systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

15. Dezember 2011
von Tom Levold
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1968, die Sicht von oben und das Leben eines Fünfmarkstücks

Dass die Türe zum systemischen Denken nicht nur von ausgewiesenen Systemikern, sondern auch in ganz anderen Zusammenhängen – und viel früher – aufgestoßen werden kann, beweist systemagazin-Leserin Lisa Reelsen in ihrem schönen Beitrag im heutigen Kalendertürchen:

„Ja, sie war´s. Ich glaube, sie war´s. Sie muss es gewesen sein! Ich bin mir sicher! Sie war die Person – nach der ja gefragt war – die mir wohl einen ersten Eindruck von systemischem Denken und Handeln vermittelt hat. Aber wann ist man schon sicher?
Eine Weile habe ich nachgedacht, ob ich dem diesjährigen Schreibimpuls für einen Beitrag zum Adventskalender im systemagazin würde nachgehen können. Es fielen mir viele wichtige Menschen und Begegnungen ein. Es können auch die Kunst und einige ihrer Vertreter gewesen sein, die mich immer wieder lehren und erfahren lassen, dass Umdenken notwendig ist, um Menschen, Dinge und Sachverhalte besser verstehen zu können. Auch viele gelesene Bücher waren inspirierend und ich kann mich auch daran erinnern, wer mir das ein oder andere Buch empfohlen hat. Meine Freundin aus Kindertagen, die nun Kinder- und Jugendpsychiaterin ist? Ganz sicher! Oder war es mein alter Studienfreund, der Psychologe ist und mir seinerzeit die Ausbildung zur systemischen Beraterin mit den guten Lehrtherapeuten im WISL empfahl? Ja, der auch! Außerdem war er es, der mir die bundesweite Tagung mit dem Thema „Die Schule neu erfinden“ empfohlen hatte, die im März 1996 in Heidelberg stattfand. Es ging um eine systemisch-konstruktivistische Annäherung an Schule und Pädagogik. Ich kann mich an Menschen und Vorträge erinnern, die mich beeindruckt haben. Heinz von  Foerster war wohl anwesend. Ernst von Glasersfeld auch? Da fängt es schon an mit den Erinnerungslücken. Auf jeden Fall war das für mich ein deutlicher Auftakt, mich mit systemischen Überlegungen und einer systemischen Betrachtungsweise auf die Schule, die Pädagogik und später auch auf die Lehrerbildung zu beschäftigen und mich mit dem „Unterricht als eine Konstruktion“ auseinander zu setzen. Aber wann fing es genau an?
Ich gehe noch einen Schritt weiter zurück in meiner Erinnerung. Denn sie war´s doch, denke ich, meine Grundschullehrerin im dritten Schuljahr! Nach meiner Einschulung 1966 in eine katholische Volksschule in einem kleinen Dorf bei Paderborn erlebte ich dort zunächst keine schönen Jahre. Die relativ alten Lehrer damals versuchten ihr Bestes, unterstelle ich ihnen mal, doch der Unterricht lief ausschließlich frontal ab, er bestand zu großen Teilen aus Abschreiben, im Chor lesen und Päckchen rechnen. Er blieb leider auch nicht frei von Demütigungen und Schmerzen, verursacht von „ausgerutschten Händen“. Außerdem erlebte ich den Unterricht meist als sehr langweilig und so kam ich auf allerhand „dummes Zeugs“, wie man sich die Zeit in der Schule dennoch irgendwie interessant gestalten konnte. Auf manche Lehrer wirkte ich vermutlich sehr anstrengend. Doch meist blieb ich angepasst und relativ brav.
1968 kam SIE, eine sehr junge, braungebrannte neue Lehrerin mit dunklen Haaren. Sie war vielleicht 20 Jahre alt, wohl noch in der Ausbildung, ja so wird es gewesen sein, denn oft saß der damalige Rektor mit im Unterricht. Sie strahlte uns an und fragte jeden einzelnen von uns nach seinem Namen. Ich fühlte mich das erste Mal in der Schule einfach direkt gesehen. Sie sorgte wohl in der Volksschule unseres kleinen Dorfes mit 1500 Einwohnern für kleine Revolutionen in der Unterrichtsführung, zumindest in dem von mir bis dahin so erlebten Unterricht. So peppte sie z.B. den Religionsunterricht mit Dias von ihrer Reise durch Israel auf, die sie uns nun zeigte. Dazu erzählte sie interessante Geschichten. Begeistert lauschte ich ihren Worten und die Bilder sorgten für Fernweh. Sie wohnte auch nicht im Dorf und fuhr täglich mit einem weißen VW Käfer vor die Schule. Manchmal nahm sie mich verbotenerweise mit. Ich wohnte etwas am Rande des Dorfes, der Heimweg ging bergauf und ich war stolz mitfahren zu dürfen.
Irgendwann fand sie wohl im Schulgebäude einen alten großen quadratischen Sandkastentisch auf Rollen, den sie etwas entstaubt hatte und eines Tages mitten ins Klassenzimmer schob. Tische und Stühle wurden an den Rand gestellt. Jedem gab sie ein kleines Holzhäuschen in die Hand, von der Sorte wie sie in Monopoly-Spielen zu finden sind. Ihr gestellter Arbeitsauftrag dazu lautete: „Stellt euch vor, der Kasten ist unser Dorf. Nun stellt jeder sein markiertes Häuschen an den Platz, wo er glaubt, dass das Haus steht, in dem er wohnt.“ Es gab Nachfragen, wie das denn gehe. Und sie sagte: „Stell dir vor, du bist ein Vogel und schaust von oben auf unser Dorf. Wo wohnst du denn nun? Kannst du das Haus sehen, in dem du wohnst? Stelle das Holzhäuschen an den Platz.“
Puh, wir waren mehr als 30 Kinder in der Klasse und es gab ein Gerangel, es wurde laut. Jeder wollte seinen Platz finden in dem großen Kasten. Sie ließ uns machen, reden, begründen, streiten und einigen, wo was zu stehen habe. Zum Schluss standen alle Häuser irgendwie irgendwo. Sie ließ sie so stehen. Erst am nächsten Tag ging es weiter. Wir lernten, dass Distanzen relativ sind, wir begriffen langsam die Himmelsrichtungen. Wir erfuhren die Notwendigkeit von Einigung auf etwas zur besseren Verständigung. Wir erlebten die veränderte Sichtweise von oben sowie den zeitlichen Abstand eines Tages, der den Streit weniger wichtig erscheinen ließ, etc. etc.
Heute könnte man sagen, das war ein genialer, an die Lebenswelt der Schüler/innen anknüpfender Einstieg in eine Unterrichtseinheit zur Kartenarbeit im Heimatunterricht, der schnell alle Schüler/innen aktiv werden ließ, in dem selbstentdeckendes Lernen ermöglicht wurde unter Berücksichtigung von Elementen des Kooperativen Lernens usw. oder so ähnlich. Auf jeden Fall sorgte er für diese intensive Erinnerung und Nachhaltigkeit, zumindest bei mir mit der eigentlich banal erscheinenden Erkenntnis:  Veränderungen von Sichtweisen führen oft zu Lösungen. Wenn ich an meinen mangelnden Orientierungssinn denke und an den unerschütterlichen Glauben an mein Navigationsgerät im Auto, muss ich allerdings schmunzeln. Es lässt mich aber auch lächeln bei dem Gedanken daran, dass ich schon oft das schöne Sternenbild der Südhalbkugel der Erde bestaunen durfte, welches sich anders präsentiert als das mir bis vor vielen Jahren bekannte.
In dem gleichen legendären Jahr 1968, in dem ich eben erst 8 Jahre alt war und von den politischen Entwicklungen nichts mitbekam, sorgte diese tolle Lehrerin, die wir „Frollein Rochell“ nannten, für eine ebenso nachhaltige Erfahrung im Deutschunterricht.  Sie forderte uns auf, eine Geschichte zu schreiben. Neben den langweiligen bis dahin anzufertigenden Aufsätzen mit eindeutigen einzuhaltenden textsortenspezifischen Kriterien (Rezepte schreiben, Erlebniserzählung mit Einleitung, Hauptteil, Schluss u.a.) hatte der folgende Schreibauftrag seinen besonderen Reiz. Das gestellte Thema lautete: „Aus dem Tag eines Fünfmarkstücks“. Ich weiß noch, ich fragte nach: „Wie geht das?“ Frollein Rochell meinte: „Na, du bist das Fünfmarkstück. Schreib auf, was du so an einem Tag erlebst“.
Und ich schrieb und schrieb, seitenweise und aus der Ich – Perspektive. Es machte unbändigen Spaß, mich in dieses Geldstück hineinzuversetzen und ich erzählte fast sein halbes Leben. Nun gut, es landete sogar in Kalkutta, das weiß ich noch. Zur gleichen Zeit las ich nämlich ein Kinderbuch, dessen Geschichte in Kalkutta spielte. Der Name der Stadt klang für mich nach der
großen weiten Welt. Die Autorin des Kinderbuches kam jedoch auch direkt mit erhobenem Zeigefinger daher. Wir sollten ja – vor allen Dingen beim Essen – oft an die armen Kinder auf der Welt denken, es gelang mir und meinen Mitschüler/innen aber nur wenig. Ob es das Fünfmarkstück geschafft hat, weiß ich nicht mehr.
Heute wäre der Schreibauftrag von damals dem Konzept des Kreativen Schreibens zuzurechnen, das sich u.a. den vielbeachteten Aspekten von Kaspar Spinner verpflichtet sieht, nämlich der Irritation, der Imagination und der Expression. Allerhand Kompetenzen können dadurch angebahnt werden. Herausfordernd war die Aufgabe, spannend und vermutlich für mich das erste Mal ein Anlass, mich in etwas hineinzuversetzen und deutlich die Perspektive zu wechseln.
Das Fünfmarkstück hat nun ausgedient, darf irgendwo auf seine alten Tage rumliegen und sich ausruhen. Vielleicht ist es auch eingeschmolzen worden und wieder als etwas anderes im Umlauf. 1968 führte die Aufforderung, die Perspektive zu wechseln, bei mir zu einer erhöhten Schreibmotivation, heute in meiner Arbeit meist zu unerwarteten interessanten Lösungen.
Frollein Rochell, die unsere Ressourcen, die wir als Kinder hatten, im durchgängig wertschätzenden Umgang mit uns so geschickt hervorlockte, verließ die Schule und uns – so habe ich es traurig erlebt – nach gut einem Jahr, heiratete, zog nur ins Nachbardorf, war jedoch dann für uns unendlich weit weg. Ich traf meine damalige Lehrerin, die nun anders heißt, tatsächlich zufällig nach 40 Jahren vor genau drei Jahren ausgerechnet bei der Beerdigung eines Menschen, der uns beiden wichtig war, in meinem Heimatdorf wieder. Wir erkannten uns und es freute uns beide. Es war nicht der richtige Ort, nicht die richtige Zeit und nicht der richtige Raum für ein längeres Gespräch. Auf jeden Fall konnte ich ihr bei dieser Gelegenheit persönlich danken.
Ja, sie war´s!“

14. Dezember 2011
von Tom Levold
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Klug sein wollen und eine peinliche Erkenntnis

Heute öffnet Dörte Foertsch, Lehrtherapeutin am Berliner Institut für Familientherapie und Mitherausgeberin des„Kontext“ das Kalendertürchen und berichtet von einem einschneidenden epistemologischen Erlebnis mit Gunthard Weber:

„Wenn ich mich versuche zu erinnern, fällt mir das genaue Datum nicht mehr ein, nur so ungefähr, dass es 1985 war, im Frühjahr, könnte aber auch später in einem Herbst gewesen sein. Erste aufregende Literatur war zu lesen und neue Erkenntnisse gab es zu verinnerlichen. Ich hatte „Paradoxon und Gegenparadoxon“ von den Mailändern geradezu verschlungen, durcheinander geratenes Wissen über die Welt und die in ihr gelehrte Psychologie folgte meinem Studium am Psychologischen Institut an der FU bei Klaus Holzkamp und anderen Vertreterinnen der „Kritischen Psychologie“.
Ein politisches Bekenntnis gegen die naturwissenschaftliche Psychologie war unmittelbares Bedürfnis geworden, wir stellten die Methodenwisenschaften, Forschung und die gelernte Statistik, aber besonders die Diagnostik der Psychopathologie grundsätzlich infrage. Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick, „Ökologie des Geistes“ von Gregory Bateson machten dieser Kritik Beine und das kopflastige Studium erweiterte sich in die Richtung, sich mit Systemischer Therapie, damals ja noch Familientherapie, zu beschäftigen.  Ich hatte Wendezeit von Fritjof Capra gelesen, Derrida und Foucault versucht zu verstehen, war Heinz von Foerster bei einem seiner lebendigen Vorträge begegnet, klein in seiner Statur, groß in seinem philosophischen Einfluss.
Das Berliner Institut für Familientherapie hatte sich als BIF gegründet und eine Anlehnung an die „Heidelberger“ und die „Mailänder“ gefunden. Allerdings sollte auch ein kritischer Geist gegenüber den schon damals immer wieder auftauchenden Ideen um die „wahren“ Systemischen Konzepte und deren Vertreterinnen bewahrt bleiben.
Um diese Idee lebendig werden zu lassen, waren viele dieser Menschen zu Workshops und Seminaren ans BIF eingeladen,  in diesem Jahr auch Gunthard Weber. Zum Thema machte er die Bedeutung von Symptomen im familiären Miteinander, welche Funktion sie haben könnten, welches Gleichgewicht sie herstellen und wie die sogenannten Symptomträger einen wichtigen Beitrag in ihren Familien leisten.
Wir sollten uns ein Video von 30 Minuten Länge anschauen und Hypothesen bilden, mit welchem Problem diese Familie ans Heidelberger Institut gekommen sein könnte. In kleineren Gruppen waren alle Seminarteilnehmerinnen eifrig beschäftigt, herauszufinden, was in dieser Familie los sei. In der Auswertung danach kamen so gut wie alle Möglichkeiten vor, Ehekonflikte bei den Eltern, Trennungsabsichten, außereheliche Beziehungen. Über die Tochter wurde spekuliert, sie könnte eine Essstörung haben, der Sohn könnte drogenabhängig sein. Die Mutter war auch für verrückt gehalten worden, also so ein bisschen psychotisch, der Vater wirkte auf einige depressiv, usw. Jede Teilnehmerin wollte auf einmal ganz klug sein und die beste Erkenntnis über diese Familie produzieren. Es gab ganz aufgeregte Diskussion über die Problematik in dieser Familie.
Und dann kam die Auflösung durch Gunthard Weber.
Das Video zeigte eine Familie, die im Rahmen einer Vergleichsstudie zu Beziehungsmustern in Familien interviewt worden war und es handelte sich um eine ganz „normale“ Familie, die sich in dieser Studie zur Verfügung gestellt hatte, um über sich und ihre Beziehungen ganz „normal“ zu sprechen. Wir alle waren sehr peinlich berührt über unsere Ideen und den ehrgeizigen Antrieb, besonders kluge Analysen machen zu wollen. Mir ist das so sehr in Erinnerung geblieben, dass ich noch heute dieses Gefühl erleben kann, wie sehr ich mich ins Zeug gelegt hatte, auch bei den Klügsten sein zu wollen, um dann diesem peinlichen Vorführeffekt ausgeliefert zu sein. Ein gutes und lang anhaltendes Lehrstück“

13. Dezember 2011
von Tom Levold
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Marx, Maturana und die Kunst zirkulären Denkens

systemagazin-Leser Franz Friczewski, Coach aus Hannover, hat das zirkuläre Denken schon bei Karl Marx entdeckt. Von dort zu Maturana und Luhmann war dann nicht mehr weit, wie er im heutigen Kalendertürchen erzählt:

„Der erste, der mich auf die Spur systemischen – oder wie ich sagen würde: zirkulären – Denkens brachte, war … Karl Marx. Der zweite war ein junger Assistenzarzt in einer Berliner Klinik. Und schließlich dann ein Mann namens Humberto Maturana. Aber der Reihe nach.
Es war etwa 1976. Wie viele Andere damals auch las ich Karl Marx. Ich versuchte das Wesen des Geldes zu verstehen. Geld war für Marx: ein in dinglicher Hülle verstecktes gesellschaftliches Verhältnis. Seltsame Ausdrucksweise… Beim Versuch, sie zu ergründen, stieß ich auf folgendes Paradoxon (Kapital Band I, Kapitel 2):
„Die Waren müssen sich (..) als Werte realisieren, bevor sie sich als Gebrauchswerte realisieren können.
Andrerseits müssen sie sich als Gebrauchswerte bewähren, bevor sie sich als Werte realisieren können.“
Also wie jetzt…?? Die Gedanken begannen, sich in meinem Kopf um sich selbst zu drehen. Aber ich lernte schließlich von Marx: Es geht hier um eine reale, prozessierende Paradoxie. Und ihre – Gewalt implizierende – Lösung ist: das Geld. Das erinnert an Luhmann, aber das wusste ich damals (1976) noch nicht. Jedenfalls, von da an konnte ich nur noch zirkulär denken, nicht mehr dualistisch-linear.
Jahre vergingen. Es muss 1983 gewesen sein. Die Ärzte einer Berliner Klinik hatten mich eingeladen, einen Vortrag über „Herzinfarkt und Industriearbeit“ zu halten. Der Hintergrund: Ich hatte am Wissenschaftszentrum Berlin ein empirisches Forschungsprojekt zum Thema „Herz-Kreislauf-Krankheiten und industrielle Arbeitsplätze“ abgeschlossen. In diesem Projekt ging es darum zu zeigen, dass Herzinfarkt keineswegs nur eine  „Managerkrankheit“ ist. Es war eines dieser klassischen Projekte aus dem Bereich „Humanisierung der Arbeit“. Das zugrundeliegende Paradigma lautete: „Arbeit macht krank“. Man suchte nach „objektiven“ Arbeitsbedingungen wie Zeitdruck usw. auf der einen Seite; und nach „subjektiven“ Verhaltensmustern wie Typ-A-Verhalten auf der anderen; kurz: nach sog. Risikofaktoren, die Herzinfarkt „machen“. Mir war immer unwohl bei diesem Ansatz. Er sieht sich als „humanistisch“, ist aber blind für die subtile Gewalt, die sich in der ihm eigentümlichen Art des Beobachtens verbirgt. Also versuchte ich, zirkulär zu argumentieren: Arbeitsbedingungen als „in dinglicher Hülle versteckte gesellschaftliche Verhältnisse“ und die damit korrespondierenden Verhaltensmuster.
Und nun zu dem Vortrag. Die Ärzte fanden ihn zwar „irgendwie“ interessant, hatten aber, wie zu erwarten, gewisse Rezeptionsprobleme. Am Schluss kam ein junger Assistenzarzt auf mich zu: “also, ich habe ja auch nicht viel verstanden; aber was Sie da sagen, hört sich ganz so an, wie ein Buch, das ich gerade lese.“ Auf meine interessierte Rückfrage nannte er mir einen Titel, der irgendwie spannend, aber zugleich äußerst seltsam klang: „Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit“. Ein paar Tage später hatte ich das Buch Maturanas in der Hand. Ich war, genau wie die Ärzte, „irgendwie“ fasziniert, verstand aber erst mal genau so viel wie sie bei meinem Vortrag: nämlich (fast) nichts. Damit begann aber ein Lernprozess, der bis heute andauert.
Was ich dabei lern(t)e: Maturana zentraler Begriff „Autopoiesis“ zielt nicht auf eine Theorie im klassischen Sinn. Es geht vielmehr darum zu lernen, eine bestimmte Haltung einzunehmen: die Haltung eines Beobachters, der lebendige Zusammenhänge be-greifen will, ohne ihnen durch sein Beobachten Gewalt anzutun. Und dieser Be-griff / diese Haltung erschließt sich uns dann, wenn wir lernen, jene Seite des Erkennens, die wir gewöhnlich ausblenden, immer wieder einzublenden: das vorbegriffliche, sinnlich-ästhetische, körper-nahe Denken, die Welt der inneren Bilder, die wir in unseren Konversationen – mit Händen, Füßen, Mimik und Stimme – fortlaufend gemeinsam erzeugen.
Es ist m. E. der große Mangel der Luhmann’schen Systemtheorie, dass sie die Bedeutung dieser Ebene für gesellschaftliche Synthesis (für das, was Gesellschaft zusammenhält) nicht in den Blick bekommt. Dass sie blind ist für die subtilen Mechanismen der Gewalt, die sich in unserem Vergesellschaftungsmodus verbirgt. Insofern ist Maturana für mich heute aktueller denn je“

12. Dezember 2011
von Tom Levold
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systemische Aufstellungen als NebenHauptfach

Wofür das Aufstellen nicht alles gut ist. systemagazin-Leser Tobias Wieland ist über das„Stellvertretern“ zur Systemischen Therapie gekommen und erzählt im heutigen Kalendertürchen wie:

„Meine erste wirklich zündende Begegnung mit systemischer Theorie und Praxis fand eher am Rande eines universitären Einführungsseminars in systemische Familientherapie statt. Der Professor, dessen Name ich mittlerweile vergessen habe, erwähnte kurz vor Schluss, dass es als familientherapeutischen Ansatz auch die Aufstellungsarbeit von Bert Hellinger gäbe, und es sehr erstaunlich und lehrreich sei, als Stellvertreter aufgestellt zu werden. Ein schönes Beispiel für die Idee, dass die Bedeutung der Nachricht beim Empfänger entschieden wird: Irgendetwas interessierte mich an dieser Stellvertreter-Idee außerordentlich und so telefonierte ich die lokalen Aufsteller ab, die im örtlichen Stadtmagazin warben. Dort war ich in der Folge immer wieder ein gern gesehener Gast – vor allen Dingen als Mann. In der Tat hat mich diese Arbeit damals sehr fasziniert. Die Beschäftigung damit hat mich zudem über so manche Frustphase des Studiums hinübergerettet. Ich habe sozusagen systemische Aufstellungen als NebenHauptfach (hauptsächlich, aber neben dem Studium) studiert und schließlich sogar meine Diplom-Arbeit über dieses Thema geschrieben. Durch das Stellvertretern ergaben sich außerdem sehr schöne und ermutigende Kontakte mit Therapeuten, die mir heute noch gut im Gedächtnis sind. Für mich war diese Möglichkeit ein großes Glück: Wo hätte ich  sonst so direkt Familientherapie und –therapeuten als Außenstehender erleben können?
Mittlerweile habe ich mich von Aufstellungen etwas entfernt, nähere mich aber zyklisch immer wieder an und absolviere zurzeit eine „klassische“ systemische Ausbildung. Geblieben ist mir eine entspannte Offenheit, scheinbar widersprüchliche Ideen und Ansätze nebeneinander gelten lassen zu können. Darüber bin ich sehr froh. Und bei der Gelegenheit  möchte ich dem Professor von damals für seinen Schmetterlingsflügelschlag danken, der mir letztlich einen schönen kleinen Sturm im Leben beschert hat“

11. Dezember 2011
von Tom Levold
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eine Frage zart wie eine Feder

Heute finden wir im Adventskalender einen Beitrag von systemagazin-Leser Thomas Hannss, Sozialarbeiter, Systemischer Therapeut und Supervisor (SG) in eigener Praxis, der während eines Praktikums von einer Mitarbeiterin der Einrichtung inspiriert worden ist:

„Die Frage wer mich oder wie ich zum systemischen Denken und arbeiten gekommen bin, möchte  ich mit dieser kleinen Geschichte beantworten:
Es war ca 1996/97, ich absolvierte ein Praktikum in einer Psychosozialen Beratungsstelle. Das Team war mit analytisch und systemisch arbeitenden KollegInnen besetzt.  Eine der Mitarbeiterinnen arbeitete systemisch und befand sich kurz vor dem Abschluss ihrer Weiterbildung zur systemischen Therapeutin.  Um besser zu verstehen wie dies funktioniert zeigte sie mir ein Video aus ihrer Fortbildung, das bei einer sogenannten „Live-Sitzung“ entstand. Die Mitarbeiterin hatte eine Paarberatung vor den Augen der anderen Fortbildungsteilnehmer durchzuführen. Neben ihr saß eine kleine, zierliche Dame, die Lehrtherapeutin, die ihr immer wieder etwas ins Ohr flüsterte, was  dann an die Klienten  weitergeben oder gefragt werden  sollte. Ich dachte mir schnell, dass die „Flüsterbotschaften“ es sehr in sich haben müssen, denn ich war sehr beeindruckt, was bei dieser Sitzung alles zur Sprache kam. Für mich stand damals fest, mir das Lernen des systemischen systemische Arbeitens in genau diesem Institut anzuschauen und auszuprobieren, ob es für mich passt.
Es war dann 2004, als ich, mittlerweile systemischer Therapeut,  selbst im Kreise einer Fortbildung,  zum systemischen Supervisor  mit dieser Lehrtherapeutin und –Supervisorin arbeiten durfte. Ich erinnere mich noch heute an viele ihrer Aussagen und ihren wohl auf enormer Erfahrung aufbauenden „Riecher“ für treffende Fragen und aktivierende Interventionen. Eine Erfahrung für mich dabei war und ist, dass eine Frage zart wie eine Feder an ein Thema heranführen kann, aber auch direkt wie ein Schwert eingebracht werden kann, und dementsprechend wirkt.
Abschließend kann ich sagen, dass es eine ganz spezielle und bereichernde Methode des Lernens war. Danke an Uschi für die damalige Anleitung. Und an Ulla und Hans: Schön, dass es Lehrende gibt, die Neues ausprobieren“ 

10. Dezember 2011
von Tom Levold
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Eine indirekte Begegnung mit direkten Folgen

Rudolf Klein ist Lehrtherapeut bei der Saarländischen Gesellschaft für systemische Therapie. 1980 hatte er gerade sein Studium abgeschlossen und als Berufsanfänger eine Stelle in einer Suchtklinik angenommen. Im heutigen Kalendertürchen erzählt er von seiner ersten Begegnung mit der Familientherapie, fremd und anziehend zugleich:

„Es war im Jahr 1980 als sich meine Sicht auf das Leben veränderte. Die Änderung war nicht etwa die Folge einer direkten, sondern die einer indirekten Begegnung mit einer Person.
Und das ging so: Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen, in dem ich mich während der letzten drei Semester mit der Thematik suizidaler Krisen beschäftigte. Ich befasste mich damals neben allgemeinen Arbeiten zur Psychoanalyse v.a. mit den gängigen Autoren zum Thema Suizidalität. Damals lernte ich, Suizidalität sei eine individuelle Problematik, die aus psychoanalytischer Sicht als Folge einer im Verlauf der individuellen Biografie nachvollziehbaren narzisstischen Krise verstanden und interpretiert werden könne. Der Verlauf einer solchen Krise ließe sich als „präsuizidales Syndrom“ beschreiben.
Da Klienten als Auslöser für suizidale Krisen überwiegend aktuelle und persönliche Problemlagen familiärer, beruflicher oder ökonomischer Art angaben, lag die Idee nah, die gegenwärtigen Lebensbedingungen für das suizidale Geschehen als relevant anzusehen. Ich begann zu recherchieren.  Interessanterweise stieß ich bei diesen Recherchen weder auf den Begriff „Familientherapie“ oder „Familienforschung“ noch hatte ich auch nur ansatzweise eine Ahnung, dass es so etwas geben könnte. Leider halfen mir auch die damaligen Professoren nicht auf eine solche Fährte – aus welchen Gründen auch immer.
Stattdessen las ich soziologische Abhandlungen, denen psychoanalytische Überlegungen zugrunde lagen. Diese widmeten sich der Analyse gesellschaftstruktureller Bedingungen und deren Wandlungsprozesse.
Entsprechend beschäftigte ich mich zum Abschluss des Studiums im Rahmen der Diplomarbeit mit der Thematik „Gesellschaftsstruktur und Suizidalität“. Die Arbeit daran war interessant – aber ich hatte den Eindruck, dass die eher soziologisch fassbaren Zusammenhänge einerseits und die individuellen Leidensgeschichten andererseits zwar „irgendwie“ in Verbindung standen, dennoch eine sehr große Distanz zueinander aufzuweisen schienen. 
Kurz nach Abschluss der Diplomarbeit nahm ich meine erste Arbeitsstelle an: In einer Fachklinik für Alkohol- und Medikamentenabhängige. Es war eine Klinik, die nach einem psychoanalytischen Konzept arbeitete, süchtige Entwicklungen ebenfalls als Antwort auf narzisstische Kränkungen interpretierte und Angehörige gegen Ende der Therapie in Form sogenannter Angehörigenseminare in die Arbeit einbezog.
Diese Angehörigenseminare konzentrierten sich darauf, die Angehörigen als Unterstützer des Behandlungserfolgs zu gewinnen. Sie wurden dazu angeregt und auch angeleitet, auf welche Weise sie ihren abhängigen Partnern helfen konnten, das zarte Pflänzchen einer gerade begonnenen abstinenten Phase weiter wachsen zu lassen – bis hin zu einer lebenslangen Abstinenz: Durch Unterlassen kritischer und konfliktträchtiger Themen, durch Ausmustern von  Kochrezepten (z.B. Soßen mit Rotwein oder Flambieren von Fleisch), durch Wegschütten jeglicher alkoholischer Getränke, durch möglichst eigenes abstinentes Verhaltens, durch Meiden von Mundwässern, Weinbrandbohnen und Schwarzwälder-Kirsch-Torte und durch Empfehlungen, von wem, wie oft und wie lange Selbsthilfegruppen aufgesucht werden sollten. Aus heutiger Sicht eine (hoffentlich) merkwürdig anmutende Form der familien- und paarorientierten Begleitbehandlung.
Als Berufsanfänger und Neuling in dieser Klinik hatte ich weniger zu tun als die Kolleginnen und Kollegen. Ich war nach einer Einarbeitungszeit als Co-Therapeut für eine Therapiegruppe zuständig und hatte dadurch Zeit, mich mit allerlei Nebensächlichkeiten zu beschäftigen. So durchstöberte ich eines Tages eine Abstellkammer. Dort fand ich mehrere verstaubte Pappkartons, in denen offenbar seit Jahren völlig ungeordnet Bücher und Fachzeitschriften entsorgt worden waren. Ich las hier und las dort. Bis ich auf ein Heft stieß, das ich nicht kannte. Es schien eine Fachzeitschrift zu sein. Von den beiden Herausgebern hatte ich noch nie etwas gehört. Es handelte sich um Heft 2 des ersten Jahrgangs und stammte von 1976, war also vier Jahre alt.
Ich schlug das Heft auf und begann kreuz und quer zu lesen. Alle Autoren waren mir gänzlich unbekannt. Der erste Aufsatz befasste sich mit einer Theorie der Schizophrenie. Der Autor hieß Theodor Lidz. Ich überflog den Text, da ich mit solchen Symptomen noch keine Erfahrung hatte. Ein weiterer Artikel präsentierte eine paradox verschriebene Parentifizierung, stammte von einer italienischen Gruppe, deren erstgenannte Autorin eine gewisse Mara Selvini war. Dieser Text überforderte mich komplett. In einem weiteren Beitrag wurde eine Therapie über 9 Jahre von einem Menschen namens Luc Kaufmann vorgestellt. Und dann gab es noch einen Text mit Überlegungen über Loyalität und Übertragung. Der Autor hatte einen Namen, den ich erst Jahre später halbwegs korrekt auszusprechen lernte: Ivan Boszormenyi-Nagy.
Alle Artikel waren in erster Linie verwirrend, teilweise unverständlich und hatten den mir so bekannten Effekt, Zweifel an meinen intellektuellen Fähigkeiten zu schüren und ihm neue, scheinbar endlos vorhandene Nahrung zu liefern.
Gerade wollte ich das Heft frustriert wieder in einem der verstaubten Kartons versenken – da geschah es: Ich blätterte den zweiten Artikel durch. Er behandelte die Frage: Einzel- oder Familientherapie? Der Autor beschrieb Überlegungen, wie ein Zusammenhang zwischen einer individuellen Symptomatik und der familiären Dynamik hergestellt werden kann. Und damit nicht genug. Dieser Autor verwendete, wie er schrieb, „sein“ Konzept der Interaktionsmodi von Bindung, Delegation und Ausstoßung, um die Verbindung zwischen individueller und familiärer Dynamik differenziert darzustellen. Darüber hinaus stellte er auch noch Überlegungen an, unter welchen Bedingungen eher ein einzeltherapeutisches Setting und wann eher die Einbeziehung der Familie aussichtsreicher für den Erfolg einer Therapie sein könnte. Ich war elektrisiert! Endlich hatte ich etwas gefunden, von dem ich sofort wusste, dass ich mehr davon erfahren, mehr davon verstehen wollte – und zwar in einer Entschiedenheit, wie ich sie vorher in Bezug auf fachliche Themen niemals erlebt hatte.
Es dauerte dann noch etwa zwei oder drei Jahre, bis ich mich in eine Ausbildung zur systemischen Familientherapie begab. Die Faszination für diese Arbeit dauert aber bis heute an.
Die Fachzeitschrift hieß „Familiendynamik“. Der Autor war kein geringerer als: Helm Stierlin.
Übrigens: Das Heft habe ich sofort aus seinem kümmerlichen Dasein befreit und es klammheimlich mitgenommen. Es steht seither auf meinem Bücherregal und wird immer ein besonderes Heft für mich bleiben“ 

9. Dezember 2011
von Tom Levold
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Wie ich zum lösungsorientierten Ansatz kam

So einfach kann es kommen: Philipp Kurth aus Allschwil in der Schweiz schickt für das heutige Kalendertürchen eine kurze Geschichte, wie er selbst in einer Beratungssituation mit der Wunderfrage konfrontiert wurde:

„Ich war vor mehreren Jahren in einer psychologischen Beratung bei einer Frau, die nach dem individualpsychologischen Ansatz arbeitete. Unter anderem ging es darum, dass ich mich in meiner Arbeit nicht ausgefüllt und daher nicht glücklich fühlte.
Anlässlich einer Weiterbildung, die meine Beraterin besuchte, las sie das Buch „Lösungsorientierte Beratung“ von Günter G. Bamberger. Darin war die Wunderfrage enthalten. Diese las sie mir ganz einfach und simpel aus dem Buch vor, ohne darauf geschult zu sein, wie man sie am besten stellt und worauf man dabei achten sollte, und ohne mich darauf vorzubereiten. Mich störte das nicht, sondern meine Vorstellungskraft wurde auch so angeregt. Und durch diese Frage wurde mir bewusst, wie ich mein Arbeitsumfeld verändern musste, wie es funktionieren sollte, damit ich mich wieder erfüllt und glücklich fühlen würde.
Die Folge davon war, dass ich innerhalb eines Jahres von der Jugendarbeit in ein Wohnheim für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen wechselte. Daneben besuchte ich, angeregt durch die Lektüre des oben genannten Buches, die Weiterbildung „Ressourcen- und lösungsorientierte Therapie und Beratung“ mit Gunther Schmidt am wilob in Lenzburg, und anschliessend absolvierte ich den dreijährigen Studiengang „MAS Lösungs- und Kompetenzorientierung“ an der Hochschule Luzern“

8. Dezember 2011
von Tom Levold
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systeme 2/2011

Im aktuellen Heft der systeme ist neben zwei Texten von Hans Christ („Empathie und Mustererkennung“) und Heike Schader („Normativität in Therapie und Beratung. Umgang mit Geschlechterrollen und Sexualität“) eine Zusammenfassung der Arbeit von Nicola Neuviansüber systemische Mediation bei Konflikten in Familienunternehmen zu lesen, mit der sie den diesjährigen Förderpreis der Systemischen Gesellschaft gewonnen hat. Darüberhinaus gibt es einen Tagungsbericht und eine Reihe ausführlicher Rezensionen zu lesen.
Zu den vollständigen abstracts…

8. Dezember 2011
von Tom Levold
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…Systemische (Zeit-)Reise bzw. Einfältigkeit versus Zirkularität

Dennis Gildehaus macht heute das Kalendertürchen auf und schildert seine erste Begegnung mit systemischem Denken in der stationären Jugendhilfe:

„Meine ersten Überforderungssymptome im Zuge einer beratenden Elternarbeit in der stationären Jugendhilfe verspürte ich im November 2004. Ich erinnere mich noch genau an die Idee des Geschäftsführers zur Einführung einer „neuen“ und „innovativen“ Veränderung der Konzeption der Wohngruppe der Delmenhorster-Jugendhilfe-Stiftung in Delmenhorst. Damals hieß es: „Wir müssen die Eltern wieder ins Boot holen und die Rückführungsquote intensiver fokussieren…!“ Seit 2001 arbeitete ich als Pädagoge in der besagten Wohngruppe und schmiedete täglich Pläne, wie ich mit den Kindern und Jugendlichen meinen Dienstalltag aktiv und humorvoll gestalten könnte. Von systemischem Denken etc. wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts. Als der Geschäftsführer in einer wöchentlichen Dienstbesprechung das Thema Elternarbeit als Tagesordnungspunkt einbrachte, stand für mich fest: „Das Ding übernimmst Du!“
Das Team konnte sich gut vorstellen, dass ich als jüngster Mitarbeiter den Bereich Elternarbeit übernehmen würde. Die Wochen nach der besagten Besprechung veränderten grundsätzlich meinen weiteren Weg in der stationären Jugendhilfe und den Weg darüber hinaus.
Mit einer großen Portion Euphorie machte ich mir Gedanken zu den verschiedenen Eltern und entschloss mich kurzer Hand, einfach alle zu einem netten Elternabend einzuladen, um ihnen mein Konzept vorzustellen. Fazit: Von insgesamt 24 Eltern kamen erstaunlicherweise nur zwei. Meine Ideen und Vorstellungen sahen auf dem Papier doch so gut aus – wie war es nur möglich, dass das Interesse der Eltern so gering war? Ich suchte Gründe und gute Ausreden, aber weiter kam ich damit auch nicht. Die Arbeit in der Wohngruppe nahm ihren Lauf und meine Unzufriedenheit zu. So entschloss ich mich zu einer Weiterbildung und suchte nach geeigneten Instituten im Internet. Es dauerte nicht lange und ich stieß auf die Institute von Eberhard Krüger, Lehrtherapeut der DGSF. Es handelte sich um eine systemische Beraterausbildung und das Konzept gefiel mir sofort. Erst einmal stellte ich meine Arbeit mit den Eltern ein, da ich genügend frustriert war.
Die Weiterbildung hat mich begeistert. In der Rückbetrachtung haben sich die anfänglichen Worte des Lehrtherapeuten in mein Hirn gebrannt, verstanden habe ich sie zugegebenermaßen erst vier Jahre später. Sie lauteten ungefähr folgendermaßen: „Ich versuche euch jetzt aufzuzeigen, wie euer Weg in der Beraterausbildung aussehen könnte… Am heutigen Tag seid ihr bzgl. des systemischen Denkens und Handelns unbewusst inkompetent. Ihr wisst sozusagen nicht einmal, was ihr nicht wisst. Aber keine Sorge, nach mehreren Monaten werdet ihr bewusst inkompetent, so dass ihr auf alle Fälle bewusst einordnen könnt, was ihr nicht wisst. Wenn ihr dann euer Bergfest feiert, werdet ihr bewusst kompetent sein und wissend, dass ihr etwas wisst. Und zum Ende der Ausbildung werdet ihr unbewusst kompetent sein und euer Handwerkzeug einsetzen wie beim automatisierten Autofahren. Sinngemäß werdet ihr intuitiv denken und handeln und dementsprechend systemisch arbeiten. Darüber hinaus werdet ihr systemisch erfolgreich sein, wenn ihr das, was ihr wahrnehmt, auch infrage stellen könnt nach dem Motto…es könnte auch ganz anders sein…“.
Im weiteren Verlauf der Ausbildung habe ich Dr. Krüger mehr und mehr als meinen beruflichen als auch persönlichen Mentor erlebt, der mir das systemische Terrain „Systemisches Arbeiten“ als Gesamtheit nähergebracht hat. Das anfängliche Verhältnis zwischen Lehrendem und Lernendem wurde nach und nach aufgrund des intensiven Arbeitens mit der systemischen Thematik zur Freundschaft. Im Juni 2007 schrieb ich ein neues Konzept der Systemischen Elternarbeit für die Wohngruppe, das sich hervorragend in den täglichen Alltag der Wohngruppe eingliederte. Die Eltern waren nicht nur motiviert, sondern fühlten sich als Gesamtheit wertgeschätzt und lernten ihre Ressourcen neu kennen – für mich eine Motivation, an die systemische Beraterausbildung auch noch die systemische Therapeutenausbildung anzuschließen, die ich 2009 abgeschlossen habe. Eberhard Krüger hat mir einen ersten Eindruck vom systemischen Denken und Handeln vermittelt und mich angesteckt, das zu lieben, was ich jetzt lebe… die Systemische Alltagspraxis“

7. Dezember 2011
von Tom Levold
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Wird der Kalender voll?

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn Ihnen der Adventskalender gefällt und eigene Geschichten einfallen, freue ich mich noch über einige Beiträge – denn voll ist er noch nicht 🙂 In diesem Jahr soll es um die Frage gehen, welche Personen einen ersten Eindruck von systemischem Denken und Handeln vermittelt oder angeregt haben, sich selbst intensiver mit Systemischer Theorie und Praxis auseinanderzusetzen. Schicken Sie Ihren Text einfach an tom[at]levold.de.

Beste Grüße
Tom Levold
Herausgeber

7. Dezember 2011
von Tom Levold
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Wie alles begann – keine Geschichte ohne Geschichten!

Im heutigen Kalendertürchen blickt Rüdiger Beinroth, systemischer Supervisor und langjähriger Erwachsenenbildner in Vlotho, ganz weit in die Vergangenheit zurück, nämlich in die frühen 70er Jahre:
„1971 kehrte Annedore Schultze, die spätere Leiterin des Jugendhofes Vlotho, von einem Studienaufenthalt aus den USA zurück. Zuvor hatte sie 10 Jahre Methoden der Sozialarbeit an der Höheren Fachschule des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Bielefeld unterrichtet. Sie war begeistert von der Art und Weise wie Virginia Satir in den USA mit Familien arbeitete und wollte diesen Ansatz, nach Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit, unbedingt in der Jugendhilfe in Westfalen verbreiten.
Der erste Fortbildungskurs für Sozialarbeiter „Familienberatung und Familienbegleitung“, fand von Februar 1973 bis Dezember 1974 statt. (Parallel dazu begann auch Maria Bosch in Weinheim mit ihren Kursen, was 2 Jahre später zur Gründung des Instituts für Familientherapie Weinheim führte. Die beiden hatten sich bei Virginia Satir in den USA kennengelernt).
Veranstalter des Kurses war der „Sozialdienst katholischer Frauen – Zentrale e.V. – Dortmund“.
Das Konzept orientierte sich in seinem methodischen Teil an den Erfahrungen und Veröffentlichungen von Virginia Satir (1973) und Horst Eberhard Richter (1970).
Es war kein starres Konzept, sondern wurde im Kurs mit den Teilnehmer/innen und Referenten ständig weiter entwickelt. Es gab viel Innovation zu dieser Zeit. Auf einer Fortbildungstagung 1973 in Bielefeld für Erziehungsberater und Sozialarbeiter, arbeitete Annedore Schultze live mit einer Familie auf der Bühne und stellte Skulpturarbeit vor, was eine heftige Fachkontroverse nach sich zog. Das Diakonische Werk von Westfalen veranstaltete ein Seminar zur Familienrekonstruktion mit Maria Bosch in Form eines Marathons, was ebenfalls hohe Wellen schlug.
Nach einer Informationstagung des Landesjugendamtes in Münster 1974, zur „Methode der Familienberatung und –behandlung“ (LWL Münster 1985), fiel die Entscheidung, einen ersten „arbeitsfeldspezifischen Lehrgang zur Familienberatung und Familienbehandlung“ für Sozialarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) anzubieten. Das war die Geburtsstunde der Familienberatungslehrgänge in Vlotho.
Ich war seit 1972 im Jugendhof tätig. Ich war Sozialarbeiter und Gemeinwesenarbeiter und von Annedore Schultze für ein Modellprojekt zur Zusammenarbeit im Gemeinwesen von Freiburg nach Vlotho geholt worden. Ich hatte andere Aufgaben und verfolgte die Entwicklungen der Kollegin und späteren Chefin mit Interesse. Im Rahmen des Modellprojekts hatten wir die Analytikerin Ruth Cohn für 3 Monate nach Vlotho geholt. So lernte ich die TZI kennen. Nebenbei studierte ich in Bielefeld auch noch Erziehungswissenschaften, was ich mit dem Diplom 1980 abschloss. Im Rahmen eines Seminars über Paradigmenforschung lernte ich die Schriften von Talcott Parsons kennen und war fasziniert. Ab da ließ mich die systemische Denkweise nicht mehr los.
Der Entscheidende Schritt kam 1979. An einem Freitag eröffnete mir Annedore Schultze, dass in ihrem Familienberatungskurs ein Referent ausgefallen wäre und ich von Montag bis Freitag in der letzten Kurswoche des laufenden Kurses einspringen müsse. Bis Montag hatte ich nun Zeit, die Pflichtlektüre des Kurses zu lesen. Es waren Bücher von Virginia Satir, Salvatore Minuchin und Maurizio Andolfi. Bis Montag hatte ich mir die für diesen Kurs relevanten Abschnitte einigermaßen einverleibt. Die Woche lief für mich gut und ich hatte endgültig Feuer gefangen. Danach war ich Co-Leiter in allen weiteren den Kursen.
Dank meines großzügigen Arbeitgebers konnte ich viele Kurse besuchen die von Systemikern angeboten wurden. Ich nahm an den Weinheimer Tagungen teil, erlebte Virginia Satir und andere berühmte Vertreter des systemischen Ansatzes. Schließlich nahm ich auch an einer Ausbildungsgruppe mit Jos J. van Dijk in Bielefeld teil. Leider starb Jos, bevor der Kurs zu Ende war.
In die DAF trat ich erst nach meiner Supervisionsausbildung ein. Es reichte aber noch um die DGSF mit zu begründen. Die DGSF ist zu meiner „Heimat“ geworden. Hier fühle ich mich wohl und arbeite gerne und engagiert mit.
Heute als Rentner nutze ich die vielen Erfahrungen in meiner Praxis für Supervision, Coaching, Paar und Familienberatung. Das will ich auch noch ein Weilchen weitermachen. Einmal Systemiker, immer Systemiker.“

7. Dezember 2011
von Tom Levold
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Wo Engel zögern…

systemagazin-Leserin Gabriele Lisa Klassen, Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin, die als Coach in Berlin tätig ist, erinnert sich im heutigen Kalendertürchen an ihre Heidelberger Zeit des systemischen Beginns:

„es war eine Zeit, 1977, da konnte man noch, einfach so, teilhaben an einer Weisheit, die sich, alt und neu zugleicht, Systemtheorie nennt und in Heidelberg ihren europäischen systemisch-therapeutischen Wellenschlag auslöste.
Also, dann gab es die Montagsworkshops in der Psychosomatischen Klinik der Uni-Heidelberg, welche Berufstätigen angeboten wurden, einfach so, und ich durfte dabei sein, obwohl ich doch, weiß Gott, noch nicht viele wusste (eine Eigenart, die jungen Menschen oft ganz gut steht). Lebendig habe ich sie in Erinnerung, die heutigen Stars der systemischen Familientherapie, die – noch sehr brav damals – Prof. Helm Stierlin assistierten, wenn er die Familien vorstellte, die es zu behandeln galt: Fritz B. Simon, Michael Wirsching, Gunthard Weber, Gunther Schmidt, Jochen Schweitzer. Letzter war damals noch ein lockerer Student, mit hochgekrempelten Jeans und längeren Haaren, gut sah er aus.
Fritz B.Simon macht es mir bis heute besonders leicht, systemisches Arbeiten zu verstehen. Es ist sein unglaublich tiefgründiger Humor. Wenig Gesten, kaum Habitus, kommuniziert er Metaebene als Person auf so humorvolle Weise, das einem gar nichts anderes übrig bleibt, als Systemtheorie zu verstehen: das Gehirn macht es beim Lachen ganz von alleine! So sagte er doch glatt einmal in einem Interview, geführt mit einem Sozialarbeiter: Ich glaube nicht, dass die internationalen Systemischen Wissenschaftler zu uns kamen, weil wir so gut waren. Sie kamen, weil Heidelberg so schön ist! Ich selbst weiß übrigens, dass Hans Jürgen Eyssenck sein Herz in Heidelberg verloren hatte (genauer gesagt in Mannheim)!
Beeindruckend war die Praxisnähe, die ich so später nie mehr erlebte. Es waren Patienten da aus der Psychiatrischen Klinik, die Kollegin, Frau Brunner hatte diese vorgestellt. Die Bedeutsamkeit des Mehrperspektivischen habe ich seither nie mehr vergessen. Gleichwohl habe ich festgestellt, das viel sie nicht verstanden haben … aber das ist eine andere Geschichte.
Gregory Bateson schimpfte ja oft auf die Familientherapie-Industrie. Wenn ich mir die systemische Therapie hier in Berlin so anschaue: er hatte recht!“