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Rudolf Welter: Die Radarspäherin

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Rudolf Welter (Foto: T. Levold)

Rudolf Welter
(Foto: T. Levold)

Nach längerer Zeit bringt systemagazin wieder einmal literarische Texte von Rudolf Welter aus Männedorf am Zürichsee. Nach einer langjährigen Tätigkeit als Architekt und Planer für Kommunen hat er sich, der heute seinen 79. Geburtstag feiert, ganz auf das Schreiben von Kurzgeschichten und literarischen Miniaturen konzentriert, die oft vermeintlich harmlos daher kommen, aber häufig ebenso überraschende wie lakonische Wendungen und Endungen enthalten, die von einem subtilen Humor und einem großen Sinn für die Beobachtung kleinster Details begleitet werden. Ihm sei an dieser Stelle auf herzlichste gratuliert! 2014 ist sein neuestes Buch „Kalte Portraits“ im Karin Fischer Verlag Aachen erschienen, laut Verlagsankündigung eine Sammlung von „rund vierzig Portraits, die der Autor für erfundene Personen geschrieben hat. Es sind Portraits von braven, kreativen, risikobereiten, intellektuellen, frommen, dienenden, beratenden, handwerkelnden oder künstlerisch tätigen Personen. Die Sammlung stellt einen Annäherungsversuch zu einem Abbild unserer Gesellschaft dar, wenn auch unvollständig und subjektiv gefärbt. Gewisse Personen möchte der Autor selber auch sein, hätte er auch sein wollen, andere ganz und gar nicht.“

Seinem Band hat Rudolf Welter ein Zitat aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ vorangestellt: „ Im Grunde wissen in den Jahren der Lebensmitte wenig Menschen mehr, wie sie eigentlich zu sich selbst gekommen sind, zu ihren Vergnügen, ihrer Weltanschauung, ihrer Frau, ihrem Charakter, Beruf und ihren Erfolgen, aber sie haben das Gefühl, dass sich nun nicht mehr viel ändern kann. Es ließe sich sogar behaupten, dass sie betrogen worden seien, denn man kann nirgends einen zureichenden Grund dafür entdecken, dass alles gerade so kam, wie es gekommen ist; es hätte auch anders kommen können; die Ereignisse sind ja zum wenigsten von ihnen selbst ausgegangen, meistens hingen sie von allerhand Umständen ab, von der Laune, dem Leben, dem Tod ganz anderer Menschen, und sind gleichsam bloß im gegebenen Zeitpunkt auf sie zugeeilt. So lag in der Jugend das Leben noch wie ein unerschöpflicher Morgen vor ihnen, von allen Seiten voll von Möglichkeit und Nichts, und schon am Mittag ist mit einemmal etwas da, das beanspruchen darf, nun ihr Leben zu sein, und das ist im ganzen doch so überraschend, wie wenn eines Tags plötzlich ein Mensch dasitzt, mit dem man zwanzig Jahre lang korrespondiert hat, ohne ihn zu kennen, und man hat ihn sich ganz anders vorgestellt.“

Heute und an den folgenden fünf Sonntagen finden Sie im systemagazin einige der kalten Portraits, das erste gilt der Radarspäherin:

 Rudolf Welter: Radarspäherin

Rudolf Welter:  Kalte Portraits

Rudolf Welter:
Kalte Portraits

Mir wurde schon in jungen Jahren nachgesagt, dass ich einen ausgesprochen scharfen Radar- oder Röntgenblick für das Erkennen von schwierigen Situationen in menschlichen Beziehungen hätte. Das sprach sich herum, vor allem bei Familien- und Paartherapeuten.

Diese begannen, mich in jenen Fällen zu Rate zu ziehen, in denen sie selber nicht mehr weiter wussten. Sie sprachen von so genannten Bruchstellen, die in Beziehungen von Paaren vorhanden seien und die ich mit meinem scharfen Radarblick erkennen und ihnen mitteilen sollte. Unter Bruchstellen verstanden sie Zeitpunkte, an denen Beziehungen brechen sollten, nämlich in Fällen, wo Beziehungen nicht mehr zu retten seien. Die Getrennten hätten bessere Chancen im Alleingang weiter durchs Leben zu gehen, als sich während Jahren zu streiten und zu martern und sich deswegen zu hassen, oder wegen einer zu starken Bindung aneinander sich nicht mehr selber sein zu können, sagten sie.

Für ihre Arbeit verwendeten sie dafür den Fachausdruck Sollbruchstellen, die in Beziehungen von Paaren nutzbar gemacht werden können. Dieser eher technische Begriff sei ihrer Meinung nach durchaus auch für therapeutische Zwecke verwendbar. Nur, sie müssten eben gefunden werden und dazu sei ich sehr geeignet, fügten sie noch aus Erfahrung bei, die sie in der Zusammenarbeit mit mir eben machten.

Mit meinem Radarblick konnte ich übrigens auch das Vorhandensein von Geheimnissen, die in Beziehungen von Ehepaaren schwelten, aber nicht gelüftet wurden, erkennen. Allerdings war es mir nicht möglich, die Art eines Geheimnisses noch den jeweiligen Partner zu benennen, der sich und den unwissenden Partner mit einem Geheimnis belastete. Dieses Unvermögen war mir auch recht.

Mir wurde zwar gelegentlich nahe gelegt, dass mit Radar immaterielle Dinge wie Geheimnisse nicht zu lokalisieren seien, Radarstrahlen müssten doch auf solide Oberflächen treffen, um reflektiert zu werden, monierten sie. Nur, meine Radarstrahlen bestanden eben nicht aus elektromagnetischen, sondern aus Empathiewellen. Eine Wellenart, die modernste und feinste Maschinen, die heutzutage auf dem Markt erhältlich sind, nicht generieren können.

In meiner Zusammenarbeit mit Therapeuten handelte ich die Bedingung ein, für deren Klienten unerkannt zu bleiben. Mit dieser Anonymität wollte ich mich vor bösen Repressalien schützen, die auf mich zukommen könnten, wenn den Klienten meine Aufgabe in einer Therapie bekannt sein würde.

Per Zufall wurden meine Fähigkeiten als Radarspäherin auch von Fachleuten entdeckt, die mit strukturellen Anliegen beim Entwurf von Bauteilen von Gebäuden und Flugzeugen zu tun hatten. Dass sie mich fragten, mit ihnen zusammen zu arbeiten ist eigentlich erstaunlich, bin ich doch weder technisch geschult noch begabt. Aber Schwachstellen in Bau- und Flugzeugteilen sowie in Verbindungsteilen konnte ich mit meinem Röntgenblick sicher erkennen. Hier ging es allerdings nicht um Sollbruchstellen, sondern um Stellen, die nicht brechen sollten.

Kritische Stellen erkannte ich schon auf Bauplänen, die mir vorgelegt wurden. Darauf sah ich auf Anhieb, wo Brüche bei der Nutzung von Gebäuden und Flugzeugen erwartet werden müssen. So konnten die Fachleute Korrekturen vornehmen, bevor Teile in Produktion gingen, eine große Ersparnis an Zeit und eine willkommene Reduktion von Risiken sei das, wie mir versichert wurde.

Meine Zusammenarbeit mit Therapeuten gab ich dann auf, weil mir bei dieser Arbeit zunehmend unwohl wurde. Ich meinte, zuviel Einfluss zu nehmen auf das Leben der betroffenen Paare. Ich bin aber der Meinung, dass die Therapeuten eigentlich ähnliche Fähigkeiten wie den meinigen entwickeln und anwenden sollten. Diese sehen ihre Klienten für etliche Sitzungen, lernen sie dabei soweit kennen, um selber deren Sollbruchstellen zu erkennen.

Hingegen werde ich für strukturelle Fragen im Bau- und Flugzeugwesen immer wieder gefragt, beim Entwurf von Bauteilen mitzuwirken. So lange noch, bis meine Radarspäherfähigkeiten erlahmen und ich auf diesem Gebiet nichts mehr beitragen kann.

 

info

 

 

Rudolf Welter: Kalte Portraits

Karin Fischer Verlag Aachen

146 S., flex. Einband

ISBN : 978-3-8422-4234-0

Preis : 11,80 €

 

Über den Autor:

Rudolf Welter, geb. 1935 im schweizerischen Wetzikon. Grundschulen, Dachdeckerlehre, Kunstgewerbeschule, Studium der Architektur und Umweltpsychologie an der University of Michigan (USA), Doktorat an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Bücher und Fachartikel zur kommunalen Alterspolitik, literarische Werke im Eigenverlag, LEER GUT GESCHICHTEN im Karin Fischer Verlag (2012). Lebt und schreibt in Männedorf am Zürichsee.

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