Das heutige Kalendertürchen macht Kurt Ludewig mit einem Beitrag zur Entstehungsgeschichte seines Klassikers Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis auf. Dabei soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Autor heute 71 Jahre alt wird, zum Geburtstag gratuliert systemagazin von Herzen und wünscht für die kommenden Jahre alles Gute, Glück und Gesundheit! Aber nun soll Kurt Ludewig selbst zu Wort kommen:
Vor einigen Tagen bekam ich Tom Levolds Einladung, mich wieder einmal an seinem Adventskalender im systemagazin zu beteiligen. Ich sagte zu, war mir aber nicht ganz sicher, wann ich dazu Zeit haben würde. Denn ich hatte dem Carl-Auer Verlag versprochen, noch im laufenden Jahr 2013 eine revidierte und aktualisierte Fassung meines Erstlingsbuchs »Systemische Therapie« zu liefern. Die Durcharbeitung dieses Buches löste bei mir aber eine Menge an Erinnerungen und Assoziationen aus, über die ich hier berichten möchte: die Gründe, Umstände und Folgen beim damaligen Verfassen des Buches passen durchaus zum diesjährigen Thema des Adventskalenders.
Es begann gegen Ende des Jahres 1989. Ich hatte bereits 15 Jahre an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Hamburg gearbeitet, dort wichtige therapeutische Erfahrungen zuerst mit dem Mailänder Modell und später immer mehr mit unserem eigenen Ansatz gemacht und in den vorangegangen Jahren eine ziemliche Anzahl von Arbeiten veröffentlicht. Bis dahin hatte ich naiverweise geglaubt, dass ich als Psychologe an einer medizinischen Einrichtung – anders als Ärzte, die als wissenschaftliche Assistenten befristete Verträge hatten -, so gut wie unkündbar war. Zudem dachte ich, dass meine Arbeit samt der wissenschaftlichen Publikationen von der Universität geschätzt würden. Diese Unterstellung vermittelte mir ein noch stärkeres Gefühl der Sicherheit. Schließlich war ich alles andere als geneigt, sozusagen das Spiel der anderen zu spielen und mich an irgendein
Projekt heranzumachen, und es nach den geltenden Regeln zu erledigen. Das hieß: Eine annehmbare Fragestellung zu entwickeln, ein passendes statistisches Design zu wählen und die Ergebnisse so zu behandeln, dass kein »normaler« Gutachter normal im Sinne von normaler Wissenschaft nach Kuhn die Arbeit ablehnen würde. So schwierig wäre das nicht gewesen, schließlich hatte ich einige Jahre zuvor bei Peter Hofstätter promoviert, der als einer der führenden empirischen Psychologen galt und maßgeblich an der Einführung der statistischen Methoden in die Psychologie beteiligt gewesen war. Bei diesem Gedanken, mich gewissermaßen zu »prostituieren«, um einen Titel zu bekommen, drehte sich mir der Magen um. Deshalb hatte ich vor Jahren beschlossen, weiterhin an der Entwicklung der systemischen Therapie zu arbeiten; ich wollte nicht fremd gehen, um bloß ein paar Streifen auf meine Schulter zu bekommen. Ich wähnte mich eben in einer wie sich zeigen sollte trügerischen Sicherheit.
Es ergab sich nämlich, dass kurz davor, im Jahr 1988, die Leiterin der Abteilung, Thea Schönfelder, in Pension gegangen war, sodass wir Mitarbeiter gewissermaßen schutzlos geblieben waren. Es kam zu einer Reihe von Veränderungen in der Klinik, die mich aufhorchen ließen. Meine Position war gar nicht so gesichert, wie ich bis dahin geglaubt hatte. Ich musste also etwas tun, um meinen Stand in der Klinik zu verbessern; es blieb mir nichts anders übrig als den Versuch zu unternehmen, habilitiert zu werden. Um mir aber dennoch treu zu bleiben, sollte das Thema aus dem systemischen Bereich sein.
Nach endlosen Auseinandersetzungen mit den metatheoretischen Grundlagen der systemischen Therapie, vor allem mit Maturana, von Foerster und Luhmann in der Theorie, mit Goolishian, de Shazer und White in der Praxis, war es an der Zeit, sie zusammen mit unseren klinischen Erfahrungen zu einer klinischen Theorie des systemischen Therapie zusammenzufassen. Dies schied als Thema einer psychologischen Habilitationsschrift schon deshalb von vornherein aus, weil psychologische Fachbereiche sogenannte Literaturarbeiten nicht akzeptieren, und mir fehlte eine akzeptable Menge an empirischen Arbeiten. Die vorhandenen Katamnesen würden vermutlich dafür nicht reichen, zumal sie über postalische Nachbefragungen mit einem ad hoc erstellten Fragenbogen entstanden waren. Sie fragten insbesondere nach der sogenannten »consumer satisfaction«, die von einem empirisch wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet als wenig aussagefähig gelten. Ich beschloss also, bei meinem Leisten zu bleiben und die Schrift an meinen Vorstellungen vom medizinischen Fachbereich zu orientieren. Ich würde versuchen, in dem Fachbereich, in dem ich die letzten 15 Jahre verbracht hatte, für »klinische Psychologie« zu habilitieren. Das hatten immerhin einige andere Psychologen aus der Klinik vor mir mit Erfolg geschafft.
Ich machte mich also an die Arbeit. Mit der Absicht, die systemische Therapie geschichtlich in die Entwicklung des Denkens im Allgemeinen und der Psychotherapie im Besonderen einzuordnen, begab ich mich in ein weitgehend fremdes Terrain. Ich musste mich in die Geschichte der Philosophie und Medizin vertiefen, dazu in die zwar jüngere, jedoch nicht minder komplexe Geschichte der Psychotherapie. Ich kaufte mir eine Menge Bücher, um sie verfügbar zu haben, und nutzte darüber hinaus ausführlich die Bibliothek der Psychiatrischen Klinik. Nach einigen Monaten – schließlich musste ich mindestens 40 Wochenstunden klinisch arbeiten – war es mir klar geworden, dass ich mir sozusagen viel zu große Schuhe bestellt hatte. Es war aber zu spät, um zurückzudrehen oder aufzuhören. So kam es in den Jahren 1990 und 1991 nicht selten dazu, dass ich mich am Freitag Nachmittag an das Manuskript machte und erst damit aufhörte, als am Sonnabend Vormittag die Putzfrauen gegen 8 Uhr morgens kamen und mein Arbeitszimmer putzen wollten. Manchmal blieb ich sogar bis Sonnabend Mittag dabei oder ich machte am Sonntag weiter.
Zu allen zeitlichen Hindernissen kamen bei diesem Unternehmen zwei eingebaute Schwierigkeiten hinzu: Erstens, da meine Muttersprache nicht Deutsch ist, war das Ganze dementsprechend erschwert, und es erforderte, liebenswerte Kollegen aus der Klinik damit zu belasten, meine Texte zu »verdeutschen«. Wenn ich mich recht entsinne, kam keiner vom systemischen Team darum herum. Zweitens war es damals noch nicht Usus, dass die Kliniken PCs zur Verfügung stellten, sodass ich mit meinem eigenen kleinen PC der Marke Zenith schreiben musste. Diese erzeugte aber dauerhaft ein derart schrilles Geräusch, dass ich seitdem in einem bestimmten Hörbereich ziemlich taub bin.
Schließlich war es im September 1991 so weit, dass der Text mit 391 Seiten und rund 560 Literaturangaben als Habilitationsschrift beim Fachbereich Medizin der Universität Hamburg eingereicht werden konnte. Dabei machte ich eine Reihe Fehler, die teilweise meinem Hochmut, teilweise meiner Naivität zuzuschreiben sind. Ich hatte nämlich die Möglichkeit, einen Teil der Mitglieder des Habilitationsausschusses zu wählen. Statt der beiden mir wohl gesonnenen, einflussreichsten Leiter der Psychiatrischen Klinik zu nennen ich wollte ihnen diese Mühe ersparen , nannte ich zwei Professoren, die meiner Altersstufe angehörten und daher wenig geneigt waren, Risiken einzugehen. Ich war vom Wert meiner Schrift derart überzeugt, dass ich es nicht für nötig hielt, strategisch vorzugehen. Ein bewanderter Kollege aus Professorenkreisen erklärte mir etwas später, dass eine Habilitation, anders als eine Promotion, bei der es um die wissenschaftli
che Befähigung des Verfassers geht, die Eintrittskarte zu einen abgeschotteten Verein darstellt; sie sei also im Wesentlichen ein politischer und nur sekundär ein wissenschaftlicher Akt.
Wie ich damals erfuhr, wurde dennoch mein Antrag in der ersten Sitzung der Kommission insoweit angenommen, dass zwei mir bekannte und wohl gesonnene Professoren mit der Erstellung der entsprechenden Gutachten beauftragt werden sollten. Der Kommission gehörte aber auch ein Psychologe an; das war Teil der Vereinbarung zwischen dem Medizinischen und dem Psychologischen Fachbereich für die Habilitation von Psychologen in der Medizin. An dieser ersten Sitzung hatte aber der einzige Psychologe gefehlt. Dieser Kollege hatte ein großes Interesse, nach Hamburg zu kommen; er übernahm auch nach meinem Weggang von der Klinik meine dann zu einer Professur erhobenen Stellung. Er erfuhr von der wohlwollenden Behandlung meines Antrags in der Kommission und lief dagegen Sturm. Mit der Maßgabe, es handele sich um die Arbeit eines »Totengräbers« der Psychotherapie, die allenfalls gut für eine Promotion sei, ging er zu allen anderen Kommissionsmitgliedern und überzeugte sie davon, meine Arbeit nicht Klinikern, sondern empirisch und statistisch versierten Gutachtern zur Prüfung zu überlassen.
Das stellte mir der Vorsitzende der Kommission als Ergebnis der intensiv diskutierten zweiten Sitzung der Kommission vor. Nach nicht langer Überlegung beschloss ich, meinen Antrag zurückzunehmen. Meine Arbeit war im Wesentlichen eine theoretische und die wenigen eingestreuten Ergebnissen meiner empirischen Studien würden nach den Kriterien empirischer Forschung sicher nicht für eine Habilitation ausreichen.
Das war zunächst das bittere Ende dieses mühsam erarbeiteten Projekts. Der spätere Versuch, meine als nicht abgelehnt geltende Schrift in drei weiteren Fachbereichen für Psychologie einzureichen, scheiterten daran, dass bei dem ersten der Professor, der es mir angeboten hatten, bei der Abwicklung seiner ostdeutschen Universität nach der »Wende« zurückgestuft worden war und nichts mehr riskieren wollte. Von dem zweiten Versuch wurde mir von vornherein abgeraten, zumal die damaligen Fachreiche sich in einem Fusionsprozess befanden waren und deshalb höchst unsicher sei, womit zu rechnen wäre. Auf den dritten und letzten Versuch musste ich verzichten, weil die dortigen Professoren zu viele Arbeiten zu sichten und wenig Interesse hätten, sich mit außenstehenden Kandidaten zu befassen. Aus der verarbeiteten und gekürzten Habilitationsschrift wurde dann im Jahr 1992 das Buch »Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis« im Klett-Cotta Verlag. Sie führte zwar nicht zu einer Habilitation, dafür aber zu vier Auflagen und fünf Übersetzungen: Ein wohltuender Trost!
Alles in allem ein bitteres, trauriges Rennen gegen persönliche Interessen und die Wände des Establishments. Bei allem, was mich dieses Projekt an Mühen und Frust gekostet hat, sehe ich einen Verlust auch darin, dass ich in den Folgejahren als »anerkannter« Wissenschaftler die Möglichkeit gehabt hätte, an meiner späteren Arbeitsstelle an der Universität Münster eigenständig wissenschaftliche Projekte zur systemischen Therapie zu leiten. Dazu kam es dann nicht.
Das sind die Erinnerungen, die in mir das Thema des diesjährigen Adventskalenders wachriefen. Dass ich 20 Jahre später immer noch am Buch arbeiten sollte, ist tröstlich; dass ich nun mit einem geräuschlosen PC schreiben kann, wohltuend.
Ich habe sehr früh mit dem Lesen begonnen, so früh, dass mein Vater prüfte, ob ich berichten bzw. erzählen könne, was ich gelesen hatte. An einem Heiligen Abend, ich mag acht Jahre alt gewesen sein, schenkte er mir, vermutlich in der gleichen Absicht, einen Western, dessen Protagonist Tom Prox hieß, dargestellt als einer jener Männer, die den Colt gedankenschnell ziehen, mit ihm in Bruchteilen von Sekunden ihr Ziel treffen konnten, aber auch in der Lage waren, mittels ihrer Fäuste eine Kneipe mit einem Dutzend Halunken zu räumen.
Ich kreise um das, was ich suche, finde schließlich Begriffe, formuliere, was ich sagen will, und lege mich damit auf eine bestimmte Ausdrucksweise fest. Ich füge unterschiedliche Begriffswelten zusammen und schütze diese Verknüpfungen, indem ich eine Menge Sätze um sie herum baue und Bilder dazu entwerfe. Ich bahne damit Wege und schaffe einen Schein, den ich mag. Die gewählten Worte und damit verbundenen Assoziationen haben eine Selbstwirksamkeit, eine ihnen immanente, unsichtbare Erwartungsstruktur. Am interessantesten wird es in den Bereichen, wo die Begriffe sich reiben, weil sie sich selbst nicht mehr genügen und auf andere verweisen. Mir kommt vor, dass der Inhalt, den viele Begriffe ansprechen, hinter und zwischen ihnen zu finden ist in der Dynamik der Bedeutungen, die umkreisen, was sich eigentlich nicht sagen lässt.
etwas auf, um es dann wieder vergessen und mich mit anderem beschäftigen zu können mit Abzweigungen von den gewohnten Wegen meines Denkens, Wegweisern in eine Richtung, die vielversprechender erscheint, weil sie mir eine andere Haltung zu mir selbst und einen anderen Zugang zu meiner Welt vermittelt. Ich notiere diese Abzweigungen vom Vorgegebenen, weil ich sie beizeiten wieder finden möchte, um sie näher zu erkunden. Leider ist ihre Zahl inzwischen recht groß, so dass es mir schwer fällt, mich zu orientieren. Zehntausend Word-Files umfasst meine Festplatte inzwischen dem gegenüber scheint die Zahl der Texte, die ich veröffentlicht habe, sehr gering zu sein. Das Schreiben dient dem Suchen und bringt das dabei Gefundene in eine nur vorübergehend akzeptable Form. Ich habe damit begonnen, als ich in der Volksschule war zuerst handelte es sich um Geschichten über kleine Mädchen und ihre Abenteuer, dann um Tagebuchtexte, in denen das inzwischen älter gewordene Mädchen in all dem Abenteuerlichen, das sie erlebte, nach Selbstverständnis suchte. Statt als Jugendliche die Lokale unsicher zu machen und mich mit Gleichaltrigen zu vergnügen, verfasste ich einen utopischen Roman. Während meines Zoologiestudiums versuchte ich in einem theoretischen Text Gott und die Evolutionstheorie zu vereinen dies setzte ich zehn Jahre später im Rahmen einer theologischen Diplomarbeit fort, in der es um Gott und den Konstruktivismus ging. Und auch in den letzten Jahren kaue ich in meiner Freizeit an einem Buch über ein ähnliches Thema, das nicht und nicht fertig werden will. Dazwischen habe ich mich um ganz andere Texte bemüht z.B. um Forschungsberichte, Fachartikel oder Skripten für die systemische Ausbildung, in denen ich versuchte, eine mir eigene Sprache für die vermittelten Inhalte zu finden. Glücklicherweise ist mir das Tagebuchschreiben in den letzten Jahren abhanden gekommen hätte ich die Chance, jemals das Interesse einer Biografin zu wecken, dann wäre diese wohl trotzdem sehr beschäftigt und käme vor lauter Lesen zu gar nichts mehr. Ich habe mich in Gesprächen mit einem imaginären Beobachter (in dieser Phase Daimon genannt) aus vielen Problemen herausgeschrieben, habe schreibend die Antwort auf Fragen gesucht und schreibend neue Fragen erfunden. Ich habe Manuskripte von zweihundert Seiten auf ein Viertel zusammengekürzt um sie dann wieder auf das Doppelte zu erweitern. In meinen privaten Dateiordnern finden sich unveröffentlichte Gedichte, ein Theaterstück und ein fast fertiger Roman.
Ich muss gestehen: Als Kind habe ich extrem wenig bis gar nicht gelesen. Mich hat einfach nichts interessiert. Weder Karl May noch Lederstrumpf noch irgendwelche andere sogenannte Kinder- und Jugendliteratur.
langsamer, weniger ballgewandt, beherrschten das Dribbeln einfach nicht. Wen wunderts, die lasen halt.
Das sagt sich so leicht: Vierteljahrhundert. Doch ist es so. So lange ist es her, dass ich mit dem Schreiben begonnen habe. Natürlich nicht: mit dem Schreiben. Es ist das Schreiben mit der Absicht zu publizieren. Ich entsinne mich nicht mehr, was genau der Anfang war. Jedenfalls gab es irgendwann einige Zettel, vollgeschrieben mit Ideen, Querverbindungen zu anderen Ideen und noch unausgegorenen Skizzen, wie die Dinge zusammenhingen. Die Dinge, von denen mir schien, dass sie den Kern unserer Profession ausmachen. Das war schon so, es sollte das Ganze sein. Vision eben. Der Blick also nach oben, nach unten: nix in der Hand. Es fehlte mir eine Schreibmaschine. Schreib-what?! Ja, so hießen diese Geräte, mit denen man schrieb, wenn man nicht mit der Hand Schrift produzierte. An meiner Arbeitsstelle gab es eine, elektrisch. Die lieh ich mir dann über das Wochenende aus, nahm sie mit nach Hause, wenn ich genügend Gedanken gesammelt, durchgespielt, sortiert, auf Zettel verteilt und diese in Ordnung gebracht hatte. Ein Wochenende, drei Durchschläge per Kohlepapier und einiges mehr an zerknüllten Seiten. Wenn mitten im Text eine Passage nicht stimmte, musste die Seite neu eingespannt und von neuem begonnen werden. Am Montag stand die Maschine wieder in unserem Sekretariat. Schreiben und Schlepperei gehörten zusammen. Ebenso wie Warten. Ich entsinne mich, dass ich fast ein dreiviertel Jahr auf eine Antwort der Familiendynamik wartete, nachdem ich der Redaktion eine Besprechung zu Bill OHanlons Taproots geschickt hatte. An Heiligabend 1987 kam dann die Bestätigung und der Ausblick auf den Abdruck im April des kommenden Jahres. Es wurde dann April des Jahres danach. Grausamkeiten müssten am Anfang geschehen, wird Macchiavelli gerne zitiert, und so hat mir das sicher geholfen dabei, Wartezeiten zu überstehen in den folgenden Jahren. Wartezeiten sind Durststrecken für mich.
Und ich lernte für mich, wie ich es als Redakteur anders machen wollte. Dazu verhalf mir als erster Arist von Schlippe, den ich in der Zwischenzeit für die neugegründete Systhema mit Texten wohl überschüttet hatte. Da zog er es vor, mich dann auch gleich an der Redakteursarbeit zu beteiligen und so wurde ich Mitglied der Redaktion. Arist ist einer von Zweien, an deren redaktionelle Betreuung von AutorInnen ich immer mit Respekt und Freude denke. Der andere ist Jürgen Hargens, der 1983 die Zeitschrift für Systemische Therapie auf den Weg gebracht hatte das für mich einschneidende und wegweisende Ereignis in systemischer Literatur hierzulande. Das erste Jahrzehnt dieser Zeitschrift ist mir immer noch eine Quelle der Inspiration. Beide, Arist und Jürgen, haben stets sehr bald reagiert, ausführlich, wohlwollend, nachvollziehbar sowohl in Zustimmung wie im Vorschlag von Veränderungen. Ich habe bei ihnen Grundlegendes gelernt über kritische Solidarität zwischen AutorInnen und RedakteurIn. Daran habe ich mich in den mittlerweile vielen Jahren als Redakteur und auch als Beiratsmitglied verschiedener Zeitschriften immer orientiert.
Ich frage mich, was solche Erinnerungen heutzutage bedeuten mögen. Was das Ringen mit den Begrenzungen, aber auch das Getragensein auf den Fundamenten einer analogen Welt heute für einen Eindruck zu machen vermöchte. Was solls heute? Einerseits kommt mir die Schnelligkeit der neuen Medien und elektronischen Kommunikationsformen entgegen. Warten muss ich jetzt weniger (und Schleppen auch nicht). Und wenn, dann bin ich zum Zeitpunkt der (aus meiner Sicht) verspäteten Antwort schon wieder weiter, habe neue Quellen angezapft, neues Material rundgeschickt, hier etwas beigesteuert, da etwas zum Rückmelden erhalten. Das geht schnell heute, und manchmal ist es auch hilfreich. Aber manchmal und das ist die andere Seite – frage ich mich schon, ob im Gewusel der Fülle, auch der publizierten Fülle, nicht manchmal die Substanz fehlt, das Durchgearbeitete, die bewältigte Notwendigkeit mit Durststrecken umzugehen. Es ist schon in Ordnung, der fehlenden Zeit der LeserInnen entgegenzukommen, auf Flüssigkeit und Eingängigkeit zu achten, notfalls Häppchen anzubieten, den Lesestoff zu magazinieren. Doch wenn es nur noch darauf ankäme, einen schnellen Eindruck im Vorübereilen zu ermöglichen, und wenn dabei die ZuMUTung gänzlich aufgegeben würde, auch die Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen und Bedrängnissen erkennbar zu machen, und dazu anzuregen, dann fehlte mir doch etwas. Dann wäre der eingebaute Lese-Scanner in Brille oder Brilli effizienter. Nur die Frage: Wozu?, diese Frage würde dann überflüssig, so scheint mir. Literatur, die anregt, ist immer auch unberechenbar, in ihrer Wirkung offen, insofern ein Risiko ein blühendes allerdings. Literatur, die nur noch als Medium zum Briefing gilt, kann dafür nicht mehr offen sein. Sie soll etwas her-stellen, nicht mehr handeln. Ach ja, Hannah Arendt, Vita activa, nun gut.
Liebe Leserinnen und Leser,