
Heute würde Tom Andersen, der am 15.5.2007 im Alter von 70 Jahren tödlich verunglückt ist, 90 Jahre alt. Eine Gelegenheit, an ihn zu erinnern. Sein Konzept des reflecting Teams inspiriert auch heute noch die klinische Arbeit vieler Therapeuten. Ein Artikel von Anna Sidis und Kollegen von der University of Wollongong in Australien zeigt, wie lebendig sein Denken in der dialogischen Praxis geblieben ist.
Ihr Beitrag „Always opening and never closing“ untersucht, wie dialogisch arbeitende Therapeut:innen das Reflecting Team konzeptualisieren und einsetzen. Grundlage sind zwölf halbstrukturierte, ausführliche Interviews mit Open-Dialogue- und dialogisch orientierten Praktikerinnen und Praktikern aus verschiedenen Professionen und Kontexten, die mittels einer Interpretative Phenomenological Analysis ausgewertet wurden.
Aus der Analyse ergeben sich vier zentrale Themen: „Lived experience as expertise“, „Listening to the self and hearing others“, „Relational responsiveness and fostering connection“ und „Opening space for something new“. Zusammengenommen beschreiben diese Themen eine Praxis, die auf die gemeinsame Erzeugung eines polyphonen, offenen Gesprächsraums abzielt.
Das erste Motiv, „Lived experience as expertise“, beschreibt eine systematische Verschiebung von professioneller Deutungshoheit hin zur Erfahrungsautorität der Betroffenen. Therapeuten bemühen sich bewusst, sich nicht als Experten über das Leben der Klienten zu verstehen, sondern ihre eigenen Beiträge als tentative, widerspruchsoffene Angebote in ein gemeinsames Bedeutungsgewebe einzubringen. Charakteristisch ist etwa, dass Familien „das letzte Wort“ bekommen und deutlich eingeladen werden, den professionellen Stimmen zu widersprechen oder sie umzudeuten.
Das zweite Thema, „Listening to the self and hearing others“, markiert eine spezifische Form von Reflexivität: Therapeuten achten auf ihre eigenen inneren Bilder, Affekte und Körperempfindungen, nicht als private Metaebene, sondern als Material, das vorsichtig in die gemeinsame Reflexion eingebracht wird. Die Autoren deuten dies als relationalen Prozess: Das Wahrnehmen des eigenen inneren Dialogs dient gerade dazu, die Anderen präziser hören und ihnen Resonanz geben zu können.
Der dritte Aspekt, „Relational responsiveness and fostering connection“, betont das „Mit-Sein“ mit Familien als zentrales Wirkprinzip. Beschrieben werden Formen der verkörperten Abstimmung (Synchronisation, „physiologische Resonanz“), in denen emotionales Erleben wahrgenommen, benannt und damit sozial integriert werden kann.
Das vierte Motiv, „Opening space for something new“, fasst die dialogische Haltung unter dem Leitwort „always opening and never closing“ zusammen. Gemeint ist eine Praxis des Nicht-Wissens und der Toleranz von Unsicherheit, die auf Öffnung statt auf abschließende Erklärung zielt und gerade Unterschiedlichkeiten, Zweifel und Widersprüche produktiv macht. Hier geht es darum, wie Therapeuten in ihren Reflexionen bewusst unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Deutungen nebeneinander stellen, um Familien zu ermöglichen, eigene Sichtweisen herauszubilden und problemfixierte, medizinische Erzählungen zu dezentrieren.
Sidis et al. verorten diese Praktiken im Kontext der Prozessforschung zu Familientherapie und psychoseorientierten Interventionen. Sie weisen darauf hin, dass es zwar eine gute Evidenzbasis für familienorientierte Ansätze bei Psychosen und anderen Störungen gibt, aber wenig Wissen darüber, welche konkreten Interaktionsformen zu Veränderungen beitragen. Die hier beschriebenen dialogischen Praktiken – geteilte Expertise, reflexive Selbst- und Fremdwahrnehmung, verkörperte Responsivität und Öffnung für Neues – lassen sich mit bekannten Wirkfaktoren wie therapeutischer Allianz, gemeinsamer Sinnkonstruktion, gesteigerter Reflexions- und Mentalisierungsfähigkeit und einer Verschiebung von medizinischer zu narrativer Rahmung verknüpfen.
Besonders deutlich wird, dass reflektierende Teams nicht als eine spezielle Technik verstanden werden, sondern als eine Weise, therapeutische Gespräche insgesamt als polyphone, reflektierte und relational ausgerichtete Praxis zu gestalten. Die Studie bleibt dabei selbst dialogisch: Statt Konsens zu erzwingen, hebt sie Differenzen und Unsicherheiten in den Stimmen der Praktiker hervor und erschließt diese für ihren Erkenntnisgewinn.
Tom Andersens Experiment, die Familie die Gespräche ihrer Therapeuten mithören und sie anschließend dazu Stellung beziehen zu lassen, stellte das klassische Setting – Experten sprechen über Klienten – radikal auf den Kopf. Der Artikel zeigt, das diese Idee bis heute nachwirkt: in der konsequenten Aufwertung von Erfahrungswissen, der Demokratisierung professioneller Räume und der Bereitschaft, professionelle Gewissheiten in Frage stellen zu lassen.
Die dialogische Nutzung eigener innerer Reaktionen, das „Mit-Sein“ mit Familien in ihrer Verletzlichkeit und die kultivierte Toleranz für Mehrstimmigkeit – all das sind Weiterentwicklungen jener Bewegung, die Andersen aus einer Mischung von Batesons Systemtheorie, Maturanas „Multiversum“ und eigener klinischer Erfahrung heraus begonnen hat. Tom Andersens Idee des Reflecting Team ist nicht museal, sondern bleibt ein offener, „nie schließender“ Diskursraum, der die Praxis der Psychotherapie auch heute noch herausfordert und inspiriert.
Der Artikel ist als Open Access erschienen und kann hier gelesen werden…