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systemagazin Adventskalender: Haltung bewahren!

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Andreas Wern, Leverkusen: Haltung bewahren!

Systemische Praxis hat über die letzten Jahrzehnte eine enorme Vielfalt gewonnen – sowohl methodisch, als auch hinsichtlich ihrerAnwendungsfelder. Alleine diese Entwicklung stellt an die Systemiker meinerAnsicht nach die ständige Herausforderung als Beobachter ihrer eigenen PraxisUnterscheidungen einzuführen, was Systemisches zu einem Zeitpunkt X ist und was es nicht ist. Das kann natürlich nur im Bewusstsein geschehen, dass andereBeobachter, ob Systemiker oder nicht, andere Unterscheidungen treffen oder man selbst zum Zeitpunkt Y anders unterscheidet. Mit der sozialrechtlichen Anerkennung der Systemischen Therapie ist dies nicht einfacher geworden.Relevante nicht-systemisch-geschulte Beobachter haben damit das Feld betreten und mit ihnen mit Sicherheit auch andere Unterschiedsbildungen. Letztlich gilt es, Identität unter Bedingungen höherer Komplexität zu konstruieren, ohne dabei interne Komplexität aufzugeben.

Meine ganze eigene Konstruktion des Systemischen basiert darauf, dass letztlich eine bestimmte systemische Haltung systemische Praxis auszeichnen sollte. Haltung ruht dabei auf systemischer Theoriebildung und deren Kenntnis. Danach handeln Systemiker systemtheoretisch informiert und auf der Basis einer konstruktivistischen Epistemologie. Dies müsste natürlich noch weiter ausdifferenziert werden und zwar in dem ständigen Bewusstsein, dass dies nur eine mögliche Sichtweise ist. An dieser Stelle soll es aber genügen, den Fokus auf die systemische Haltung zu richten.

Die aktuelle Situation birgt große Chancen, aber auchGefahren. Die Systemische Therapie hat nun auch offiziell im Gesundheitswesen einen angemessenen Platz erhalten. Die zentrale Frage vor dem Hintergrund dieser Entwicklung besteht für mich darin, was daraus gemacht wird.

Werden systemische Konzepte perspektivisch verdinglicht oder trägt systemische Praxis zur Verflüssigung mancher überkommenen Konzepte bei?Nehmen systemische Therapeuten für sich zukünftig „Wahrheit“ in Anspruch oder streuen sie Zweifel an manchen vermeintlichen „Wahrheiten“? Wird sich dieAufmerksamkeit zukünftig nur auf die anerkannten systemischen Therapeuten konzentrieren oder werden andere Berufsgruppen, die z.B. allein aufgrund geltendem Rechts diese Anerkennung nicht erhalten können, gleichzeitig aber wesentliche Beiträge zur Entwicklung systemischer Theorie und Praxis leisten, gleichwertige Partner bleiben?

Die Liste der Fragen wäre noch deutlich zu erweitern.

Meine ganz persönlicher Rat oder Wunsch für die Zukunft an alle Systemiker ist: Haltung bewahren!

Dann wird vielleicht alles gut.

Ich wünsche eine schöne Adventszeit!

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Ein Kommentar

  1. Lieber Herr Wern,
    danke, hinsichtlich der von Ihnen und z.B. auch von Heiko Kleve geäußerten Gefahr der Verdinglichung von Krankheit durch diagnostische Festschreibung bin ich optimistisch für den systemischen Ansatz. Wer konsequent konstruktivistisch denkt und arbeitet, wird dieses Spiel der Festlegung und Auflösung, der Negierung und Aktivierung von Kontingenz kennen und spielen können – mit dem Klienten/ Kunden eh, und jetzt ggf mit den Kassen. Präferiere anstelle der Formulierung „Haltung bewahren“ eher die an Maturana angelehnte Formulierung: „Gehe davon aus, dass alles, was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird!“ – hiermit wird das für mich Relevante des systemischen Denkens recht umfassend und praktisch beschrieben – ohne eine bewahrenswerte Haltung einzufordern, die sich mit Fokus auf die von Ihnen zurecht angemahnte Theoriefokussierung zum Gutteil auflöst …

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