
Vor 15 Jahren erschien Peter Fuchs‘ Buch über die Verwaltung der vagen Dinge, eine systemtheoretische Reflexion über die Besonderheit der Psychotherapie. Eine entscheidende These von Fuchs ist die Abgrenzung der Psychotherapie von der Medizin, die in erster Linie mit codierten bzw. codierbaren Problemen zu tun habe (was sich dann in Klassifikationen wie etwa dem ICD niederschlägt, wogegen sich Psychotherapie auf Unschärfeprobleme bezieht, Unschärfeprobleme an, auf die sich dann die Psychotherapie bezieht, indem sie nichtcodierte und nichtcodierbare Probleme nicht codifiziert, sondern gelten lässt: durch Strategien, die zu viablen Identitätskonzepten führen, innerhalb deren es möglich wird, mit Unschärfen zu leben. Dieses Buch wurde veröffentlicht, lange bevor die Systemische Therapie als Kassenleistung anerkannt und damit auch gezwungen wurde, ICD-Codierungen zu benutzen. Die Grundfrage nach dem Sinn solcher Diagnostik und der Bedeutung von Psychotherapie in einem medikalisierten System ist nach wie vor aktuell. Aus diesem Grund erscheint hier ein ausführlicher (und durchaus kritischer) Rezensionsessay von Wolfgang Loth, den dieser zum Erscheinen des Buches 2011 in der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung veröffentlicht hat.
Wolfgang Loth, Niederzissen
Peter Fuchs (2011): Die Verwaltung der vagen Dinge. Gespräche zur Zukunft der Psychotherapie. Heidelberg: Carl-Auer, 107 S.
Für eine Zeit war ich von Peter Fuchs geblendet. Das wurde mir erst klar, nachdem ich eine erste Rezension zu diesem Buch geschrieben hatte, die mir nach einigen Tagen vorkam als hätten mir ein ehrfürchtiges Staunen vor der Gedankenfülle des Autors und eine Lust an seinem sprachmächtigen Witz die Fähigkeit zur Kritik verstellt. Pure Akklamation. Was geblieben ist, ist der Beifall dafür, dass und wie Fuchs systemtheoretische Leitmotive in ihrer Bedeutung für professionelles Helfen untersucht. Beifall dafür, wie gründlich und stringent er das tut, so dass wie von selbst der Unterschied zwischen – sagen wir – systemtheoretischer Reflexion und systemorientierter Folklore deutlich wird. Und geblieben ist auch, dass ich seinen Beitrag für ungemein anregend halte und unverzichtbar für die Reflexion systemischer Praxis. Dies jedoch mit der Überzeugung, dass das Anregende an Fuchs’ Ideen nicht in einer 1:1-Übersetzung für die Praxis entsteht, sondern in einem Abstand, der gewonnen werden kann durch die vertiefte Auseinandersetzung damit. Darauf komme ich noch zurück.
Zum Buch. Auf S.104 findet sich ein Satz, der im Prinzip fast alles enthält, was in diesem physisch schmalen, doch inhaltlich enormen Bändchen so immens anregt, anzieht und verstört gleichermaßen: „Die Zunftbezeichnung „Psychotherapie“ verdeckt den Umstand, dass die Arbeit der Therapie Arbeit an oder in der Differenz psychischer und sozialer Systeme ist“ (Hervorh. i.O.). Deutlich wird zum einen, dass Fuchs hier (wie auch im Buchtitel selbst) von Psychotherapie spricht und nicht von Systemischer Therapie. Dieser Fokus lässt außen vor, dass in der Entwicklung der Systemischen Therapie die Unterscheidung zwischen Psycho- und Systemischer Therapie ein Kernstück der Klinischen Theorie gewesen ist. Das muss nun Fuchs als Soziologen mit einem Außenblick nicht interessieren. Wichtiger erscheint mir, dass er durch diesen Rück-Griff einen blinden Flecken der Systemischen Therapie markiert. Der systemische Schwerpunkt auf der Reflexion kontextueller Rahmungen von Problemen verzichtet weitgehend auf die Annahme, etwas über psychische Prozesse (als Inhalte) wissen zu können. Das erleichtert zum einen die Konzentration auf kommunikative Anschlussfähigkeit und den Respekt vor den Selbstbestimmungswünschen von KlientInnen. Doch kann es zum anderen auch eine Art Vakuum befördern, vor dem sich nicht wenige KollegInnen dann, wenn es eng wird, in Annahmen über das Psychische aus Klinischen Theorien anderer Provenienz flüchten. Wenn beim Gehen auf Wasser plötzlich die Wellen zu schwappen beginnen, könnte einem schon gefallen, dass eine Planke unter sich gute Dienste täte. Fuchs leistet hier einen Beitrag dazu, wie auf das im Prinzip Unzugängliche Bezug genommen werden kann, ohne Schubladen füllen zu müssen. Dem Psychischen kann Reverenz erwiesen werden, ohne ihm Namen anzuhängen. Zunächst einmal reicht es, sich gegenwärtig zu halten, dass Therapie „aufgeladen [ist] mit Existenzialität, vielleicht könnte man sagen: mit Lebens- und Sterbensernsthaftigkeit“. Damit ist gemeint, „dass es in jeder therapeutischen Sitzung nicht um eine Art Freizeitbeschäftigung für gelangweilte Menschen geht, sondern um einen Einsatz (…), darum, dass etwas aufs Spiel gesetzt wird“ (S.50). Um dem gerecht zu werden, reicht es m.E. nicht aus, sich praktisch auf soziale Verhältnisse in Form von Kommunikation als „an sich wirksame“ Methode zu beschränken. Zwar ist kein anderer Zugang als der kommunikative möglich. Doch schließt das nicht aus, dass entscheidende Bewegungen woanders – im Verborgenen, heimlich – stattfinden. Dies zu berücksichtigen, legt m.E. auch nahe, den Fokus auf kommunikative Prozesse nicht durch einseitige Wirkungszuschreibungen auf Tools und Techniken zu überhöhen.
Das Material für dieses Buch besteht zum einen aus dem Transkript eines Privatissimums, einer Veranstaltung im österreichischen Linz mit Fuchs und einer Handvoll von KollegInnen, offenbar mit ihm und seinen Überlegungen vertraut. Das wird ergänzt durch eine Art zusammenfassendes „Capriccio zur Psychotherapie“ aus Fuchs’scher Feder in der Gestalt eines „Gespräch(s) mit Schutzheiligen“ (93ff.). Den Bezugsrahmen der diskutierten Überlegungen („heuristische Betrachtungen des Phänomens Psychotherapie“) bildet die von Fuchs formulierte Allgemeine Theorie der Sinnsysteme. Mit Hilfe dieser Theorie diskutiert Fuchs die für Psychotherapie kennzeichnende Kommunikation (d.h.: diejenige Kommunikation, die sie von anderen sozialen Systemen unterscheidet). Soziale und psychische Systeme gelten auch in dieser Theorie als füreinander ebenso notwendige, wie uneinsehbare Umwelten. Sie werden gebildet durch je spezifische Sinnoperationen. Das für eine systemtheoretische Diskussion Vertrackte besteht darin, dass solche und sich daran anschließende Überlegungen im Alltagsverstehen und in der Alltagsverständigung von TherapeutInnen leicht den Charakter von Fest-Stellungen annehmen. Fuchs wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass räumliche Metaphern zwar plausibel sind, doch nicht wirklich zur Theorie passen. Beispiel: „Sinngrenzen überschreiten“. Es dürfte eine anspruchsvolle Übung bleiben, hier nicht an einen räumlichen Vorgang zu denken. Fuchs’ Variante ist es, hier von Sinnsystemen als „Unjekten“ zu sprechen. Sie seien „weder Objekte noch Subjekte. Sie sind Unheiten, Undinge, die nicht mehr im Rahmen einer Ontologie analysiert werden können“ (S. 17).
In Bezug auf Sinngrenzen schlägt Fuchs vor, sie als „eine Änderung der Fortsetzungsbedingungen von Kommunikation“ aufzufassen (S. 19). Allgemein gesprochen ließe sich als Sinngrenze von Psychotherapie der Moment beschrieben, „in dem Kommunikation und Kognition unter den Druck einer systematischen bzw. systemischen Unvollständigkeit von Selbstbeobachtungsmöglichkeiten geraten. Die Klienten werden konfrontiert mit „Lücken“ in ihrer Selbstbeobachtung, mit der möglichen Fehlerhaftigkeit von Selbstbeschreibungen, kurzum mit einer ihnen nicht zugänglichen Selektivität. Psychotherapeuten sind insofern Experten, als sie über spezielle Beobachtungstechniken verfügen, mit denen das je Unbeobachtete wiedereingeführt wird“ (S.22). Alleine über diesen Passus ließe sich lange reden und im Hinblick auf das Selbstverständnis in Ausübung unseres Berufes nachdenken. Das Buch ist voll von solchen Anregungsüberschüsssen.
Für die im Buchtitel aufscheinende „Zukunft der Psychotherapie“ scheint mir Fuchs’ Frage bedeutsam: „Als Lösung welchen sozialen (!) Problems lässt sich Psychotherapie deuten?“ (S. 28). Der Fokus auf ein soziales Problem schließt die Relevanz erlebten Leidens nicht aus, sondern wählt eine handhabbare Form der Bezugnahme. Das wird deutlicher, wenn Fuchs über die „Funktion der Psychotherapie“ spricht. Fuchs siedelt sie „im Kontext einer funktional differenzierten Gesellschaft“ an, „die jede Einheitspräsentation, jedes Bestehen auf eineindeutigen Identitätsbestimmungen prekär macht. Im Blick auf psychische Systeme fallen dabei (Leidensdruck erzeugende) Unschärfeprobleme an, auf die sich dann die Psychotherapie bezieht, indem sie nichtcodierte und nichtcodierbare Probleme nicht codifiziert, sondern gelten lässt – durch Strategien, die zu viablen Identitätskonzepten führen, innerhalb deren es möglich wird, mit Unschärfen zu leben“. Diese Beschreibung ist Fuchs offenbar so wichtig, dass er sie an zwei Stellen bringt (S. 34 und S. 92). Warum ist sie so wichtig? Zum einen markiert sie das Medium, in dem es (fast) unweigerlich zu einem Differenzerleben kommt, das einem das Dasein verleiden kann. Es handelt sich um die Situationsfülle ausdifferenzierter Gesellschaften, die ein in sich stimmiges Verhalten selten ermöglicht. Von Bedeutung ist hier die Unterscheidung von Person und Unperson. Als Person sehe ich mich mit einem jeweils spezifizierten (mich „persönlich“ meinenden) Bündel sozialer Erwartungen konfrontiert, mit dem ich je nach Temperament, Erfahrungshintergrund und Grad der Sicherheit in relevanten sozialen Kontexten umgehen kann (bzw. nicht >> siehe Leidensdruck). Die Passung zwischen sozialer Erwartung an ein personspezifisch „korrektes“ Verhalten (eins, das zur Erwartung passt) und tatsächlichem Verhalten ist entscheidend für die (erlebte) Sicherheit, als soziale Adresse erkannt und anerkannt zu sein. Vermutlich ist es ein archaischer Mechanismus, der Zugehörigkeit zu einem relevanten sozialen System als überlebensnotwendig erscheinen lässt, insofern anfällig macht für Leidensdruck beim Erleben von Abweichungen in der Passung von Erwartungen und Handlungsfähigkeit.
Eine Form der möglichen Antwort ist das Aufleben als Unperson, d.h. des Entstehens von Kognitionen, Empfindungen und Handlungsnischen, die nicht zu den Erwartungen an die jeweils angefragte Person passen (sondern nur unter anderen Umständen passen würden, womöglich nur unter solchen, die zum Ausschluss aus der überlebensnotwendig erscheinenden ‚Adressdatei’ führen). Latenzen, bzw. Latenzschutz (d.h. Unsichtbarmachen vor dem unaufhörlichen sozialen Scannen der Zugehörigkeitsmerkmale) spielen hier eine Rolle. Das mag sich dann in Form von „Symptomen“ zur Erkenntnis anbieten, womöglich als Sprachlosigkeit, als seltsames Verhalten, oder andere Formen von Not-Lösungen ohne Not-Wendung. Hier könnte dann – so die Voraussetzungen gegeben sind – die Arbeit der Psychotherapie beginnen.
Das Unterscheiden codierter, bzw. codierbarer Probleme von nichtcodierten, bzw. nicht-codierbaren gilt Fuchs als Leitunterscheidung, um diejenigen Themen bestimmen zu können, für die er Psychotherapie als zuständig ansieht. Psychotherapie ist ihm die Domäne nicht codierter, bzw. nicht codierbarer Probleme. Dies im Unterschied zu codierten/ codierbaren Problemen etwa im medizinischen Bereich. Psychosoziale Problemlagen dürften in sehr vielen Fällen nichtcodierbar sein, jedenfalls dann nicht, wenn die Vielfalt sinnbasierter Zustände und Erscheinungen in Rechnung gestellt wird (s.o.). Fuchs hält es geradezu für ein „Alleinstellungsmerkmal“ der Psychotherapie, dass sie „über eine Sonderkompetenz zur Bearbeitung nichtcodierter Probleme“ verfüge (S. 31). Er geht noch einen Schritt weiter und nennt es „im Hinblick auf die Kernkompetenz der Psychotherapie suizidal“, wenn sie sich im Wettbewerb mit anderen um Kompetenzzuschreibung bei codierbaren Befunden bewerbe (S.33).
Noch ein Wort zu dem eingängigen „Verwalter der vagen Dinge“. Als solche habe Paul Valéry „Priester, Magier und Dichter“ bezeichnet, heißt es. Nicht codierbare Probleme erweisen sich nun als genau solche „vagen Dinge“, für die – im Fall von mitgeteiltem Leidensdruck – Psychotherapie zuständig sei. Dann biete es sich an, so Fuchs, „Verwalter der vagen Dinge zu finden, die aber eben nicht davon ausgehen, dass die Vagheit auflösbar ist in eine Klassifikation, in präzise Befunde, sondern vielmehr davon, dass […] dass das Leben immer vage „ist“ und jede Festigkeit oder Präzision deswegen artifiziell“ (S. 34).
Das Buch enthält eine Fülle von weiteren, ebenfalls der vertieften Reflexion empfohlenen Andeutungen und Hinweisen, von denen ich hier nur noch einige andeute:
– der „symbiotische Mechanismus der Psychotherapie“ (S. 43ff.) z.B., in dem die Notwendigkeit, den Körperbezug zu symbolisieren thematisiert wird („somatogene Symbole“ (S.43),
– Psychische Systeme als „die Organisation von Wahrnehmung“ und der dazu gehörige Sinnbezug in Form „soziale(r) Interpretation von Hirnereignissen“ (S. 81). Fuchs propagiert in diesem Zusammenhang, dass bei psychischen Systemen „minimale Innervationen des organischen Systems“ so etwas wie die „Lautung“ ersetzen“, d.h. für Wahrnehmbarkeit sorgen (S. 81),
– die „Nullmethodologie der Psychotherapie“ (58ff.). Wie ich es verstehe, thematisiert Fuchs hier, dass es die Psychotherapie evtl. auch mit Fragen zu tun bekommt, für die sie eigentlich nicht zuständig ist. Er selbst probiert in dieser Situation die Idee der Beendbarkeit aus: „Nirgendwo gibt es ein wirkliches Ende, einen wirklichen Anfang. Darüber wird immer sozial disponiert“ (S. 60). Hier frage ich mich, in welchem Verhältnis wohl Codierbarkeit und Beendbarkeit zusammen stehen? Anders herum: Unter welchen Bedingungen erscheint es plausibel, etwas zu beenden, das per definitionem nicht codiert (i.S.v.: in eine Form gebracht, begrenzt, mit Enden versehen) werden kann? Und dazu fallen mir natürlich eine ganze Reihe konzeptioneller und methodischer Arbeiten im Bereich Systemischer Therapie ein, insbesondere in Form von Absprachen und Entwickeln Klinischer Kontrakte. Die entsprechende Literatur muss Fuchs als Soziologe nicht kennen, die DiskutantInnen hätten als Systemische TherapeutInnen schon eine Möglichkeit dazu gehabt.
Es mag deutlich geworden sein, dass mich Fuchs’ theoretische Erwägungen ungemein angeregt haben. Je länger ich das auf mich habe wirken lassen, desto deutlicher wurden mir auch Einwände. So scheint mir, dass die sprachliche Reduzierung unserer Arbeit auf Psycho-Therapie sich zwar theoriebautechnisch plausibel und stringent aus der Allgemeinen Theorie der Sinnsysteme ableiten lässt. Dabei könnte jedoch verloren gehen, dass es sich bei den von Fuchs ins Zentrum gerückten nicht-codierbaren/ nicht-codierten Problemen um komplexe Gemengelagen handelt, die nicht nur auf interne Dynamiken (Psychisches) verweisen, sondern auf die (nicht lösbar erscheinende) Spannung im Grenzbereich zwischen Psychischem und Sozialem. Die von Fuchs so treffend formulierten „Fortsetzungs-bedingungen der Kommunikation“ in diesem Grenzbereich sind an sich vage. Es sei denn, man banalisiere sie in Form des einfachen Auszählens: schließt sich an, schließt sich nicht an. Dass es möglich ist, benannte psychische Prozesse zu codifizieren, zeigt ja gerade die Dominanz Diagnose-abhängiger „Versorgung“ im Fachbereich Psychotherapie des real existierenden Gesundheitswesen.
Ich will damit sagen, dass Fuchs mit seiner Argumentation zwar theoretisch der zur Zeit dominierenden Psychotherapie-Version die Daseinsberechtigung abspricht, dass dies praktisch jedoch in dieser Form zu wenig anderem führt als denjenigen, die sich bislang tatsächlich als Alternative verstehen, das Wasser abzugraben: Systemischen TherapeutInnen, die sich an einer Klinischen Theorie orientieren, in der eben nicht auf festgelegte psychische Eigenschaften Bezug genommen wird, sondern auf Verabredungen zum gemeinsamen Entwirren von psychosozialen Verknotungen. Die von Fuchs (an einer Stelle) einigermaßen abgekanzelte Beratung hat es (wenn man sie nicht auf monothematische Wissens-, Reparatur- oder Trainingsberatung reduziert) genau mit den uncodierbar erscheinenden Phänomenen zu tun, die Fuchs für Psychotherapie reklamiert. Nicht umsonst sind Psychosoziale Beratungsstellen immer noch der Ort, an dem Systemische Therapie am konsequentesten betrieben werden kann.
An einer Stelle illustriert Fuchs den Unterschied zwischen uncodierbaren Problemen als Themen der Psychotherapie und codierbaren, wie etwa Herzbeschwerden, für die Medizin. Das mag zwar sein, dass sich Herzbeschwerden eindeutig codifizieren lassen, aber sobald sie zum Problem werden, ist mehr beteiligt als ein aus dem Takt geratener Rhythmus, zum Beispiel. Die meisten physiologischen Prozesse, die zur Klage Anlass geben, sind verschränkt mit einer Vielzahl von psychischen und sozialen Referenzen. In der Gesamtheit ebenso konzertant wie vage.
Und schließlich: so interessant und süffig, wie der Begriff „Verwalter der vagen Dinge“ daherkommt, so sehr geht er an dem vorbei, was als Leitmotiv Systemischer Therapie gelten kann: die kooperative Art des Umgangs mit Problemen, das gemeinsame Erkunden von Anliegen, Klären von dem, was als Auftrag miteinander bewerkstelligt werden kann und sollte. Es ist nicht die Vagheit der Themen, die die systemische Variante psychosozialer Therapie kennzeichnet, sondern die kooperative Form, für diese vagen Dinge nachvollziehbare, spürbare und handhabbare Umgangsformen zu finden. Das unterscheidet sich sowohl vom Tools-fokussierten Intervenieren, wie vom Deutungs-fokussierten Besprechen. Es ist nicht mehr und nicht weniger als der unerschrocken respektvolle Versuch, diesem tobenden Leben sinnvolle Wege abzugewinnen. Und zwar miteinander, in Absprache und mit Blick auf ein jeweils vereinbartes Ende.
Damit komme ich auf meine anfangs geäußerte Überlegung zurück, das Anregende an Fuchs’ Ideen für unser Metier entstehe nicht in einer 1:1-Übersetzung für die Praxis, sondern in einem Abstand, der gewonnen werden kann durch die vertiefte Auseinandersetzung damit. Ich würde mir wünschen, dass es zur Grundausrichtung systemischer TherapeutInnen gehört, sich mit Theorien solchen Kalibers auseinanderzusetzen, wie die von Fuchs beschriebene Allgemeine Theorie von Sinnsystemen. Dass es zur Grundausrichtung gehört, diese immer wieder umzugraben, neu zu bedenken, und sie sich so anzueignen, dass sie aus sich selbst heraus dabei „darüber hinwegkommen“ und dann das, was sie dann praktisch tun, so transparent wie möglich machen können. Und dass sie auf diese Weise das tun können, was unsere Arbeit zur Profession macht: sie begründet und konstruktiv in Frage stellen können. Und sich zu Antworten auf diese Fragen immer wieder neu, und doch gefestigt, auf den Weg zu machen. Fuchs im Reisegepäck wäre dabei sehr zu empfehlen.
(Erstveröffentlichung 2011 in: Z.f. Systemische Therapie u. Beratung 29(3): 135-138)

Peter Fuchs (2011): Die Verwaltung der vagen Dinge. Gespräche zur Zukunft der Psychotherapie. Heidelberg (Carl-Auer)
ISBN 978-3-89670-768-0
Einband Kartoniert
Format 136×216 mm
Seitenanzahl 107 Seiten
Preis 17,95 €
Verlagsinformationen:
Als „Verwalter der vagen Dinge“ hat der Lyriker und Philosoph Paul Valéry einmal Priester, Magier und Dichter bezeichnet. Peter Fuchs zählt auch Psychotherapeuten zu diesem Kreis, weil der Gegenstand ihrer Arbeit häufig eher vage als konkret ist: Was der Seele zu schaffen macht, ist selten eindeutig zu bestimmen, genauso wie es schwer ist, in der heutigen Welt eine einheitliche, eindeutige Identität zu finden. Peter Fuchs betrachtet Psychotherapie als den Versuch, gemeinsam mit den Klienten Strategien zu entwickeln, die es ihnen ermöglichen, mit solchen Unschärfen zu leben. Für den Berufsstand der Psychotherapeuten stellt sich die Frage, ob es sich angesichts der Unbestimmtheiten, mit denen er zu tun hat, um ein eigenes (Sozial-)System handelt. Was dieses Buch über den Erkenntnisgewinn hinaus lesenswert macht, sind seine besondere Form und das Lesevergnügen, das man daraus schöpft: Ein Experte in Soziologie breitet seine Gedanken vor Expertinnen und Experten in systemischer Therapie aus, es kommt zu Diskussionen, und es kommt zum geistigen Funkenflug. Aus der Begegnung von Theorie und Praxis ergeben sich vielfältige Anregungen, manchmal überraschend, manchmal sogar überraschend einfach. So gibt das Buch immer wieder Gelegenheit, innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten und der Frage nachzugehen: Was tun wir da eigentlich? Es ermöglicht sozusagen eine prinzipielle, fundamentale innere Supervision.
Über den Autor:
Peter Fuchs, Prof. Dr.; 1972–1984 Heilerziehungspfleger; Studium der Sozialwissenschaften und der Soziologie in Bielefeld, Dortmund, Hagen. 1991 Promotion in Gießen. 1992–2007 Professor für Allgemeine Soziologie und Soziologie der Behinderung an der Hochschule Neubrandenburg. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt: Das System Selbst. Studie zur Frage, wer wen liebt, wenn jemand sagt „Ich liebe Dich!“, das im Juli 2010 vom NDR unter die besten Sachbücher des Monats gewählt wurde.