systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

5. Dezember 2011
von Tom Levold
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ein systemisches Pils auf Jürgen Henningsen…

… trinkt Edelgard Struss im heutigen Adventskalendertürchen und erinnert damit an einen ihrer Lehrer, den früh verstorbenen Erziehungswissenschaftler und Kabarettisten Jürgen Henningsen (1933-1983):

Als ich 1972 anfing zu studieren, waren die Dinge am Fachbereich Erziehungswissenschaften (Pädagogik, Soziologie und merkwürdigerweise Publizistik) an der Uni Münster gerade völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Universität war bis auf wenige Fachbereiche völlig überlaufen, regelmäßig fielen Veranstaltungen aus, Desorganisation und/oder studentische Streiks am laufenden Meter. Eines meiner ersten Seminare fand mit 200 Teilnehmenden im leeren Schwimmbad eines nicht mehr bewohnten Studentenheims statt. Andere Veranstaltungen wurden in winzigen Räumen über der sagenhaften Kneipe Pinkus Müller durchgeführt, in der damals hauptsächlich Mitglieder studentischer Verbindungen Altbier tranken, für Damen auch gerne mit – ganz schlimm! – eingemachten süßen Erdbeeren als Altbierbowle angeboten. Obwohl ich in Köln aufs Gymnasium gegangen war, kam ich mir im ersten Semester an der Uni der viel kleineren Stadt Münster vor wie eine desorientierte Provinznudel. Rettungslos verloren im universitären Chaos der wilden 70er Jahre.
Neuer Anlauf zum 2. Semester: ich wollte ganz dringend richtig studieren, mich intensiv mit etwas pädagogisch Relevanten beschäftigen. Wühlte mich durch die Veranstaltungsangebote im Vorlesungsverzeichnis, einem dicken Buch von 250 Seiten aus schlechtem Papier, das zur einen Hälfte aus unverständlichen Satzungen sowie Namen und Sprechstundenzeiten von DozentInnen bestand, zur anderen Hälfte aus extrem knapp gehaltenen Angaben für Lehrveranstaltungen.
Die einzige Chance, dachte ich mir, den Massenveranstaltungen zu entgehen, bestand darin, mir Seminare mit abseitigen Themen zu noch abseitigeren Zeiten zu suchen. Das erste Seminar meiner Wahl lief unter dem Titel „Warenästhetik“. Es hatte nur 25 Teilnehmende und gipfelte in dem Auftritt eines Ingenieurs und Objektdesigners der Firma Braun, der den staunenden Studierenden seine komplette Sammlung von Rasierapparaten zeigte und erklärte, wie vom ersten bis zum aktuellsten Modell das immer ambitioniertere Design der Braun-Rasierer entwickelt wurde. Das zweite Seminar zum so genannten Soziologenstreit begann montagmorgens und 9 Uhr und setzte voraus, dass man sowohl Habermas als auch Luhmann gelesen hatte. Ich fing mit letzterem an und war glaube ich für den Rest meines Studiums an diesem Fachbereich die einzige Studentin, die Luhmann tatsächlich und fasziniert, dafür jedoch Habermas überhaupt nicht gelesen hatte.
Luhmanns Strukturfunktionalismus passte seltsamerweise zu meinem dritten Seminar: „Musische Erziehung 1“. Es fand samstagvormittags von 9 bis 13 Uhr in dem ehemaligen Studentenheim mit dem Schwimmbecken statt, jedoch in einem angenehmeren Raum und mit nur 10 Teilnehmenden, von denen einer seine Trompete mitgebracht hatte, so dass ich dachte, jetzt bin ich vielleicht doch etwas zu weit abseits gelandet in der Auswahl meiner Veranstaltungen. In diesem Seminar wurde innerhalb weniger Wochen eine Kabarettgruppe gegründet, deren Mitglied ich bis weit nach Ende meines Studiums gewesen bin. Und das nicht, weil ich jemals eine besonders talentierte Kabarettistin gewesen wäre, sondern weil ich beim Kabarett systemischen Denken und Arbeiten lernte – alles in allem ein großartiges und lehrreiches Vergnügen.
Das Seminar, d.h. die Kabarettgruppe wurde geleitet von Professor Jürgen Henningsen und seinem Assistenten Anton Austermann. Henningsen war ein hagerer Intellektueller mit zurückgekämmten glatten Haaren, fast immer in weißem Hemd und Anzug, sah eigentlich ein bisschen aus wie Paul Watzlawik in mittleren Jahren, hätte aber auch anstandslos in ein Gruppenfoto der Künstlerszene aus der Weimarer Zeit gepasst. Ihn sehe ich als Initiator meines systemischen Denkens an. In der geistigen Tradition einer phänomenologisch begründeten „hermeneutischen“ Pädagogik (Dilthey, Mollenhauer) und des symbolischen Interaktionismus (Goffman, Blumer) predigte er in seinen Seminaren und besonders bei der Erarbeitung der Kabarettprogramme unermüdlich systemisches Denken und systemische Praxis:

  • Die Erziehungswissenschaft hat in erster Linie und fast ausschließlich nicht mit Sachen zu tun, sondern mit Meinungen über Sachen.
  • Die Wahrheit steckt nicht als roter Faden in der Vergangenheit, sondern in der jeweiligen Gegenwart als Zukunftsermöglichung.
  • Es reicht nicht, daß ein Satz richtig ist. Er muß auch lesbar sein, etwas leisten für den Adressaten. Er muß sich „darstellen“, seinen Inhalt in Form übersetzen. Das ist riskant.
  • Lernen ist eine durch Aufnahme und Verarbeitung von Informationen bewirkte Änderung von Verhaltensweisen selbstorganisierender Systeme, Lehren der Versuch einer Steuerung solcher Aufnahme und Verarbeitung.
  • Der erworbene Wissenszusammenhang ist die sprachlich erschlossene Erfahrung. […] Das Wort „Zusammenhang“ soll dabei keineswegs ein wohlgeordnetes, sauber abgestimmtes System suggerieren: zu denken ist an ein Gefüge, dessen verschiedene Bereiche in verschiedener Weise und Intensität miteinander integriert sind, sei es durch assoziative Verknüpfungen von Vorstellungen miteinander, sei es durch additives Konglomerat oder durch Superzeichenbildung. Totale Integration finden wir nur bei Kindern und Heiligen – die Wohnung eines gewöhnlichen Zeitgenossen ist unaufgeräumt.

Das waren für mich faszinierende Aussagen – und Ansagen, die beim Kabarettmachen unmittelbar praktisch relevant wurden. O-Ton Henningsen als Regisseur vor der Bühne: Leute, über diese Pointe könnt nur ihr lachen! Im Publikum versteht das keiner! Ihr müsst vom Publikum ausgehen und von dem, was die denken! Darauf müsst ihr euch beziehen! Und nicht darauf, was ihr alles wisst und meint! Also, was denkt so ein Mensch im Publikum? Er spielt Lotto und denkt, dass er wahrscheinlich gewinnt, und gleichzeitig, dass ein Lottogewinn das Unwahrscheinlichste überhaupt ist! Eure akademischen Ansichten vom Glücksspiel sind für das Publikum überhaupt nicht wichtig!
Diese Sichtweise habe ich nahtlos auf meine damals beginnende Arbeit in der Psychiatrie übertragen können – und befand mich damit in bester systemischer Gesellschaft, wie sich später herausstellte.
Nach den abendlichen Kabarettproben sind wir oft (sehr oft) in die Alte Post gezogen, um zu fünfzehnt leidenschaftlich Karten zu spielen und ordentlich Pils zu trinken. Das Spiel kam von Jürgen Henningsen und hieß Peesebee oder so ähnlich. Man musste vor jeder Runde die Anzahl der Stiche voraussagen, die man selbst machen würde. Leider habe ich die Regeln vergessen. Ich würde es gerne mal wieder spielen und ein systemisches Pils auf Jürgen Henningsen trinken. Falls jemand die Regeln zum Spiel kennt: bitte melden!

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Jürgen Henningsen, 1933 – 1983
Zitate: Autobiographie und Erziehungswissenschaft. Essen: Neue Deutsche Schule, 1981; Kinder, Kommunikation und Vokabeln. Heidelberg: Quelle & Meyer, 1969

4. Dezember 2011
von Tom Levold
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Das soziale Gehirn

Stephan Baerwolff machte mich auf eine interessante Sendung aufmerksam, die bereits am 1.12. im Deutschlandradio Kultur gesendet worden ist. Der Autor Martin Hubert stellt die Frage, wie aufgeklärt die Neurowissenschaft sei und lässt prominente Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth, Wolf Singer, Kai Vogeley und Georg Northoff und den Systemtheoretiker Werner Vogd zu Wort kommen:„Es gibt keinen freien Willen, das Ich ist nur ein Illusion und der menschliche Geist bloß ein Anhängsel des Gehirns. Seit 20 Jahren provozieren prominente Hirnforscher mit solchen Thesen die Öffentlichkeit. Fast unbemerkt haben sich jedoch die meisten Neurowissenschaftler von solchen einfachen Annahmen gelöst und andere Wege eingeschlagen. Sie betrachten das Gehirn nicht mehr isoliert, sondern als Vermittlungsinstanz zwischen Körper und Umwelt. Zahlreiche Studien untersuchen mittlerweile, inwieweit das Gehirn als kulturelles und soziales Organ zu verstehen ist. Sie arbeiten an einem facettenreichen Bild des Ichs im Gehirn, das es weder als Illusion noch als dinghafte Substanz begreift. Aber ermöglicht diese Hirnforschung einen fruchtbaren Dialog mit Philosophen und Sozialwissenschaften über den menschlichen Geist?“ Die Sendung kann hier nachgehört werden, das Transkript der Sendung als PDF
gibt es hier… (Foto: Image: digitalart / FreeDigitalPhotos.net)

4. Dezember 2011
von Tom Levold
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Mir fiel vorerst nichts anderes ein, als den beiden zuzuhören

Sabine Klar, Lehrtherapeutin der ÖAS in Wien und langjährige Mitarbeiterin am Institut für Ehe- und Familientherapie in der Wiener Praterstraße erinnert sich für den systemagazin-Adventskalender an eine Beratungssituation, in der ihr deutlich wurde, dass es in der Beratung nicht darum geht, dass Berater die Probleme ihrer Klienten lösen:

Mir fiel vorerst nichts anderes ein, als den beiden zuzuhören

Es war vor nunmehr 23 Jahren und in Österreich gab es damals noch nicht einmal das Psychotherapiegesetz. Ich hatte zwar ein Studium irregulare zur Humanethologin absolviert und war gerade dabei mich in systemischer Familien-, und Sexualberatung auszubilden, hatte aber noch keinerlei Erfahrungen mit konkreten Klientinnen machen können. Trotzdem wurden mir im Rahmen eines Praktikums in einer Familienberatungsstelle bereits Fälle zugeteilt, mit denen ich alleine zurechtkommen musste. Ich erinnere mich, dass ich eines Dezembertages eine junge Frau erwartete. Das Anmeldeblatt erzählte von einer ausnehmend schwierigen Problemlage und Herkunftsgeschichte, die Klientin war vom Jugendamt zugewiesen worden und musste sozusagen zwangsweise Beratung in Anspruch nehmen. Sie kam an der Seite ihrer schon etwas älteren Sozialarbeiterin und ich fürchtete mich so sehr zu versagen, dass mir alle klugen Fragen, die mir die Ausbildung vermittelt hatte, abhanden gingen.  Da saß ich nun und mir fiel vorerst nichts anderes ein, als den beiden zuzuhören. Ich merkte allerdings sehr bald, dass sie gar nichts anderes von mir erwarteten, denn sie hatten vorrangig etwas miteinander zu klären. Die Sozialarbeiterin hatte die junge Frau, die im Heim aufgewachsen war, von Kindheit an betreut. Diese war ihr dankbar, wollte sich nun aber nicht mehr bevormunden lassen und wehrte sich gegen die gut gemeinte Unterstützung. Das kränkte die Sozialarbeiterin, die sich außerdem Sorgen machte. Ich hatte nichts anderes zu tun, als mich für das Beziehungsverhältnis der beiden zu interessieren und sie dabei zu begleiten, zu einem der Situation angemesseneren Umgang miteinander zu gelangen. Mit der schweren Problemlage der jungen Frau musste ich mich gar nicht befassen, denn keiner der beiden war es wichtig – damit kannten sie sich viel besser aus als ich.  Da hätte ich mich geradezu einmischen müssen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie erleichtert ich mich nach Abschluss dieses Falles fühlte, der nach 3 Sitzungen beendet war, denn nun war mir endlich klar geworden, dass es gar nicht zu meinen Aufgaben gehörte, das Problem der Klientin zu lösen, sondern ihr die Möglichkeit zu geben, die Beziehung zu einer ihrer wichtigsten Bezugspersonen anders zu gestalten.

3. Dezember 2011
von Tom Levold
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Sozialpsychiatrie und systematisches Denken

Hartwig Hansen aus Hamburg hat in den vergangenen Jahren immer einen Text für den systemagazin-Adventskalender geschrieben, so auch dieses Mal. Ihm ist ein Buch in Erinnerung gekommen, das ihn auf die„systemische Spur“ gebracht hat:

Sozialpsychiatrie und systematisches Denken

Ich bin sicher, es muss noch irgendwo in meinem Bücherregal zu finden sein. Mal sehen. Ja, hier sind all die Wälzer – Simon und Co: „Die Sprache der Familientherapie“, Jeffrey Zeigs „Psychotherapie – Entwicklungslinien und Geschichte“, „Das Satir-Modell“ und so weiter – die letzten zwanzig, dreißig Jahre querbeet.
Ein paar Handgriffe weiter werde ich fündig. Der blaue Rücken ist schon etwas vergilbt, das Buch ist längst vergriffen und wurde damals auch in einer Druckerei mit dem Firmennamen Plump hergestellt.
Ja, genau das Charlie Chaplin-Bild aus „Moderne Zeiten“ von 1936, auf dem er sichtlich überfordert an der großen Maschine mit den zahllosen Zahnrädern rumschraubt. Das fanden wir damals passend zum Buchtitel, der da lautet: „Sozialpsychiatrie und systemisches Denken“ – weiße Schrift auf blauem Grund. Erschienen ist das Buch 1988 im Bonner Psychiatrie Verlag, dessen Leitung ich ein halbes Jahr vorher übernommen hatte.
Dieses unscheinbare, inhaltlich aber schwergewichtige Werk war meine erste Begegnung mit dem „Systemischen Denken“.
Thomas Keller, damals Abteilungsarzt in der Landesklinik Langenfeld und ausgewiesener Fan der systemischen Idee, hatte angefragt, ob der Verlag die Beiträge und Diskussionen des ersten Langenfelder Symposiums von 1987 veröffentlichen wolle, er halte es für notwendig und an der Zeit, die fortschrittliche psychiatrische Szene mit dem „Systemischen“ bekannt zu machen. Heute staune ich beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses, wen er und seine Kollegen damals bereits in Langenfeld zusammengerufen hatten. Mir sagten die Namen nichts – heute weiß ich, dass es alles Pioniere für das „neue Denken“ waren: Luc Ciompi schrieb über „Systemtheoretische Aspekte der psychiatrischen Rehabilitation“, Fritz B. Simon und Gunthard Weber skizzierten „Das Invalidenmodell der Sozialpsychiatrie“, Klaus Deissler fragte in Form von „Zehn Thesen: Lohnt sich der Flirt mit der systemischen Therapie?“ und Jay Haley mahnte – unnachahmlich ironisch –: „Warum ein psychiatrisches Krankenhaus Familientherapie meiden sollte“ …
Am Ende des Buches stellte Thomas Keller selbst eine „Kleine Übersicht wichtiger Begriffe in der systemischen Therapie“ zusammen: Autopoiese, Delegation, Double bind, Kontext, Kybernetik, Symbiose, Zirkularität … Potzblitz, ich verstand nur Bahnhof. Gut, dass es hier mal knapp und verständlich erklärt wurde.
Irgendwas musste also dran sein an dem „Neuen“, immer häufiger begegneten uns in der Verlagsarbeit „systemische“ Ansätze, Ideen, Vokabeln – der Psychiatrie Verlag verstand sich ja als der innovative Fachverlag der Sozialpsychiatrie und war Neuem durchaus aufgeschlossen, auch wenn es sich manchmal so anfühlte, als könne das Ganze auch eine der schnelllebigen Moden sein.
Dass der für uns so wichtige Buchhandel mit dem Titel „Sozialpsychiatrie und systemisches Denken“ – aus heutiger Sicht ein Selbstgänger – so seine Probleme hatte, merkten wir an den wiederholten, mal schriftlichen, mal telefonischen, Hinweisen nach Erscheinen, dass uns da wohl ein peinlicher Satzfehler unterlaufen sei: Wenn überhaupt wollten sie das Buch „Sozialpsychiatrie und systematisches Denken“ für einen Kunden bestellen …
Und wir konnten nur mit dem ebenfalls im Verlag erschienenen Titel des Standardwerks „Irren ist menschlich“ antworten und das mit dem „Systemischen“ zu erklären versuchen. Das war dann mitunter nicht so einfach mit der Verständigung und endete in der Regel mit dem (etwas genervten) Satz: „Ja, dann schicken Sie uns doch bitte einfach das Buch …“
So schlecht finde ich die Verwechslung „systemisch – systematisch“ heute gar nicht mehr.
Thomas Keller und „das systemische Denken“ haben sich – systematisch überzeugend – durchgesetzt in den letzten Jahrzehnten, und ich freue mich, dass ich das Buch mit dem Charlie Chaplin-Cover in meinem Bücherregal noch wiedergefunden habe. Es ist ein kleiner Schatz, von dem ich vor 23 Jahren nie gedacht hätte, dass ich das heute so schreiben würde.

2. Dezember 2011
von Tom Levold
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Durch die Brille der Klienten sehen

systemagazin-Leser Michael Schloetmann aus Ense (Bremen), Systemischer Therapeut und Psychodramapraktiker, erzählt im Adventskalender, wie ihm eine neue Sichtweise aufgegangen ist:

Durch die Brille der Klienten sehen

Während meiner Ausbildung zum „Systemisch integrativen Therapeuten“ hatte ich im Rahmen meiner langjährigen Tätigkeit in einer Wohneinrichtung für psychisch erkrankte und suchtkranke Menschen einen Gesprächstermin in einer psychiatrischen Klinik.
Die Sozialarbeiterin der Station hatte mit mir den Termin vereinbart, weil sie für eine Patientin eine langfristige stationäre Betreuungsmöglichkeit finden sollte. Wir saßen zur vereinbarten Zeit im Arztzimmer, ich begann das Gespräch mit dem frisch erlernten Joining und fand guten Anschluss an die Kommunikation – bis die Sozialarbeiterin die Patientin mit den Umständen konfrontierte, die Anlass des Gespräches waren.
Sie brauche doch Hilfe, ihre Wohnung sei völlig verwahrlost, worauf die Patientin zunächst antwortete: „Da muss erst noch die Spurensicherung rein!“.
Als sie mit weiteren Defiziten konfrontiert wurde, sagte sie der Kollegin: „ich sehe das ganz anders!“, nahm ihre Brille aus der Tasche, reichte sie der Sozialarbeiterin und sagte ihr: „Hier, nehmen Sie mal meine Brille!“ 
Das war für mich eine der eingängigsten Lektionen in meiner Ausbildungszeit.

1. Dezember 2011
von Tom Levold
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