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Salvador Minuchin und die strukturelle Familientherapie

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Salvador Minuchin

Heute vor 105 Jahren wurde Salvador Minuchin (13.10.1921-30.10.2017) in San Salvador, Argentinien, geboren. Ein Anlass, auf seine Bedeutung für die Entwicklung der Familientherapie hinzuweisen. Er gehörte zu den prägenden Begründern des strukturellen Ansatzes der Familientherapie. Dieser entwickelte sich in den 1960er Jahren aus der Arbeit mit sozial benachteiligten Familien und richtete den Blick auf die Organisation familiärer Beziehungen: auf Nähe und Distanz, Bündnisse, Allianzen und Konflikte, Verantwortlichkeiten, Grenzen und Hierarchien. Minuchin verstand auffälliges Verhalten oder psychisches Leiden nicht als isolierte Eigenschaft eines einzelnen Menschen, sondern als eingebunden in wiederkehrende Muster innerhalb der Familie.

Eine schöne Zusammenfassung seines Ansatzes findet sich in einem ihm gewidmeten Kapitel einer südafrikanischen Masterarbeit von Elmarie Kotze von 1981, die George Yonge ins Englische übersetzt und auf seiner Website veröffentlicht hat. Eine weitere gute Übersicht ist 2001 in der Zeitschrift Child Psychology & Psychiatry Review erschienen, in der die englische systemische Therapeuten Arlene Vetere Minuchins Ansatz als einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Familientherapie würdigte. Während der erste Text eine reine inhaltliche Übersicht über Minuchins Vorgehensweise ist, macht Vetere deutlich, dass seine Begriffe und Interventionen nicht losgelöst von den fachlichen Debatten über Macht, Geschlecht, Kultur, Krankheit und therapeutische Autorität gelesen werden sollten, die sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder ändern.

Der strukturelle Ansatz lässt sich daher weder als ein zeitlos gültiges Modell noch als ein erledigtes Kapitel der familientherapeutischen Geschichte verstehen, sondern als ein einflussreiches Werk, dessen produktive Impulse wie auch problematische normative Annahmen zusammengehören.

Minuchin entwickelte seine Überlegungen gemeinsam mit Braulio Montalvo und weiteren Kollegen im Umfeld eines Forschungsprojekts „Families of the Slums“, dessen Ergebnisse 1967 im gleichnamigen Buch veröffentlicht wurden, das leider nie eine deutsche Übersetzung erhielt. Im Zentrum standen Familien in sozial prekären Lebenslagen, in denen Jugendliche als delinquent oder auffällig galten. Diese Entstehungsgeschichte ist von besonderer Bedeutung, weil Minuchins Ansatz nicht aus einer abstrakten Theorie des Familiensystems hervor ging, sondern aus der unmittelbar praktischen Frage, wie Familien unterstützt werden konnten, deren Alltag einerseits durch Armut, institutionelle Eingriffe und soziale Ausgrenzung belastet war, andererseits aber auch durch instabile Beziehungskonstellationen, Gewalt, Desintegration usw. Ein Buch, das mir wesentliche Impulse für meine Arbeit im Kinderschutz in den 1980er Jahren vermittelte.

In den 1970er Jahren übertrug Minuchin seinen Ansatz auf weitere Felder, insbesondere auf Familien mit Kindern mit psychosomatischen Beschwerden oder Suchtproblematiken. Er veröffentlichte 1974 mit „Families and Family Therapy“ eine grundlegende Darstellung seiner Theorie; gemeinsam mit Charles Fishman beschrieb er in „Family Therapy Techniques“ seine therapeutischen Verfahren ausführlicher.

Minuchin ging von drei zentralen Annahmen aus. Erstens verstand er psychisches Erleben nicht als ausschließlich innerpsychischen Vorgang. Menschen waren für ihn immer in Beziehungen eingebunden; insbesondere die Familie bildete für Kinder einen zentralen Ort ihrer ersten und fortlaufenden Lebenserfahrungen. Zweitens nahm er an, dass Veränderungen der Familienorganisation Veränderungen im Verhalten und im inneren Erleben ihrer Mitglieder nach sich ziehen könnten. Drittens betrachtete er Therapeuten und Familien als ein gemeinsames therapeutisches System. Die therapeutische Person stand daher nicht außerhalb des Geschehens, sondern griff durch ihre Anwesenheit, ihre Fragen und ihre Interventionen in das Beziehungsgefüge ein, eine frühe Vorwegnahme der kybernetischen Idee, dass wir keine außenstehenden Beobachter sein können, sondern immer schon mit unseren Beobachtungen zum Teil des Problemsystems werden.

Diese Perspektive verschob die Aufmerksamkeit weg von der einzelnen symptomtragenden Person. Wenn ein Kind etwa durch Schulverweigerung, Angst, aggressives Verhalten oder psychosomatische Beschwerden auffiel, fragte Minuchin nicht zuerst nach dessen individuellen Defiziten. Er fragte danach, welche Beziehungen, Erwartungen und wiederkehrenden Interaktionen in der Familie mit dem Symptom verbunden waren. Das Symptom des „identifizierten Patienten“ verstand er in erster Linie als Ausdruck einer problematischen Familienorganisation. Aus seiner Sicht sollte sich das Symptom zurückbilden, wenn die Familienstruktur funktionaler in Hinblick auf ihre Aufgaben der Versorgung, Kontrolle und Zuwendung würde.

Gerade hier liegt ein historisch bedeutsamer, aber heute kritisch zu betrachtender Punkt. Der Ansatz konnte das einzelne Familienmitglied entlasten, weil es nicht länger als alleinige Ursache des Problems erschien. Zugleich bestand die Gefahr, dass Familien zu stark als Ursache von Krankheit oder Leid betrachtet wurden. Aus heutiger Sicht wäre daher vorsichtiger zu formulieren: Familienbeziehungen können Symptome mit beeinflussen, aufrechterhalten oder verändern; sie erklären jedoch weder psychische noch körperliche Erkrankungen vollständig. Biologische Voraussetzungen, gesellschaftliche Bedingungen, traumatische Erfahrungen, materielle Belastungen und individuelle Lebensgeschichten müssen ebenso berücksichtigt werden.

Minuchin verstand Familienstruktur als ein unsichtbares Gefüge von Anforderungen und Regeln, das bestimmt, wie Familienmitglieder miteinander umgehen. Sichtbar wurde diese Struktur in wiederkehrenden Transaktionen: darin, wer das Wort ergriff, wer für wen sprach, wer Entscheidungen traf, wer Konflikte vermied, wer sich mit wem verbündete und wer dadurch ausgegrenzt wurde. Wiederholte Transaktionen ordnen als Muster die Beziehungen innerhalb der Familie und gerinnen zu Strukturen.

Minuchin unterschied verschiedene Subsysteme, denen er unterschiedliche Aufgaben zuwies. Das Paar- oder eheliche Subsystem trägt die Beziehung der erwachsenen Partner, das Elternsubsystem ist für die Versorgung, Anleitung und Begrenzung der Kinder zuständig, das Geschwister- oder Kindersubsystem verstand Minuchin als einen sozialen Erfahrungsraum, in dem Kinder Kooperation, Konkurrenz, Verhandlung, Freundschaft und Anerkennung lernen konnten.

Diese Teilbereiche sollten nach Minuchin voneinander erkennbar abgegrenzt sein. Besonders wichtig war ihm die Differenzierung zwischen Paar- und Elternsubsystem. Kinder sollten Zugang zu ihren Eltern haben, aber nicht in Konflikte der Paarbeziehung hineingezogen werden. Eltern sollten ihre Verantwortung wahrnehmen können, ohne dass die Paarbeziehung vollständig in der Elternrolle aufging.

Grenzen regeln also, wer an einer Interaktion beteiligt ist und auf welche Weise. Sie sollen die Eigenständigkeit eines Subsystems sichern und gleichzeitig Austausch ermöglichen. Minuchin beschrieb ein Kontinuum zwischen Überinvolviertheit und Unbeteiligtsein. Bei Überinvolviertheit sind Grenzen diffus; die Familienmitglieder reagieren unmittelbar aufeinander und Belastungen einer Person können rasch das ganze Familiensystem erfassen. Unbeteiligtsein führt zu rigiden Grenzen, durch die Kontakt, Kommunikation und gegenseitige Unterstützung erschwert werden.

Minuchin bewertete Nähe und Distanz nicht grundsätzlich als gut oder schlecht. Eine Familie benötigte für ihn unterschiedliche Formen von Nähe, Schutz, Abgrenzung und Beteiligung. Problematisch wird die Familienorganisation erst dann, wenn sie fast ausschließlich an einem Ende dieses Kontinuums liegt und kaum noch andere Möglichkeiten des Umgangs zulässt. Eine Familie kann demnach sowohl durch zu starke Verstrickung als auch durch zu große emotionale und kommunikative Distanz in Schwierigkeiten geraten.

Das Konzept der Familienstrukturen ist allerdings nicht statisch zu verstehen. Minuchin betonte, dass sich Familien sich über die Zeit hinweg immer wieder verändern müssen. Übergänge wie die Geburt eines Kindes, der Schuleintritt, die Adoleszenz, Auszug, Krankheit, Arbeitslosigkeit, ökonomische Krisen oder Verlusterfahrungen stellen neue Anforderungen. Eine Familie bleibt nach Minuchin dann handlungsfähig, wenn sie ihre Beziehungen und Regeln an solche Veränderungen anpassen kann. Dysfunktional wird sie, wenn sie an einer früher hilfreichen Ordnung festhält, obwohl diese die gegenwärtige Entwicklung behindert.

Der therapeutische Prozess folgt bei Minuchin einer klaren Logik. Zunächst soll die therapeutische Person Anschluss an die Familie finden. Danach entwickelt sie Hypothesen über die bestehende Familienstruktur. Schließlich soll sie Situationen schaffen, in denen die Familie ihre gewohnten Interaktionsmuster verändern kann. Therapie war für Minuchin damit nicht nur ein Gespräch über Beziehungen, sondern ein Ort, an dem Beziehungen selbst beobachtet, erprobt und praktisch umorganisiert wurden.

Das sogenannte Joining bildet die Voraussetzung für diese Arbeit. Minuchin verstand darunter den Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung zur Familie als Ganzes und zu ihren einzelnen Mitgliedern. Die Therapeutin soll vermitteln, dass sie die Belastungen, Ressourcen und bisherigen Lösungsversuche der Familie wahrnimmt. Sie soll Hoffnung auf Veränderung stimulieren, ohne die Familie zu kritisieren oder ihre Ordnung vorschnell in Frage zu stellen.

Zum Joining gehört zunächst Bestätigung. Der Therapeut sucht nach Kompetenzen, Anstrengungen und positiven Absichten; zugleich anerkennt er Schmerz, Überforderung oder Enttäuschung. Ein weiteres Element seines Ansatzes nannte Minuchin Maintenance: Die bestehende Familienstruktur wird zunächst respektiert und in gewisser Weise gestützt. Wenn etwa eine Mutter bisher die Gesprächsführung für sich in Anspruch nahm, kann die Therapeutin zunächst über sie mit den Kindern in Kontakt treten, anstatt ihre zentrale Stellung sofort infrage zu stellen.

Tracking als weiteres Element bezeichnet die genaue Beobachtung der Art und Weise, wie die Familienmitglieder erzählen, auf Fragen reagieren, einander unterbrechen oder sich gegenseitig unterstützen, um Ideen zu entwickeln, wie und wann therapeutische Interventionen hilfreich für Veränderungen eingesetzt werden können. Das mimische und affektive Einschwingen auf die Familie, die Anpassung von Sprechtempo, emotionalem Ausdruck und der nonverbalen Kommunikation mit der Familie baut auf dem präzisen Tracking der familiären Transaktionen auf.

Minuchin betonte die eigene autoritative Haltung und Ausstrahlung, mit der die Verlässlichkeit des therapeutischen Rahmens und die damit gegebenen Veränderungsmöglichkeiten vermittelt werden sollten.

Das Joining bezieht sich nicht nur auf die Eingangssequenz der Kontaktanbahnung, sondern zieht sich durch die gesamte Beziehungsgestaltung im therapeutischen Prozess.

Neben dem Joining ist die Entwicklung einer strukturellen Arbeitshypothese ein zentrales Element des strukturellen Ansatzes. Minuchin unterschied diese Form der Diagnostik von einer traditionellen, auf Einzelpersonen bezogenen psychiatrischen Diagnose. Nicht allein das Symptom eines Mitglieds steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie sich die Familie um das Symptom herum organisiert, welche Muster dabei identifiziert werden können und welche Verhaltensalternativen zur Verfügung stehen. Therapeuten beobachten die Familie dabei nicht objektiv von außen, sondern erhalten Informationen gerade dadurch, wie Familienmitglieder auf ihre Interventionen reagieren. Diagnose und Therapie waren daher für Minuchin nicht klar voneinander getrennt.

Um die eigenen Hypothesen zu ordnen, verwendete Minuchin Familienkarten, die Bündnisse, Konflikte, Hierarchien, Zugehörigkeiten und Grenzen sichtbar machen. Beispielsweise konnte eine Karte eine enge Koalition zwischen einem Elternteil und einem Kind darstellen, eine Triangulierung des Kindes in einen Elternkonflikt oder die Randposition eines Elternteils innerhalb der Familie. Diese Karten nutzte er als Werkzeuge, mit denen Veränderungsziele formuliert werden konnten.

Mögliche Fehlerquellen in einer strukturellen Diagnostik sah Minuchin darin, das Therapeuten etwa eine Entwicklungsphase übersehen, ein relevantes Subsystem ausblenden oder durch die einseitige Unterstützung einer Position bestehende Verhärtungen verstärken könnten. So konnte die Kritik an einem autoritären Vater dazu führen, dass dieser noch autoritärer reagierte und sich die übrigen Familienmitglieder gegen ihn zusammenschlossen. Therapeutische Interventionen müssen daher ihre eigene Wirkung auf das Familiensystem fortlaufend reflektieren.

Die Veränderungsarbeit der Restrukturierung zielt auf die Erweiterung des Handlungsspielraums der Familie. Sie beginnt häufig damit, die Definition eines einzelnen Familienmitglieds als alleinige Problemquelle infrage zu stellen. Statt über das auffällige Kind oder den „schwierigen“ Jugendlichen zu sprechen, regt die Therapeutin direkte Interaktionen an: Eltern sollten miteinander verhandeln, Geschwister sollten aufeinander reagieren, ein Kind sollte seine Position selbst vertreten. In solchen Situationen werden vertraute Muster sichtbar und können durch gezielte Anregungen verändert werden.

Dieses Vorgehen wird oft als Enactment bezeichnet. Die Familie soll ihre Beziehungen nicht bloß beschreiben, sondern in der Sitzung real vollziehen. Wenn eine Mutter beispielsweise für ihren Sohn antwortet oder ein Kind in einen Elternkonflikt eingreift, kann der Therapeut die Interaktion unterbrechen und andere Formen der Beteiligung anregen. Dadurch soll Veränderung erfahren, anstatt nur als Einsicht formuliert werden.

Um Veränderungen festgefahrener Muster zu stimulieren, betonte Minuchin die Notwendigkeit der Herstellung von emotionaler Intensität im therapeutischen Prozess, um diesen zu einer signifikanten Erfahrung für die Klientensysteme zu machen. Intensität bedeutet, dass eine Intervention für die Familie so spürbar wird, dass sie nicht folgenlos übergangen werden kann. Techniken der Intensivierung waren für ihn etwa die Wiederholung und Verstärkung von Botschaften, die Betonung von ähnlichen Muster in unterschiedlichen Situationen, das Verlängern und Aushalten von Konflikten in Vermeidungssituationen oder die Veränderungen von räumlichen Konstellationen (Sitzordnung etc.). Da Familien immer eine Fülle von familiären Themen zur Verfügung haben, durchaus auch, um Themen zu wechseln oder schwierigen Fragen ausweichen zu können, war für Minuchin die Bildung eines Fokus von zentraler Bedeutung, d.h. die Auswahl eines typischen und relevanten Interaktionsmusters, das sich in unterschiedlichen Problembereichen zeigt und auf das immer wieder Bezug genommen werden kann. 

Eine wichtige Technik des direkten Eingreifens war für Minuchin das Markieren von Grenzen. Wenn Familienmitglieder für andere sprachen, konnte er darauf bestehen, dass jede Person selbst für sich antwortete. Wenn Kinder regelmäßig in Konflikte zwischen Eltern hineingezogen wurden, konnte er die Eltern auffordern, direkt miteinander zu sprechen. Auch Sitzordnungen, Blickrichtungen oder vorübergehende räumliche Trennungen nutzte er dafür, Grenzen zwischen Subsystemen erfahrbar zu machen.

Beim Unbalancing griff er noch deutlicher in bestehende Machtverhältnisse ein. Er stellte sich zeitweilig an die Seite eines Familienmitglieds oder stärkte eine zuvor schwache Position, um ein erstarrtes Gleichgewicht zu stören. In einem Konflikt zwischen Eltern und einem Jugendlichen konnte Er beispielsweise das Recht des Jugendlichen auf Privatheit unterstützen und zugleich die elterliche Verantwortung für Schule oder Alltag bekräftigen. Dieses Vorgehen war bewusst nicht neutral und verlangte daher eine hohe Sensibilität für Macht, Abhängigkeit und mögliche Beschämung.

Minuchin betrachtete Verhaltensweisen einzelner Personen nicht als voneinander unabhängige Eigenschaften, sondern immer als aufeinander bezogen. Ein Jugendlicher, der sich kindlich verhielt, wurde nicht ausschließlich als unreif betrachtet; zugleich konnte gefragt werden, wie die Eltern seine Unselbstständigkeit vielleicht mit aufrechterhielten. Auf diese Weise weitete Minuchin die Verantwortung vom einzelnen Symptomträger auf die ganze Familie aus.

Aus heutiger Sicht muss dieser Gedanke jedoch begrenzt werden. In Beziehungen, die durch Gewalt, Missbrauch, Einschüchterung oder massive Machtungleichheit geprägt sind, darf die Suche nach Wechselwirkungen nicht zur Relativierung von Verantwortung führen. Schutz und Sicherheit, die eindeutige Benennung von Gewalt sowie die Verantwortlichkeit der gewaltausübenden Person müssen Vorrang haben.

Vetere würdigte Minuchin als einen wichtigen Wegbereiter, weil er die tatsächliche Organisation von Beziehungen zum Gegenstand therapeutischer Arbeit gemacht hatte. Sein Ansatz fragte nicht nur nach Bedeutungen und Erzählungen, wie heutige narrative Konzepte das vorrangig tun, sondern nach dem praktischen Vollzug von Familie: Wer spricht? Wer schweigt? Wer darf sich abgrenzen? Wer wird für Konflikte verantwortlich gemacht? Wer erhält Unterstützung und wer gerät an den Rand? Gerade diese Aufmerksamkeit für das Sichtbare und Verkörperte von Beziehungen bleibt ein wertvoller Impuls in einer Zeit, in der die Arbeit im Familiensetting im systemischen Feld nicht mehr so häufig praktiziert wird.

Vetere sieht in Minuchins Handlungsorientierung eine wesentliche Stärke des strukturellen Ansatzes. Er verstand Therapie nicht als bloßen Erkenntnisprozess. Er lud Familien ein und forderte sie heraus, in der Sitzung neue Formen der Beziehung auszuprobieren. Diese Verbindung von Beobachtung, Intervention und Erfahrung bleibt anschlussfähig, auch wenn die theoretischen Deutungen seiner Interventionen heute oft vorsichtiger und pluraler ausfallen würden.

Vetere verweist zugleich auf die Grenzen des Ansatzes. Sie macht sichtbar, dass strukturelle Begriffe wie „funktionale Hierarchie“, „klare Grenzen“ oder „angemessene Elternschaft“ nicht wertneutral sind. Sie konnten an traditionelle Vorstellungen von Geschlecht, Paarbeziehung, Elternautorität und Familie gebunden sein. Wo solche Vorstellungen als therapeutische Norm gesetzt wurden, bestand die Gefahr, dass unterschiedliche Familienformen als defizitär erschienen, obwohl sie tragfähige und fürsorgliche Lebensformen sein konnten.

Problematisch ist überdies, Machtungleichgewichte innerhalb der Familie ausschließlich als wechselseitiges Muster zu betrachten. Hierarchien zwischen Generationen waren bei Minuchin ein zentrales Thema, Machtverhältnisse zwischen Partnern, geschlechtsspezifische Erwartungen und Gewalt wurden jedoch nicht in gleicher Weise theoretisch ausgearbeitet. Eine gegenwärtige systemische Praxis muss daher genauer unterscheiden: Welche Hierarchie schützt Kinder und ermöglicht verlässliche Verantwortungsübernahme? Welche Hierarchie begrenzt Autonomie, stabilisiert Abhängigkeit oder verdeckt Gewalt?

Auch der Begriff der „dysfunktionalen Familie“ bedarf einer kritischen Verwendung. Er kann helfen, erstarrte und belastende Beziehungsmuster zu benennen. Er kann aber Familien pauschal pathologisieren, insbesondere wenn soziale Armut, Rassismus, Migrationserfahrungen, institutionelle Benachteiligung, chronische Krankheit oder fehlende materielle Ressourcen nicht ausreichend mitgedacht werden. Minuchins eigener Entstehungskontext verweist gerade darauf, dass Familien nicht unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen verstanden werden können.

Der bleibende Wert von Minuchins Werk liegt daher vermutlich nicht in der Übernahme eines festen Idealbilds von Familie, sondern in der Aufforderung, Beziehungen als konkret organisierte, veränderbare Praxis wahrzunehmen. Seine Begriffe von Subsystemen, Grenzen, Koalitionen, Nähe und Distanz können weiterhin nützlich sein, wenn sie als vorläufige Beobachtungsangebote verwendet werden und nicht als objektive Diagnose einer „richtigen“ Familienstruktur.

Minuchin sollte deshalb als Wegbereiter gewürdigt werden. Er hat wesentlich dazu beigetragen, die einzelne symptomtragende Person aus der isolierenden Perspektive individueller Defizite herauszulösen. Er hat gezeigt, dass therapeutische Veränderung auch über die Umgestaltung von Interaktionen, Zuständigkeiten und Beteiligungsformen geschehen kann. Und er hat die therapeutische Person nicht als neutrale Beobachterin, sondern als Beteiligte begriffen, deren Interventionen die beobachtete Wirklichkeit mit hervorbrachten.

Eine heutige Lektüre von Minuchin kann deshalb doppelt produktiv sein. Sie kann an die Kraft seiner konkreten, handlungsorientierten Familienarbeit erinnern und zugleich dazu auffordern, die normativen, kulturellen und machtbezogenen Voraussetzungen jeder therapeutischen Beobachtung offenzulegen. So erscheint sein Werk nicht als Modell, das unverändert fortgeführt werden kann, sondern als historisch einflussreiche und weiterhin diskussionswürdige Grundlage systemischen Denkens.

5 Kommentare

  1. Ich hatte das Glück und das Privileg, bei Amy Begel – einer New Yorker Therapeutin, die bei Salvador Minuchin gelernt und viele Jahre mit ihm zusammengearbeitet hat – sowie bei David Keith, der eng mit Carl Whitaker verbunden war, ein Stück therapeutisches Handwerk in der Arbeit mit Familien als Systemen lernen zu dürfen.

    Ich stimme ganz und gar zu, dass die Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen nicht nur von historischem Interesse ist. Sie bilden vielmehr wesentliche Grundlagen dessen, was wir heute als systemisches Denken und Arbeiten verstehen, auch im deutschsprachigen Raum.

    Ein Satz, der mir dabei besonders geblieben ist und bis heute etwas wie ein Leitbild für meine therapeutische Arbeit darstellt, lautet: „I don’t believe in individuals. We are all fragments of a family.“

    Und als kleine „Werbeeinschaltung“: 2028 lädt die ÖAS Wien Amy Begel zu einem Workshop ein. Im Mittelpunkt werden die Arbeit mit Mehrpersonensettings und komplexen Familiensystemen sowie die spannende Frage stehen, ob Psychotherapie auch eine konterkulturelle Praxis sein kann.
    Grüße aus Wien,
    Raluca Lechner

  2. Danke für diesen Artikel über Minuchin. Mir ging dabei durch den Kopf: Heute wird gerne in der systemische Therapieausbildung die Arbeit mit Mehrpersonensystemen eingefordert. Doch, wie sollen die jungen Kolleg:innen mit dem MPS klarkommen, wenn die Perspektiven der Pioniere der Familientherapie nicht mehr bekannt sind und kaum noch gelehrt werden, wenn also Wissen und praktische Grundlagen für die Arbeit mit mehr Personensystemen allenfalls rudimentär vorhanden sind? Wer arbeitet heute tatsächlich noch über längere Zeit mit ganzen Familiensystemen?

    • Dirk Schumann sagt:

      Zumindest im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, soweit sie im Familienhilfe-Kontext (§31 SGB VIII) stattfindet, besteht in der Regel die Möglichkeit über einen längeren Zeitraum mit dem gesamten Familiensystem zu arbeiten.
      Inwieweit diese Möglichkeit auch jenseits dieses Arbeitsfeldes besteht, vermag ich nicht zu sagen. Die auf das Einzelsetting geworfene Therapeut*in könnte da schnell – bei allem Bemühen um Änderung – an Grenzen stoßen, befürchte ich.

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