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Diagnoseninflation

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Unter dem Titel „Faktoren der Diagnoseninflation“ legt Holger Richter einen ebenso kritischen wie lesenswerten Beitrag zur gegenwärtigen Ausweitung psychiatrischer Diagnosen vor. Er knüpft an den Befund an, dass die psychotherapeutische und psychiatrische Versorgung noch nie so dicht, zugänglich und entstigmatisiert gewesen ist wie heute – und gleichzeitig diagnostische Codierungen noch nie so stark angestiegen sind. In Deutschland erhielten 2023 nach den von Richter angeführten Daten 40,4 Prozent der gesetzlich versicherten Erwachsenen mindestens eine F-Diagnose aus der ICD; um das Jahr 2000 lag der entsprechende Anteil bei ungefähr 20 Prozent. Zugleich hat sich die Zahl niedergelassener Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erheblich erhöht.

Richter warnt allerdings davor, aus solchen Zahlen direkt auf eine entsprechend dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen zu schließen. Diagnosen als „Verwaltungsdaten“ sind zunächst einmal die Basis für Abrechnungen im Kassensystem und daher für jede Psychotherapie erforderlich, unabhängig davon, was mit ihnen eigentlich über die Inzidenz von psychischen und psychiatrischen Problemlagen ausgesagt werden soll. Seine Analyse differenziert daher zwei verschiedene „Schichten“: eine erste Schicht schwerer, häufig langandauernder und epidemiologisch relativ stabiler Erkrankungen – etwa Schizophrenien oder schwere bipolare Störungen –, eine zweite Schicht von Diagnosen, die stärker mit Alltagserleben, Selbstdeutung, sozialer Sichtbarkeit und institutionellen Zugängen verbunden seien. Zu ihnen rechnet er unter anderem Depression, Angst, ADHS, Autismus-Spektrum-Diagnosen, Traumafolgestörungen und weitere unspezifischere Kategorien.

Diese zweite Schicht wird von Richter nicht als „unecht“ abgetan. Ihn interessiert aber, warum gerade sie so stark anwächst und öffentliche Aufmerksamkeit bindet. Diagnosen seien heute weit mehr als klinische Beschreibungen: Sie böten Deutungen für biografische Brüche, entlasteten von Schuld, ermöglichten Zugehörigkeit und können zu einem Baustein persönlicher Identität werden. In einer Gesellschaft, in der traditionelle Zugehörigkeiten – Familie, Beruf, Religion, Herkunft oder soziale Klasse – an Selbstverständlichkeit verlieren, gewinne die Frage nach einer individuellen, erzählbaren Identität zusätzliches Gewicht.

Richter verknüpft die Zunahme bestimmter Diagnosen mit einer „feminisierten Affekt- und Therapiekultur“, der er ein Programm der „Rehabilitierung von Normalität“ gegenüberstellen möchte. Während erstere eine Tendenz aufweise, Gefühle von Verletzlichkeit, Kränkung und Überforderung besonders stark zu verbalisieren, zu validieren und gegebenenfalls diagnostisch zu rahmen, will er nicht jede Belastung als Ausdruck einer behandlungsbedürftigen Störung verstehen. Seine Kritik richtet sich damit gegen eine aus seiner Sicht affirmative therapeutische Haltung, in der Bestätigung und Schutz vor Zumutung leicht wichtiger werden können als Konfrontation, Frustrationstoleranz und die Frage nach eigenen Handlungsmöglichkeiten.

Das Programm der Normalität bedeutet bei Richter nicht, Leiden klein zu reden. Es setzt dabei allerdings auf die Unterscheidung zwischen klinisch relevantem, behandlungsbedürftigem Leiden und den schmerzhaften, aber zum Leben gehörenden Erfahrungen von Trauer, Angst, Einsamkeit, Scheitern, Kränkung und Tod. Wo die „feminisierte“ Kultur nach seiner Darstellung dazu neigt, subjektive Verletzung in eine diagnostische und identitätsstiftende Sprache zu übersetzen, soll die Rehabilitation der Normalität Menschen ermöglichen, Krisen auch in nichtmedizinischen Begriffen zu verstehen und zu bewältigen.

Dazu gehören für Richter die Förderung sozialer Beziehungen, sinnvolle Aufgaben, Schlaf, Bewegung, Kultur, Natur, Nachbarschaft und Gemeinschaft ebenso wie die Erfahrung, Schwierigkeiten ohne psychiatrisches Etikett überstehen zu können. Psychotherapie behielte in diesem Modell einen wichtigen, aber begrenzten Ort: Sie soll schwere seelische Probleme behandeln, nicht zur allgemeinen Instanz für jede Form existenzieller Verunsicherung werden.

Auch wenn Psychotherapie heutzutage immer mehr von weiblichen Professionsangehörigen ausgeübt wird, zielt Richters Begriff nicht primär auf das Geschlecht von Behandelnden oder Patientinnen und Patienten, sondern auf eine aus seiner Sicht zunehmend dominante Kultur emotionaler Selbstbeobachtung, Verletzlichkeit, Fürsorge und Validierung. Gefühle, Kränkungen und subjektive Belastungserfahrungen erhielten darin einen zu hohen Stellenwert. Zugleich werde es schwieriger, zwischen ernst zu nehmendem Leiden und den unvermeidlichen Zumutungen, Enttäuschungen und Konflikten des Alltags zu unterscheiden.

Kritisch sieht Richter insbesondere eine therapeutische Haltung, die das Erleben von Betroffenen vorrangig bestätige und damit möglicherweise auch diagnostische Selbstdeutungen stabilisiere und Probleme verstärke statt aufzulösen. Wo Validierung zur dominanten Antwort werde, könnten Konfrontation, die Frage nach eigenen Handlungsspielräumen, Frustrationstoleranz und die Ermutigung zur Veränderung in den Hintergrund treten. Richter versteht dies nicht als Plädoyer für Härte oder für die Abwertung psychischer Belastungen. Seine – bewusst zugespitzte – Frage lautet vielmehr, ob eine Kultur, die Verletzlichkeit besonders stark anerkennt, unbeabsichtigt dazu beitragen kann, normale Krisenerfahrungen schneller als behandlungsbedürftige Störung zu rahmen und daraus dauerhafte Identitäten zu formen.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Richter den sozialen Medien. Plattformen eröffnen Räume für Austausch, Aufklärung und Gemeinschaft, verstärken aber auch knappe, emotionalisierte und identitätsstarke Symptomdarstellungen. Wer unter Hashtags wie #ADHD, #autism, #trauma oder #neurodivergent nach Orientierung suche, finde schnell Wiedererkennung und bestätigende Deutungsangebote. Richter beschreibt dies als möglichen Kreislauf aus Selbstbeobachtung, digitaler Resonanz, Diagnosewunsch und professioneller Bestätigung. Psychiatrische Kategorien beschreiben eben nicht nur Menschen, sondern prägen durch ihre Verwendung auch deren Selbstverständnisse und Verhaltensweisen mit.

Ein weiterer Argumentationsstrang betrifft die Ausweitung psychologischer Begriffe. Mit Nick Haslams Konzept des „Concept Creep“ beschreibt Richter, wie Kategorien wie Trauma, Mobbing oder Missbrauch im Laufe der Zeit auf mildere und immer vielfältigere Erfahrungen angewandt werden können. Das könne zweifellos zur Wahrnehmung bislang übersehener Belastungen beitragen. Gleichzeitig stelle sich die Frage, wann hilfreiche Sensibilisierung in eine Pathologisierung normaler, wenn auch schmerzhafter Lebenskrisen übergeht. Besonders kritisch sieht er breit gefasste Diagnosen, die Behandlung, Krankschreibung oder administrative Unterstützung ermöglichen, aber wenig über Hintergründe, Verlauf und tatsächlichen Hilfebedarf aussagen.

Richter richtet seinen Blick auch auf die Logik des Versorgungssystems. Wo eine gesicherte Diagnose Voraussetzung für Therapie und Abrechnung ist, wird sie zur Eintrittskarte in das Hilfesystem. Das kann einen strukturellen Druck erzeugen, auch für Beratungsbedarf, Trennungskrisen, Überforderung, Trauer oder Orientierungsprobleme psychiatrische Kategorien zu vergeben. Richter schlägt deshalb vor, Unterstützung stärker von einer formalen Krankheitsdiagnose zu entkoppeln.

Seine Schlussfolgerungen laufen auf ein Plädoyer für „diagnostische Bescheidenheit“ hinaus. Eine Diagnose solle als vorläufige Arbeitshypothese gelten und keine dauerhaften Identitäten schaffen. Vorrang haben sollten Dauer, Schwere und konkrete Einschränkungen der Alltagsbewältigung. Für subklinische Belastungen fordert er leichter zugängliche Beratungs- und Unterstützungsformen ohne Pathologisierungsdruck; zugleich solle die Versorgung Menschen mit schweren Depressionen, Suizidalität, Psychosen, Sucht, Wohnungslosigkeit und chronischen Erkrankungen konsequenter priorisieren.

Der Text stellt damit eine Frage, die über diagnostische Manuale weit hinausreicht: Wie lässt sich psychisches Leiden ernst nehmen, ohne jede Krisenerfahrung in eine Krankheit zu übersetzen? Richters Beitrag fordert dazu heraus, über die Funktionen psychiatrischer Diagnosen, über die Organisation von Hilfe und über das Verhältnis von Verletzlichkeit, Normalität und gesellschaftlicher Anerkennung nachzudenken.

Der vollständige Text ist hier zu lesen…

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