
Heute feiert Humberto R. Maturana seinen 80. Geburtstag. Als einer der Begründer des Radikalen Konstruktivismus hat er in den 80er Jahren mit seinen Arbeiten einen ungeheuren Einfluss auf die epistemologische Entwicklung des systemisch-konstruktivistischen Ansatzes nicht nur, aber ganz besonders im deutschsprachigen Raum ausgeübt. Wie in Wikipedia zu lesen ist,„studierte (Maturana) ab 1948 Medizin an der Universidad de Chile und ab 1954 mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung Biologie/Anatomie am University College in London. Dort entstand erstmals eine Theorie zur Existenz lebendiger Systeme als autonome dynamische Einheiten. Ab 1956 absolvierte er ein Promotionsstudium an der Harvard University, USA, wo er 1958 das Doktorat in Biologie abschloss. Er arbeitete bis 1960 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (Massachusetts), USA, in einer Postdoc-Stelle an Forschungen über das Auge (blinder Fleck) hin zu erkenntnistheoretischen Fragen. 1960 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Biologie an der Fakultät für Medizin der Universidad de Chile, Santiago de Chile. Hier erstreckten sich seine Tätigkeiten über Fragen der visuellen Perzeption, insbesondere der Farbwahrnehmung und der Unterscheidung von lebenden und nicht-lebenden Systemen. 1968 reiste er auf Einladung Heinz von Foersters nach Urbana und nahm von 1969-1970 eine Gastprofessur an der University of Illinois wahr. Von 1970-73 arbeitete er in enger Kooperation mit Francisco J. Varela in Santiago de Chile. Ab 1970 widmete er sich vor allem der Weiterentwicklung der ‚Biologie der Erkenntnis‘ und beschäftigt sich als Neurophysiologe mit erkenntnistheoretischen Problemen über den Weg der ‚Biologie des Erkennens’“
Seine Theorie der strukturdeterminierten und operativ geschlossenen lebenden Systeme, die er mit dem früh verstorbenen Francisco Varela ausgearbeitet hat, hat die konstruktivistische Epistemologie nachhaltig geprägt, vor allem sein Begriff der Autopoiese, der von Niklas Luhmann (gegen den heftigen Einspruch Maturanas) auf die Theorie sozialer Systeme übertragen und damit in einen anderen konzeptuellen Rahmen gestellt wurde.
In Deutschland hat sich vor allem Jürgen Hargens als Herausgeber der„Zeitschrift für systemische Therapie“ in den 80er Jahren um die Verbreitung des Gedankengutes von Maturana verdient gemacht. Wolfram K. Köck, der lange an der Siegener Universität gelehrt hat, hat Maturana nicht nur übersetzt, sondern auch 1983 eine der ersten Arbeiten zum Thema Konstruktivismus mit dem Titel„Erkennen = (Über-)Leben. Bemerkungen zu einer radikalen Epistemologie“ in der Zeitschrift für systemische Therapie veröffentlicht. Diese Arbeit ist anlässlich des Geburtstages von Humberto Maturana mit freundlicher Zustimmung des Autors in der Systemischen Bibliothek wieder zu lesen.
Auch Kurt Ludewig, Landsmann Maturanas, hat einen wesentlichen Anteil an der Maturana-Rezeption hierzulande, nicht nur durch seine eigenen Arbeiten, in denen er das Konzept Maturanas auf vielfältige Weise im Rahmen einer klinischen Epistemologie nutzbar machte, sondern auch durch seine Übersetzung des„Baumes der Erkenntnis“ ins Deutsche, das Maturana und Varela für ein breiteres Publikum verfassten. Kurt Ludewig hat ebenfalls in den 80er Jahren lange Gespräche mit Maturana über sein Werk und sein Leben geführt, die aber lange nur einer spanischen Publikationsöffentlichkeit zugänglich waren. Irgendwann wurden sie auch ins Deutsche übersetzt, ohne jedoch einen Verlag gefunden zu haben. 2006 erschien die von Kurt Ludewig gründlich überarbeitete deutsche Übersetzung erstmals in Gänze online im systemagazin, worauf anlässlich des Geburtstages des Jubilars noch einmal hingewiesen sei.
Wir wünschen an dieser Stelle das Allerbeste zum Geburtstag und verneigen uns vor einem großen Inspirator unserer Zunft.




In der Zeitschrift„Soziale Systeme“ erschien 2004 ein bemerkenswerter Beitrag von Harald Wasser, Autor zahlreicher Publikationen u.a. zu den Themen Medientheorie, Systemtheorie, Psychologie, Hirnforschung und Psychoanalyse, der sich mit der Problematik des Ausschlusses des Unbewussten aus der Luhmannschen Systemtheorie beschäftigt, für die das psychische System mit Bewusstsein zusammenfällt. Der Artikel ist auch im Internet zu lesen. In der Zusammenfassung heißt es:„Durch aktuelle Forschungen veranlasst gehen zunehmend auch psychologische Strömungen, die teilweise über Jahrzehnte konträr zu Freuds Ansichten gestanden hatten, davon aus, dass die Psyche nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst operieren kann. Nun lässt sich, wenn man Luhmann beim Wort nimmt, systemtheoretisch kein Unbewusstes konstruieren. Damit ist für die Systemtheorie die Möglichkeit, an derartige Forschungen bzw. Forschungsrichtungen anzuschließen, verbaut. Entgegen des transdisziplinären Versprechens, das Luhmann gegeben hatte, können somit aber nur bewusstseinsphilosophisch-kognitivistische Psychologien von Systemtheoretikern berücksichtigt werden. Das wäre – so bedauerlich es ist – vertretbar, wenn es sich konsequent aus der systemtheoretischen Theoriearchitektur ableiten ließe. Der Artikel versucht nachzuweisen, dass genau dies aber nicht der Fall ist. Ganz im Gegenteil ergibt sich die Rejektion der Annahme, die Psyche könne auch unbewusst operieren, aus einem einzigen Postulat, das nicht nur revidierbar ist, sondern aus ganz verschiedenen Gründen revidiert werden sollte. Es handelt sich dabei um das Postulat von der Identität von Psyche und Bewusstsein. Dieses Identitätspostulat lässt sich aber nur aus einer subjekt- bzw. bewusstseinsphilosophischen Tradition heraus rechtfertigen, aus einer Tradition also, mit der die Systemtheorie bekanntlich gerade brechen möchte. Interessant ist nun, dass, sobald man auf dieses Postulat verzichtet, die Konstruktion eines Unbewussten systemtheoretisch keinerlei Schwierigkeiten mehr macht. Der Artikel versucht darzulegen, dass mit dem Entfallen des Identitätspostulats neben der konsequenten Darstellung der Systemtheorie als einer transdisziplinären Theorie einige weitere Vorteile entspringen sowie eine Reihe von Widersprüchen aufgelöst werden können. Selbstverständlich sind umgekehrt bewusstseinsphilosophisch orientierte Psychologien mit der Verabschiedung vom Identitätspostulat keineswegs gezwungen, nun ebenfalls ein Unbewusstes zu postulieren: Die Annahme eines Unbewussten wird ja nicht zwingend, aber sie wird zu einer tragfähigen Option. In jedem Fall kann die Systemtheorie auf diese Weise deutlich Abstand zur Bewusstseinsphilosophie gewinnen, womit zugleich ihre Distanz zur Subjektphilosophie mehr Substanz erhielte“