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Kinderschutz: Systemische Beiträge und kritische Perspektiven

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Kontext Heft 45(3)

Kontext
Heft 45(3)

Kinderschutz ist ein ewig aktuelles Thema und findet auch immer wieder im systemagazin seinen Platz, zuletzt mit diesem Überblicksartikel von Reinhart Wolff. Nachdem die Kinderschutz-Bewegung in den 80er Jahren großen Erfolg und großen Einfluss auf die staatliche Kinderschutzpolitik erringen konnte, stellt sich heute die Frage, was aus den ursprünglichen Ideen eines beziehungsorientierten, Hilfe in den Vordergrund rückenden Kinderschutzes angesichts einer zunehmenden Kontrollorientierung einerseits, des rapiden Abbaus von Ressourcen und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen im Feld andererseits, ganz abgesehen von der nach wie vor skandalisierenden Medienöffentlichkeit, eigentlich geworden ist. Dieser Frage u.a. widmet sich die soeben erschienene aktuelle Ausgabe des Kontext, die von Petra Bauer und Wolf Ritscher unter dem Motto „Kinderschutz: Systemische Beiträge und kritische Perspektiven“ gestaltet wurde. Das Heft ist nicht nur aufgrund der Qualität der Beiträge außerordentlich gelungen, sondern auch, weil es die Praxis wie die Ideologie des Kinderschutzes auf eine Weise kontextualisiert, wie es einer systemischen Perspektive angemessen ist – eine große Verbreitung wäre ihm daher nur zu wünschen. Einen guten Überblick über den Inhalt bietet das Editorial der Herausgeber, sie schreiben folgendes:

„Dieses Heft ist dem Kinderschutz gewidmet, ein Thema, das in der Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie zunehmend in den Vordergrund rückt. Wir wollen mit diesem Themenheft systemische Perspektiven in die Debatten über Kinderschutz, Kindeswohl, den Paragraphen 8a und das Kinderschutzgesetz einbringen. Leider wird diesem Feld immer noch zu wenig Wert beigemessen und stattdessen ein individuumzentriertes, defizitorientiertes und kontextloses Denken und Handeln bevorzugt, das zudem – ganz unpolitisch – gesellschaftliche Verhältnisse kaum zur Kenntnis nimmt. Dieses Heft widmet sich primär analytischen, konzeptionellen und theoretischen Fragen.

Petra Bauer und Wolf Ritscher ziehen als Herausgeberteam dieses Hefts in ihrer Einleitung einen Rahmen um die dann folgenden Artikel. Sie werfen zu- nächst einen kurzen Blick auf die Lebensverhältnisse von Familien und den Einfluss gesellschaftlicher Verhältnisse darauf. Dann wenden sie sich der Jugendhilfe zu und hier besonders dem Doppelmandat von Hilfe und Kontrolle in der Sozialarbeit, das von Burkhard Müller zu der Trias von Eingriff, Angebot und gemeinsamen Handeln erweitert wurde. Sie verweisen auf eine in den letzten Jahren erfolgte Verschiebung des Koordinatensystems von der Betonung des Hilfeaspektes hin zu einer verstärkten Kontrolle der Adressatinnen und Adressaten Sozialer Arbeit. Abschließend thematisieren sie die Jugendhilfe als ein Funktionssystem, dessen Handeln zunehmend durch finanzielle, personelle und bürokratische Beschränkungen gekennzeichnet ist.

Den Reigen der Gastautoren eröffnen Anke Lingnau-Carduck und Rainer Orban mit der Frage, wer eigentlich die professionellen Kinderschützer schützt. Beide sind hocherfahrene Praktiker in Feld der Jugendhilfe und wissen ganz konkret, wovon sie sprechen – einem zunehmenden Risiko der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, juristisch verfolgt, medial attackiert und in ihrer Praxis fachlich entwertet zu werden, unter anderem wegen der ständig zunehmenden Beschneidung von Ressourcen bei gleichzeitigem Ansteigen der Fallzahlen und der Komplexität der Fälle. Sie machen sehr deutlich, dass ein systemisches Konzept, das von einer Nichtdeterminierbarkeit menschlicher Kommunikation ausgeht, leicht in Konflikte gerät mit einem Denken, das primär an der Minimierung oder gar Beseitigung von Risiken interessiert ist und nicht an einem gemeinsamen und damit nicht einseitig zu kontrollierenden Hilfeprozess.

Wilhelm Rotthaus beschreibt vor dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrung als Leiter einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik den Umgang mit Fragen des Kinderschutzes in diesem Kontext. Er thematisiert die Kooperation von Jugendhilfe und Klinik, die Zusammenarbeit mit den und die professionelle Wertschätzung der Eltern, Nutzen und Irrwege von Diagnosen unter systemischen Perspektiven. Seine Darstellung macht Mut, dass auch in diesem Feld durchaus erfolgreich gearbeitet werden kann, wenn, ja wenn Kooperation und nicht Konkurrenz das professionelle Feld bestimmt und die Eltern nicht als Feinde ihrer Kinder und der Fachkräfte gesehen, sondern zur Mitarbeit eingeladen werden. Damit leistet er auch einen Beitrag zu Dekonstruktion des Mythos von den »Monstereltern«, die sich interessenlos von ihren Kindern abwenden, sie ausbeuten oder sadistisch attackieren.

Ulrike Loch befasst sich mit einem ganz besonderen Thema, das sie im Rahmen ihrer Habilitation an der Universität Klagenfurt bearbeitet hat. Leider führt es in der Jugendhilfe, aber mehr noch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Randexistenz: die transgenerationale Weitergabe von Traumata über das Muster der Parentifizierung in Familien, in denen die zweite Generation mit schweren, psychiatrisch diagnostizierten Problemen zu kämpfen hat – mit Folgen für das Verhalten und die Erfahrung ihrer Kinder. Wichtig ist die dreigenerationale Perspektive, also der Einbezug der Großeltern in dieses Muster. Die Autorin imponiert durch eine stringente Wissenschaftlichkeit, gepaart mit einem großen Interesse für die Schicksale und Erfahrungen der Betroffenen. Und sie erinnert uns an das Konzept der transgenerationalen Gerechtigkeitsbilanz von Ivan Boszormenyi-Nagy und die Beschreibung von Jürg Willi, wie Familienthemen über die Generationen hinweg sukzessiv bearbeitet und aufgelöst werden können.

Den Abschluss bildet ein kämpferischer Artikel von Bruno Hildenbrand, emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Jena, bekannt für seine scharfsinnigen Analysen und seine Betonung des hermeneutischen Vorgehens sowohl in der Forschung als auch in der Praxis von Therapie, Beratung und Sozialarbeit. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er der Frage nachgeht, wie wichtig eigentlich in Kinderschutzfällen die Klienten Sozialer Arbeit im Sinne von Empowerment und Partizipation sind. Seine Antwort ist ernüchternd – vor dem Hintergrund dessen, was wir alle über die Klientenzentrierung Sozialer Arbeit gelernt, gedacht und vielleicht auch geschrieben haben: »Die Klienten spielen keine Rolle.« Denn es geht um deren Kontrolle, weil vor allem Familien mit prekären Lebensverhältnissen zunehmend unter dem Generalverdacht stehen, das Wohl ihrer Kinder nicht mehr selbstständig sichern zu können. Er nimmt hier vor allem die Frühen Hilfen aufs Korn, deren Boom er auf diesen Generalverdacht zurückführt. Statt eines überzogenen Aktionismus und pathologisierenden Interventionismus schlägt er das »wachsame Abwarten« vor. Dieses lässt sich weniger durch Präventionsprogramme und aufwendige individuelle Betreuungsmaßnahmen realisieren, welche die familiäre Autonomie in Frage stellen, sondern durch eine Gemeinwesenarbeit alten Stils: Orte schaffen, an denen sich Familien wohl und willkommen und nicht durch Experten bedrängt fühlen; Orte, an denen sie miteinander in einer ihnen vertrauten Sprache kommunizieren können; Orte, an denen sie sich selbst als wirkungsmächtig erleben können und die Fachkäfte den Status von Mediatoren, nicht von Kontrolleuren und definitionsmächtigen Experten haben.“

Zu den bibliografischen Angaben und abstracts…

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  1. Pingback: Der Beitrag der Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Kinderschutz

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