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systemagazin Adventskalender: Open doors – offene Systeme und vorweihnachtliche Verstörung

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22adventRosita A. Ernst & Noah Artner, Wien: Open doors – offene Systeme und  vorweihnachtliche Verstörung

Haben Sie schon einmal zu Weihnachten Ostereier verschenkt?

Wir konnten uns anfangs nicht einigen, womit wir uns inhaltlich beim diesjährigen systemischen Adventskalender beteiligen möchten. Zur Auswahl stand ein sehr persönlicher Fall, der ob der Aktualität und der fehlenden Distanz noch nicht veröffentlicht werden wollte. Wir dachten auch an eine systemisch-gruppendynamische Auseinandersetzung, die Fritz Simon dankenswerterweise bereits eifrig vorantreibt. Letztlich sind wir dann durch die daraus entstandene Diskussion bei der Verstörung gelandet. Warum also nicht etwas Verstörung in die ohnehin angepriesene geruhsame und dann davor oft doch turbulente Weihnachtszeit streuen.

Zumeist hören wir in systemischen Vorträgen den Verweis hin zu Luhmann und der Autopoiese. Systeme werden als sich selbst erschaffende und intern regulierende, in sich abgeschlossene Einheiten beschrieben. Die Menge der dem System zur Verfügung stehenden Operationen ist begrenzt, d.h. „geschlossen“. Man kann autopoietische Systeme nicht instruieren, andere Elemente hervorzubringen als diejenigen, aus denen sie bestehen, bzw. die strukturell angelegt sind. Schade, dass wir nicht öfters auch Bertalanffys Ausführungen mit einbinden. Er widmete sich unter anderem der Theorie offener Systeme und stellt fest, dass, wenn auch auf Thermodynamik bezogen, offene Systeme Energie aus ihrer Umwelt aufnehmen können und dies zu einer höheren Ordnung führt. Wagen wir hier eine Umlegung auf soziale Prozesse, so macht dies ebenso Sinn und widerspricht „geschlossenen Türen“. Inwiefern sich diese höhere oder neue Ordnung auswirkt, wissen wir nicht, jedoch können wir die erwähnte Energie vielleicht auch mit verstörenden oder andersartigen Interventionen vergleichen.

Letztens saß ich als Supervisor in einem Team, das ich etwa ein Jahr begleite. Und an dem einen Tag würde ich die Stimmung und Atmosphäre als zäh und starr beschreiben. Müdigkeit, Lustlosigkeit und auch Schweigen zeichneten sich ab. Nun könnte man stoisch sitzen, es aushalten und warten, was passiert. Ich könnte Hypothesen spinnen wie, dass das Team etwas belastet, es Streit gab, schlechte Nachrichten oder das sie heute einfach keine Lust auf Supervision oder mich hätten. Ich erinnerte mich an die anderweitig, im Zuge eines Gesprächs, vernommenen Worte von Gerda Mehta: „Die könnten doch einfach sehr beschäftigt sein. Vielleicht denken die gerade daran, wie sie weiterarbeiten können!? Unterstellen Sie doch einfach das Positive! Alles andere kommt von allein“. Gesagt getan. König (1998) meint, man kann ein soziales System, wie eine Gruppe nur verstehen, wenn man die Regeln kennt, die das Verhalten der Personen in diesem System leitet. Da die Gruppe bisher immer betonte, dass sie gerne etwas „tun“ und nicht nur reden und sitzen möchten, griff ich den Wunsch bereits die letzten Sitzungen auf.

Ich entschied, eine kurze Entspannungstrance anzuleiten und das passte, im Nachhinein betrachtet, richtig gut. Eine Intervention ist eine, im Sinne Kurt Lewins, theoriegeleitete Kommunikation ins System, die dort Muster verstört, allerdings nur, wenn das System dies zulässt (Helmut Willke, 1994). Eine Intervention soll überlegt sein und sich aus der Schrittfolge der systemischen Schleife ableiten.

Während der Anleitung wirkten die Gesichter entspannter. Als ich im Anschluss um Reflexion bat, folgte das produktive Donnerwetter. Es sei entspannend gewesen, aber man habe sich nicht so richtig darauf einlassen können, meinte ein Teammitglied. Ein anderes Teammitglied meinte, dass eine Entspannungseinheit total unpassend gewesen wäre, es gäbe so viel zu tun, man müsse endlich ins Tun kommen und zusehen, wie man die aktuellen Herausforderungen und Schwierigkeiten bewältigen könne. Vermeintlich ein Fehlgriff, würde man vielleicht meinen. Ein Musterbruch findet jedoch streng genommen bereits in dem Moment statt, wenn die Kontingenz der spezifischen Konstruktion eines Musters sichtbar wird. Damit rückt die Möglichkeit ins Blickfeld, es einfach mal anders zu machen, d. h. der Möglichkeitsraum des Systems wird vergrößert. Die Ergebnisse der Interventionen können erneut als Daten beobachtet werden, sie werden interpretiert, für ein bestimmtes Handlungsanliegen werden Optionen gesucht und bewertet, um den Zyklus der Schritte erneut zu starten. Muster sind beobachtbar durch gemeinsame Reflexion von Zusammenhängen, durch Rückspiegelung von Beobachtungen aus der Außensicht oder durch Beobachtung von anderen Interaktionsmustern in ähnlichen Kontexten. Gemäß den Auführungen ergab sich aus der Reflexion heraus ein äußerst produktiver Austausch und eine Reflexion über die derzeitige Teamsituation , das Verhalten des Teams sowie deren einzelnen Mitgliedern, wovon anscheinend alle sehr profitiert haben und ein näher Zusammenrücken ermöglicht wurde.

Da uns von Anfang an eine Offenheit für verschiedene Methoden, Perspektiven, Richtungen als auch Haltungen und infolge auch Kulturen und Lebensweisen wichtig ist, möchten wir eine Einladung hinsichtlich Verstörungen und ungewohnten Interventionen aussprechen und zu offenen Türen für das Andere einladen. Letztens Jahr habe ich in meinem Adventskalender zur Definition und Abgrenzung systemischer Theorie geschrieben. Dies widerspricht sich jedoch nicht unbedingt. Und auch hier fand Gerda Mehta einmal sehr weise Worte: „Es ist wichtig den eigenen Bereich gut zu kennen, damit man sich umso besser davon, falls gewollt, distanzieren kann.“ Lassen Sie uns also Frau und Herr im wohlbekannten eigenen Haus und zugleich gastlich sein. Bedienen wir uns des Begriffes Gastlichkeit, also der Beherbergung, Bewirtung und Unterhaltung von Besuchern. Wenn wir die Türe öffnen, wissen wir natürlich nicht, wer da in unser Haus kommt und was dann passiert. Manchmal geht es um kurze Begegnungen, manchmal bleibt man länger, verbringt eine gute Zeit miteinander, bringt Neues auf den Weg, manch einer bleibt ein Leben lang, bei anderen fällt der Abschied schwer und bei manchen kracht es und man setzt den ungeliebten Gast vor die Tür. In jedem Fall aber bewegt es uns und zwingt uns dazu Dinge zu überdenken und sich gegebenenfalls neu auszurichten. Und ganz ehrlich, ist bei Ihnen Gastlichkeit jemals negativ angekommen?

Momentan sind wir, neben den „üblichen Weihnachtsvorbereitungen“, eifrig am Eierfärben und bemalen. Und ob Sie es glauben oder nicht, die Verstörung, die wir uns selbst damit zumuten, ist durchaus spannend und erheiternd. Ob wir es letztlich wirklich wagen gegen die Traditionen anzugehen und unsere Werke unters Volk zu bringen wird sich in den nächsten Tagen noch herausstellen. Wir grübeln gerade, ob es zumutbar ist, die übrigen Schokonikoläuse bis Ostern aufzubewahren…

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8 Kommentare

  1. Solche Beiträge an diesem Ort machen mich immer wieder staunend. Ich kann dann nicht jedes Mal H. Maturana von Neuem lesen, um zu prüfen, wie falsch ich alles verstanden habe, wo er von Autopoiese und operationell geschlossenen Systemen spricht.
    In dieser Verlegenheit komme ich dann jeweils nicht umhin zu vermuten, dass systemische Therapie mit “Autopoiese” nichts und mit operationell geschlossenen Systemen rein gar nichts zu tun haben will, auch dort nicht, wo sie den unsäglichen N. Luhmann stillisiert.
    Aber schliesslich sind es Beobachtungen, die offene oder geschlossene Systeme brauchen, den Systemen (auch sie therapiert werden), mag das gleichgültig sein.

    • Lieber Herr Todesco,

      entschuldigen Sie bitte die späte Antwort.

      Vielleicht haben wir, also die Kollegin und ich, es auch nicht richtig verstanden. Ich gewinne sowieso immer mehr den Eindruck, dass das Verständnis um Systemtheorie, die Beschreibungen davon und die Definition höchst unterschiedlich auch innerhalb “unserer Reihen” sind. Ich denke auch, dass die systemische Referenztheorien grundsätzlich etwas herausfordernd und an manchen Stellen schwer einzugrenzen sind.

      Ihre Vermutung bzw. Überlegungen kann ich durchaus nachvollziehen, diese habe ich mir selbst auch schon öfters gestellt. Vor allem müsste man sich dann, wenn man sich sehr auf Autopoiese und geschlossene Systeme beruft, Gedanken um die Sinnhaftigkeit bzw. besser gesagt die Effektivität systemischer Interventionen machen. Wobei man ja auch damit zufrieden sein könnte, wenn man es überhaupt schafft das System zu verstören um eine Neuordnung anzuregen. Ganz praktisch runtergebrochen ist es für mich ein wesentlicher Teil der Haltung den KlientInnen gegenüber und eine Erklärung für uns, warum was wie funktionieren bzw. sein kann.

      Ich habe ja gelesen, dass Sie einen Lehrauftrag für Systemtheorie innehaben. Insofern freue ich mich auf ihre vermutlich vertieften Kenntnisse und auch der Rückmeldung wie Ihr Verständnis davon ist.

      Schöne Grüße,
      N. Artner

  2. Das Eine schließt das Andere nicht aus, sondern baut es ein – damit es ein Eins bleiben und ein differenzierteres Eins werden kann.
    Dafür braucht es Energie …

    System? Eine operational geschlossen Einheit, die wechselwirkungsoffen ist.

    Eine für mich bisher praktikable Definition (in technischen u sozialen Bereichen); Systeme, die in keinem Austausch stehen u keine räumlich-zeitlich Begrenzung haben, sind mir noch nicht begegnet, was jedoch erstens nichts heißen muss …

    und zweitens …
    durchaus für einen Ost.We.Annäherung spricht, also das Eiermalen unter dem Tannenbaum 😉

    • Lieber Herr Riehle,

      ja, da stimme ich Ihnen zu. Deswegen ist es ja so wichtig das die Türen offen sind. Alles andere wäre ja dann ein Einbruch und würde nur Abwehrreaktionen hervorrufen.

      Da haben Sie natürlich recht, mir fällt spontan auch kein völlig abgeschlossenes System ein. Aber wir wissen ja wie das mit dem schwarzen Schwan ist 😉

      Der Richtigkeit halber: In Österreich ist das auch (noch) kein Brauchtum aber wenn sie vom Westen her und wir vom Posten die Welle lostreten, vielleicht wird es ja noch. ^^

      Schöne Feiertage!

  3. Unterschiedliche Konzepte und Theorien können aus ihrer Konkurrenz heraus auch gegenseitige Dienstleistungsverhältnisse gestalten. Credo von Victor Klein.

  4. Ich finde die grünroten Ostereier, die an diesen blauen Bändchen an meinem gelben Weihnachtsbaum hängen, irritierender als dies meine Besucherinnen und Besucher tun. Und die Kombi verkauft sich gut.

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