
Am 30. Mai 2026 ist Edgar Morin in Paris im hohen Alter kurz vor seinem 105. Geburtstag gestorben. Mit ihm verliert die intellektuelle Welt einen der letzten Denker des 20. Jahrhunderts, der es unternommen hatte, der Zersplitterung des wissenschaftlichen Wissens in zahllose Einzeldisziplinen mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für Komplexität und Transdisziplinarität entgegenzuarbeiten. Im konstruktivistischen und systemischen Diskurs in Deutschland wurde Morin leider wenig wahrgenommen, wohl auch, weil nur ein kleiner Teil seiner Texte auf deutsch erschienen ist.
Ich konnte ihn 1984 in St. Etienne auf einem Familientherapiekongress erleben, wo er neben Heinz von Foerster und Humberto Maturana zu den Hauptrednern gehörte und mich dauerhaft beeindruckte.
Edgar Morin, geboren als Edgar Nahoum am 8. Juli 1921 in Paris als Sohn säkularer jüdischer Einwanderer aus Thessaloniki, durchlief selbst eine komplexe Biografie: Résistance-Kämpfer, Mitglied der Kommunistischen Partei bis 1951, danach Parteiausschluss und lebenslanger Dissident gegenüber jeder Orthodoxie. Am Centre national de la recherche scientifique (CNRS), dem er seit 1950 angehörte und dessen Forschungsdirektor er wurde, arbeitete er an der Schnittstelle von Soziologie, Philosophie, Ethnografie und Biologie. Er erhielt Ehrendoktorate von 38 Universitäten weltweit.
Weiterlesen →



