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Rudolf Welter: Abwesende

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Rudolf Welter (Foto: T. Levold)

Rudolf Welter
(Foto: T. Levold)

Zum heutigen Sonntag gibt es den fünften Text der Serie von literarischen Texten von Rudolf Welter (siehe hier) im systemagazin-Salon:

Rudolf Welter: Abwesende

Ein Portrait für eine Abwesende schreibe ich selbst, weil „meine“ Abwesende selber kein Portrait schreiben konnte, denn sie wurde weder vermisst noch gesucht, noch war sie verschollen oder verstorben, sie war weder geflohen noch auf einer Urlaubsreise, sie hatte auch keinen Namen, hinterließ keine Fingerabdrücke und keinen Pass: sie existierte ganz einfach nicht. Sie tauchte aber unverhofft, unangemeldet als Einbildung in mir auf. Diese liess mich nicht mehr los.
Ich wurde aber nicht wahnhaft verfolgt von „ihr“, wie Menschen berichten, welche von bösen Geistern verfolgt werden. Nein ich wollte mich der eingebildeten Abwesenden aus Neugierde nähern, wohl auch mit der Absicht zu erfahren, welche Gratifikationen hinter dem Erschließen von Einbildungen im Allgemeinen stecken.
Um diese eingebildete Abwesende näher zu kennen und ich das Portrait fortschreiben wollte, versuchte ich mir ein Bild von ihr zu machen, auf die Gefahr hin, dass ich ein Bildnis schaffte, das meinen Vorstellungen entsprach, dass ich die Abwesende in eine Kategorie von Menschen einteilte, die so oder so handeln musste, weil ich das von ihr so erwartete.
So passierte es. Ich wurde zum Beobachter meiner selbst. Ich setzte mich so sehr mit der Abwesenden auseinander, dass ich sie eines Tages mit mir verwechselte: So wie sie möchte ich auch sein, ging es mir durch den Kopf. Ich spürte, dass ich mich in die Vorstellung, die ich von der Abwesenden machte, verliebte. Und weil die Vorstellung eben meiner Meinung entsprach, habe ich mich in mich selbst verliebt.
Ich musste mich von dieser Verliebtheit trennen. Ich konnte es nicht zulassen, dass die Auseinandersetzung mit einer Abwesenden eine Selbstschau gleichkam und damit der Reiz und die Potentiale dieser Auseinandersetzung verloren gehen würden.
Dazu kam, dass ich an einer Party der Abwesenden begegnete, so glaubte ich es wenigstens. Ich hielt mich auf Distanz zu ihr, ich konnte mich ihr nicht ganz nähern, zu stark war ich betroffen von der Begegnung. Sie war sehr elegant gekleidet, hatte eine faltenfreie Gesichtshaut und unterhielt sich sprachlich und körperlich verschwenderisch mit anderen Gästen. Während ich sie beobachtete, wurde mir plötzlich klar, dass dies nicht „meine“ Abwesende war. Zu stark wichen ihr Gehabe und ihre Ausstrahlung von meinen Vorstellungen ab. Dieses Erlebnis liess in mir Zweifel aufkommen, ob ich mich mit den Bildern, die ich mir von der Abwesenden machte, weiter beschäftigen sollte und ich sie eine zeitlang in meinem Erinnerungsalbum ruhen lassen sollte.
Dann begannen sich noch Personen in meinem Umfeld mit meiner Geschichte mit der Abwesenden zu beschäftigen. Sie wurden recht aufdringlich, rieten mir eindringlich, mich von der Abwesenden zu trennen. Sie würde mich noch in eine mentale Verirrung führen. Ich solle mich besser näher mit Anwesenden beschäftigen. Dieses Eindringen in meine Privatsphäre störte mich zwar, löste aber Fragen aus: War ich in der Vergangenheit zu bequem, fehlte mir die Motivation und Geduld dazu, mich mehr mit Anwesenden zu beschäftigen? Fehlte mir der Mut dazu, das Risiko von nahen Bekanntschaften einzugehen, um dann bitter enttäuscht zu werden, wenn auch die Anwesenden nicht meinen Vorstellungen entsprachen?
Ich konnte und wollte mich von der Abwesenden nicht ganz trennen, gelegentlich erscheint sie mir im Traum oder begleitet mich im Alltag, um mich daran zu erinnern, eine Partnerin zu haben, die mich veranlasst, über mich nachzudenken.

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