Leserinnen und Lesern des systemagazin dürfte die Auseinandersetzung innerhalb der DGSF um eine Rezension hinreichend bekannt sein, die Stefan Beher über das Buch des Soziologen Martin Schröder „Wann sind Frauen wirklich zufrieden?“ in Heft 3/2023 der Zeitschrift Kontext veröffentlichte, auch wenn die Angriffe von Verbandsfunktionären gegen die Rezension der Mitgliedschaft bis heute vorenthalten bleiben. In der Rezension wie im Buch ging es um den Unterschied zwischen der weitgehend durchgesetzten Gleichberechtigung der Geschlechter und einer Gleichstellungstellungspolitik, die von den Autoren kritisch betrachtet wurde, was die maximale Empörung der „Replikanten” auf den Plan rief.
In diesem Beitrag geht Stefan Beher noch einmal inhaltlich auf diese Unterscheidung und die Problematik eines ideologischen Geschlechterdiskurses im systemischen Feld ein. Zur Lektüre eindringlich empfohlen!
Stefan Beher, Hamburg:
Das eigene Weltbild als Maßstab für Andere. Zur selektiven Anerkennung subjektiver Erfahrung im Gleichstellungsdiskurs – und im systemischen Feld
Die Debatte, um die es hier geht, hätte im systemischen Feld längst geführt werden können – wären die entsprechenden Diskursangebote bei Repräsentanten der DGSF nicht konsequent ins Leere gelaufen.
Im Anschluss an meine Rezension eines Buchs von Martin Schröder im KONTEXT, das empirische Befunde zur Zufriedenheit von Frauen mit ihren Lebenssituationen diskutiert, formierte sich ein sich selbst als „Qualitätszirkel“ bezeichnender Zusammenschluss von Kollegen, der den Text nicht in der Sache kritisierte, sondern in seiner Legitimität infrage stellte. Nicht durch Argumente in der Sache, sondern über Etikettierungen der Person: „misogyn“ sei der Autor, „populistisch“, und überhaupt: wertebezogen nicht auf der Höhe. Verbunden war dies mit der Forderung, Beiträge dieser Art künftig nicht mehr zu veröffentlichen. Eine angebotene öffentliche Diskussion über die Inhalte wurde als „Nebelkerze“ zurückgewiesen; ein „Ethikrat“ attestierte daraufhin in einem bis heute unter Verschluss gehaltenen „Gutachten“ nicht etwa dem „Qualitätszirkel“, sondern ausgerechnet dem Rezensenten, der die Diskussion angeboten hatte, mangelnde Gesprächsbereitschaft. Den traurigen Schlusspunkt der „Auseinandersetzung“ bildete eine für den KONTEXT nachgereichte Zweitrezension des Buches aus dem Umfeld des „Qualitätszirkels“, die allerdings bereits daran scheiterte, die zentrale Unterscheidung des Buches von Schröder nur korrekt wiederzugeben.
Viele Einzelheiten dieser Geschehnisse wurden an anderer Stelle berichtet. Entscheidend ist hier nicht ihr Verlauf im Detail, sondern die darin erkennbare Struktur: Unter Berufung auf eine beanspruchte moralische Überlegenheit werden nicht mehr Argumente zur Diskussion gestellt, sondern die Legitimität, sie überhaupt zu formulieren. Kritik zielt nicht mehr auf Widerlegung, sondern auf Demontage. Aktivismus statt Argument, Einordnung statt Evidenz, Disqualifikation statt Diskussion. Noch der Versuch, eine inhaltliche Klärung herbeizuführen, erscheint unter dieser Logik nicht als Beitrag zur Debatte, sondern wird selbst als Ausdruck problematischer Motive interpretiert.
Diese Struktur lässt sich nicht nur im beschriebenen Einzelfall beobachten. Sie ist kein Betriebsunfall eines internen Verbandskonflikts, sondern Ausdruck einer breiteren Dynamik im Gleichstellungsdiskurs, die längst auch das systemische Feld erreicht hat. Martin Schröder – dessen Buch den beschriebenen Sturm erst auslöste – hat diese Dynamik, bezogen auf den Gleichstellungsdiskurs, gemeinsam mit der Soziologin Katja Rost jüngst in einem SPIEGEL-Beitrag noch einmal auf den Begriff gebracht: Subjektive Zufriedenheit, so ihre These, werde im Gleichstellungsdiskurs genau dann nicht mehr anerkannt, wenn sie nicht den politisch präferierten Mustern entspricht. Sie trifft den Kern dessen, was sich auch im hier geschilderten Vorgang zeigt. Anlass genug, die Debatte, die von der DGSF und ihren Wortführern verweigert wurde, nun in der Sache noch einmal aufzunehmen.
Was Schröder beschreibt – und warum es überzeugt
Schröder zeigt auf breiter Datenbasis: Frauen sind mit ihren Lebensverhältnissen im Durchschnitt ebenso zufrieden wie Männer. In weiten „progressiven“ Kreisen gilt dieser Befund jedoch nicht als Erkenntnis, sondern als Problem. Er richtet den Blick auf eine verbreitete Annahme des Gleichstellungsdiskurses: Unterschiede in Lebensentscheidungen zwischen Männern und Frauen seien primär Ausdruck „struktureller Diskriminierung“. Wer Teilzeit arbeitet, familiäre Verantwortung priorisiert oder auf eine Führungsposition verzichtet, erscheint nicht als frei entscheidendes Subjekt, sondern als Opfer einer Prägung, die es selbst nicht durchschaut.
Diese Annahme ist nicht falsch. Der Hinweis auf soziale Prägung gehört zu den zentralen Einsichten moderner Sozialwissenschaft. Präferenzen sind immer auch eingebettet in soziale Erwartungen, institutionelle Rahmenbedingungen, kulturelle Leitbilder. Soziologische Analysen machen solche Prägungen sichtbar. Im Alltag werden sie leicht übersehen.
Problematisch wird diese Perspektive jedoch dort, wo sie ihren eigenen Geltungsbereich überschreitet; wo sie selektiv angewendet und gegen die Deutungen der Betroffenen selbst in Stellung gebracht wird. Denn in dem Moment, in dem jede Abweichung von einem normativen Ideal primär als Ausdruck von Prägung interpretiert wird, verändert sich der Status subjektiver Erfahrung. Was Menschen über ihr eigenes Leben sagen, gilt dann nicht mehr als primärer Bezugspunkt, sondern als erklärungsbedürftiges Phänomen. Zufriedenheit ist damit kein Befund mehr. Sie wird zu einem Symptom.
Das geht einher mit einer eigentümlichen Asymmetrie: Wer die zu Grunde liegende Theorie bestätigt, sich also etwa selbst als Opfer „struktureller Diskriminierung“ versteht, gilt als Beleg für die eigene These. Wer widerspricht, etwa mit Bezug auf Zufriedenheit über das eigene Leben, gilt ebenfalls als Beleg – nur eben für mangelnde Einsicht. So entsteht eine bequeme Zweiklassengesellschaft der Präferenzen – mit dem eigenen Weltbild als unhinterfragbarem Maßstab. Das führt auf einen geschlossenen Deutungsrahmen, der keine Revision mehr zulässt. Gegenbeispiele widerlegen die Theorie nicht mehr. Sie stabilisieren sie.
Gleichberechtigung und Gleichstellung – eine folgenreiche Unterscheidung
Zentral ist bei Schröder auch im aktuellen Beitrag die Unterscheidung zwischen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Gleichberechtigung bezeichnet die Sicherung gleicher Rechte und Möglichkeiten. Sie zielt auf den Abbau struktureller Barrieren, um individuelle Entscheidungen weitestgehend zu ermöglichen. Gleichstellung hingegen orientiert sich an gleichen Ergebnissen. Im Gleichstellungsdiskurs gelten ungleiche Verteilungen – etwa in Führungspositionen, Arbeitszeiten oder Einkommen – typischerweise bereits als hinreichender Beleg für „strukturelle Diskriminierung“, unabhängig davon, ob sie auf anderen Faktoren, etwa legitimen Präferenzunterschieden, beruhen könnten. Unterschiede in Berufswahl, Arbeitszeit oder Lebensentwürfen erscheinen ihr nicht mehr nur als mögliche Resultate freier Entscheidungen, sondern als prinzipiell problematische Abweichungen. Nicht mehr die Offenheit von Optionen steht in ihrem Zentrum, sondern die Erwartung bestimmter Verteilungen – etwa durch die bekannten Forderungen nach „Parität“.
Damit entsteht mindestens implizit ein externer Maßstab für gelingende Lebensführung. Entscheidungen, die von diesem Maßstab abweichen, geraten unter Rechtfertigungsdruck – und werden bevorzugt durch Rückgriff auf soziale Prägungen erklärt. Ein ursprünglich aufklärerisches Instrument – der Hinweis auf verdeckte Strukturwirkungen – kippt so in eine Form epistemischer Entmündigung.
Ein blinder Fleck der Erkenntnis: Die externe Festschreibung von Relevanz
Soziale Prägungen zu leugnen wäre naiv. Sie als alleinige Erklärung für Präferenzen zu akzeptieren jedoch ebenso.
Präferenzen entstehen nie monokausal. Neben sozialen Einflüssen spielen weitere Faktoren eine Rolle, darunter solche, die biologisch bedingt sind – ein Umstand, der im Gleichstellungsdiskurs häufig ausgeblendet wird, obwohl solche Einflüsse empirisch relevant und in der Forschung breit diskutiert sind. Diese Faktoren lassen sich nicht sinnvoll isolieren oder additiv verrechnen. Sie interagieren in komplexen Rückkopplungen, deren Zusammenspiel wir nur in Ansätzen verstehen. Wer dennoch eine Dimension zur allein entscheidenden erklärt oder Präferenzlagen pauschal als defizitär oder fremdbestimmt wertet, verlässt den Boden empirischer Analyse. Solche Gewichtungen folgen nicht aus den Daten, sondern aus den Prämissen des Beobachters.
Manche Frau, die sich familiären Bindungen den höchsten Stellenwert eingeräumt hat, mag auf ein nachvollziehbar erfüllteres Leben zurückblicken als mancher Kollege, der seine ebenso begrenzte Zeit konsequent der Karriere gewidmet hat – und dessen Therapiestunden nicht zuletzt davon handeln.
Bereits in der Frage, welche Faktoren man überhaupt betrachtet (und welche nicht), um eine solche Bewertung zu begründen, liegt eine unhintergehbare Kontingenz. Und nicht einmal die Gewichtung dieser – wie auch immer ausgewählten – Faktoren lässt sich seriös eindeutig bestimmen. Aussagen darüber, welcher Einfluss „entscheidend“ sei oder welche Dimension relevant, geraten damit zwangsläufig in den Bereich theoretischer und weltanschaulicher Zuschreibungen, die mehr über die Vorannahmen der Beobachter aussagen als über die beobachteten Phänomene selbst. Je nachdem, welche Perspektive man einnimmt, erscheinen dieselben Entscheidungen als Ausdruck von Freiheit, Anpassung, Rationalität oder Verblendung. Wo aber die Gewichtung von Ursachen nicht mehr aus den Daten hervorgeht, sondern aus den Prämissen, verliert die Erklärung jede überprüfbare Grundlage.
Selbstimmunisierung für Fortgeschrittene: Sozial geprägt sind nur die anderen!
Ein weiteres Problem kommt hinzu: das der selektiven Anwendung des Arguments sozialer Prägung. Diese wird von Befürwortern der Gleichstellung, oft genug auch im systemischen Feld, ausschließlich auf jene Präferenzen angewendet, die vom Gleichstellungsdiskurs als problematisch markiert werden (Teilzeit, Care-Orientierung, nicht-lineare Karrieren).
Wenn Präferenzen aber sozial geprägt sind, dann gilt das nicht nur für diejenigen Präferenzen, die schlecht ins eigene Weltbild passen, sondern für alle Präferenzen. Das bedeutet nicht, allen Prägungen gleiche Wirkmacht zuzuschreiben. Auch Machtasymmetrien können Entscheidungen erheblich beeinflussen. Entscheidend ist jedoch, solche Asymmetrien nicht einfach vorauszusetzen oder mechanistisch zu konzipieren, sondern sorgfältig im Einzelfall zu prüfen. Wo sie zur unhinterfragten Prämisse werden, verlieren sie ihren analytischen Status und werden selbst Teil eines normativen Deutungsrahmens, im Extremfall zum verfestigten Stereotyp.
Der Wunsch nach Karriere, eine Orientierung an Status und Einkommen oder die Präferenz für symmetrische Arbeitsteilung, nicht zuletzt für die normativen Ideale des Gleichstellungsdiskurses sind eben keine „selbstverständlichen“ oder offensichtlich überlegenen, sondern ebenso sozial geprägte Präferenzen. Präferenzen zumal, die in akademisch-systemischen Milieus heute oft genug viel wirkmächtiger erscheinen als die klassischen Rollenbilder, die sie kritisieren. Schon die vorsichtige Infragestellung der „progressiven“ Annahmen des Gleichstellungsdiskurses kann heute gerade in sich „systemisch“ oder gar konstruktivistisch verstehenden Kontexten zu deutlicher sozialer Sanktionierung führen, bis hin zu Jobverlust und Exklusion. Aber auch die Forderung nach Gleichstellung ist kein neutraler Referenzpunkt, sondern selbst ein Produkt sozialer, kultureller und institutioneller Prägungen.
Die Gleichstellungsdebatte wird dagegen häufig so geführt, als gäbe es zwei Klassen von Präferenzen: „authentische“ (die den eigenen, normativen Idealen entsprechen) und „geprägte“ (die davon abweichen). Diese Unterscheidung hält jedoch keiner ernsthaften Analyse stand, gerade wenn man dem Theorem der sozialen Prägung folgt. Es gibt keinen theoretisch haltbaren Grund, warum ausgerechnet jene Präferenzen, die politisch oder kulturell aufgewertet werden, weniger erklärungsbedürftig sein sollten als andere – schon gar nicht, wenn deren Befolgung in einer so rigorosen Weise medial und feldspezifisch eingefordert wird wie in diesem Fall.
Warum sollte es „freier“, „progressiver“ oder nur „klüger“ sein, eine Führungsposition anzustreben als sie abzulehnen? Ein maximales Einkommen zu priorisieren statt Zeit oder Sinn? Ein Studium mit hohem Marktwert zu wählen statt eines mit intrinsischem Interesse? Im letzteren Fall müsste man auch sämtlichen Akteuren des systemischen Feldes eine problematische Berufswahl unterstellen. Dass jemand Ökonomie studiert, um später „Bilanzen zu optimieren“, ist allerdings nicht weniger erklärungsbedürftig als die Entscheidung für ein schlechter bezahltes, aber subjektiv sinnvolleres Tätigkeitsfeld. Nimmt man das Argument der sozialen Prägung ernst, gibt es keine privilegierte Perspektive jenseits sozialer Prägung mehr. Nimmt man die Präferenzen von Frauen ernst, muss man zumindest zur Kenntnis nehmen, dass diese empirisch sehr weitgehend nicht im Einklang stehen mit den progressiven Idealen und sich – siehe das sog. Gender-Equality-Paradox – in einer Welt realisierter Gleichstellung eher noch weiter davon entfernen.
„Aufklärung“ als Herrschaftsanspruch
Gerade angesichts der Komplexität fällt der Befund am Ende eher schlicht aus: Menschen treffen ihre Entscheidungen nicht unabhängig von sozialen Strukturen – aber es gibt keinen externen Standpunkt, von dem aus sich diese Entscheidungen abschließend bewerten ließen. Hinweise auf mögliche Konsequenzen, Risiken oder typische Verläufe, auch entsprechende Diskussionen mit Personen, denen man glaubt, damit helfen zu können, bleiben sinnvoll; möglicherweise sogar geboten. Sie begründen jedoch keine epistemische oder moralische Vorrangstellung gegenüber den Deutungen der Betroffenen selbst.
Am Ende reproduziert der Gleichstellungsdiskurs damit genau die Struktur, die er zu kritisieren vorgibt. Gerade in seinem Anspruch auf Aufklärung werden Präferenzen als „geprägt“ entwertet, wenn sie nicht ins normative Raster passen – und als „authentisch“ verteidigt, ohne die eigene normative Setzung zu reflektieren. Der Maßstab, der über die „wahren“ Präferenzen entscheiden soll, sind die Präferenzen jener Akteure, die ihre Position als epistemisch privilegiert behandeln. Die eigene normative Position fungiert dabei implizit als Referenzpunkt, der nicht mehr selbst zur Disposition steht. Auch systemische Leitlinien wie individuelle Autonomie und die Expertenschaft über das eigene Leben gelten dann nur so weit, wie sie sich dem normativen Gleichstellungsanspruch fügen.
Die Ironie ist bitter: Ein Diskurs, der Emanzipation im Munde führt, praktiziert Paternalismus, indem er subjektive Präferenzen pathologisiert. Ein Paradigma, das Kontingenz und Perspektivität predigt, beansprucht plötzlich epistemische und moralische Exklusivität. Und ausgerechnet im systemischen Feld, das Vielfalt und Autonomie des Klienten hochhält, wird Dissens zur Gefahr, die es zu vermeiden gilt. An die Stelle von Kritik an Machtverhältnissen tritt eine neue, teilweise ihrerseits durchaus machtvolle Form normativer Setzung.
Dieser Modus bleibt längst nicht auf den Gleichstellungsdiskurs beschränkt. Er prägt zunehmend auch das systemische Feld im Ganzen. Unter dem Banner des Konstruktivismus wird betont, dass Wirklichkeit stets konstruiert ist. Zugleich wird daraus nicht selten die Überzeugung einer besonderen Autorität für die eigenen Konstruktionen abgeleitet.
Das führt auf das Problem einer Selbstgerechtigkeit, die nicht mehr als Beitrag zur offenen Analyse, sondern nur noch als Anspruch auf Normativität verstanden werden kann. Die Forderung nach „Transformation“ gesellschaftlicher Verhältnisse tritt dort an die Stelle der Aufgabe, sie zunächst einmal angemessen zu beschreiben und zu verstehen. Was als Sensibilisierung beginnt, endet nicht selten in der Festlegung dessen, was als legitime Wahrnehmung überhaupt noch gelten darf.
Vor dem Hintergrund systemtheoretischer und konstruktivistischer Prämissen ist das ein bemerkenswerter Befund. Ein Paradigma, das die Kontingenz von Beobachtungen betont und die Unhintergehbarkeit von Perspektivität herausstellt, wird hier in sein Gegenteil verkehrt: in die Beanspruchung einer epistemisch wie moralisch ausgezeichneten Position. Ausgerechnet dort, wo die Grenzen von Gewissheit reflektiert werden müssten, entsteht ein neuer Gewissheitsanspruch.
Das ist kein Fortschritt kritischer Reflexion, wie dann häufig behauptet wird, sondern ihr Abbruch. Und es ist – um den Befund von Martin Schröder aufzugreifen – weniger Ausdruck von Emanzipation als von einer illiberalen, autoritären Haltung, die Dissens nicht mehr als notwendige Bedingung von Erkenntnis begreift, sondern als Abweichung, die delegitimiert und zum Verschwinden gebracht werden soll.
Ich beobachte kritisch, dass der Ruf nach ‚systemischer Gelassenheit‘ oft ein Privileg der Nicht-Betroffenen ist. Während die Mehrheitsgesellschaft zur Mäßigung mahnt, geht es für Betroffene um die existenzielle Realität, nicht um eine theoretische Debatte. Systemisches Denken darf hier nicht in ethische Beliebigkeit abgleiten oder die ‚Hardware der Macht‘ ignorieren, die sich nicht allein weg-kommunizieren lässt. Hierbei müssen wir klar trennen: Während Psychotherapie im Behandlungsraum politisch neutral bleibt, ist die Ausübung unseres Berufs in der Gesellschaft immer auch ein soziopolitisches Statement.
Zum Disput eine kleine Geschichte: Eine grosse Supportorganisation für Menschen mit Behinderung (Wohnen, Arbeit, Integration) lädt zum zweitägigen Wohn-Workshop. Mit mir wartet an einer kleinen Haltestelle eine junge Frau auf den Bus zum Veranstaltungsort. «Guten Morgen, haben wir vielleicht das gleiche Ziel?», frag’ ich. «Ja ich Sabine. Will nicht mehr allein wohnen», sagt sie. In diesen zwei Tagen kreuzen sich unsere Wege oft. In den Workshop-Sequenzen werden wir immer neu gemischt. Sabine deponiert ihr Botschaft immer gleich am Anfang: «Will nicht mehr allein wohnen», was geflissentlich überhört wird. Am zweiten Tag sitze ich beim Lunch in einer Betreuergruppe. Thema: Sabines Betreuung müsse verstärkt werden, weil sie nicht mehr allein wohnen wolle. Ich bin perplex und interveniere. Leute, habt Ihr zugehört? Sie hat keine Lust mehr, allein zu wohnen, sie will nicht verstärkt betreut werden. Eine Betreuerin erläutert mir mit Engelsgeduld, dass dies ein Rückschritt in ihren Autonomiebestrebungen wäre. Man habe so viel investiert, dass sie allein wohnen könne, also autonom werde.
Man staunt immer wieder.
Meine Lösung ist nicht Deine Lösung. Helfer oft so pragmatisch und liegen meilenweit von den Betroffenen entfernt.
Ich gehe da vollständig mit. Mir ist die Politisierung der DGSF schon länger ein Dorn im Auge, egal ob Klima, Sozialgesetzgebung oder Genderei. Die wichtige neutrale Haltung wird zugunsten von machtvollen Wahrheitsanspruch verlassen.
Die Frage, die ich mir gegebenenfalls stelle, ist eher, wieviel Emanze steckt in mir und wie beeinflusst es den Beratungsprozess.
Gerne können auch Systemiker politisch aktiv sein, aber bitte als Privatperson oder in entsprechenden Verbänden. Die DGSF sollte fachlich bleiben. Und ja, auch Stellungnahmen sind wichtig, aber im Rahmen der originären Expertise bitte.
Daher vielen Dank für den sachlichen und erhellenden Beitrag.