagt:

    Danke Tom – ich denke es wäre gut, so manche Metapherdie wir Systemiker:innen verwenden bzw. so manchen Begriff, den wir bloß (?) metaphorisch verwenden differenzierter zu beleuchten. Ich finde für unsere behauptete „Weite“ sind wir oft sehr „engstirnig“
    allesliebe
    #sabine

  2. Thomas Döpp sagt:

    Klasse, lieber Tom Levold!
    Vielen Dank für diesen tollen und bereichernden Beitrag!
    Herzliche Grüße von einem alten Sack aus der oberbergischen Provinz!
    Thomas Döpp (retired)

  3. Lieber Herr Levold,

    herzlichen Dank, dass Sie auf die metaphernanalytische Perspektive wieder einmal aufmerksam machen! Ja, die Brille ist ja eine unterkomplexe Metapher – schon im von Ihnen zitierten Beispiel von Wittgenstein wird ja insinuiert, man könnte die Brille abnehmen, um eine Sehstörung zu beenden. Wer auf eine Brille angewiesen ist, weiß, dass das andersherum funktioniert – ein schönes Beispiel für das von Ihnen auch erwähnte analytische Begriffspaar von Lakoff und Johnson, „hiding“ und „highlighting“ – hier handelt es sich um ersteres.

    Das Beispiel verbleibt in der Diskussion innerhalb der visuellen Metaphern und ersetzt Brille durch Kamera; aber der Eingangssatz gibt es m.E. nicht ganz her: „Eine Frau kommt in die Therapie und beschreibt sich als „grundsätzlich beziehungsunfähig“. Sie erzählt von gescheiterten Partnerschaften, Rückzügen, Enttäuschungen und Kränkungen“. Als qualitativ Forschender hätte ich hier gerne das Transkript – da wären auch nicht-visuelle Problembeschreibungen möglich gewesen: gescheiterte Beziehungen als geschlossene Behälter, Wege im Dschungel oder der Wüste (die „Rückzüge“), Versacken in Abgründen, körperbezogenen Metaphern (die „Kränkungen“) oder, um ein ganz frühes Beispiel aus einer Analyse von Cornelia von Kleist zu nennen: Die Klientin sah sich als Haus, bei dem „die Rolläden herunter gingen“, wenn es um Beziehungsfragen ging (und die Prüfungsangst als präsentiertes Symptom), ihr fehlten Metaphern der Bewegung auf andere Menschen zu und von ihnen weg: Sie konstruierte sich im Wortsinn als soziale Immobilie. Es gibt ganz andere metaphorische Denkwelten – und daher finde ich es ein wenig schade, dass Ihr Aufsatz:
    Levold, T. (2014). „Welches Problem führt Sie zu mir?“ Über die metaphorische Struktur von Problembeschreibungen. psychosozial, 137 (III), 51–64.
    hinter einer Paywall versteckt ist. Auch wenn sie nicht so hoch ist, so ist das prohibitiv – ich fand ihn sehr bereichernd in seiner Fülle möglicher metaphorischer Konzeptualisierungen von Problempräsentationen, die sehr deutlich über visuelle Konstruktionen hinaus gehen. Freilich ist die systemische Denkwelt mit ihren „Beobachtern“ (!) x-ter Ordnung sehr visuell dominiert und hat Weg-, Behälter-, räumliche und kinaesthetische Metaphern oder Metaphern der Gabe nicht wirklich als tragende Pfeiler im Theoriegebälk.

    Aber es gibt nicht nur die Brille als unterkomplexe Metapher – eine andere mit enervierender Penetranz ist eine Metaphorik, welche die systemische Welt und die von ihr so gar nicht geliebte Welt der Verhaltenstherapie verbindet: die Metapher des Werkzeugs. Sie hätte im Wettbewerb um die am wenigsten passende Metapher für Beratung und Therapie vermutlich eine Chance auf die vordersten Plätze. Ich will das hier nicht elaborieren, weil ich das in einem kleinen Aufsatz schon getan habe: https://drive.google.com/file/d/1KSUCp0tyAaaMg7cQIvotmvFjq6K8HGQX/view?usp=sharing

    Aber zurück zu Ihrem Aufschlag: Vielleicht ist der Blog ja auch ein schöner Raum, weitere beschränkte Metaphern zu dekonstruieren, um mal in der Werkzeugmetapher zu bleiben 😉

    Herzlichen Gruß:
    rudolf schmitt

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