systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

8. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

systeme 2/2011

Im aktuellen Heft der systeme ist neben zwei Texten von Hans Christ („Empathie und Mustererkennung“) und Heike Schader („Normativität in Therapie und Beratung. Umgang mit Geschlechterrollen und Sexualität“) eine Zusammenfassung der Arbeit von Nicola Neuviansüber systemische Mediation bei Konflikten in Familienunternehmen zu lesen, mit der sie den diesjährigen Förderpreis der Systemischen Gesellschaft gewonnen hat. Darüberhinaus gibt es einen Tagungsbericht und eine Reihe ausführlicher Rezensionen zu lesen.
Zu den vollständigen abstracts…

8. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

…Systemische (Zeit-)Reise bzw. Einfältigkeit versus Zirkularität

Dennis Gildehaus macht heute das Kalendertürchen auf und schildert seine erste Begegnung mit systemischem Denken in der stationären Jugendhilfe:

„Meine ersten Überforderungssymptome im Zuge einer beratenden Elternarbeit in der stationären Jugendhilfe verspürte ich im November 2004. Ich erinnere mich noch genau an die Idee des Geschäftsführers zur Einführung einer „neuen“ und „innovativen“ Veränderung der Konzeption der Wohngruppe der Delmenhorster-Jugendhilfe-Stiftung in Delmenhorst. Damals hieß es: „Wir müssen die Eltern wieder ins Boot holen und die Rückführungsquote intensiver fokussieren…!“ Seit 2001 arbeitete ich als Pädagoge in der besagten Wohngruppe und schmiedete täglich Pläne, wie ich mit den Kindern und Jugendlichen meinen Dienstalltag aktiv und humorvoll gestalten könnte. Von systemischem Denken etc. wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts. Als der Geschäftsführer in einer wöchentlichen Dienstbesprechung das Thema Elternarbeit als Tagesordnungspunkt einbrachte, stand für mich fest: „Das Ding übernimmst Du!“
Das Team konnte sich gut vorstellen, dass ich als jüngster Mitarbeiter den Bereich Elternarbeit übernehmen würde. Die Wochen nach der besagten Besprechung veränderten grundsätzlich meinen weiteren Weg in der stationären Jugendhilfe und den Weg darüber hinaus.
Mit einer großen Portion Euphorie machte ich mir Gedanken zu den verschiedenen Eltern und entschloss mich kurzer Hand, einfach alle zu einem netten Elternabend einzuladen, um ihnen mein Konzept vorzustellen. Fazit: Von insgesamt 24 Eltern kamen erstaunlicherweise nur zwei. Meine Ideen und Vorstellungen sahen auf dem Papier doch so gut aus – wie war es nur möglich, dass das Interesse der Eltern so gering war? Ich suchte Gründe und gute Ausreden, aber weiter kam ich damit auch nicht. Die Arbeit in der Wohngruppe nahm ihren Lauf und meine Unzufriedenheit zu. So entschloss ich mich zu einer Weiterbildung und suchte nach geeigneten Instituten im Internet. Es dauerte nicht lange und ich stieß auf die Institute von Eberhard Krüger, Lehrtherapeut der DGSF. Es handelte sich um eine systemische Beraterausbildung und das Konzept gefiel mir sofort. Erst einmal stellte ich meine Arbeit mit den Eltern ein, da ich genügend frustriert war.
Die Weiterbildung hat mich begeistert. In der Rückbetrachtung haben sich die anfänglichen Worte des Lehrtherapeuten in mein Hirn gebrannt, verstanden habe ich sie zugegebenermaßen erst vier Jahre später. Sie lauteten ungefähr folgendermaßen: „Ich versuche euch jetzt aufzuzeigen, wie euer Weg in der Beraterausbildung aussehen könnte… Am heutigen Tag seid ihr bzgl. des systemischen Denkens und Handelns unbewusst inkompetent. Ihr wisst sozusagen nicht einmal, was ihr nicht wisst. Aber keine Sorge, nach mehreren Monaten werdet ihr bewusst inkompetent, so dass ihr auf alle Fälle bewusst einordnen könnt, was ihr nicht wisst. Wenn ihr dann euer Bergfest feiert, werdet ihr bewusst kompetent sein und wissend, dass ihr etwas wisst. Und zum Ende der Ausbildung werdet ihr unbewusst kompetent sein und euer Handwerkzeug einsetzen wie beim automatisierten Autofahren. Sinngemäß werdet ihr intuitiv denken und handeln und dementsprechend systemisch arbeiten. Darüber hinaus werdet ihr systemisch erfolgreich sein, wenn ihr das, was ihr wahrnehmt, auch infrage stellen könnt nach dem Motto…es könnte auch ganz anders sein…“.
Im weiteren Verlauf der Ausbildung habe ich Dr. Krüger mehr und mehr als meinen beruflichen als auch persönlichen Mentor erlebt, der mir das systemische Terrain „Systemisches Arbeiten“ als Gesamtheit nähergebracht hat. Das anfängliche Verhältnis zwischen Lehrendem und Lernendem wurde nach und nach aufgrund des intensiven Arbeitens mit der systemischen Thematik zur Freundschaft. Im Juni 2007 schrieb ich ein neues Konzept der Systemischen Elternarbeit für die Wohngruppe, das sich hervorragend in den täglichen Alltag der Wohngruppe eingliederte. Die Eltern waren nicht nur motiviert, sondern fühlten sich als Gesamtheit wertgeschätzt und lernten ihre Ressourcen neu kennen – für mich eine Motivation, an die systemische Beraterausbildung auch noch die systemische Therapeutenausbildung anzuschließen, die ich 2009 abgeschlossen habe. Eberhard Krüger hat mir einen ersten Eindruck vom systemischen Denken und Handeln vermittelt und mich angesteckt, das zu lieben, was ich jetzt lebe… die Systemische Alltagspraxis“

7. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

Wird der Kalender voll?

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn Ihnen der Adventskalender gefällt und eigene Geschichten einfallen, freue ich mich noch über einige Beiträge – denn voll ist er noch nicht 🙂 In diesem Jahr soll es um die Frage gehen, welche Personen einen ersten Eindruck von systemischem Denken und Handeln vermittelt oder angeregt haben, sich selbst intensiver mit Systemischer Theorie und Praxis auseinanderzusetzen. Schicken Sie Ihren Text einfach an tom[at]levold.de.

Beste Grüße
Tom Levold
Herausgeber

7. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

Wie alles begann – keine Geschichte ohne Geschichten!

Im heutigen Kalendertürchen blickt Rüdiger Beinroth, systemischer Supervisor und langjähriger Erwachsenenbildner in Vlotho, ganz weit in die Vergangenheit zurück, nämlich in die frühen 70er Jahre:
„1971 kehrte Annedore Schultze, die spätere Leiterin des Jugendhofes Vlotho, von einem Studienaufenthalt aus den USA zurück. Zuvor hatte sie 10 Jahre Methoden der Sozialarbeit an der Höheren Fachschule des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Bielefeld unterrichtet. Sie war begeistert von der Art und Weise wie Virginia Satir in den USA mit Familien arbeitete und wollte diesen Ansatz, nach Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit, unbedingt in der Jugendhilfe in Westfalen verbreiten.
Der erste Fortbildungskurs für Sozialarbeiter „Familienberatung und Familienbegleitung“, fand von Februar 1973 bis Dezember 1974 statt. (Parallel dazu begann auch Maria Bosch in Weinheim mit ihren Kursen, was 2 Jahre später zur Gründung des Instituts für Familientherapie Weinheim führte. Die beiden hatten sich bei Virginia Satir in den USA kennengelernt).
Veranstalter des Kurses war der „Sozialdienst katholischer Frauen – Zentrale e.V. – Dortmund“.
Das Konzept orientierte sich in seinem methodischen Teil an den Erfahrungen und Veröffentlichungen von Virginia Satir (1973) und Horst Eberhard Richter (1970).
Es war kein starres Konzept, sondern wurde im Kurs mit den Teilnehmer/innen und Referenten ständig weiter entwickelt. Es gab viel Innovation zu dieser Zeit. Auf einer Fortbildungstagung 1973 in Bielefeld für Erziehungsberater und Sozialarbeiter, arbeitete Annedore Schultze live mit einer Familie auf der Bühne und stellte Skulpturarbeit vor, was eine heftige Fachkontroverse nach sich zog. Das Diakonische Werk von Westfalen veranstaltete ein Seminar zur Familienrekonstruktion mit Maria Bosch in Form eines Marathons, was ebenfalls hohe Wellen schlug.
Nach einer Informationstagung des Landesjugendamtes in Münster 1974, zur „Methode der Familienberatung und –behandlung“ (LWL Münster 1985), fiel die Entscheidung, einen ersten „arbeitsfeldspezifischen Lehrgang zur Familienberatung und Familienbehandlung“ für Sozialarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) anzubieten. Das war die Geburtsstunde der Familienberatungslehrgänge in Vlotho.
Ich war seit 1972 im Jugendhof tätig. Ich war Sozialarbeiter und Gemeinwesenarbeiter und von Annedore Schultze für ein Modellprojekt zur Zusammenarbeit im Gemeinwesen von Freiburg nach Vlotho geholt worden. Ich hatte andere Aufgaben und verfolgte die Entwicklungen der Kollegin und späteren Chefin mit Interesse. Im Rahmen des Modellprojekts hatten wir die Analytikerin Ruth Cohn für 3 Monate nach Vlotho geholt. So lernte ich die TZI kennen. Nebenbei studierte ich in Bielefeld auch noch Erziehungswissenschaften, was ich mit dem Diplom 1980 abschloss. Im Rahmen eines Seminars über Paradigmenforschung lernte ich die Schriften von Talcott Parsons kennen und war fasziniert. Ab da ließ mich die systemische Denkweise nicht mehr los.
Der Entscheidende Schritt kam 1979. An einem Freitag eröffnete mir Annedore Schultze, dass in ihrem Familienberatungskurs ein Referent ausgefallen wäre und ich von Montag bis Freitag in der letzten Kurswoche des laufenden Kurses einspringen müsse. Bis Montag hatte ich nun Zeit, die Pflichtlektüre des Kurses zu lesen. Es waren Bücher von Virginia Satir, Salvatore Minuchin und Maurizio Andolfi. Bis Montag hatte ich mir die für diesen Kurs relevanten Abschnitte einigermaßen einverleibt. Die Woche lief für mich gut und ich hatte endgültig Feuer gefangen. Danach war ich Co-Leiter in allen weiteren den Kursen.
Dank meines großzügigen Arbeitgebers konnte ich viele Kurse besuchen die von Systemikern angeboten wurden. Ich nahm an den Weinheimer Tagungen teil, erlebte Virginia Satir und andere berühmte Vertreter des systemischen Ansatzes. Schließlich nahm ich auch an einer Ausbildungsgruppe mit Jos J. van Dijk in Bielefeld teil. Leider starb Jos, bevor der Kurs zu Ende war.
In die DAF trat ich erst nach meiner Supervisionsausbildung ein. Es reichte aber noch um die DGSF mit zu begründen. Die DGSF ist zu meiner „Heimat“ geworden. Hier fühle ich mich wohl und arbeite gerne und engagiert mit.
Heute als Rentner nutze ich die vielen Erfahrungen in meiner Praxis für Supervision, Coaching, Paar und Familienberatung. Das will ich auch noch ein Weilchen weitermachen. Einmal Systemiker, immer Systemiker.“

7. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

Wo Engel zögern…

systemagazin-Leserin Gabriele Lisa Klassen, Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin, die als Coach in Berlin tätig ist, erinnert sich im heutigen Kalendertürchen an ihre Heidelberger Zeit des systemischen Beginns:

„es war eine Zeit, 1977, da konnte man noch, einfach so, teilhaben an einer Weisheit, die sich, alt und neu zugleicht, Systemtheorie nennt und in Heidelberg ihren europäischen systemisch-therapeutischen Wellenschlag auslöste.
Also, dann gab es die Montagsworkshops in der Psychosomatischen Klinik der Uni-Heidelberg, welche Berufstätigen angeboten wurden, einfach so, und ich durfte dabei sein, obwohl ich doch, weiß Gott, noch nicht viele wusste (eine Eigenart, die jungen Menschen oft ganz gut steht). Lebendig habe ich sie in Erinnerung, die heutigen Stars der systemischen Familientherapie, die – noch sehr brav damals – Prof. Helm Stierlin assistierten, wenn er die Familien vorstellte, die es zu behandeln galt: Fritz B. Simon, Michael Wirsching, Gunthard Weber, Gunther Schmidt, Jochen Schweitzer. Letzter war damals noch ein lockerer Student, mit hochgekrempelten Jeans und längeren Haaren, gut sah er aus.
Fritz B.Simon macht es mir bis heute besonders leicht, systemisches Arbeiten zu verstehen. Es ist sein unglaublich tiefgründiger Humor. Wenig Gesten, kaum Habitus, kommuniziert er Metaebene als Person auf so humorvolle Weise, das einem gar nichts anderes übrig bleibt, als Systemtheorie zu verstehen: das Gehirn macht es beim Lachen ganz von alleine! So sagte er doch glatt einmal in einem Interview, geführt mit einem Sozialarbeiter: Ich glaube nicht, dass die internationalen Systemischen Wissenschaftler zu uns kamen, weil wir so gut waren. Sie kamen, weil Heidelberg so schön ist! Ich selbst weiß übrigens, dass Hans Jürgen Eyssenck sein Herz in Heidelberg verloren hatte (genauer gesagt in Mannheim)!
Beeindruckend war die Praxisnähe, die ich so später nie mehr erlebte. Es waren Patienten da aus der Psychiatrischen Klinik, die Kollegin, Frau Brunner hatte diese vorgestellt. Die Bedeutsamkeit des Mehrperspektivischen habe ich seither nie mehr vergessen. Gleichwohl habe ich festgestellt, das viel sie nicht verstanden haben … aber das ist eine andere Geschichte.
Gregory Bateson schimpfte ja oft auf die Familientherapie-Industrie. Wenn ich mir die systemische Therapie hier in Berlin so anschaue: er hatte recht!“

6. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

paradise lost…

Heinz Kersting, der vorgestern vor sechs Jahren im Alter von 68 Jahren gestorben ist, hat viele Menschen zu systemischen Ideen inspiriert, so auch systemagazin-Autor Ulrich Schlingensiepen, der heute für Heinz ein Kalendertürchen öffnet:

„1992 besuchte ich ein Seminar des IBS Aachen zum Thema „Teamsupervision“. In meiner Supervisorenausbildung kam dieses Beratungssetting eher zu kurz und so war ich froh über diese Gelegenheit. Heinz Kersting und Barbara Hamann leiteten diesen Workshop in irgendeiner evangelischen Bildungsstätte in Niedersachsen. Großer Saal, riesige festverankerte Garderobenkonstruktionen mit vorgebautem Tresen, deftige Brauntöne in der Luft. Sicher als Multifunktionsraum gedacht für was auch immer, hier war alles möglich.
Ich hatte Wochen vorher „Das gepfefferte Ferkel“ in die Hände bekommen, ein Lesebuch für Sozialarbeiter und Konstruktivisten, herausgegeben von Heinz Kersting, Christoph Vogel und Theo Bardmann. Ein völlig anderes Buch, verrückt, unterhaltsam und irritierend.
Und dieses Buch hatte einen Beipackzettel mit wunderbaren Verordnungen, es so oder so zu lesen oder es auch ganz anders zu tun, nichts zu glauben sondern auszuprobieren, Spaß an zusammengewürfelten Texten und Comics zu haben und für den Sinn und Unsinn des Ganzen sich schließlich selbst verantwortlich zu fühlen.
Paradise lost! Am Anfang eines konstruktivistischen Denkens steht die Ent-täuschung, die Erfahrung, dass die bisherigen Vorstellungen und Bilder, die man sich von der Welt, von sich und den Mitmenschen gemacht hatte, nicht mehr brauchbar sind, dass man mit den gewohnten Unterscheidungen und Beschreibungen in der Wirklichkeit nicht mehr zurecht kommt. Man erfährt, dass man umbauen muss, dass neue Konstruktionen erforderlich sind. (Das gepfefferte Ferkel).
Heinz Kersting hat diesen Beipackzettel für mich lebendig gemacht und vorgelebt, es war die reine Freude – und Überraschung! Systemische Beratungen sind Provokationssysteme, ermöglichen Umdeutung, sind Irritationen nach Plan und das alles mit einem ordentlichen Schuss Liebe zur Profession. Ob wir auch über Teams und Teamsupervisionen geredet haben? Vielleicht und wenn ja, bestimmt anders. In jedem Falle haben wir mit Beobachtungen 2.Ordnung und Unterscheidungen experimentiert, dass selbst dem ordentlich  evangelischen Saal die Luft weg blieb“

5. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

ein systemisches Pils auf Jürgen Henningsen…

… trinkt Edelgard Struss im heutigen Adventskalendertürchen und erinnert damit an einen ihrer Lehrer, den früh verstorbenen Erziehungswissenschaftler und Kabarettisten Jürgen Henningsen (1933-1983):

Als ich 1972 anfing zu studieren, waren die Dinge am Fachbereich Erziehungswissenschaften (Pädagogik, Soziologie und merkwürdigerweise Publizistik) an der Uni Münster gerade völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Universität war bis auf wenige Fachbereiche völlig überlaufen, regelmäßig fielen Veranstaltungen aus, Desorganisation und/oder studentische Streiks am laufenden Meter. Eines meiner ersten Seminare fand mit 200 Teilnehmenden im leeren Schwimmbad eines nicht mehr bewohnten Studentenheims statt. Andere Veranstaltungen wurden in winzigen Räumen über der sagenhaften Kneipe Pinkus Müller durchgeführt, in der damals hauptsächlich Mitglieder studentischer Verbindungen Altbier tranken, für Damen auch gerne mit – ganz schlimm! – eingemachten süßen Erdbeeren als Altbierbowle angeboten. Obwohl ich in Köln aufs Gymnasium gegangen war, kam ich mir im ersten Semester an der Uni der viel kleineren Stadt Münster vor wie eine desorientierte Provinznudel. Rettungslos verloren im universitären Chaos der wilden 70er Jahre.
Neuer Anlauf zum 2. Semester: ich wollte ganz dringend richtig studieren, mich intensiv mit etwas pädagogisch Relevanten beschäftigen. Wühlte mich durch die Veranstaltungsangebote im Vorlesungsverzeichnis, einem dicken Buch von 250 Seiten aus schlechtem Papier, das zur einen Hälfte aus unverständlichen Satzungen sowie Namen und Sprechstundenzeiten von DozentInnen bestand, zur anderen Hälfte aus extrem knapp gehaltenen Angaben für Lehrveranstaltungen.
Die einzige Chance, dachte ich mir, den Massenveranstaltungen zu entgehen, bestand darin, mir Seminare mit abseitigen Themen zu noch abseitigeren Zeiten zu suchen. Das erste Seminar meiner Wahl lief unter dem Titel „Warenästhetik“. Es hatte nur 25 Teilnehmende und gipfelte in dem Auftritt eines Ingenieurs und Objektdesigners der Firma Braun, der den staunenden Studierenden seine komplette Sammlung von Rasierapparaten zeigte und erklärte, wie vom ersten bis zum aktuellsten Modell das immer ambitioniertere Design der Braun-Rasierer entwickelt wurde. Das zweite Seminar zum so genannten Soziologenstreit begann montagmorgens und 9 Uhr und setzte voraus, dass man sowohl Habermas als auch Luhmann gelesen hatte. Ich fing mit letzterem an und war glaube ich für den Rest meines Studiums an diesem Fachbereich die einzige Studentin, die Luhmann tatsächlich und fasziniert, dafür jedoch Habermas überhaupt nicht gelesen hatte.
Luhmanns Strukturfunktionalismus passte seltsamerweise zu meinem dritten Seminar: „Musische Erziehung 1“. Es fand samstagvormittags von 9 bis 13 Uhr in dem ehemaligen Studentenheim mit dem Schwimmbecken statt, jedoch in einem angenehmeren Raum und mit nur 10 Teilnehmenden, von denen einer seine Trompete mitgebracht hatte, so dass ich dachte, jetzt bin ich vielleicht doch etwas zu weit abseits gelandet in der Auswahl meiner Veranstaltungen. In diesem Seminar wurde innerhalb weniger Wochen eine Kabarettgruppe gegründet, deren Mitglied ich bis weit nach Ende meines Studiums gewesen bin. Und das nicht, weil ich jemals eine besonders talentierte Kabarettistin gewesen wäre, sondern weil ich beim Kabarett systemischen Denken und Arbeiten lernte – alles in allem ein großartiges und lehrreiches Vergnügen.
Das Seminar, d.h. die Kabarettgruppe wurde geleitet von Professor Jürgen Henningsen und seinem Assistenten Anton Austermann. Henningsen war ein hagerer Intellektueller mit zurückgekämmten glatten Haaren, fast immer in weißem Hemd und Anzug, sah eigentlich ein bisschen aus wie Paul Watzlawik in mittleren Jahren, hätte aber auch anstandslos in ein Gruppenfoto der Künstlerszene aus der Weimarer Zeit gepasst. Ihn sehe ich als Initiator meines systemischen Denkens an. In der geistigen Tradition einer phänomenologisch begründeten „hermeneutischen“ Pädagogik (Dilthey, Mollenhauer) und des symbolischen Interaktionismus (Goffman, Blumer) predigte er in seinen Seminaren und besonders bei der Erarbeitung der Kabarettprogramme unermüdlich systemisches Denken und systemische Praxis:

  • Die Erziehungswissenschaft hat in erster Linie und fast ausschließlich nicht mit Sachen zu tun, sondern mit Meinungen über Sachen.
  • Die Wahrheit steckt nicht als roter Faden in der Vergangenheit, sondern in der jeweiligen Gegenwart als Zukunftsermöglichung.
  • Es reicht nicht, daß ein Satz richtig ist. Er muß auch lesbar sein, etwas leisten für den Adressaten. Er muß sich „darstellen“, seinen Inhalt in Form übersetzen. Das ist riskant.
  • Lernen ist eine durch Aufnahme und Verarbeitung von Informationen bewirkte Änderung von Verhaltensweisen selbstorganisierender Systeme, Lehren der Versuch einer Steuerung solcher Aufnahme und Verarbeitung.
  • Der erworbene Wissenszusammenhang ist die sprachlich erschlossene Erfahrung. […] Das Wort „Zusammenhang“ soll dabei keineswegs ein wohlgeordnetes, sauber abgestimmtes System suggerieren: zu denken ist an ein Gefüge, dessen verschiedene Bereiche in verschiedener Weise und Intensität miteinander integriert sind, sei es durch assoziative Verknüpfungen von Vorstellungen miteinander, sei es durch additives Konglomerat oder durch Superzeichenbildung. Totale Integration finden wir nur bei Kindern und Heiligen – die Wohnung eines gewöhnlichen Zeitgenossen ist unaufgeräumt.

Das waren für mich faszinierende Aussagen – und Ansagen, die beim Kabarettmachen unmittelbar praktisch relevant wurden. O-Ton Henningsen als Regisseur vor der Bühne: Leute, über diese Pointe könnt nur ihr lachen! Im Publikum versteht das keiner! Ihr müsst vom Publikum ausgehen und von dem, was die denken! Darauf müsst ihr euch beziehen! Und nicht darauf, was ihr alles wisst und meint! Also, was denkt so ein Mensch im Publikum? Er spielt Lotto und denkt, dass er wahrscheinlich gewinnt, und gleichzeitig, dass ein Lottogewinn das Unwahrscheinlichste überhaupt ist! Eure akademischen Ansichten vom Glücksspiel sind für das Publikum überhaupt nicht wichtig!
Diese Sichtweise habe ich nahtlos auf meine damals beginnende Arbeit in der Psychiatrie übertragen können – und befand mich damit in bester systemischer Gesellschaft, wie sich später herausstellte.
Nach den abendlichen Kabarettproben sind wir oft (sehr oft) in die Alte Post gezogen, um zu fünfzehnt leidenschaftlich Karten zu spielen und ordentlich Pils zu trinken. Das Spiel kam von Jürgen Henningsen und hieß Peesebee oder so ähnlich. Man musste vor jeder Runde die Anzahl der Stiche voraussagen, die man selbst machen würde. Leider habe ich die Regeln vergessen. Ich würde es gerne mal wieder spielen und ein systemisches Pils auf Jürgen Henningsen trinken. Falls jemand die Regeln zum Spiel kennt: bitte melden!

—————
Jürgen Henningsen, 1933 – 1983
Zitate: Autobiographie und Erziehungswissenschaft. Essen: Neue Deutsche Schule, 1981; Kinder, Kommunikation und Vokabeln. Heidelberg: Quelle & Meyer, 1969

4. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

Das soziale Gehirn

Stephan Baerwolff machte mich auf eine interessante Sendung aufmerksam, die bereits am 1.12. im Deutschlandradio Kultur gesendet worden ist. Der Autor Martin Hubert stellt die Frage, wie aufgeklärt die Neurowissenschaft sei und lässt prominente Neurowissenschaftler wie Gerhard Roth, Wolf Singer, Kai Vogeley und Georg Northoff und den Systemtheoretiker Werner Vogd zu Wort kommen:„Es gibt keinen freien Willen, das Ich ist nur ein Illusion und der menschliche Geist bloß ein Anhängsel des Gehirns. Seit 20 Jahren provozieren prominente Hirnforscher mit solchen Thesen die Öffentlichkeit. Fast unbemerkt haben sich jedoch die meisten Neurowissenschaftler von solchen einfachen Annahmen gelöst und andere Wege eingeschlagen. Sie betrachten das Gehirn nicht mehr isoliert, sondern als Vermittlungsinstanz zwischen Körper und Umwelt. Zahlreiche Studien untersuchen mittlerweile, inwieweit das Gehirn als kulturelles und soziales Organ zu verstehen ist. Sie arbeiten an einem facettenreichen Bild des Ichs im Gehirn, das es weder als Illusion noch als dinghafte Substanz begreift. Aber ermöglicht diese Hirnforschung einen fruchtbaren Dialog mit Philosophen und Sozialwissenschaften über den menschlichen Geist?“ Die Sendung kann hier nachgehört werden, das Transkript der Sendung als PDF
gibt es hier… (Foto: Image: digitalart / FreeDigitalPhotos.net)

4. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

Mir fiel vorerst nichts anderes ein, als den beiden zuzuhören

Sabine Klar, Lehrtherapeutin der ÖAS in Wien und langjährige Mitarbeiterin am Institut für Ehe- und Familientherapie in der Wiener Praterstraße erinnert sich für den systemagazin-Adventskalender an eine Beratungssituation, in der ihr deutlich wurde, dass es in der Beratung nicht darum geht, dass Berater die Probleme ihrer Klienten lösen:

Mir fiel vorerst nichts anderes ein, als den beiden zuzuhören

Es war vor nunmehr 23 Jahren und in Österreich gab es damals noch nicht einmal das Psychotherapiegesetz. Ich hatte zwar ein Studium irregulare zur Humanethologin absolviert und war gerade dabei mich in systemischer Familien-, und Sexualberatung auszubilden, hatte aber noch keinerlei Erfahrungen mit konkreten Klientinnen machen können. Trotzdem wurden mir im Rahmen eines Praktikums in einer Familienberatungsstelle bereits Fälle zugeteilt, mit denen ich alleine zurechtkommen musste. Ich erinnere mich, dass ich eines Dezembertages eine junge Frau erwartete. Das Anmeldeblatt erzählte von einer ausnehmend schwierigen Problemlage und Herkunftsgeschichte, die Klientin war vom Jugendamt zugewiesen worden und musste sozusagen zwangsweise Beratung in Anspruch nehmen. Sie kam an der Seite ihrer schon etwas älteren Sozialarbeiterin und ich fürchtete mich so sehr zu versagen, dass mir alle klugen Fragen, die mir die Ausbildung vermittelt hatte, abhanden gingen.  Da saß ich nun und mir fiel vorerst nichts anderes ein, als den beiden zuzuhören. Ich merkte allerdings sehr bald, dass sie gar nichts anderes von mir erwarteten, denn sie hatten vorrangig etwas miteinander zu klären. Die Sozialarbeiterin hatte die junge Frau, die im Heim aufgewachsen war, von Kindheit an betreut. Diese war ihr dankbar, wollte sich nun aber nicht mehr bevormunden lassen und wehrte sich gegen die gut gemeinte Unterstützung. Das kränkte die Sozialarbeiterin, die sich außerdem Sorgen machte. Ich hatte nichts anderes zu tun, als mich für das Beziehungsverhältnis der beiden zu interessieren und sie dabei zu begleiten, zu einem der Situation angemesseneren Umgang miteinander zu gelangen. Mit der schweren Problemlage der jungen Frau musste ich mich gar nicht befassen, denn keiner der beiden war es wichtig – damit kannten sie sich viel besser aus als ich.  Da hätte ich mich geradezu einmischen müssen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie erleichtert ich mich nach Abschluss dieses Falles fühlte, der nach 3 Sitzungen beendet war, denn nun war mir endlich klar geworden, dass es gar nicht zu meinen Aufgaben gehörte, das Problem der Klientin zu lösen, sondern ihr die Möglichkeit zu geben, die Beziehung zu einer ihrer wichtigsten Bezugspersonen anders zu gestalten.

3. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

Sozialpsychiatrie und systematisches Denken

Hartwig Hansen aus Hamburg hat in den vergangenen Jahren immer einen Text für den systemagazin-Adventskalender geschrieben, so auch dieses Mal. Ihm ist ein Buch in Erinnerung gekommen, das ihn auf die„systemische Spur“ gebracht hat:

Sozialpsychiatrie und systematisches Denken

Ich bin sicher, es muss noch irgendwo in meinem Bücherregal zu finden sein. Mal sehen. Ja, hier sind all die Wälzer – Simon und Co: „Die Sprache der Familientherapie“, Jeffrey Zeigs „Psychotherapie – Entwicklungslinien und Geschichte“, „Das Satir-Modell“ und so weiter – die letzten zwanzig, dreißig Jahre querbeet.
Ein paar Handgriffe weiter werde ich fündig. Der blaue Rücken ist schon etwas vergilbt, das Buch ist längst vergriffen und wurde damals auch in einer Druckerei mit dem Firmennamen Plump hergestellt.
Ja, genau das Charlie Chaplin-Bild aus „Moderne Zeiten“ von 1936, auf dem er sichtlich überfordert an der großen Maschine mit den zahllosen Zahnrädern rumschraubt. Das fanden wir damals passend zum Buchtitel, der da lautet: „Sozialpsychiatrie und systemisches Denken“ – weiße Schrift auf blauem Grund. Erschienen ist das Buch 1988 im Bonner Psychiatrie Verlag, dessen Leitung ich ein halbes Jahr vorher übernommen hatte.
Dieses unscheinbare, inhaltlich aber schwergewichtige Werk war meine erste Begegnung mit dem „Systemischen Denken“.
Thomas Keller, damals Abteilungsarzt in der Landesklinik Langenfeld und ausgewiesener Fan der systemischen Idee, hatte angefragt, ob der Verlag die Beiträge und Diskussionen des ersten Langenfelder Symposiums von 1987 veröffentlichen wolle, er halte es für notwendig und an der Zeit, die fortschrittliche psychiatrische Szene mit dem „Systemischen“ bekannt zu machen. Heute staune ich beim Lesen des Inhaltsverzeichnisses, wen er und seine Kollegen damals bereits in Langenfeld zusammengerufen hatten. Mir sagten die Namen nichts – heute weiß ich, dass es alles Pioniere für das „neue Denken“ waren: Luc Ciompi schrieb über „Systemtheoretische Aspekte der psychiatrischen Rehabilitation“, Fritz B. Simon und Gunthard Weber skizzierten „Das Invalidenmodell der Sozialpsychiatrie“, Klaus Deissler fragte in Form von „Zehn Thesen: Lohnt sich der Flirt mit der systemischen Therapie?“ und Jay Haley mahnte – unnachahmlich ironisch –: „Warum ein psychiatrisches Krankenhaus Familientherapie meiden sollte“ …
Am Ende des Buches stellte Thomas Keller selbst eine „Kleine Übersicht wichtiger Begriffe in der systemischen Therapie“ zusammen: Autopoiese, Delegation, Double bind, Kontext, Kybernetik, Symbiose, Zirkularität … Potzblitz, ich verstand nur Bahnhof. Gut, dass es hier mal knapp und verständlich erklärt wurde.
Irgendwas musste also dran sein an dem „Neuen“, immer häufiger begegneten uns in der Verlagsarbeit „systemische“ Ansätze, Ideen, Vokabeln – der Psychiatrie Verlag verstand sich ja als der innovative Fachverlag der Sozialpsychiatrie und war Neuem durchaus aufgeschlossen, auch wenn es sich manchmal so anfühlte, als könne das Ganze auch eine der schnelllebigen Moden sein.
Dass der für uns so wichtige Buchhandel mit dem Titel „Sozialpsychiatrie und systemisches Denken“ – aus heutiger Sicht ein Selbstgänger – so seine Probleme hatte, merkten wir an den wiederholten, mal schriftlichen, mal telefonischen, Hinweisen nach Erscheinen, dass uns da wohl ein peinlicher Satzfehler unterlaufen sei: Wenn überhaupt wollten sie das Buch „Sozialpsychiatrie und systematisches Denken“ für einen Kunden bestellen …
Und wir konnten nur mit dem ebenfalls im Verlag erschienenen Titel des Standardwerks „Irren ist menschlich“ antworten und das mit dem „Systemischen“ zu erklären versuchen. Das war dann mitunter nicht so einfach mit der Verständigung und endete in der Regel mit dem (etwas genervten) Satz: „Ja, dann schicken Sie uns doch bitte einfach das Buch …“
So schlecht finde ich die Verwechslung „systemisch – systematisch“ heute gar nicht mehr.
Thomas Keller und „das systemische Denken“ haben sich – systematisch überzeugend – durchgesetzt in den letzten Jahrzehnten, und ich freue mich, dass ich das Buch mit dem Charlie Chaplin-Cover in meinem Bücherregal noch wiedergefunden habe. Es ist ein kleiner Schatz, von dem ich vor 23 Jahren nie gedacht hätte, dass ich das heute so schreiben würde.

2. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

Durch die Brille der Klienten sehen

systemagazin-Leser Michael Schloetmann aus Ense (Bremen), Systemischer Therapeut und Psychodramapraktiker, erzählt im Adventskalender, wie ihm eine neue Sichtweise aufgegangen ist:

Durch die Brille der Klienten sehen

Während meiner Ausbildung zum „Systemisch integrativen Therapeuten“ hatte ich im Rahmen meiner langjährigen Tätigkeit in einer Wohneinrichtung für psychisch erkrankte und suchtkranke Menschen einen Gesprächstermin in einer psychiatrischen Klinik.
Die Sozialarbeiterin der Station hatte mit mir den Termin vereinbart, weil sie für eine Patientin eine langfristige stationäre Betreuungsmöglichkeit finden sollte. Wir saßen zur vereinbarten Zeit im Arztzimmer, ich begann das Gespräch mit dem frisch erlernten Joining und fand guten Anschluss an die Kommunikation – bis die Sozialarbeiterin die Patientin mit den Umständen konfrontierte, die Anlass des Gespräches waren.
Sie brauche doch Hilfe, ihre Wohnung sei völlig verwahrlost, worauf die Patientin zunächst antwortete: „Da muss erst noch die Spurensicherung rein!“.
Als sie mit weiteren Defiziten konfrontiert wurde, sagte sie der Kollegin: „ich sehe das ganz anders!“, nahm ihre Brille aus der Tasche, reichte sie der Sozialarbeiterin und sagte ihr: „Hier, nehmen Sie mal meine Brille!“ 
Das war für mich eine der eingängigsten Lektionen in meiner Ausbildungszeit.

1. Dezember 2011
von Tom Levold
Keine Kommentare

Address is Approximate