2020 ist in der Zeitschrift systeme ein Essay von Wolfgang Loth über Paul Dell und seinen Beitrag zur Entwicklung des systemischen Diskurses in den 1980er Jahren erschienen. Dieser Text ist weit mehr als eine Buchbesprechung. Er rekonstruiert detailliert die Rezeptionsgeschichte von Paul F. Dells 1986 erschienenen Buches „Klinische Erkenntnis” und dessen weitere konzeptuelle Entwicklung.
Das wirft natürlich die Frage auf, was der Gewinn dieser Arbeit für die heutige Zeit sein kann. Loth selbst räumt ein, dass „das Buch […] heutzutage also keine überraschenden inhaltlichen Positionen mehr [bietet]. Im Prinzip. Manche ,alten’ Gedanken können wiederentdeckt werden und wegen ihres Passens für neue Situationen dann doch wieder überraschen. Doch ich halte Dells Buch vor allem deswegen für ein auch heute noch nahrhaftes, weil es die Wege nachvollziehen lässt, die Überraschungen, die sich Dell selbst zugemutet hat, bevor er sie anderen zumutete. Im Kern, weil es nachvollziehen lässt, was ,Beobachten 2. Ordnung’ heißt, wenn sich jemand darauf einlässt“.
Dell hatte, in enger Auseinandersetzung mit Maturana und Bateson, systematisch erarbeitet, dass Regularitäten und Pathologien Konstrukte des Beobachtens sind – nicht Eigenschaften eines objektiv gegebenen Systems. Das dürfte heute in systemischen Curricula Standard sein und auf jedem Arbeitsblatt auftauchen – aber Loth fragt zu Recht, ob das auch bedeutet, dass es wirklich durchdrungen wurde. Oder ob man nur gelernt hat, mit den Begriffen zu jonglieren, ohne sie als Dauerprovokation ernst zu nehmen – und sich damit mit Systemkitsch zufrieden gibt.
Diese Frage ist gegenwärtig drängender denn je. Konzepte aus identitätspolitischen und postkolonialen Theorieangeboten werden zunehmend als moralisch-normative Rahmung in die Praxis systemischer Therapie und Beratung eingespeist. Diese Konzepte operieren jedoch typischerweise mit linear-kausaler Erklärungslogik, die mit dem systemischen Grundverständnis unvereinbar ist. So operiert ein Buch wie „Das hat ja was mit mir zu tun!?“ von Gold, Weinberg & Rohr (2021) mit einem Gesellschaftsbegriff, der Machtstrukturen als substanziell und kausal wirkend behandelt – als ob sie objektiv „da draußen” existierten, unabhängig davon, wer sie mit welchen Unterscheidungen beobachtet. Weißsein erscheint als ontologische Eigenschaft, die Betroffenheit als alleinige Erkenntnisquelle, und Kritik an dieser Rahmung als Ausdruck eben jener Verstrickung, die sie diagnostiziert. Die eigene Beobachterposition wird damit systematisch unsichtbar gemacht – und genau das ist die epistemologische Grundfigur, die Dell als Kernirrtum klinischer Theoriebildung identifiziert hatte: nicht weil soziale Verhältnisse irrelevant wären, sondern weil jede Beschreibung, die vorgibt zu wissen, wie die Welt ist, die eigene Beobachterposition unterschlägt. Wenn aus dem konstruktivistischen Grundsatz, dass Bedeutung sozial konstituiert ist, normative Programme abgeleitet werden, die für sich privilegierte Zugänge zur sozialen Wirklichkeit beanspruchen, wiederholt sich genau jenes Muster, das Dell als Kernproblem bezeichnet hatte: das Verwechseln von Beschreibung und Beschriebenem.
Wolfgang Loths Text empfiehlt sich deshalb als Korrektiv. Er zeigt, was verloren gehen kann, wenn eine Profession ihren erkenntnistheoretischen Boden aus dem Auge verliert. Der Text ist ein „long read“ und mit der bibliografischen Hingabe und Präzision verfasst, die wir vom Autor kennen. Er erfordert auch vom Leser eine Hingabe, die angesichts der gegenwärtigen Vorliebe für schnelle Häppchen nicht überall zu erwarten ist, sich aber hier unbedingt lohnt.

Wolfgang Loth, Niederzissen: Erkenntnis und andere Merkwürdigkeiten – Wo ist Dell geblieben?
Auf den Spuren einer Buchlegende
Lesen in ungewöhnlicher Zeit
Als ob man nicht genug zu tun hätte! Gerade jetzt, wo „Corona“ als Attraktor wütet und kaum ein Stein auf dem anderen stehenzubleiben scheint. Und die Versuche, das zu bremsen, bringen aus dem Stand Ordnungs-Ordnungsübergänge mit sich, dass es ein Fressen wäre für effektive Schmetterlinge. Strunk & Schiepeks Einführung in die Welt der Chaostheorie und der Komplexitätswissenschaften2 könnte da passen, rein theoretisch. Vielleicht ließe einen das die galoppierenden Verhältnisse mit einer fundierten Grammatik studieren und mit ausreichendem Vokabular3. Stattdessen: Back to the roots! Bei einem unserer Telefonate sprach ich mit Jürgen Hargens nicht nur über Corona, sondern auch über unsere Wurzeln und Paul Dell kam mir wieder in den Sinn. Jürgen kannte sie ja alle auch persönlich, diese Cracks der frühen Jahre, aber so richtig wusste er auch nicht, wo Dell abgeblieben war. Wir hatten Dells Buch in der Beratungsstelle gehabt, doch zuhause hatte ich es nicht. Jürgen schickte mir eines seiner letzten Exemplare. Er hatte 1983 die Zeitschrift für systemische Therapie gegründet und 1986 die Buchreihe systemische studien. Beide legendär jetzt, ihr Einfluss auf die Entwicklung systemischen Denkens und Arbeitens im deutschsprachigen Raum war groß gewesen. Und Band 1 der studien-Reihe war eben Dells Buch. Um dieses geht es im Folgenden, doch nicht nur um das Buch an sich. Ein Buch lebt letztlich von seinem Drumherum, von der Geschichte seiner Rezeption, von den Diskussionen, die es auslöst, den Besprechungen, aber auch von den Geschichten über die AutorInnen4. Ich wurde immer neugieriger und wollte es genauer wissen: Was kann mir ein Buch heute noch sagen, das fast 35 Jahre auf dem Buckel hat, das einst Furore machte und dessen Autor bald danach von der Bildfläche verschwand, jedenfalls hier und in den einschlägigen Diskursen? Und was macht Paul Dell heute? Es wurde eine längere Geschichte.
Zum Buch
Paul F. Dell (1986) Klinische Erkenntnis. Zu den Grundlagen systemischer Therapie. verlag modernes lernen, Dortmund (2. durchges. Aufl. 1990), 128 S.
Dells Buch erschien 1986 als erster Band der von Jürgen Hargens gegründeten Reihe systemische studien. Es enthält drei seinerzeit bereits veröffentlichte Texte, sowie vier bis dahin unveröffentlichte Manuskripte. Jürgen Hargens hat sie übersetzt.
Drei Vorworte bereiten den Leseweg, alle drei für sich und in dieser Konstellation ein Paradebeispiel für erkennbare Auseinandersetzung mit Buch und Autor, und insofern eine wertvolle Start-Hilfe. Humberto Maturana nennt das Buch „ernsthaft, kühn, tiefgehend“, es stehe „mit Erfahrung im Einklang“ (S.7). Letzteres klingt zunächst einmal unspektakulär, wenn auch wünschenswert. Dass es eine zentrale Aussage ist, stellt sich später heraus. Sie verweist auf nichts weniger als auf Dells Versuch, ontologische und epistemologische Perspektiven in ein handhabbares Verhältnis zu setzen. Ich komme noch darauf zurück.
Kurt Ludewig unterstreicht den im wahrsten Sinn ungeheuren Eindruck, den Dell 1981 auf der legendären Züricher Tagung gemacht hat, der einige fassungslos machte5. Das Buch sei „gewissermaßen ein Buch über die Therapie der Therapie“ (S.10). Und Jürgen Hargens bringt seine Eindrücke auf den Punkt: „Wir können uns der Notwendigkeit, miteinander zu reden, nicht entziehen“ (S.12). Sowohl für Ludewig als auch für Hargens ist Dell derjenige, über den sie Maturana kennenlernten.
„Auf der Suche nach Wahrheit“
Während die weiteren Kapitel des Buches in der Reihenfolge ihres Entstehens abgedruckt sind, bildet ein Kapitel den Aufmacher, das erst später veröffentlicht worden war. Sein Titel ist eine Herausforderung und ein Hingucker: „Auf der Suche nach Wahrheit: Auf dem Weg zur Klinischen Epistemologie“ (S. 3-24; Orig. 1982 in Family Process). So fing das an – mit der Suche nach „Wahrheit“. In seinem amorphen und doch so verlockenden Gehalt scheint dieser Begriff die ganze Kraft des Anfangs zu verkörpern, drunter tut man es wohl nicht, wenn man die Welt aus den Angeln heben will. Und dennoch ist dieses Kapitel für mich ein herausragendes Beispiel für einen Text, der nachvollziehen lässt, wie jemand zu dem gekommen ist, was er in seiner Schrift behauptet, darstellt und diskutiert. Wir können sozusagen einem Autor über die Schulter schauen, während er sich seinen Weg bahnt über ein bereits vorhandenes weites Feld (Familientherapie, Bateson) und dabei auf Neuland stößt, vermittelt durch Maturana, in dem sich für den Autor Erkenntnisse erschließen, die sein Bild von seiner Arbeit verändern. Und es wird deutlich, dass das manchmal mühsam ist, dass der innere Antrieb dabei auf die Probe gestellt wird, und sowohl das Dranbleiben und Weiterbohren beinhaltet, als auch die Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf neue Wendungen einzulassen, die sich daraus ergeben. Wie ein nachträglicher Seufzer klingt es, wenn Dell wissen lässt: „Es ist für mich schwer, heute nachzuvollziehen, wie qualvoll es damals für mich war, Maturana zu lesen“ (S.19).
Zentrale Begriffe, um die es in diesem Text geht, sind Homöostase, Rückkopplung, strukturelle Koppelung, Strukturdeterminiertheit. Sie sind Leitmotive, an denen sich Dell bis zum letzten Kapitel abarbeitet. Vielleicht hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass es tatsächlich unvertrautes Gelände war, in dem Dell sich da seinerzeit (man kann den Eindruck gewinnen: wie ein Berserker) kundig gemacht hat, jedenfalls im Bereich professionellen Helfens. Die zentrale Idee: dass ein System „als Ganzes“ funktioniert. Was so platt klingt, wird von Erkenntnis zu Erkenntnis diffiziler. Das war schon starker Tobak, dass beobachtete einzelne Wirkmechanismen und Wirkrichtungen eben nur in der Beobachtung als solche hervorgebracht werden: „seine ‚Regelmäßigkeiten‘ sind ‚Bestandteile‘, die wir unterscheiden, die wir beschreiben, die wir interpunktieren. Diese ‚Bestandteile‘ existieren in unserer Beschreibung, aber nicht für das System“ (S.17)6. Was da Dell nach Monaten der Beschäftigung mit Maturanas Arbeiten „plötzlich durch den Kopf schoß“ (ebd.) klingt heute nicht mehr spektakulär. Immerhin sind mittlerweile konstruktivistische Theorien zu Autopoiese, allgemeiner Systemtheorie und Selbstorganisation Bestandteil fast aller Curricula systemischer Provenienz. Dennoch kann es nicht schaden, das erwähnte Zitat noch einmal zu lesen. Ich finde, es ist nach wie vor eine Herausforderung. Wie soll ich mich zurechtfinden, wenn jeder Wink, jeder Wegweiser, jede Orientierungshilfe in der je obwaltenden Dynamik nur ein weiterer Hinweis auf diese Dynamik selbst ist!? Wo kämen wir da hin!? Und wo bliebe unsere Autorität!? Vielleicht macht das den Aufruhr nachvollziehbar, den Dell damals auslöste.
Was damals für Furore sorgte, ist heute längst nivelliert, oder vielleicht eher: man hat gelernt, mit diesen Begriffen zu jonglieren, hat gelernt damit zu leben, findet es womöglich langweilig, von gestern eben. Auch Filme haben heute Schnittfolgen und ein Tempo, das vor 40 Jahren das Publikum noch überfordert hätten. Man hat sich daran gewöhnt. Und doch, ich bin mir fast sicher, was Dell da behauptet, ist auch heute noch nur vordergründig verkraftet. Nehmen wir einen Begriff wie Ordnung durch Fluktuation (vgl. Dell & Goolishian 1981). Gemeint ist „die diskontinuierliche Transformation von Systemen, die, wenn sie in einem Bereich der Stabilität fluktuieren (…), transformieren, weil eine dieser Fluktuationen nicht vorhersagbar verstärkt wird. Diese verstärkte Fluktuation führt das ganze System in eine neue Organisation“ (S.18). Ich vermute, wenn das nicht in die Vitrine systemischen Lamettas verbannt worden wäre, sondern als Dauerprovokation ernst genommen, dann hätten Anerkennungsprozesse einen anderen Verlauf genommen. Dabei geht es wohl noch nicht einmal so sehr um das Diskontinuierliche der Transformation, da gäbe es mittlerweile aus der Forschung zu Synergetik und Selbstorganisation genügend Futter. Es ist das „nicht Vorhersagbare“ der Verstärkung, das beunruhigen könnte.
Und, ja, Dell mutet Publikum und LeserInnen auf seiner Suche nach „Wahrheit“ noch mehr zu. Etwa seine Auseinandersetzung mit ontologischen und epistemologischen Sichtweisen. Und wie er in dieser Hinsicht nicht selten den Hammer schwingt. Ihm sei, schreibt er, erst später, als „ein direktes Ergebnis meiner fortgesetzten Studien der Arbeit Maturanas“ aufgegangen, dass Bateson „dem Problem der Ontologie ausgewichen“ sei (S.20f.; vgl. auch Dell 1984). Genauer: „Batesons Ausdruck ‚epistemologischer Irrtum‘ reflektiert seine ontologische Haltung; epistemologischer Irrtum bezieht sich auf jedes menschliche Verhalten, dem es mißlingt zu erkennen, wie die Welt tatsächlich ist (d.h. daß die Welt ein systemischer Geist ist)“ (S.21). Hier wird es richtig eng, scheint mir. Hat man gerade die Kröte geschluckt, „die Welt“ sei eine mehr oder weniger gelungene Bastelei, geht es nun plötzlich doch (wieder) darum, dass da etwas „ist“, nicht möglicherweise, sondern „tatsächlich“? In seiner Kritik am Buch nimmt Jürgen Kriz (1987) diese das Buch durchziehende Spur kräftig auseinander. Hier werde offenbar ex cathedra über epistemologische Perspektiven gesprochen, ein Widerspruch in sich. Ich komme noch darauf zu sprechen. Hilft es da weiter, wenn Dell selbst bekennt: „Ich habe wiederholt versucht, ontologische Positionen einzunehmen, während ich ausschließlich von ‚Epistemologie‘ sprach“ (S.21)? Fast schon wie Selbstironie klingt sein Aperçu: „wenn du dich zu lange mit Epistemologie herumschlägst, fällst du in die Grube der Ontologie“ (S.24). Wie ich es sehe, löst sich das im letzten Kapitel. Dazu später. Rein praktisch führt diese intellektuelle Spannung zur Unterscheidung von pragmatischen und „ästhetischen“ Therapien. Es sei die Haltung zur Frage der Kontrolle, die beide vor allem unterscheidet (S.22). Ästhetik bezieht sich hier nicht auf den Begriff der Schönheit, sondern auf die motivierende Kraft der Sinneswahrnehmung7.
Transformation und Paradox
Es folgt ein 1980 geschriebener und bis dahin noch nicht veröffentlichten Text: „Transformation familiärer Systeme: Therapie, Epistemologie und Evolution“ (S. 25-33). Der Gedanke nimmt Gestalt an, dass ein System nicht durch externen Input gesteuert wird, sondern „seine eigene ‚Umgebung‘ durch das definiert, auf was es ‚reagiert‘“ (S. 28). Dell unterscheidet hier zwischen „lebenden biologischen Systemen“ und menschlichen sozialen Systemen. Letztere können „ihre grundlegende Organisation ändern und in einer neuen Form weiterbestehen (…). Demgegenüber sterben lebende biologische Systeme, wenn sie ihre grundlegende Organisation ändern“ (S. 29).
1981 erschien der Aufsatz „Paradox redux“ (S.34-45) im Journal of Marital and Family Therapy. Das Motiv der Selbstrückbezüglichkeit rückt ins Zentrum. Das nährt die systemische Gretchenfrage: Eher Außenblick oder teilnehmende Beobachtung? Zugespitzt: Wenn „wir die Rekursivität verleugnen, behaupten wir zugleich, daß wir nicht systematisch Bestandteil der fraglichen Situation sind“ (S. 44). Genau dies jedoch, das (Selbst-)Einbeziehen in die Beobachtung, ist Dells Kernthese. Und auf dieser Grundlage ergibt sich für ihn: „ich erkenne, daß ich gezwungen bin zu handeln, ohne Sicherheit, jemals das Richtige zu tun, wissend, daß jede meiner Handlungen unvorhergesehene rekursive Effekte hat und daß ich dennoch die Verantwortung für die Dinge übernehmen muß, die ich in Bewegung gesetzt habe“ (S. 43). Kurt Ludewig hat das später als „Therapeutendilemma“ zugespitzt: „Handle wirksam, ohne je im Voraus zu wissen, wie, und was dein Handeln auslösen wird“ (2005, S.76). Wenn diese von Dell und Ludewig auf den Punkt gebrachten Gedanken in den Diskussionen und Auseinandersetzungen im Corona-Kontext eine Rolle spielen dürften, dann – so stelle ich mir vor – liefe das vielleicht respektvoller ab, achtsamer und ein gegenseitiges Verständnis wäre womöglich wahrscheinlicher.
„Über Homöostase hinaus – Auf dem Weg zu einem Konzept der Kohärenz“
Das Kapitel „Über Homöostase hinaus – Auf dem Weg zu einem Konzept der Kohärenz“ (S.46-77; Orig. 1982 in Family Process) gehört zu den bekanntesten Texten Dells – und gehört zu denen, bei denen auch die Fußnoten-Anmerkungen nicht überlesen werden sollten. So heißt es in einer dieser Fußnoten: „Die Diskussion über Rückkopplung ist schwierig und nicht immer leicht. Der Fehler liegt nicht beim Leser noch in der Klarheit der Darstellung, sondern im Konzept der Rückkopplung selbst. Zuerst erscheint Rückkopplung wirklich und objektiv. Bei genauerer Betrachtung wird aber erkennbar, daß es sich dabei um einen Taschenspielertrick handelt. Es handelt sich um ein beschreibendes Kunstprodukt, das einem den Kopf verdreht, wenn man es zu ernst nimmt“ (S.76 = Anm. F). Bei allem Eindruck, der immer wieder entstehen kann, Dell argumentiere fordernd und bestimmend, so sind es für mich genau diese Zwischenbemerkungen, die mir verdeutlichen, wie heftig sein eigenes Ringen um Klarheit in seinen Positionen war, sein Ringen um eine plausible Auswahl aus dem immensen Fundus der aufscheinenden Erkenntnisschritte. Das könnte Mut machen – vorausgesetzt man möchte sich nicht der Versuchung ergeben, mit kurzen Schlüssen zu vereinfachen.
Die Unterscheidung „nicht-kausale Stimmigkeit anstelle linearer oder wechselseitiger Verursachung“ tritt auf den Plan (S.48). Das Vertrackte ist, dass auch das Berücksichtigen wechselseitiger Einflüsse nicht davor bewahrt, auf den Verursachungs-Gedanken zu kommen. Und so gerät auch ein damals so weitverbreiteter und fruchtbarer Begriff wie „Homöostase“ ins Visier: „Homöostase ist eine Metapher oder ein Modell, um die Funktionsweise eines Systems zu beschreiben. Homöostase ist nichts Konkretes, sondern ein Konzept über eine Art des Verhaltens. […] ist ein Versuch, mit der erkennbaren Stabilität eines Systems klarzukommen“ (S. 52). Solche Beschreibungen seien „nicht dem System eigen; sie sind etwas, was wir an das System herantragen“ (S. 53). Dell trägt nun den Begriff der „Kohärenz“ heran und folgert: „Das System widersetzt sich nicht; es verhält sich lediglich in Übereinstimmung mit seiner eigenen organisatorischen Kohärenz“ (S. 57). Auch an dieser Stelle bleibt es eine Herausforderung für LeserInnen, den Gedanken eines sich selbst regulierenden Systems aufrechtzuerhalten. Die entscheidende Frage, die auch Dell hier nicht explizit stellt ist: Was gilt als Einheit der Beobachtung? Ein erhellender Satz wie: „Kohärenz impliziert einfach eine kongruente Interdependenz des Funktionierens, wobei alle Aspekte des Systems einander angepaßt sind“ (S. 62) oder auch: „Ein System kann sich nicht verhalten, ohne sich selbst zu ändern“ (S.63) macht nicht garantiert deutlich, dass auch das Beobachten des Systems zum System selbst gehört – und dass es somit auch heißen kann: Beobachten heißt, sich selbst zu verändern! Das zielte ins Herz einer philosophischen Fundierung unserer Profession8. Doch bleibt es erst einmal bei einer feinsinnig-komplexen Position, die sowohl philosophischen, als auch pragmatischen Anliegen nutzen kann: „Was tatsächlich existiert, ist ein einheitlich kohärentes System, das in seinem Operationsbereich fluktuiert. Der Beobachter korreliert aus seiner (unvermeidlich) subjektiven Sicht das Verhalten eines Teils des Systems mit einem anderen Teil. Diese Korrelation nennt der Beobachter „Rückkopplung“ […] Wie auch das System selbst, so funktioniert dies als ein kohärentes Muster. Es ist als ein ganzes seine eigene ‚Begrenzung‘ oder ‚Ursache‘“ (S.76, = Anm. G).
Drei noch – Pathologie, Paradox und lineale Kausalität
Es folgen drei Beiträge, die bis dahin noch nicht publiziert, jedoch teilweise auf Kongressen vorgetragen worden waren. So auch „Pathologie – Der erste Sündenfall“ (S.78-88)9. Mir scheint, hier nehmen die Versuche zu, epistemologische und ontologische Positionen miteinander brauchbar zu verknüpfen. Da heißt es z.B. „Die gesamte Welt, in der wir leben, ist eine Projektion. Dies ist wiederum kein Argument für Solipsismus. Zu sagen, wir leben in einer Welt der Projektion, ist nicht dasselbe wie zu sagen, daß ‚da draußen‘ nichts ist oder daß wir ‚herrichten‘, was wir sehen. Meine Überzeugung ist die, daß die Wahrnehmung jedes Beobachters seine struktur-determinierte Reaktion auf die Welt ist (und nicht die Welt selbst). Wenn wir unsere struktur-determinierte Welt als die Welt ansehen (was wir meistens tun), dann projizieren wir“ (S.83). Wenn ich das recht verstehe, setzt Dell hier die konditionellen Gegebenheiten von Menschen ins Zentrum. Die konditionellen Gegebenheiten bestimmen den Ausschnitt, innerhalb dessen wahrgenommen werden kann. Und sie bestimmen irgendwie auch den Reim, den sie sich darauf machen. Wenn sie sich diesen Reim „in Sprache“ vergegenwärtigen, d.h. Aussagen machen über das, was sie für wahr, für gegeben oder für umfassend gültig halten, dann legen sie – ob gewollt oder nicht gewollt – ihr eigenes Erkennen offen, ihre Wege des Erkennens (und äußern sich somit epistemologisch). Und sie nehmen dabei bewusst oder unwissentlich in Kauf, dass ihre Aussagen klingen, als wüssten sie Bescheid (ontologische Aussagen)10. Und genau dies ist es, was Dell durchgängig in diesem Buch selbst vormacht. Er bedient sich keiner tastend-annähernden Sprache, sondern einer darlegenden, sozusagen „wissenden“ Sprache. Das hier mitspielende Paradox scheint ihm bewusst zu sein, wenn er schreibt:
„Menschlich sein heißt, in Sprache leben und in Sprache leben, heißt, vollständig in Sprache entfremdet zu sein (d.h. unsere Konzepte fälschlicherweise für die Wirklichkeit zu halten), entfremdet von uns selbst und von der Welt, in der wir zu leben glauben. Es gibt nur sehr wenig Menschen, die in Sprache leben und doch wissen, wahrhaftig wissen, daß Sprache beides ist, unser Aufstieg von den Tieren und unser Sturz aus der Würde eines einfachen, unmittelbareren Seins in der Welt. Dieses nicht zu erkennen, heißt, in einem Zustand der Verdinglichung zu bleiben – entfremdet in Sprache und von uns selbst in der Welt“ (S.82).
Das „einfache und unmittelbare Sein in der Welt“ klingt nach einer Art paradiesischer Qualität, wie das vollkommene ontische Erkennen ohne in irgendeiner Weise in das Schisma von Onto- und Epistemologie eingebunden zu sein. In seinem „Wahrheits“-Beitrag (s.o.) berichtet Dell von seinen Erfahrungen mit Werner Erhards EST und dessen Mantra „Was ist, ist“11. Vielleicht schwingt davon noch etwas mit. Dell bleibt hier vorsichtig genug, wenn auch als Fußnote gekleidet: „Selbst wenn eine absolute Realität existieren würde, würde unsere struktur-determinierte Interaktion mit ihr für uns die Möglichkeit ausschließen, sie objektiv oder absolut zu erkennen“ (S.88 = Fn (2)).
Nach dem Aufsatz „„Paradox“: Ein Symptom starr vertretener Überzeugungen“ (S. 89-106) folgt mit „Zur Verteidigung „linealer Kausalität““ (S.107-116) noch einmal ein Text, der die zentrale Spannung zwischen ontologischen und epistemologischen Perspektiven aufgreift und, für meine Begriffe, handhabbar macht12.
Erfahren, erklären – und eine Art Synthese
In Paradox redux hatte Dell gesagt, es sei „letztlich unmöglich, Epistemologie und Ontologie wirksam zu trennen“ (S.42). In der Verteidigung „linealer Kausalität“ wird diese Unmöglichkeit zwar nicht widerlegt, erhält jedoch einen handhabbaren Anstrich. Es geht um den „unüberbrückbare[n] Unterschied zwischen Erfahrung und Erklärung. Phänomenologisch wird Erfahrung immer lineal erfahren, sie trifft uns einfach. Im Metabereich epistemologischer Erklärung kann unsere Erfahrung aber niemals lineal sein; sie ist immer aktives Ergebnis unserer Interaktion mit dem Medium, in dem wir existieren“ (S.112). Das klingt vielleicht etwas umständlich, macht jedoch den Weg frei für eine Art Synthese. Jeder Versuch, Erfahrung zu kommunizieren, erfordere einen Metabereich, so Dell. (S.112). Was jemand an sich erfahre, könne nicht anders als ontisch erlebt werden, als zutreffend, wahr oder als etwas, was „ist“. Sozusagen als psychische Lebensgrundlage. Dies mitzuteilen sei aber immer ein Mitteilen „über“ etwas, Meta-Erfahrung sozusagen. Auch seine eigenen Texte subsumiert Dell darunter. Wenn man so will: seine Texte als Bindeglied zwischen seiner Erfahrung und seiner Erklärung dieser Erfahrung. Vielleicht kann dieser Gedanke ein wenig die Irritation mildern, die sich ergeben kann, wenn Dell sein eigenes Vorantasten zwar differenziert beschreibt, aber nicht tastend, sondern zupackend.
Die Differenz zwischen Erfahren und Beschreiben/Erklären ist womöglich nicht zu überbrücken. Und vielleicht geht es darum auch nicht. Vielleicht liegt in der Differenz zwischen dem für wahr gehaltenen Erfahren und dem (sozusagen) bewahrenden Erklären eine Quelle menschlichen Miteinanders. Ontisches und Epistemisches als die beiden notwendigen Seiten einer Medaille. Und der Kontext als die dritte Seite13, der Kontext, in dem es je nachdem leichter oder schwerer sein kann, mit dem Unterscheiden von beidem konstruktiv oder destruktiv umzugehen.
Anachronistisch oder ein Buch für diese Zeit?
Was also nun, so viele Jahre nach dem Erscheinen des Buches? Kann es mehr sein als ein schrulliger Zeitvertreib, dieser Buchlegende nachzuspüren? Ich bin in dieser Frage nicht neutral. Ich habe mich in nun mehr als 30 Jahren mit den Prämissen und Folgeerscheinungen des systemischen Arbeitens auch öffentlich auseinandergesetzt. Und so wird es nicht überraschen, wenn ich mich zu diesem „mehr“ bekenne. Ja, das Buch hat uns heute immer noch etwas zu sagen. Wie komme ich dazu?
Zusammengefasst verstehe ich das Buch so: Paul Dell legt seine Auseinandersetzung mit der Frage offen, wie sich etwas klinisch Bedeutsames wissen lässt, was nicht gewusst werden kann. Genauer vielleicht: Wie kann es möglich werden, hilfreich über Erfahrungen zu sprechen, die sich und anderen Vorstellungen von Erfahrung widersprechen (und womöglich im klinischen Sinn von dem abweichen, was ein ausreichend heiles Leben ausmacht)? Der Titel „Klinische Epistemologie“ verweist auf den Kontext Klinik. In diesem Kontext treffen (u.a.) zwei Konzepte mehr oder weniger scharf aufeinander, die in ihrem Aufeinandertreffen für Konflikte gut sind: Konzepte des sicheren Wissens einerseits und Konzepte des vorsichtigen Verständigens über womöglich Wissbares andererseits. Die Dynamik der Auseinandersetzungen über Covid-19, zum Beispiel, und die darauf bezogenen Problemsysteme scheinen mir die konflikthafte Beziehung dieser beiden Positionen klar zu illustrieren.
Natürlich hat Dells Buch nichts mit der konkreten Covid-19-Konstellation zu tun. Und doch könnte es helfen, einen Schritt zurückzutreten und nachzudenken. Es ist weder ontisch noch epistemisch einfach, in dem Bewusstsein miteinander zu reden, dass das Ganze nicht von uns erfasst werden kann, nur definiert, also begrenzt. Dass es also nicht mehr das Ganze ist dann. Und dass dennoch das Ganze – was immer das ist – wirkt. Und das auf eine Art, die nicht geradlinig von A nach B verläuft und auch umgekehrt nicht geradlinig. Und dass wir uns auf brauchbare Ausschnitte verständigen müssen, und alles darüber Hinausgehende akzeptierend ausblenden, womöglich respektierend. Handeln, so scheint es, ist nur möglich ohne völliges Wissen. Solche Überlegungen haben heute sicher Patina angesetzt und die pragmatische Seite unserer Profession hat sich von epistemologischen Argumenten nie aufhalten lassen. Vielleicht eine Zeitlang (als die „Theorien blühten“) beeindrucken, aber nicht aufhalten. Rein praktisch ist die Kuh schon lange vom Eis, Schiepeks Synergetisches Navigationssystem etwa macht vor, wie epistemische Systemmodellierung ohne ontologischen Segen recht überzeugend zu hilfreichen Wendungen Anstoß geben kann (z.B. Schiepek et al., 2013). Kruses Kolumbus-Metapher scheint in die Tat umgesetzt14. Und das Multidimensionale und Multiperspektivische systemischen Denkens ist mittlerweile ein Markenzeichen (Kriz 2015).
Das Buch bietet heutzutage also keine überraschenden inhaltlichen Positionen mehr. Im Prinzip. Manche „alten“ Gedanken können wiederentdeckt werden und wegen ihres Passens für neue Situationen dann doch wieder überraschen. Doch ich halte Dells Buch vor allem deswegen für ein auch heute noch nahrhaftes, weil es die Wege nachvollziehen lässt, die Überraschungen, die sich Dell selbst zugemutet hat, bevor er sie anderen zumutete. Im Kern, weil es nachvollziehen lässt, was „Beobachten 2. Ordnung“ heißt, wenn sich jemand darauf einlässt. Dass das Buch heute wohl besser „Klinisches Erkennen“ heißen sollte als „Klinische Erkenntnis“, na gut. Vielleicht ist genau diese Gratwanderung zwischen beidem das Leitmotiv, das dieses Buch durchzieht und es gleichzeitig nährt.
Ich fürchte, dass es viele Argumente dagegen gibt, sich heute noch die Zeit für so etwas zu nehmen, zu viel wird (womöglich gleichzeitig) gefordert. Und der erreichte Stand als anerkannte Profession erfordert womöglich mehr Vertrautheit mit Erkanntem als Vertrautheit mit den Herausforderungen des Erkennens. Und genau deswegen halte ich Dells Buch (und vergleichbare) weiterhin für wichtig. Wichtig dafür, dass systemisches Denken und Arbeiten etwas zu sagen hat über ein handwerkliches Funktionieren hinaus. Und dass es nicht darum geht, „anerkannt“ worden zu sein, sondern sich das Anerkennen immer wieder neu zu erschließen – auch das eigene. Das, so denke ich, ist nach wie vor ein weites Feld, weder klinisch noch sonstwie abschließend „erkannt“, sondern immer noch die „Notwendigkeit, miteinander zu reden“, der wir uns „nicht entziehen“ können, wie Jürgen Hargens im Vorwort schrieb.
Eine Besprechung wäre normalerweise hier zu Ende. Da es sich jedoch um ein Buch mit Geschichte handelt, interessiert es mich nicht nur „an sich“, sondern auch in seinem weiteren Werdegang. Hier möchte ich wenigstens zwei Aspekte herausgreifen. Zum einen die Rezeptionsgeschichte dieses Buches. Hat sich eine nachhaltige Auseinandersetzung damit ergeben? Was ist daraus geworden? Und zum anderen der Umstand, dass Dell relativ bald nach seinem furiosen Jahrzehnt im systemischen Diskurs so gut wie verschwunden ist. Wie ist es mit ihm weitergegangen? Hierzu gibt es Informationen in Form eines neuen spezifischen Themas.
„Klinische Erkenntnis“ in der Diskussion
Vorlauf
Das Erscheinen von „Klinische Erkenntnis“ 1986 war kein Startschuss, sondern eine erste Ernte. Paul Dell hatte 1978 gemeinsam mit Harlene Anderson, Harry Goolishian und George Pulliam das Galveston Family Institute15 gegründet. Der Collaborative Language Approach, der dort entwickelt wurde, stellt eine radikale Umsetzung der Überlegungen zur Beobachtung 2. Ordnung dar16. 1979 hatten Dell und Goolishian ihre Überlegungen zur „Ordnung durch Fluktuation“ vorgetragen, was ihnen sowohl in Deutschland als auch in Australien unmittelbare Resonanz einbrachte (1981). Die Geschichte der Rezeption von „Klinische Erkenntnis“ beginnt somit im Prinzip schon vor Erscheinen des Buches.
1981 folgte der Kongress in Zürich, der Dells legendären Ruf begründete, und seinen Namen untrennbar mit dem Gründungsmythos systemischen Denkens hierzulande verknüpfte. Sein Kongressvortrag erschien etwas später, überarbeitet und ergänzt, in der Zeitschrift für systemische Therapie (Dell 1984). In diesem Text erörtert Dell zunächst Gregory Batesons Einfluss auf die entstehende Familientherapie, insbesondere sein Herausarbeiten der Bedeutung von Epistemologie für klinische Theorien. Dell erwähnt in diesem Text auch, dass Bateson gegen Ende seines Lebens anerkannte, das Ruder sei nun an Maturana weitergegeben (ebd., S.153). Was für Bateson die „Gleichsetzung von Geist und Creatura (die Welt des Lebenden)“ gewesen sei, entspreche Maturanas „Gleichsetzung von Kognition und Leben“ (ebd., S.153). Dells Aufsatz diskutiert Maturanas Arbeiten sehr dicht und war keine Lektüre für mal eben zwischendurch. Trotz oder vielleicht wegen der Irritation, den er mit sich brachte, hatte er das Zeug zum Betriebsstoff für den systemischen Aufbruch. Von besonderer Bedeutung bleibt die geistesgeschichtliche Verknüpfung von dem, was Bateson „epistemologischen Irrtum“ nannte, und dem, was bei Maturana als „Mythos instruktiver Interaktion“ in den Vordergrund rückt. Für Bateson scheint die Idee einer zirkulären Verursachung akzeptabel gewesen zu sein, wogegen ihm die Idee linearer Verursachung als ein epistemologischer Irrtum vorkam. Für Maturana kam auf der Grundlage seiner Theorie des Struktur-Determinismus beides nicht in Frage: „Beide sind unannehmbar, weil das Konzept der Verursachung selbst ein epistemologischer Irrtum ist“ (ebd. S.167).
Dass Tom Levold (1984) im gleichen Heft die Möglichkeit zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Dells Aufsatz erhielt, spricht für die geistige Lebendigkeit dieser frühen Jahre der systemischen Therapie17. Levold, der Dells Vortrag in Zürich verfolgt hatte, diskutiert insbesondere die Folgerungen, die sich aus Dells Thesen für ein Verständnis klinischer Praxis ergeben. Er moniert, dass die von Maturana bevorzugte „mechanistische“ Sicht, die sich an physikalischen Phänomenen orientiere, wenig aussagekräftig sei für soziale Systeme. Soziale Systeme seien „auf der Sinnebene integriert“ und könnten daher keine biologischen Systeme sein (ebd. S.179)18. Als einen wesentlichen Punkt, der für die weitere Entwicklung systemischen Denkens von Bedeutung ist, führt Levold den Begriff des Kontextes an. Während im Konzept biologisch-autopoietischer Systeme sämtliche Veränderungsdynamik als selbstorientiert und selbstbewegt verstanden wird, erschließen sich die Bewegungen sozialer Sinnsysteme erst in ihren kontextuellen Zusammenhängen. Eine kritische klinische Theorie sei daher als „Kontextanalyse“ gefordert, die „einerseits die kulturellen und sozialen Mechanismen der Herstellung von Sinnzusammenhängen“ untersucht, und andererseits „die kognitive und affektive Eingebundenheit des Individuums in diese Kontexte“ (ebd. S.184). Levold hat damit schon sehr früh herausgearbeitet, was sich später als Profil einer sozialwissenschaftlich verstandenen systemischen Therapie erweisen sollte.
Rezensionen
Eine erste unmittelbare Reaktion auf die „Klinische Erkenntnis“ erfolgt dann durch Jürgen Kriz (1987). Obwohl sich Kriz offensichtlich von Dells Überlegungen angezogen fühlte, geht er recht hart mit ihm ins Gericht. Er unterstreicht die Diskrepanz zwischen dem epistemologischen Sinn der von Dell vorgetragenen Argumente und deren so häufig ontologisierend anmutenden Vortrag. Dazu ließen sich nach der Lektüre des Buches durchaus relativierende Überlegungen anstellen (s.o.). Schwerer wiegt Kriz‘ Argument, dass in Dells Ansatz die Frage der Intersubjektivität unbefriedigend behandelt werde. Dells apodiktisch vorgetragenen Schlussfolgerungen und Bewertungen (etwas sei „irrig“ oder „falsch“) entgegnet Kriz, „daß Begriffe (…) zu allererst der Verständigung zwischen Subjekten über spezifische Erfahrungen dienen“ (ebd., S.56). Und Dell, so lässt Kriz anklingen, sei wohl dabei, das Kind mit dem Bad auszuschütten, wenn er die „die pragmatische Dimension der Sprache“ unterschlage, und damit „ihre gesellschaftliche Funktion“ (ebd., S.56). Kriz argumentiert hier zwar hart, belegt seine Einschätzungen jedoch differenziert – kein Vergleich zu dem später in der Szene häufigen Abwinken mit dem abschätzigen Vorwurf des „Epistobabbels“. Allerdings dürfte es Dells Vorgehen seinen KritikerInnen leicht gemacht haben, den Schwierigkeiten des Nachvollziehens mit einem gewissen Spott auszuweichen.
Anders als Kriz begegnete Marianne Krüll (1987) Dells Buch mit uneingeschränkter Zustimmung. Ihre Rezension greift die wesentlichen Begriffe und die Grundzüge des Buches auf und erkennt auch dessen Brisanz für TherapeutInnen. Dass Dell die persönliche Verantwortung für jegliches Beobachten ins Zentrum stellt, die Verantwortung für die eigene Sichtweise, anstelle die gekonnte Verinnerlichung von objektivierenden Kenntnissen, das, so erkannte Krüll, geht an’s Eingemachte. Das schreckt sie jedoch nicht, auch weil Dell in seiner „Verteidigung linealer Kausalität“ ein Angebot macht, wie sich EpistemologInnen und KlinikerInnen relativ einfach verständigen können (s.o.). Sie zeigt sich jedenfalls davon überzeugt, dass es noch mehr Bücher von Paul Dell geben werde, und auf diese freue sie sich schon. In diesem Punkt irrte sie – allerdings nur für hiesige Verhältnisse. Dass es anderenorts schon weiterging, zeigt sich noch.
Als theoretisch interessierter und versierter Praktiker machte sich Thomas Lindner (1988) an die Lektüre. Er referiert die wesentlichen Überlegungen Dells verständnisvoll, stimmt jedoch in Grundzügen Kriz zu. Lindner moniert, dass er sich trotz allen Anregungsreichtums von Dell im Stich gelassen erlebt, wenn es darum gehe, sich Dells Thesen in der praktischen Umsetzung vorzustellen. Das Konzept der Kohärenz komme ihm in der vorgestellten Form noch als „allzu dürres Gerippe“ vor und die „Anwendung epistemologisch koscherer Begrifflichkeiten auf therapeutische Prozesse oder gar auf Zusammenhänge menschlichen Leidens“ werde „dem Leser überlassen“ (ebd. S.53). Letztlich empfiehlt er die Lektüre: Dells Reflexionen könnten „eine Harke sein für den festgetretenen Boden“ therapeutischen Selbstverständnisses (Ebd. S.54).
Übergang
Eine erst einmal merkwürdig erscheinende Einschätzung der Positionen Dells findet sich bei Michael Buchholz (1990). Er stellt eine vollzogene „Wiederannäherung an die Psychoanalyse“ fest (ebd. S.24). Der Anker dazu findet sich in Dells Aussage, er sei wieder „vom System auf die Psyche gekommen“ (Dell 1986, S.23). Und vor allem in einem Passus aus „Über Homöostase hinaus“, in dem Dell „die Notwendigkeit einer Eigen-Analyse für Familientherapeuten“ anerkennt (Dell 1986, S.64). Dies, um mit der kniffligen Situation zurandezukommen, als Teil eines „koevolvierenden“ Systems per definitionem nicht mehr einseitig für Veränderung sorgen zu können, stattdessen in Gefahr zu sein, in das System selbst verstrickt zu werden.
Buchholz unterlegt seinen Eindruck der Wiederannäherung an die Psychoanalyse auch mit Überlegungen zu einem Aufsatz Dells über Schizophrenie (1981). Hier scheinen Dells Positionen zu Buchholz‘ eigenem Bemühen um eine kontextuelle Öffnung der Psychoanalyse zu passen. Dell selbst betrachtet seine Sicht hier jedoch als „Folge einer konsequenten systemischen Epistemologie“. Bei Schizophrenie handele es sich um etwas, das in einen Interaktionsprozeß zwischen Familie, Rechtssystem und Psychiatrie verwickelt ist, der in Verwirrung, Hospitalisierung, Stigmatisierung und Unmündigerklären eines Individuums (des „Schizophrenen“) gipfelt“ (Dell 1981, S.310).
Interessant erscheint mir, dass Buchholz hier bereits die Verwerfungslinien innerhalb der systemischen Diskurse erkennt, und mir scheint, aus seinen Bemerkungen lassen sich Hypothesen darüber ableiten, wie es zum baldigen Verschwinden Dells aus den systemischen Diskussionszusammenhängen hierzulande gekommen sein mag. Was Dell über Klinische Epistemologie schreibe, nehme „eine strategische Stellung im familientherapeutischen Diskurs“ ein: „die Epistemologie ist das Gerüst, an dem sich die Kritik einer instrumentellen Praxis emporrankt“ (Buchholz 1990, S.24). Und so sieht Buchholz die gesamte epistemologische Wende als Einspruch gegen die übermäßige Zunahme einer „therapeutischen Praxis, die instrumentell an Optimierungsstrategien ausgerichtet war“ (ebd. S.25). Diesem Einspruch stimmt Buchholz zu, moniert jedoch, ähnlich wie Kriz, die Haltung, die bei Dell durchscheine. Er konstatiert da einen „elitären“ Zug. Und – hier nimmt Buchholz Dell für die gesamte „epistemologische Wendung“ – sie spalte „die Menschen auf in die vielen, die ‚irren‘, und die wenigen, die es ‚richtig‘ wissen; eine Aufspaltung, die nach Dells eigenen Voraussetzungen eigentlich nicht zulässig wäre“ (ebd. S.25).
Nachwehen
War der Einfluss der „Klinischen Erkenntnis“ eine Eintagsfliege? Wie lange währte er? In der seinerzeit ersten Bestandsaufnahme „Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive“ (Reiter, Brunner & Reiter-Theil 1988) wird Dell gelegentlich erwähnt. Das Buch selbst wird nur einmal aufgelistet, allerdings bei einigen AutorInnen einzelne Texte als Originale, die im Buch in deutscher Übersetzung erschienen.
Ohne Bezug auf Paul Dell bleibt das seinerzeit einflussreiche, dezidiert der Klinischen Epistemologie gewidmete Buch von Fritz Simon über „Unterschiede, die Unterschiede machen“ (1988). Das ist erstaunlich, da bei beiden der Begriff der Kohärenz eine wichtige Rolle spielt19.
In der ersten Auflage des Lehrbuchs von von Schlippe & Schweitzer (1996) kommt Dells „Klinische Erkenntnis“ in der Liste der verwendeten Literatur vor, in der völlig überarbeiteten Neuauflage (2012) dann nicht mehr, auch nicht in Lehrbuch II (2006). In Ludewigs erster Monographie zu systemischer Therapie (1992) erhält Dell einiges Gewicht, auch „Klinische Erkenntnis“ wird erwähnt, ebenso in seiner Einführung (Ludewig 2005). In seinem Spätwerk „Entzerrungen“ (2013) kommt das Buch nur noch als Container für Dells Aufsatz „über Homöostase hinaus“ vor. Im Lehrbuch von Levold & Wirsching (2014) wird zwar auf vier Publikationen Dells hingewiesen, doch ohne Bezug auf „Klinische Erkenntnis“.
Es handelt sich hier sicher nicht um einen repräsentativen Überblick, doch scheint mir eine Tendenz erkennbar, dass sowohl Dell als auch sein Buch die anfängliche Attraktivität (und/oder Provokation) für die hiesigen systemischen Diskurse nicht aufrechterhalten konnten. Was könnte damit zu tun haben?
Zum einen könnte es sein, dass mit dem „Ende der großen Entwürfe“ und dem zunehmenden Aufblühen der systemischen Praxis20 tatsächlich das Interesse an epistemologischer Reflexion nachgelassen hat. In der Rezension von Thomas Lindner (1988, s.o.) klang ja eine gewisse Enttäuschung durch, für die praktische Arbeit keine nahrhaften Impulse bekommen zu haben. Ein Trend zu pragmatischen Lösungen dürfte insofern eine Rolle gespielt haben.
Aber auch innerhalb der Publikationen des Houston-Galveston Instituts scheint es nach dem Erfolg der Arbeit von Dell & Goolishian (1981) über Ordnung durch Fluktuation keine weiteren gemeinsamen Publikationsprojekte gegeben zu haben. Es scheint bei Koproduktionen von Harlene Anderson und Harry Goolishian geblieben zu sein, die das Konzept der Collaborative Language Therapy weiter ausbauten. Wo war Dell abgeblieben? In einem Gespräch von Jürgen Hargens mit Harry Goolishian (1987) gibt es einen indirekten Hinweis, aus dem ich schließe, dass sich Paul Dell schon zu dieser Zeit von der Attraktivität des Begriffs systemische Therapie gelöst haben könnte. Goolishian nennt es ein „schwer mißbrauchtes Wort in unserem Bereich“, es sei „ein nutzloser Begriff“ geworden (ebd. S.106). Und im programmatischen Aufsatz von Goolishian & Anderson (1988) heißt es, Dell habe schon 1986 die Familientherapie als stagnierend beschrieben. Und ernüchtert stellen sie fest: „In mancher Hinsicht sind wir offenbar nicht sehr weit von jenem Punkt entfernt, an dem wir vor 35 Jahren begonnen haben“ (ebd., S.192). Ich stelle mir vor, ein Kaliber wie Paul Dell, der das Feld der klinischen Epistemologie so kraftvoll umgepflügt hat, dabei für eine Zeit ein Star der aufbrechenden systemischen Szene hierzulande war, hat sich nicht lange mit den allfälligen Nivellierungstendenzen aufgehalten, die unweigerlich eintreten, wenn eine Bewegung zur Organisation wird. Vielleicht war es auch ein (zeitweise nützlicher) Irrtum, Dells Arbeiten als Ausdruck einer systemisch-praktischen Programmatik zu verstehen, jedenfalls der Programmatik, die sich hierzulande entwickelte. Dell zielte, so scheint mir, auf anderes. Und wie es scheint, ist er nicht ausgestiegen, sondern ist auf seinem Weg weitergegangen. Sein Thema ist letztlich geblieben, auch wenn es nicht (mehr) zu den Erwartungen einer konstruktivistisch-pragmatischen systemischen Praxis zu passen scheint.
Und dann? – Ein Autor erfindet sich neu – oder doch nicht?
Der Anfang
Vielleicht klärt es den Blick, sich das Thema von Dells Dissertation (1977) anzuschauen. Es ging da um die Kommunikation zwischen Eltern und Söhnen, speziell um einen Vergleich dieser Kommunikation in Familien ohne und mit einem als schizophren diagnostizierten Mitglied21. Seit dem folgenreichen Entwurf von Bateson et al. (1956) zu einer auf Kommunikation zielenden Theorie pathologischer Prozesse in Familien waren gut 20 Jahre vergangen22. Das Double bind-Konzept hatte sich als einprägsam und anschlussfähig erwiesen. Dieser inhaltliche Fokus auf ein störungsspezifisch-psychiatrisches Schwergewicht erwies sich im Kontext familiendynamisch/ familientherapeutischer Konzepte als sehr anregend, in den Diskursen des konstruktivistisch-systemischen Aufbruchszeit blieb das jedoch eher wenig beachtet. Mir scheint, dass sich das in den unterschiedlichen Profilen der beiden Flaggschiffe für familientherapeutische und systemische Diskurse – Familiendynamik und Zeitschrift für systemische Therapie – widerspiegelt23. Dell war in beiden publiziert worden, in der ZfST jedoch ausschließlich seine epistemologischen Arbeiten. Was aussehen könnte wie ein austariertes Doppelleben, erscheint mir stattdessen wie die Wurzel eines frühen Missverständnisses. Für Dell, so kommt es mir vor, gehörten die beiden Seiten zusammen, zwei Zugangswege zum Erkennen. Auch hier lohnt sich ein genauerer Blick in das vorliegende Material. In seinem Delltypisch umfangreichen „Auftrag für die Konferenz“ (1983) gibt es einen – im Nachhinein ziemlich deutlichen – Hinweis auf das, was kommt. Da fragt Dell im Absatz über „Psychopathologie“: „Mit anderen Worten, reicht Epistemologie aus, um Psychopathologie zu erklären oder müssen wir letzten Endes Zuflucht zur Ontologie nehmen, um schließlich doch die Natur der Psychopathologie zu begreifen?“ (ebd., S.62; Hervorh. von mir, WL).
Eine explizit epistemologische Fragestellung mit systemischem Fokus findet sich dann in einem Beitrag von 1980. Dell bringt hier die „optimistische und prozessorientierte Weltsicht“ der Hopi-Indianer ins Spiel und schlägt vor, das zu übernehmen als Modell für FamilientherapeutInnen, die aus seiner Sicht häufig pessimistisch und verdinglichend an ihre Welt herangingen. Sich des eigenen „aristotelischen epistemologischen Erbes“ bewusst zu werden und ein Systemdenken zu entwickeln, dürfte die therapeutische Effektivität erkennbar erhöhen. Die explizite Aufmerksamkeit für Musterbildung und eine entsprechende systemische Epistemologie findet dann ihren Ausdruck in der bereits erwähnten, auch von Buchholz (1990, s.o.) aufgegriffenen Arbeit über Familientheorien der Schizophrenie (Dell 1981). In den folgenden Jahren erschienen die Arbeiten, die Dells Ruhm im Zusammenhang mit dem Entstehen einer spezifisch systemischen Szene im deutschsprachigen Raum begründeten. In Dells ResearchGate-Liste findet sich dann auch „Klinische Erkenntnis“24.
Multiple Persönlichkeitsstörung und Dissoziation
Im Jahr 1990 taucht dann „plötzlich“ ein Titel auf, der nicht zu dem Eindruck zu passen scheint, der „Klinische Erkenntnis“ kennzeichnete. Es handelt sich um eine Arbeit über Jugendliche mit einer Multiplen Persönlichkeitsstörung (Dell 1990), eine auf weitere vertiefende Arbeit verweisende Studie mit elf Fällen. Wer „Klinische Erkenntnis“ als grundlegende Textsammlung für die Entwicklung einer konstruktivistisch-systemischen Therapie gelesen hat, die sich von herkömmlichen Vorstellungen über Pathologie gelöst hatte, dürfte zumindest stutzen über diesen Themenwechsel. Ein wenig mutet das an wie die seinerzeitige Irritation über Bob Dylans Wechsel von der Klampfe zur E-Gitarre, vom Folk- zum Rock-Poeten25. Wie die ResearchGate-Liste zu Dells Publikationen zeigt, stehen Multiple Persönlichkeitsstörung und Dissoziation seitdem im Zentrum von Dells Arbeit.
In seinem Blog understandingdissociation26 berichtet Dell von einem einschneidenden Erlebnis während einer Arbeit mit einer KlientIn. Im dritten Jahr ihrer Zusammenarbeit habe sie sich plötzlich verändert und indirekt angedeutet, dass sie eine weitere Persönlichkeit besitze. Sein Wissen um Multiple Persönlichkeitsstörungen sei zu dieser Zeit nicht besser gewesen als das seiner KlientInnen. Und an anderer Stelle berichtet er, wie er, seinerzeit selbst Leiter eines Familientherapie-Instituts, eine Live-Konsultation mit Salvador Minuchin zu einer kniffeligen Ehetherapie erlebte „und sah, wie die Therapie zu einem offenen Fall von Multipler Persönlichkeitsstörung explodierte“. Dieses Ereignis habe ihn „auf die lange Straße von Trauma und Dissoziation“ geschickt27.
Auch in diesem Fall scheint sich Dell nicht mit Mainstream, bzw. vorliegenden Modellen zufrieden gegeben zu haben. Da ich weder Experte in den Materialien zu psychiatrischen Störungsbildern bin, noch den Querverbindungen bei der Spurensuche zu „Klinische Erkenntnisse“ allzu weit folgen möchte (und kann), schildere ich nur kurz meinen Eindruck von dem, was sich mir aus den mir vorliegenden Publikationen Dells erschließt. Trotz dieser Einschränkung komme ich nicht um den Eindruck herum, dass Dell, wie seinerzeit in seinen Studien zu klinischer Epistemologie, auch in dieser Thematik gründlich, grundsätzlich, eigenständig und kraftvoll vorgegangen ist. In einem Beitrag von 2006 stellt er „ein neues Modell von dissoziativer Identitätsstörung“28 vor, von ihm selbst als „Dell’s subjective/ phenomenological model of DID“ eingeführt (ebd., S.1). In dieser umfangreichen und differenzierten empirischen Studie vergleicht er sein Modell mit dem (seinerzeit) vorliegenden DSM-IV-Modell, sowie einem sozio-kognitiven Modell. Dell kommt aus seinen Überlegungen zu dem Schluss, dass buchstäblich jeder Aspekt menschlicher Existenz von dissoziativen Intrusionen beeinträchtigt werden könne, und dass also sehr unterschiedliche Bereiche menschlicher Funktionsweisen und Existenz dabei zusammenkommen (S.21).
Wie es aussieht, orientiert sich Dell dabei weiterhin am familientherapeutischen Paradigma, denn ein Jahr später (2007) erscheint ein Beitrag, der die Notwendigkeit beschwört, dass es im Bereich der Familientherapie mehr Austausch geben müsse, mehr gemeinsame Aussprache. Dazu schlägt er jährliche Arbeitstreffen vor, die sich den zentralen Themen widmen, und ihre Ergebnisse kontinuierlich publizieren sollten. Wenn ich das lese, scheint mir das übereinzustimmen mit dem Vorwärtsdrang und der Überzeugungskraft, die Dell auf den für den Aufbruch der systemischen Ideen so folgenreichen Konferenzen der 1980er Jahre kennzeichneten. Anders als in den systemischen Diskursen hierzulande scheint Dells Einfluss nun tiefer und länger zu wirken. So spielte er eine zentrale Rolle in den Vorbereitungen der American Psychiatric Association (APA) bei der Formulierung des Beitrags über Dissoziative Störungen in der geplanten Revision des DSM. Von 2011 bis 2013 leitete er die International Society for the Study of Trauma and Dissociation (ISSTD)29 als ihr Präsident.
Dissoziation verstehen
2009 gab Dell zusammen mit John O’Neill den Reader Dissociation and the dissociative disorders: DSM-V and beyond heraus. In ihm sind die Vorarbeiten dokumentiert und gebündelt, die für das entsprechende Kapitel im DSM-V geleistet worden waren. Für die Rezensentin des Journal of Trauma & Dissociation war das „vielleicht das umfassendste Buch über Dissoziation und dissoziative Störungen“, das es bislang gebe (Douglas 2010, S.491, Übers. WL). Sie bescheinigt dem Buch eine geradezu lexikalische Qualität, und hebt dabei insbesondere Dells Beiträge (vier eigene und drei als Ko-Autor) heraus. Seinem abschließenden Kapitel Understanding Dissociation bescheinigen die beiden Herausgeber in ihrer Einleitung, es sei im Prinzip ein eigenes Buch im Buch (S. xxxiv). Mittlerweile sind Dells Arbeiten zu Dissoziation auch im deutschsprachigen Raum anerkannt und werden rezipiert30, insbesondere seine diagnostischen Kriterien für die dissoziativen Identitätsstörungen (z.B. Gast et al. 2006, Dammann & Overkamp 2011, Gast & Wirtz 2016, Gast & Wabnitz 2017).
Es kann mir hier nicht darum gehen, die inhaltliche Argumentation Dells zu diesem Thema in angemessenem Umfang darzulegen (s.o.). Ich beschränke mich auf einige Aspekte aus Dells Kapitel über Erscheinungsformen pathologischer Dissoziation (Dell 2009). Und auch das nur, weil mir an einigen Stellen dieses Kapitels deutlich wurde, wie sehr Dells Vorgehensweise und Denken bereits in „Klinische Erkenntnis“ zum Tragen kamen, trotz des eindeutig störungsspezifischen Themas, das zunächst wenig an den Gestus systemisch-konstruktivistischer Therapie erinnert.
Im Vordergrund steht Dells subjektiv-phänomenologisches Modell der Dissoziation (s.o., Dell 2006). Dell unterscheidet klar zwischen seiner psychologischen Erklärung dissoziativer Phänomene und seinem subjektiv-phänomenologischen Ansatz. Dieser fokussiere vollständig darauf, wie eine Person selbst dissoziative Symptome an sich erfährt. Es sei die zentrale These seines Ansatzes, „dass die Phänomenologie Dissoziativer Identitätsstörungen in überwältigender Weise internal und subjektiv sei, und nicht external und beobachtbar“ (S.226, Übers. WL). Der Ort der Erfahrung pathologischer Dissoziation sei das Selbst und im Besonderen das bewusste Selbst. Nur das bewusste Selbst könne erfahren und bemerken, wie dissoziative Intrusionen in sein exekutives Funktionieren und seine Selbstwahrnehmung eingreifen. Und mit Bezug auf Karl Jaspers‘ phänomenologisch ausgerichtete Psychopathologie: „Kein Selbst, keine Intrusionen“. Und weiter: „Kein menschliches Bewusstsein, keine Intrusionen; Keine Intrusionen, keine Dissoziationen“. Zusammengefasst: „Pathologische dissoziative Symptome sind ontologisch in einem bewussten Selbst begründet, das fühlt, wahrnimmt und seine eigenen Erfahrungen kennt“ (S.233, Übers. WL). Zu dieser Zeit ist es für ihn noch ein Ausblick, die Verbindungen zwischen Dissoziation und Hypnose genauer zu untersuchen (S. xxxiv). Mittlerweile, und das scheint der neueste Stand zu sein, ist auch das in Angriff genommen (Dell 2018).
So wie ich das verstehe, führt Dell hier ontologische Grundlagen und epistemologische Erklärungen und Beschreibungen zusammen, ein Thema, das bereits in „Klinische Erkenntnis“ zu finden ist. Was er seinerzeit mit dem Konzept der Kohärenz in den Mittelpunkt gerückt hat, findet hier seinen Widerhall im bewussten Selbst, das bemerkt, wenn sein Empfinden der Kohärenz wie auch immer aus den vertrauten Bahnen gerät. Und mir scheint, dass Dells Argumentation darauf hinausläuft, ein externales Bescheidwissen von außen zu relativieren, die Resonanz auf die Selbstbeschreibungen von Hilfesuchenden zu verfeinern, sowie die Beschreibungen der Hilfesuchenden als Anker für potenziell hilfreiches Beisteuern zu betrachten.
Erkenne Dich selbst!
Als ich mit den Recherchen für diesen Aufsatz begann, schien es mir, seinerzeit sei ein Stern am systemischen Himmel aufgegangen, habe für eine Zeit den Weg gewiesen und sei dann auf mysteriöse Weise völlig vom Bildschirm verschwunden. Das war ein Irrtum. Und wie sich für mich zunehmend herausbildete, nicht nur ein Irrtum aufgrund mangelnder Information, sondern vor allem ein Irrtum meiner Prämissen. Ich war, ohne es zu ahnen, ziemlich genau in den Kern dessen vorgedrungen, was Dell mit seiner „Klinischen Erkenntnis“ gesagt hatte. In der Weise, dass ich zu einer Selbsterkenntnis gekommen war, die meinen eigenen epistemologischen Irrtum betraf. Ich hatte die systemisch-konstruktivistische Sicht als Leitmedium genommen und Dell als einen zeitweisen Faktor dieses Bildes, der dann verschwand. Ich stellte fest, dass man es auch anders sehen kann: Nicht Dell verschwand aus dem systemisch-konstruktivistischen Horizont, sondern Dell war auf seinem Weg geblieben, der für eine Zeit das Phänomen eines systemisch-konstruktivistischen Aufbruchs prägte. Der Aufbruch entwickelte seine eigene Dynamik, nahm Dells Ideen jedoch eher oberflächlich auf, während Dell weiter ging und tiefer grub. Und die „Zuflucht zur Ontologie“ war ihm gelungen, nicht aus Verzweiflung offensichtlich, sondern weil er eine praktikable Vorstellung davon entwickelt hatte, wie etwas wirken kann, was nicht genau gewusst, aber genau erkundet werden kann, als genauestmögliche Resonanz auf das, was KlientInnen beschreiben als ihre Erfahrung. Und es könnte sein, dass das Merkwürdige an Erkenntnissen darin besteht, dass epistemologische und ontologische Zugänge sich weder ausschließen noch ergänzen, aber sich gegenseitig brauchen. In der Tat merkwürdig. Dell sei Dank.
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Fußnoten
1 Dank an Annely Ennen-Loth, Andreas Wahlster und Joachim Hesse für ausführliche Kommentare zu Vorfassungen dieser Arbeit. Und Dank an Jürgen Hargens für seinen bahnbrechenden spirit!
2 Strunk & Schiepek (2014)
3 Stand Mai 2020
4 In seiner Diskussion der Achsenzeitthese kommt Jan Assmann (2018) am Ende zu der Überlegung: „Die entscheidende Errungenschaft ist weder die Entstehung der großen Texte noch deren Kanonisierung, sondern die damit verbundene Auslegungskultur“ (S.292). Erst in der Auseinandersetzung mit den Texten kann so etwas entstehen wie ein Gedächtnis, das sich als soziale Qualität erweist. AutorInnen, LeserInnen und DiskutantInnen bilden eine Einheit der Beobachtung.
5 7. Internationales Symposium des Instituts für Ehe und Familie, Zürich, September 1981. Eine erweiterte und überarbeitete Fassung von Dells Vortrag erschien 1984 in der Zeitschrift für systemische Therapie.
Kurt Ludewig schildert den Vorgang im Kapitel „Die epistemologische Revolution“ in seinem Buch Entwicklungen systemischer Therapie (2013, S.14ff.).
6 Alle Hervorhebungen in Zitaten im Original
7 Zum Grundsätzlichen siehe Metzler Lexikon Philosophie: „Aisthesis“ (https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/aisthesis/66).
Zur Praxis siehe u.a. Reiter & Steiner (1988, S.307), die einen informativen Vergleich von Ästhetik und Pragmatik in Familientherapie und systemischer Therapie anstellen. Desweiteren: Bradford Keeneys Aesthics of Change erschien 1983 in deutscher Übersetzung. Sein eng an Bateson angelehnter Ansatz setzt das Beachten selbstrückbezüglicher Schleifen in den Mittelpunkt. Da heißt es z.B.: „Wenn wir eine lineale Struktur herstellen, neigen wir zur Wahl von Maximierung oder Minimalisierung der Variablen unserer Welt, was zu einer ökologischen Fraktionierung, Trennung und Pathologie führt“ (Keeney 1983, S.230). Das lässt sich nicht leicht in pragmatisches, zielorientiertes Handeln übersetzen, dürfte sich jedoch unschwer mit wesentlichen Erfahrungen in der Praxis decken – und gibt m.E. auch oder gerade in Corona-Zeiten noch zu denken. Keeney gab dann später Band 2 der systemischen studien heraus (1987) – und war wie Dell bald ebenso bleibend aus den systemischen Diskursen hierzulande verschwunden.
8 In seiner Auseinandersetzung mit Resonanz und Unverfügbarkeit bringt Hartmut Rosa das auf die Formel: „Wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, blieben wir nicht dieselben“ (2019, S.41)
9 Orig. (1982). Pathology: The original sin. Paper presented at the First International Conference on Epistemology, Psychotherapy, and Psychopathology, Houston, TX.
10 Bateson unterschied zwischen EPISTEMOLOGIE (in Großbuchstaben) und Epistemologie (in normaler Schrift). EPISTEMOLOGIE „als die Wissenschaft (…), die den Prozeß des Erkennens untersucht – die Interaktion zwischen der Fähigkeit, auf Unterschiede zu reagieren, einerseits, und der materiellen Welt, in der diese Unterschiede irgendwie entstehen, andererseits“ (1993, S.36). Davon unterschieden Epistemologie als Erkenntnis schaffende „Gewohnheiten“ von „individuellen oder lokalen Systemen“ (S.37). Beide Definitionen schließen ontische Gegebenheiten nicht aus, zögern jedoch damit, ihre Erkenntnisse diesbezüglich für mehr als vorläufig zu halten.
11 Die esoterisch anmutenden und simplifizierenden Thesen von Werner Erhard scheinen immer noch für ein größeres Publikum präsent zu sein. Die New York Times brachte dazu eine mit fundiertem Hintergrundwissen gespickte Story :The Return of Werner Erhard, Father of Self-Help (von Peter Haldeman, Nov. 28, 2015; online: https://www.nytimes.com/2015/11/29/fashion/the-return-of-werner-erhard-father-of-self-help.html ; 14.05.2020)
12 In der Folge publiziert in Family Process 25(4): 513-521 (1986)
13 Jürgen Hargens hat die „dritte Seite der Medaille“ immer wieder unterstrichen.
14 Siehe Kruse (2004); kurzgefasst beschreibt die Kolumbus-Metapher, wie durch konsequentes Nutzen vertrauter Mittel die Richtung auf unvertraute Perspektiven eingeschlagen werden kann.
15 Siehe http://www.talkhgi.org/about-us/ (23.05.2020)
16 Als frühe Beschreibung der Prämissen, des Vorgehens und des Entstehungskontextes siehe Goolishian & Anderson (1988); siehe auch Dell et al. (1977)
17 Ohne direkten Bezug auf Dell, doch nahe an dessen Prämissen, gibt es im gleichen Heft auch noch einen damals einflussreichen Text von Helmut Willke: „Zum Problem der Intervention in selbstreferentielle Systeme“, 1984: 191-200.
18 Die Unterschiede zwischen Maturanas Theorie lebender Systeme und Luhmanns Theorie sozialer Systeme kommen aus erster Hand zu Wort in einem Beitrag von Marianne Krüll (1987), die „Neun Fragen an Niklas Luhmann und Humberto Maturana und ihre Antworten“ zu Protokoll gab.
19 Diesen Hinweis verdanke ich Joachim Hesse, der davon ausgeht, dass Simon einen ähnlichen Blick auf Kohärenz wirft wie Dell. Hesse schlägt anstelle des eher „leeren“ Begriffs Kohärenz den der „sinnstiftenden Passung“ vor (persönliche Mitteilung, 17.06.2020)
20 »Das Ende der großen Entwürfe und das Blühen systemischer Praxis« war der Titel eines großen Kongresses in Heidelberg vom 3. bis 7. April 1991; siehe Fischer et al. (1992)
21 „The relationship between the communication of parents and sons in schizophrenic and normal families”, University of Texas/ Austin. Informationen dazu im Web: https://www.researchgate.net/publication/35860501_The_relationship_between_the_communication_of_parents_and_sons_in_schizophrenic_and_normal_families (24.05.2020).
22 Der deutschsprachige Sammelband zu diesem Thema: Bateson et al. (1969)
23 Die Familiendynamik brachte schon als ihr 2. Heft überhaupt (2/1976) ein Themenheft zu „Familie und Schizophrenie“, dann wieder 1981 (Heft 4) zu „Schizophrenie und Familie“. In diesem ist auch Dells Beitrag von 1981 enthalten.
24 Eine vollständige Liste der Veröffentlichungen Dells findet sich bei ResearchGate und umfasst (Stand Mai 2020) 77 Publikationen: https://www.researchgate.net/profile/Paul_Dell (24.05.2020)
25 Das Drama der Electric Dylan controversy ist ausführlich dokumentiert: z.B. https://en.wikipedia.org/wiki/Electric_Dylan_controversy (25.05.2020)
26 https://understandingdissociation.com/about/ (23.05.2020)
27 Dell & O’Neill (2009), interessanterweise in der dem Buch vorangestellten Widmung für seine Frau Sue Crommelin; Übers. W.L.)
28 Dissociative Identity Disorder (DID)
29 https://www.isst-d.org/about-isstd/ (25.05.2020)
30 Diesen Hinweis verdanke ich Joachim Hesse
(Erstveröffentlichung in: systeme 34(2), S. 191-212)