
Jan V. Wirth
In der Neuen Praxis 6/2014 ist ein Artikel von Jan V. Wirth (Foto: Wikipedia) über die Frage der für Soziale Arbeit bedeutsamen Formen von Hilfsbedürftigkeit erschienen, in dem er für eine Theorie der „Lebensführung unter den Bedingungen der modernen, primär funktional differenzierten Gesellschaft“ plädiert. Im abstract heißt es: „Der Beitrag schließt an die systemtheoretische Bestimmung an, dass Soziale Arbeit als gesellschaftliche Reaktion auf Probleme der Lebensführung in der funktional differenzierten Gesellschaft verstanden werden kann. Davon ausgehend werden zentrale Annahmen einer Systemtheorie der Lebensführung skizziert. Lebensführung wird konkretisiert als sinnhaftes Arrangieren von Inklusions- und Exklusionschancen, wobei im zeitlichen Verlauf des Lebens Inklusion Exklusion vorausgeht. Mit Hilfe des Begriffes Hyperinklusion rücken vier gesellschaftliche Teilsysteme bezüglich der Genese von Hilfsbedürftigkeit in den Fokus: Familie, Erziehung und Bildung, Wirtschaft und das Gesundheitssystem. Der Autor argumentiert anschließend, dass das Schweigen der Systemtheorie Luhmanns zu Fragen der Normativität für eine Theorie der Sozialen Arbeit (im Unterschied zu einer Soziologie der Sozialen Arbeit) nicht hinnehmbar ist. Vor diesem Hintergrund wird aufgezeigt, dass zwischen dem Capability- Approach und einer Systemtheorie der Lebensführung substanzielle Übereinstimmungen bestehen, die es ermöglichen, den Capability-Approach als normativem Horizont einer systemtheoretisch fundierten Theorie der Lebensführung zu beanspruchen.“ Das Manuskript des Textes ist auf der website des Autors zu lesen, und zwar hier…
In einem frühen Text von 1984, der bislang außer auf der Website des Autors nicht veröffentlicht worden ist und der einen Vortrag auf den 20. Hamburger psychiatrisch-medizinischen Gesprächen zur Grundlage hat, setzt sich Kurt Ludewig mit der Problematik des Symptombegriffs in der Diagnostik auseinander und versucht eine Umdeutung: In der Einleitung heißt es: „Die Bedeutung von Verhaltensweisen entsteht bekanntlich in sozialen Kontexten, und zwar je nachdem, wie diese von den Beteiligten wahrgenommen und eingeschätzt werden. Umdeuten heißt hingegen, die kontextuellen Bedingungen, unter denen gedeutet wird, zu verändern. Denn, in einen neuen Kontext eingebettet, wird eine bis dahin geltende Bedeutung zunächst verstört und alsdann von einer anderen abgelöst. In meinem Versuch, den Begriff Symptom umzudeuten, werde ich diesen in einen anderen als den bislang üblichen psychopathologischen Kontext einbetten. Symptome, die immer soziale Deutungen sind, werden mit Blick auf die soziale Interaktion betrachtet und daher in den sozialen Kontext eingebettet, in dem sie entstehen, nämlich in „klinischen“ Beziehungen, d.h. in solchen Beziehungen, in denen diagnostisch und therapeutisch gearbeitet wird.“


In dem Maße, in dem das Wort „systemisch“ immer weitere Verbreitung und Akzeptanz findet, verliert es auch an Aussagekraft. Was ist heute nicht systemisch? Aber wie definiert man den „Wesenskern“ des Systemischen? Und welche Rolle spielt der Rückbezug auf Systemtheorie (in welcher Spielart auch immer)? Zu diesen Fragen hat sich Wolfgang Loth 2010 in einem Aufsatz für die „Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung“ unter dem Titel „Was soll’s? – Eine Annäherung an ,systemisch-plus‘“ Gedanken gemacht. Im abstract heißt es: „Die Prägnanz des Begriffs „systemisch“ vermag zu täuschen. Die Diskussionen um systemisches Störungswissen zeigten das auf. Sowohl ontologistische als auch konstruktivistische Positionen können im Prinzip sinnvoll mit systemischen Perspektiven in Verbindung gebracht werden. Im vorliegenden Beitrag versuche ich daher, die entsprechenden Prämissen zu entwirren. Es lässt sich ein Kern herausfiltern, der systemische Prämissen zusammenfasst und ein weites Feld von Handlungsoptionen eröffnet (das Fokussieren auf Kontexte als notwendiges Bei-Werk von Systemen, sowie auf das Organisieren von Hilfe über das Berücksichtigen von Sinngrenzen als Hort der System-Umwelt-Dynamik). Die jeweilige Auswahl aus diesen Optionen lässt sich aus dem Kern jedoch nicht eindeutig ableiten. Hier wirken andere Orientierungen. Ich bevorzuge daher die Verknüpfung des Begriffs „systemisch“ mit einem „plus“. Das „plus“ stände dann für die Absicht, wie ich zu einem systemisch angelegten Hilfegeschehen beisteuern möchte. Ich bevorzuge dabei eine ,existenzielle‘ Orientierung.“
Als Dozent und Lehrtherapeut an unterschiedlichen systemischen Instituten bin ich immer wieder überrascht, dass viele Pioniere der Familientherapie und der Systemischen Therapie allmählich in Vergessenheit geraten oder den TeilnehmerInnen der Weiterbildungen gar unbekannt sind. So wissen viele nichts von Ivan Boszormenyi-Nagy, der seit Ende der 70er Jahre häufig in Deutschland zu Gast war und in vielen Workshops und Tagungen sein Konzept der Kontextuellen Therapie vermittelt hat (