
Mobbing und andere Formen der Ausgrenzung von Kindern und Jugendlichen aus ihren relevanten sozialen Bezügen nehmen in der systemischen Literatur immer noch eine gewisse Randstellung ein. Rosita A. Ernst und Noah A. Artner aus Wien haben als Herausgeber Beiträge zum Thema gesammelt und Ende des vergangenen Jahres im Carl-Auer-Verlag veröffentlicht. Raluca Lechner, ebenfalls aus Wien, hat den Band für systemagazin gelesen und empfiehlt die Lektüre.
Raluca Lechner, Wien:
In den aktuellen Diskursen um soziale Teilhabe und die Rollen der systemischen Theorie sowie der systemischen Psychotherapie wird oft über Inklusion gesprochen. Mit dem Band „Vom Rand zur Mitte. Wie von Ausgrenzung bedrohte Kinder und Jugendliche wieder Platz in der Gesellschaft finden“ ist Rosita A. Ernst und Noah A. Artner ein Sammlung von Fachartikeln und Perspektiven zu einem wichtigen Thema sehr gut gelungen. Der Band richtet sich insbesondere an Psychotherapeut:innen, Pädagog:innen und andere Fachpersonen, die mit Jugendlichen und deren Umfeld arbeiten. Er bietet sowohl einen theoretischen Rahmen zu Themen, die jungen Menschen im Kontext von Ausgrenzung begegnen, als auch zahlreiche Beispiele aus der psychotherapeutischen Praxis.
Anlässe für das Rutschen von Kindern an den Rand der Gemeinschaft werden vielfältig beschrieben und zum Teil als Tabuthemen identifiziert. Aspekte wie Migration, ADHS, Armut, Autismus, sexuelle Orientierung oder Behinderung werden kontextualisiert und die diversen Formen der Ausgrenzung, die dabei erfahren werden, besprochen. Als Interventionsmöglichkeiten werden Ressourcen gestärkt, und es wird versucht, neue Perspektiven zu entwickeln, sodass Ausgrenzungserfahrungen auch eine mögliche Wachstumschance bieten.
Mobbing wird hierbei nicht als Phänomen verstanden, das sich linear zwischen Täter und Opfer abspielt, sondern systemisch als zirkuläres Phänomen betrachtet, bei dem Dominanz- und Unterwerfungsmuster, Kommunikation und Affektlogik die Mobbingprozesse entstehen lassen, sie aber genau dadurch auch veränderbar machen. Beiträge zu Mobbing, Ausgrenzung und Bullying von Corina Ahlers, Tom Levold und Rosita Ernst liefern im ersten Teil wertvolle Grundlagen für das systemische Verständnis des Entstehens und Bestehens dieser Phänomene.
Im zweiten Teil werden anhand von Praxisbeispielen Bereiche, die zu Ausgrenzung führen, beleuchtet und psychotherapeutisch präsentiert. Beiträge zu Mobbing im Schulkontext (Hugo Buxbaumer), Cybermobbing (Noah Artner), Ausgrenzung durch Armut (Alexandra Sartori), Intelligenzminderung (Johannes Gutmann, Patrizia Duda), Bindungstrauma (Marion Herbert), Adoptions- und Pflegeerfahrung (Susanne Ebner-Glantschnig), Migrationshintergrund (Diana Karabinova), ADHS (Ingrid Jenkner), Queersein (Celine Dörflinger, Jette Musger) und Autismus (Michaela Mühl) liefern wertvolle Einblicke in Fallvignetten und Interventionsmöglichkeiten in der Arbeit mit Betroffenen und deren Bezugssystemen. Nicht zuletzt der Beitrag von Doris Psenner bringt den Fall Lisa und hypnosystemische Interventionsmöglichkeiten zum Thema Ausgrenzung und Integration ein.
Besonders der Beitrag von Alexandra Sartori, der sich mit Kinderarmut beschäftigt, hat mich sehr berührt. Armut wird hierbei als relativ, also im Verhältnis zu anderen, verstanden und nicht nur als fehlende Kaufkraft oder mangelnder Zugang zu Ressourcen.
Themen wie Depression, ADHS, Autismus, Mobbingerfahrungen und diverse andere psychische Erkrankungen, aber auch Behinderungen oder das Queersein erfahren in den sozialen Medien mittlerweile eine gewisse Salonfähigkeit und Palatabilität. Das Leben der Betroffenen ist dadurch nicht automatisch leichter, jedoch scheint sich eine Form von Enttabuisierung in den öffentlichen Diskurs einzuschleichen. Armut hingegen ist nach wie vor ein riesiges Tabuthema. Armut ist oft unsichtbar, jedoch nicht minder schmerzhaft für das ganze System. Auch bei diesen Themen zeigt sich, dass die systemische Therapie sowohl sehr brauchbare Konzepte für Mobbing und Ausgrenzung hervorbringt als auch praktisch das Handeln im Sinne der Selbstwirksamkeit erweitert, durch die Bereitschaft, das Umfeld und das System zu berücksichtigen, ja sogar einzuladen.
Im Kontext der aktuellen Stimmung, in der Bildung, Soziales und Gesundheit von Kürzungen betroffen sind, erscheint dieses Buch als willkommene Schatzkiste an systemischen Perspektiven und Interventionen für ein breites Spektrum erlebter Ausgrenzung und mögliche Lösungen. Es zeigt den unermüdlichen therapeutischen Versuch, daraus Kräfte bei Betroffenen zu mobilisieren, Hoffnung zu spenden und Wachstumsmöglichkeiten im System zu katalysieren.
Systemiker:innen haben den Ruf, dass sie sich nicht scheuen, mehrere Akteure und Netzwerke an einem Tisch zusammenzubringen. Dieses Buch bringt diesen Ruf jedenfalls auf den Punkt. Bereits als Metapher sehr oft benutzt, aber in diesem Kontext hochaktuell, erscheint der Ruf nach dem „ganzen Dorf“, das es braucht, um ein Kind großzuziehen. Wir Systemiker:innen denken viel über dieses Dorf nach und können dem „Rat der Weisen“ gerne mit dem Know-how und der Haltung, die sich auch in diesem Buch erneut auf virtuose Weise zeigen, beiwohnen.

Rosita A Ernst & Noah Alexander Artner (Hrsg.)(2025): Vom Rand zur Mitte. Wie von Ausgrenzung bedrohte Kinder und Jugendliche wieder Platz in der Gesellschaft finden. Heidelberg (Carl-Auer-Verlag)
ISBN: 978-3-8497-0422-3
273 S., Kart.
Mit einem Vorwort von Gerda Mehta
Preis: 38,00 €, Ebook 33,99 €
Verlagsinformationen:
Viele Anlässe können dazu führen, dass Kinder oder Jugendliche an den Rand einer Gemeinschaft rutschen: Migration oder Armut, ADHS oder Autismus, sexuelle Orientierung oder ein besonderes Handicap. Genauso vielfältig sind die Formen der Ausgrenzung, die sie dabei erfahren. Ob spielerisches Dissen, systematisches Mobbing oder körperliche Gewalt – jede Art der Ausgrenzung bringt für die Betroffenen selbst wie für die Eltern, Lehrkräfte und andere Betreuende besondere Herausforderungen mit sich. Rosita Ernst und Noah Artner gehen das Thema zusammen mit 14 weiteren Autorinnen und Autoren sowohl praktisch als auch theoretisch an. Anhand vieler Beispiele sortieren sie die verschiedenen Spielarten der Ausgrenzung, entwickeln Erklärungsmodelle für deren Mechanismen und geben Empfehlungen für wirksame Interventionen. Die Beiträge liefern zahlreiche Ideen, um neue Perspektiven zu entwickeln, Ressourcen zu stärken und mit erlebten Erfahrungen umzugehen. Das Hauptziel behalten die Autor:innen dabei immer im Blick: dass ein von Ausgrenzung bedrohter junger Mensch an einen guten Platz in der Gesellschaft zurückfindet.
Inhalt:
- Corina Ahlers & Tom Levold: Mobbing als destruktive Unterscheidung: Systemische Perspektiven 22
- Rosita A. Ernst: Ausgrenzung aus dem System 43
- Rosita A. Ernst: Mobbing und Bullying 46
- Hugo Buxbaumer: »Lechts und rinks« oder: »Der König ist tot. Lang lebe der König!« Eine systemische Theorie zu Mobbing an Schulen im Kontext der Jugendhilfe 60
- Noah A. Artner: »Handy, Handy in der Hand, bin ich nice und sehr bekannt?« Virtuelle Ausgrenzungs- und Schädigungsphänomene, ihre Dynamik und wirksame Formen, ihnen zu begegnen 83
- Alexandra Sartori: Ausgrenzung von Armut Betroffener in der Schule Strategien zur Ermächtigung 101
- Johannes Gutmann & Patrizia Duda: Intelligenzminderung und Ausgrenzung 117
- Marion Herbert: »Disst du mich, diss ich dich, du Opfer!« Ideen für die Praxis zur Verbesserung der Beziehungsfähigkeit von Jugendlichen mit bindungstraumatischem Erfahrungshintergrund 126
- Susanne Ebner-Glantschnig: Erlebte Ausgrenzung und das Aufwachsen in Adoptions- bzw. Pflegefamilien 142
- Diana Karabinova: Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und Mobbing – (k)eine therapeutische Seltenheit 156
- Doris Psenner: »Wenn die Maus mit dem Löwen tanzt« – Hypnosystemische Interventionen zum Thema Ausgrenzung und Integration 178
- Ingrid Jenkner: Andersartig und sozial (un)erwünscht? Anforderungen und Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S im sozialen Gefüge 200
- Céline Dörflinger & Jette Musger: Ausgrenzungserleben und Alltagsdiskriminierung queerer Kinder und Jugendlicher: Zugänge, Möglichkeiten und Grenzen in der psychotherapeutischen und beraterischen Praxis 216
- Michaela Mühl: Autismus und Mobbing – Eine systemische Perspektive 235
Über die Herausgeber:
Rosita Anna Ernst, Dr.in; klinische und Gesundheitspsychologin, Systemische Familientherapeutin mit Weiterbildung zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin; derzeit im Institut „Familie Neu“ – Kompetenzzentrum für Kinder, Eltern und Paare sowie im Verein Hemayat tätig, wo sie mit kriegstraumatisierten und von Fluchtschicksalen betroffenen Kindern und Jugendlichen arbeitet; Leiterin zweier Familienwohnhäuser der Obdach Wien. Rosita Ernst lehrt in der Psychotherapieausbildung, in der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapieausbildung der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien (ÖAS) und am Universitätsklinikum AKH Wien.
Noah Alexander Artner, MA, MSc; Systemischer Familientherapeut, Supervisor und Organisationsberater; Weiterbildungen in Hypnotherapie, Brainspotting sowie Kinder- & Jugendlichenpsychotherapie; arbeitet in einer Beratungsstelle und in eigener Praxis in Wien und Niederösterreich; derzeit in der Ausbildung von Psychotherapeuten sowie als Leiter und Referent der systemischen Supervisions- & Coachingausbildung der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien (ÖAS) tätig; langjährige berufliche Erfahrung in der Arbeit mit Eltern, Kindern und Jugendlichen im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe, von Beratungsstellen und der Bewährungshilfe.