systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Essentials der Psychotherapie

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Mit diesem Band, den er gemeinsam mit Christoph Flückiger konzipiert und herausgegeben hat, hat sich Martin Rufer aus Bern, Altmeister der systemischen Therapie in der Schweiz nach eigenem Bekunden ein Geschenk zum 70. Geburtstag bereitet. Laut Verlagsinformation berichten in diesem übersichtlichen und mit gut 140 Seiten nicht sehr umfangreichen Buch „erfahrene Psychotherapeut/-innen über ihre hilfreichen Modelle und Konzepte, die sie im Alltag anwenden: Praktische Essentials, wie sie aktuell zu wenig beachtet und so kaum in einem Lehrbuch erfasst wurden“.

In ihrer Einführung schreiben die beiden Herausgeber: „Täglich begegnen wir als Praktiker Patienten und Klienten und versuchen, unser Wissen und Können für deren Wohl so hilfreich wie möglich einzubringen. Wir greifen dabei auf ein breites Fachwissen und umfassende Erfahrung zurück. Diese beinhalten einerseits Verfahrens- und störungsorientierte Perspektiven sowie oft auch einen in Manualen gut zusammengefassten Interventionsrahmen. Andererseits vertrauen wir auf unseren eigenen ,Handwerkskoffer‘ und eigene Handlungsheuristiken (…).
Während die Praktiker sich aber oft nur noch für das interessieren, was unmittelbaren, methodischen Nutzen bringt, beschränken sich die Forscher eher auf Grundsätzliches und interessieren sich wenig für konkrete Fragen der Therapiepraxis: ,Was genau machst du in deinem Praxisalltag? Welches sind deine Essentials? Welche Fragen stellst du dir? Was könnte ich von dir für meine wissenschaftliche bzw. praktische Tätigkeit lernen?‘
Auf dieser Basis sind wir, die beiden Herausgeber des Buches, uns eher zufällig begegnet, angestoßen durch unsern Diskurs darüber, was Psychotherapie wirksam macht. Hier wollten wir beide – Martin Rufer als ,Vollblutpraktiker‘, dessen Herz aber durchaus auch für die Wissenschaft schlägt, und Christoph Flückiger als ausgewiesener Forscher mit Praxisherz – mit einem offenen Diskurs ansetzen.
Das Gesamtkonzept ist aus unserer Sicht so einfach wie überzeugend: ,Alte Häsinnen und Hasen‘ aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Therapierichtungen haben je ein Essay verfasst, in dem sie auf Aspekte ihrer klinischen Erfahrung hinweisen, die für sie zwar essentiell sind, möglicherweise im Wissenschaftsdiskurs aktuell zu wenig beachtet werden und so wohl in keinem Lehrbuch zu finden sind. Integrativ orientierte Psychotherapieforscherinnen und -forscher kommentieren paarweise je eines dieser Essentials bzw. nehmen den aufgeworfenen Diskurs aufund entwickeln ihn weiter (Rufer-Dinger/Kämmerer-Flückiger/Lieb-Schiepek/ Zimmer-Willutski/Kast-Borcsa). Als Herausgeber und Mitautoren würdigen und diskutieren wir in einem Schlusskapitel die Beiträge in Form eines Dialogs.“

Andreas Manteufel hat das Buch für systemagazin gelesen und empfiehlt die Lektüre:

Andreas Manteufel, Bonn:

Ich empfehle zur Lektüre ein angenehm kompaktes (144 Seiten), kurzweiliges Buch über Psychotherapie.

Aus der „neutralen“ Schweiz kommt der Gedanke, Psychotherapieforscher auf der einen und praktizierende Therapeuten auf der anderen Seite zum Dialog über „Essentials“ des Metiers zusammen zu bringen. Die Vorlagen der Praktiker werden jeweils von einem renommierten Vertreter der Forschung aufgegriffen, kommentiert und durch eigene Schwerpunktsetzungen ergänzt. Inhaltlich geht es dabei um keine geringeren Themen als Motivation, Empathie, Vertrauen und Authentizität in der Therapeuten-Klienten-Beziehung (Rufer und Dinger), Menschenwürde, Selbstachtung, Akzeptanz, Wertschätzung (Kämmerer und Flückiger), die Spannung zwischen verallgemeinerter und individueller Fallkonzeption (Lieb und Schiepek), Selbstakzeptanz und positives Selbstbild, Respekt und selbstreflexive Haltung (Zimmer und Willutzki) und die Herausforderungen von Globalisierung und interkultureller Diversität (Kast und Borcsa). 

Kontrovers geht es nicht zu, wie die Herausgeber in ihrem Resümee auch selbst feststellen. Überwiegend schätzen und loben sich die Kollegen gegenseitig. Wir begegnen weder praxisfernen Theoretikern noch dem Typus des „reinen“, nicht lesenden Praktikers, den es ja durchaus noch gibt. Die Autorinnen und Autoren dieses Buches sind allesamt Vertreter des modernen „Scientist-Practitioner“-Ansatzes. Das macht auch die Qualität ihrer Beiträge aus! Alle Artikel lesen sich klar verständlich und sind durch relevante Literatur gut belegt und fundiert. 

In ihrem eigenen Resümee bekennen die Herausgeber eine Grundhaltung, die wohl jeder ihrer literarischen Gäste so unterschreiben würde: „Nichts wäre ja fragwürdiger als eine ‚Wahrheit‘ und eine Praxis, die [den] Kontext ausblendet, schnelle Lösungen verspricht, statt feinfühlig Prozesse gestaltet, und damit Entwicklungs- und Selbstorganisationsprozesse hemmt.“ (S. 137)

Alle Autorinnen und Autoren sind erfahrene „Meister“ ihres Faches und daher würdig, sich nach langen Berufsjahren über „Essentials“ zu äußern. Hierin mag ein Risiko liegen: Über allem schweben die guten alten humanistischen Werte, aus allem äußert sich der Geist guter Förderung der Selbstheilungskräfte hilfesuchender Menschen. Genau das wird es wohl auch sein, was dieses Buch gerne vermitteln möchte, wenn es sich explizit an die junge Therapeutengeneration wendet. Mit Recht aber ist Martin Rufer selbst „in der Tat gespannt: Wie unser kleines, bescheidenes Bändchen, mit welchem wir ja die ‚Psychotherapie-Debatte‘ [Wampold] aufnehmen und weiter anstoßen möchten, in unserer community, insbesondere auch bei den jungen Kolleginnen und Kollegen aufgenommen wird“ (S. 139). 

Was macht die junge Generation mit diesem auf 144 Seiten liebevoll überreichten Erfahrungsschatz der „Alten“ in Zeiten des Wandels berufspolitischer Konzepte, in Zeiten einer massiv zuspitzten Kostendebatte im Gesundheitswesen und besonders in Zeiten des Aufkommens einer digitalisierten Therapie? Der Trend wird sich von der therapeutischen face-to-face-Interaktion hin zur „Online-Therapie“ bewegen. Zielvorstellungen werden noch stärker in Richtung des Self-Monitorings der Klienten gehen, objektivierbar über digitale Daten psychischen Funktionierens (dafür wird auf einer Chipkarte ja wohl noch Platz sein). Es wird sich eine Schere bilden zwischen denen, die sich verstärkt mit Hilfe digitaler Unterstützung selbst therapieren und denen, die als „wirklich schwer Kranke“ der medizinisch-psychiatrischen Akut- oder gar wieder Langzeitbehandlung zugeführt werden. Rufer selbst scheint mit solchen Szenarien durchaus zu rechnen, wenn er fragt, „ob es denn „zwei Psychotherapien“ gibt – eine mit und eine ohne Verbindung/Koppelung mit der Psychiatrie im Sinne krankheitswertiger Störungen – und inwieweit „wellbeing“ und „self-compassion“ eben Teil allgemeiner Grundversorgung sein darf“ (S. 133). Spannend wird es sein, wenn wir erfahren, wie junge Kolleginnen und Kollegen dieses Buch lesen und was es ihnen sagt! Kann es ihnen auf ihrem beruflichen Weg noch eine Richtung vorgeben oder nehmen unsere Nachfolger ohnehin schon eine ganz andere Abzweigung?

Berufsanfänger kümmern sich normalerweise zunächst um „Interventionstechniken“, Theorien und Modelle. Sie reflektieren ihre Rolle und die Entwicklung ihrer Therapeutenpersönlichkeit. Darin haben sie es natürlich eilig. Weniger bewegt sie das, was man eben über die Jahre durch viele Erfolge und Misserfolge erst erfahren muss: Die Grenzen der Machbarkeit (nicht jede Therapie führt zu einem Erfolg), die Individualität und Kreativität des Vorgehens (z.B. Dirk Zimmer: Alles wäre immer auch anders möglich gewesen), der Erfolg der kleinen, geduldigen Schritte zum Ziel (was nicht im Widerspruch zu immer möglichen sprunghaften Veränderungen steht). 

Eine Klammer zwischen solchen Erfahrungen und dem digitalen Ehrgeiz der Jungen könnte der Ansatz von Schiepek sein: Er nutzt Computerprogramme, um die sehr komplexen selbstorganisierten Verlaufsmuster einer Therapie über nichtlineare Auswertungsprozeduren einzufangen und darzustellen, gleichzeitig aber auch mitzugestalten, nämlich über das ständige Feedback darüber mit den Klientinnen und Klienten. Genutzt werden hier die Möglichkeiten nichtlinearer Mathematik und moderner Computertechnik für die Prozesserfassung, für deren Evaluierung (Qualitätssicherung) und für vergleichende Forschung. Der gesamte therapeutische Prozess aber und der feedbackgesteuerte Austausch über diesen Prozess auf der Metaebene (und zwar fortlaufend, nicht erst im Nachhinein) bleibt eine Sache der persönlichen Begegnung mit allem, was wir als „Essentials“ in diesem wirklich empfehlenswerten Buch erfahren haben. Da wird Psychotherapie nicht „neu erfunden“, sondern sinnvoll bereichert. Solches „feedbackgesteuerte Prozessmonitoring“ mausert sich gerade zu einem Trendthema in der Psychotherapiedebatte. Ich bin sehr gespannt auf die Entwicklungen der nächsten Jahre. 

Vielleicht wird man irgendwann einmal das Buch von Rufer und Flückiger als „Mahnmal“ an der Schwelle zu einem veränderten Verständnis von Psychotherapie bewerten, als ein spätes Zeugnis großer humanistischer Tradition in dieser Profession. 

So lange sollten Sie aber nicht damit warten, das Buch zu lesen. Außerdem kann alles ja immer auch anders kommen…

Martin Rufer & Christoph Flückiger (Hrsg.) (2020): Essentials der Psychotherapie. Praxis und Forschung im Diskurs. Bern (Hogrefe)

144 Seiten, kart.
ISBN: 9783456859231
Preis: 24,95 €

Inhalt:

Geleitwort von Eva-Lotta Brakemeier
Geleitwort von Luise Reddemann
Einführung (Martin Rufer & Christoph Flückiger)
1. Bilanz therapeutischer Arbeit (Martin Rufer)
2. Vertrauen und Selbstwirksamkeit aus Sicht der Psychotherapieforschung (Ulrike Dinger)
3. Nachdenken über Psychotherapie (Annette Kämmerer)
4. Professionalisierung, Therapeutenbild und Herausforderungen – Nachdenken über Psychotherapeutinnen (Christoph Flückiger)
5. Auf den Punkt gebracht: Individualität und Verallgemeinerung in der Fallkonzeption (Hans Lieb)
6. Kein Klient ist „der Fall“ von irgendwas – Das Spannungsfeld von individueller Fallkonzeption, Prozesssteuerung und Verallgemeinerung (Günter Schiepek)
7. Aufbau positiven Denkens im Spannungsfeld von Selbstabwertung, Selbstzweifeln und Selbstakzeptanz (Dirk Zimmer)
8. Respektvoll, behutsam und genau … (Ulrike Willutzki)
9. Alles allgemein menschlich? Alles kulturbedingt? – Eine produktive Verwirrung! (Verena Kast)
10. Das Infragestellen des Selbstverständlichen – wenn das Fremde in den Blick gerät (Maria Borcsa)
11. Summary: Dialog Rufer – Flückiger

Über die Herausgeber:

Martin Rufer, Systemischer Therapeut, Lehrtherapeut, in freier Praxis in Bern tätig

Christoph Flückiger, Professor für «Allgemeine Interventionspsychologie und Psychotherapie» an der Universität Zürich

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