Matthias Lauterbach, Hannover: Lebens- und Sinnkrisen für ihre Reifung nutzen
In einem meiner Seminare über Gesundheit, Achtsamkeit und Lebensbalance war eine junge Frau, Mitte 30, die mich sehr berührt hat. Sie befindet sich in einem höchst anspruchsvollen Prozess der Übernahme eines erfolgreichen mittelständischen Familienunternehmens und versorgt zusammen mit ihrem Mann zudem ihre beiden Kinder. Sie und eines der Kinder leidet unter einer Erberkrankung, die zu einer besonderen Lebensform, auch bezüglich der Ernährung führt. Beide Kinder sind hochbegabt und brauchen zusätzlich viele Aufmerksamkeit, um sie durch das enge deutsche Schulsystem zu manövrieren.
Die Begegnung mit dieser Frau hat mich nicht nur deshalb bewegt, weil sie ihr Lebens auch dadurch balanciert, dass sie mit einer fast ungeteilten Präsenz jeweils dort ist, wo sie ist und (nur) das macht, was sie gerade in der jeweiligen Situation macht. Sie hat zudem die bemerkenswerte Fähigkeit, in ihrem an Herausforderungen und „Schicksalsschlägen“ reichen Leben ihre jeweiligen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und all ihre Energie darauf zu verwenden, sie zu nutzen – und daran Freude zu empfinden und zu wachsen.

Matthias Lauterbach
Wir sind Menschen mit einer gut eingeübten und verankerten systemischen Haltung, mit detailreichem Wissen über den Umgang mit Komplexität, mit vielen Geschenken aus der Resilienzforschung, mit Erfahrungen, die wir auf den Übungswegen der Achtsamkeit erwerben können – um nur einige Beispiele zu nennen. Wir haben das Privileg, diesen bunten Strauß zu bekommen und dankbar annehmen zu dürfen. Und wir haben als Vorbilder Therapeuten wie Milton Erickson oder Victor Frankl, die uns vorgelebt haben, welche kraftvollen und heilsamen Wege sich durch die energetische Ausrichtung auf die eigenen, begrenzten Gestaltungsoptionen öffnen.
Ich habe 2017 als ein Jahr erlebt, das viele Menschen (wie in einem Spiegel der globalen Zuspitzungen) in Grenzbereiche ihres Lebens geführt hat – z.T. mit großen Entwicklungssprüngen. Mir tut es gut, nach Leuchttürmen Ausschau zu halten, also nach Menschen (Gruppen und Organisationen), die Lebens- und Sinnkrisen für ihre Reifung nutzen und annehmen können. Die beschriebene Frau konnte sich selbst diesen Weg auf der Basis ihrer Lebenswerte und ihrem „Willen zum Sinn“ (V. Frankl) für sich, ihre Familie und ihr Unternehmen öffnen.
Viele suchen und finden für solche vielschichtigen Prozesse eine Begleitung und stoßen dann – hoffentlich – auf Menschen, die sich mit einer systemischen Haltung engagieren. Wir brauchen das in diesen Umbruchzeiten mehr denn je.
Konrad Peter Grossmann, Gallneukirchen (A)

Die Systemische Gesellschaft vergibt 2018 zum dritten Mal einen Praxispreis. Mit dem Praxispreis leistet die Systemische Gesellschaft einen Beitrag, den systemischen Ansatz interdisziplinär weiter zu entwickeln und dieses Anliegen fachöffentlich und gesellschaftspolitisch zu fördern. Aus Anlass des Jubiläums von SG und Carl-Auer-Verlag wird der Praxispreis 2018 und 2019 vom Carl Auer Verlag unterstützt. Ziel des Praxispreises ist es, ein herausragendes oder innovatives Projekt auszuzeichnen, das nachhaltig systemisch angelegt ist. Bei der vorgestellten Arbeit sollte es sich um ein aktuelles und originelles Praxisprojekt oder Praxiskonzept handeln. Auch Weiterbildungsabschlussarbeiten können eingereicht werden. Es kann sich um systemische Praxis in allen möglichen Bereichen handeln: Arbeit, Wohnen, Bauen, Essen, Trinken, Erziehen, Geld, Internationalisierung … Folgende Kriterien werden zur Bewertung herangezogen:




Arist
Heute feiert Kurt Ludewig, einer der wichtigsten Wegbereiter der systemischen Therapie im deutschen Sprachraum, seinen 75. Geburtstag, zu dem systemagazin von Herzen gratuliert. Auch wenn er sich schon seit einiger Zeit in das Privatleben zurückgezogen hat, gehört er doch mit seinen zahlreichen Publikationen nach wie vor zu einem der meistzitierten Autoren des systemischen Feldes. 2012 hielt er auf dem Heidelberger Kongress „Wie kommt Neues in die Welt?” einen Vortrag über das das „Regelwerk der systemischen Therapie“, das er auf die Frage hin untersuchte, inwiefern darin eine Anleitung zur „Verhinderung von Neuem“ enthalten sei. Er schreibt darin: „Die Überschrift dieses Heidelberger Symposiums lautet: ,Wie kommt Neues in die Welt?… systemisch weiter denken’. Im Begleitschreiben zur Einladung stand unter anderem, dass neue, ,revolutionäre Ansätze’ besonders dann gefährdet seien, dogmatisch zu erstarren, wenn sie zum Standard geworden sind. Der Hintergrund dieser Frage war nicht zuletzt die Sorge um die Einschränkungen, die mit der anerkannten Etablierung der Systemischen Therapie einhergehen könnten. Es sollte erkundet werden, wie unser Denken lebendig gehalten und vor dogmatischer Erstarrung bewahrt werden kann. Die vielfältigen Praxisfelder, die durch das ,Blühen systemischer Praxis’ entstanden seien, sollten aufs Neue angeschaut und kritisch hinterfragt werden.“