
Heute, vor 110 Jahren, am 26. Juni 1916, wurde Virginia Satir geboren. Die Familientherapeutin, die als Pionierin und eine der bekanntesten Vertreterinnen ihres Fachs gilt, hat auf eine besondere Art gearbeitet. Aus Anlass des Jubiläums lohnt ein genauerer Blick auf einen Text, der die Techniken von Satir genauer untersucht hat. Er wurde 1989, ein Jahr nach ihrem Tod, im Family Networker veröffentlicht. Autor war Steve Andreas (1935-2018), bekannter US-amerikanischer NLP-Trainer und Autor des Buches „Virginia Satir: The Patterns of Her Magic (1991, auf Deutsch: Virginia Satir. Muster ihres Zaubers, Junfermann, 1994, nur noch antiquarisch zu erhalten).
In seinem Aufsatz „The True Genius of Virginia Satir“, der auch Eingang in sein Buch gefunden hat, hat er eine Analyse von Satirs therapeutischer Praxis verfasst. Andreas kannte Satir aus gemeinsamer Arbeit, war kein unkritischer Bewunderer, und sein Text war auch nicht als Nachruf gedacht, sondern als eine methodische Bestandsaufnahme.
Andreas eröffnet seinen Aufsatz mit einem Ereignis, das seiner Meinung nach das Kernproblem der Satir-Rezeption sichtbar machte. Bei einem gemeinsamen Workshop mit Richard Bandler und John Grinder – den Begründern des Neurolinguistischen Programmierens, die Satirs Arbeit systematisch analysiert hatten – führte Satir am ersten Tag ein eindrucksvolles Familieninterview durch. Bandler und Grinder analysierten anschließend ihr Verhalten: Sie sei eine Meisterin darin, Menschen durch gezielte verbale und nonverbale Manipulationen systematisch zu verändern. Satir reagierte entsetzt. „Manipulation“ war für sie ein Begriff, der ihr Selbstverständnis verletzte. Sie sah sich als jemanden, der auf Menschen mit Wärme und Echtheit eingeht und deren innere Güte zum Vorschein bringt.
Am zweiten Tag demonstrierte sie erneut ihre Arbeit – und ließ diesmal die meisten Methoden weg, die Bandler und Grinder identifiziert hatten. Das Ergebnis war ein Interview, das nirgendwo hinführte („nowhere“). Wärme und Präsenz waren vorhanden, aber das Gespräch verlief im Sand.
Andreas zog daraus die Schlussfolgerung, dass Satirs eigene Beschreibungen ihres Vorgehens zu allgemein waren, um lehrbar zu sein. Ihre Kritik an technischen Analysen ihrer Arbeit hat, ungewollt, dazu beigetragen, dass das, was sie tatsächlich tat, aus dem kollektiven Gedächtnis der Familientherapie verschwand: „Those who wish to preserve Virginia’s legacy for family therapy need to recognize a basic discrepancy between what she taught about her work and what she actually did.“
In diesem Aufsatz, der im Internet zu finden ist, beschreibt er nun zentrale Elemente ihrer Praxis, die aus seiner Sicht für ihre Arbeit zentral waren, und die er mit Ausschnitten aus ihren Therapiegesprächen unterlegt.
1. Lösungsorientierter Fokus auf Gegenwart und Zukunft
Satir hörte Klagen lang genug zu, um Kontakt zu halten. Dann aber lenkte sie die Aufmerksamkeit konsequent auf Lösungen und gewünschte Zustände. Ein typischer Einstieg lautete: „I just want to find out right now, for you, from you, what at this moment – never mind the past – what at this moment would make life better for you if it could happen, living in this family?“ Wenn jemand beschrieb, was er nicht wolle, folgte unmittelbar: „That’s what you don’t like. Could you say what you do?“
2.Positive Absichten – kein Tadel
Satir setzte konsequent voraus, dass hinter jedem Verhalten eine positive Absicht steht – unabhängig davon, wie destruktiv das Verhalten war. Das Nörgeln einer Mutter wurde zum Ausdruck tiefer Fürsorge, die Strenge eines Vaters zum Zeichen seines Willens, die Kinder zu beschützen. In Sitzungen klang es so: „…one of the things I’m discovering is a tremendous feeling of concern and caring from your father to all of you children and from your mother to all of you children. But I don’t think that always comes through as much as it could.“
Niemanden zu beschuldigen war für Satir keine bloß moralische, sondern eine strategische Haltung: Wenn man einem Wunsch oder einer Zielvorstellung zustimmen kann, wird es möglich, gemeinsam nach alternativen Verhaltensweisen zu suchen, die dieselbe Absicht besser erfüllen. Andreas sieht hier die Wurzel des gesamten Reframing-Ansatzes, den Bandler und Grinder später systematisierten und der im systemischen Feld seit Beginn eine bedeutende Rolle spielt.
3. Positive Handlungsalternativen
Satir drängte nicht darauf, problematisches Verhalten zu unterlassen, sondern konzentrierte sich darauf, neue Möglichkeiten zu erkunden. Wenn ein Ehemann erstmals merkt, welche Wirkung eine ruhige Geste auf seine Frau hat, fragt Satir: „Is that a new idea? That you could be that impactful to somebody?“ Und weiter: „You’ve heard an awful lot about when you yell. You know that impact. But there’s lots of other things [to do]. Here’s one of them.“ Das Prinzip: Wer befriedigendere Wege kennt, kehrt nicht zu den schmerzhaften zurück.
4. Gleichwertigkeit
Satir arbeitete auf Augenhöhe – buchstäblich: Sie kniete sich hin, um mit Kindern auf Blickhöhe zu sprechen, oder stellte sie auf Stühle. Sie verwendete konsequent das Pronomen „we“: „We all have to struggle with that“ (Wenn es darum ging, Ärger zu kontrollieren) – und: „When we’re angry, we can’t see.“ Wenn sie ihre Wahrnehmung einer Familiensituation schilderte, blieb sie ausdrücklich tentativ: „Let me show you a picture that I see at the moment. I just want to get the picture out and then you help me to check it … This is my picture in my head from what I learned, and it may not fit at all, but it could.“ Wenn sie korrigiert wurde, antwortete sie schlicht: „Oh, so I was wrong“ – und ging weiter.
5. Sprachliche Muster
Satir nutzte präzise Fragen – wer, was, wann, wo, wie, genau – um konkrete Informationen über Interaktionsmuster zu gewinnen, statt in Abstraktion zu verbleiben. Oft begann sie mit scheinbar unverfänglichen Fragen an die Kinder, etwa über die Sitzordnung beim Abendessen. Sobald etwas beschrieben wurde, folgte regelmäßig die Aufforderung zur Demonstration eines beschriebenen Verhaltens: „When you see this happen, would you come and show me what you do when this is going on?“ Sprache war für sie Mittel, herauszufinden, was genau passiert, unterschiedliche Beschreibungen als solche interessierten sie weniger.
6. Aktion
Insofern war unmittelbares Handeln vielleicht das markanteste Merkmal ihres Arbeitsstils: Satir bestand darauf, dass in der Sitzung selbst etwas passiert. Verhalten wurde nicht beschrieben, sondern erprobt. In einer Sequenz mit dem Ehepaar Casey und Margie fordert Satir Margie auf, auf Casey zuzugehen: „So, if you acted on your wish – do it and see what happens.“ Als Margie sich nähert und Casey sich leicht zurückzieht, fragt Satir nach seiner Reaktion. Casey antwortet: „Strange.“ Satir: „Okay. That’s a new thing.“ – und dann: „Now that you’ve gotten over the feeling of strangeness, how does it feel to have her here?“ Casey: „Like it used to … it’s nice.“ Satir: „I’d like you to tell her that.“
Auch wenn Kommunikation zu eskalieren drohte, griff sie körperlich ein: In einer anderen Szene schiebt sie ihren Stuhl zwischen Margie und Casey, unterbricht den Blickkontakt zwischen den Streitenden, legt gleichzeitig eine Hand auf Caseys Knie – und bemerkt beiläufig: „I’m doing this on purpose, you know that.“
7. Berührung: kontrovers, aber zentral
Andreas behandelt das Thema Berührung zuletzt, weil es das umstrittenste ist – und weil Satir selbst ihm besonderes Gewicht beimaß. Sie hatte ihm zufolge mit ihre Klienten in einer Sitzung mehr Körperkontakt als die meisten Therapeuten in einem Jahr. In Familien mit Gewaltgeschichte zeigte sie Eltern und Kindern, wie schützende von aggressiver Berührung zu unterscheiden ist, und trainierte das direkt im Sitzungsraum.
Satir erläuterte ihr Vorgehen mit einer Deutlichkeit, die wenig Raum für Missverständnisse lässt: „My touch is not going to send much to you unless I am integrated myself, unless I really feel whole myself: then energy moves out. If I feel I have to touch, or have to be careful about touching … that won’t work. Because it’s not a gimmick, and it’s not a strategy. It’s a living kind of passing back and forth of energy.“ Und weiter: „I frankly have to say that if I couldn’t have the energy that comes with touch, I am certain I could not have the kind of really good results that I have.“
Andreas schließt seinen Text mit einer pragmatischen These: Satirs Methoden sind lehrbar – sie können auch von Menschen gelernt werden, die weder Satirs körperliche Präsenz noch ihre emotionale Tiefe mitbringen. Wer anfängt, diese Methoden ungelenk anzuwenden, werde im Verlauf der Übung spontaner und finde zu einem eigenen Stil. Das Ergebnis seien keine Satir-Imitatoren, sondern handlungsfähige Therapeuten.
Den Einwand, man müsse erst zur Persönlichkeit werden, bevor man die Methoden einsetzen dürfe, weist er mit einer Umkehrung der bekannten Perls-Sentenz zurück: „Just because you’ve got a chisel, doesn’t make you Michelangelo.“ – Aber: „how much could Michelangelo have accomplished without any chisels at all? Imagine Michelangelo trying to carve a marble block with only his fingernails to release the vision imprisoned within the stone.“
Großes Werk braucht beides: das Handwerk und die Vision, die es lenkt. Satir hatte beides in ungewöhnlichem Maß.