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Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen

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Allen Frances: Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen

Im vergangenen Jahr ist die neue Ausgabe des DSM (Diagnostic and Statistical Manual)  in der Version V von der American Psychiatric Society veröffentlicht worden. Allen Frances (*1942) ist einer der bekanntesten Psychiater der USA und weiß als Vorsitzender der Arbeitsgruppe zur Durchführung der vierten Revision des DSM-IV genau, wovon er redet, wenn er sich kritisch zum DSM-V äußert. In seinem Buch „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“ richtet er sich massiv  gegen die Pathologisierung von bislang als normal eingeschätzten Problemen in der neuen Ausgabe des DSM. Dazu gab es auch im systemagazin schon zu lesen, etwa hier, hier oder hier. Das Buch hat in Deutschland sehr große Beachtung gefunden, auch wenn hierzulande in erster Linie das ICD-10 als diagnostisches Manual eingesetzt wird. So haben alle große Print-Medien wie auch TV und Rundfunk ausführlich berichtet. Stefan Schäkel aus Berlin hat das Buch gelesen und beurteilt es trotz grundsätzlicher Zustimmung zu Frances’ Kritik am DSM-V durchaus skeptisch.

Stefan Schäkel, Berlin:

So rund wie der Preis ist auch das Buch. Gut bedient werden der Leser und die Leserin in diesem Sachbuch in seinem potenziellen Unbehagen, das durch die Diagnostischen Neuerungen des DSM-5 genährt wird und das gleichfalls im Frühjahr 2013 zur Veröffentlichung anstand. »Normal« wehrt sich nicht nur gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen, wie es der deutsche Untertitel vermittelt, sondern versucht Normalität als eine menschliche Daseinsform zu retten. Der amerikanische Orginaltitel »Saving Nor- mal. An Insider’s Revolt Against Out-of Control Psychiatric Diagnosis, DSM-5, Big Pharma, and the Medicalization of Ordinary Life« bringt dies prägnant und herausfordernd zum Ausdruck! Zugleich lässt sich erahnen, innerhalb welcher Bezugsfelder der Psychiater Allen Frances auf den folgenden Seiten argumentieren und warnen wird. Der Autor, selbst einer der führenden Psychiater seines Landes (und früherer Herausgeber des DSM-3), verfügt sicherlich über ein fundiertes Sach- und Hintergrundwissen, mit dem er die aktuellen Entwicklungen der Psychiatrie beschreiben und kommentieren kann.

Fundiertes Sach- und Hintergrundwissen

Um es vorwegzunehmen, das Buch ist mit seinen 400 Seiten grundsätzlich zu um-fangreich. Das liegt nicht am Thema, sondern daran, dass Allen Frances seine Thesen, Warnungen und Zuschreibungen durchgehend über das ganze Buch verteilt, ohne sie aber argumentativ oder qualitativ zu entwickeln und weiterzuführen. Der ganze Text bleibt an vielen Stellen in der Warnung und Entrüstung hängen, anstatt sich für klare Argumentationsketten zu entscheiden und stringent vertiefende Fakten und Informationen zu bieten. Während Frances seine Thesen in Interviews mitreißend und eloquent vortragen kann, erreicht das Buch diese unmittelbare Qualität nicht. Dass er dieses Buch kapitelweise mit einem Blackberry schrieb (wie er uns mehrmals mitteilt), mag dazu beigetragen haben, das er den Überblick darüber verlor, was er in welchen Kapiteln schon formuliert hatte.

Das Positive ist, dass jedes Kapitel für sich gelesen werden kann und in sich verständlich ist. Der Leser mag also bequem mit einem Kapitel beginnen. Er oder sie wird sich relativ sicher in der persönlichen Entrüstung oder wenigstens in dem Unbehagen bestätigt fühlen, dass die Normalität durch Pharmakonzerne, das DSM-5 und eine laxe Diagnostik bedroht ist. Frances postuliert, dass Normalität in sich schließt, dass Leid zu einer menschlichen Grunderfahrung gehört und dass der Mensch sich biologisch und entwicklungsgeschichtlich zu einem relativ robusten Wesen entwickelt hat. Er ist der Auffassung, dass die meisten Störungen und Krisen sich durch die Zeit und die Veränderungen, die diese mit sich bringt, von selbst legen, und dass Gespräche mit Freunden und eventuell eine Psychotherapie bessere und wirkungsvollere Heilmittel als Psychopharmaka darstellen.
Frances erläutert, dass die Psychiatrie nicht in der Lage sei, eine genaue Grenzziehung zwischen gesundem und krankhaftem Verhalten zu ziehen. Er befürchtet, dass das DSM- 5 zu einer Zunahme an psychiatrischen Diagnosen führen wird, da es qualitativ und quantitativ die vorhandenen Symptomatiken und deren Dauer, die zur Diagnostizierung einer Erkrankung notwendig sind, herabsetzt. Beispielsweise kann eine Trauerreaktion nach wenigen Wochen mit Hilfe des DSM-5 als »schwere Depression« diagnostiziert werden. »Aber wenn wir Trauer pathologisieren, dann nehmen wir dem Schmerz die Würde, kürzen den Trauerprozess ab, der notwendig zur menschlichen Existenz gehört, und nehmen den vielfältigen kulturellen Trostritualen ihren Wert und ihre Verlässlichkeit« (S. 267).

Leider nicht die fachliche Tiefe und Differenzierung, die den Leser zu einer wirklich aktiven Herausforderung veranlasst

Die Einführung neuer Diagnosen, zum Beispiel die »Disruptive Mood Dysregulation Disorder« oder die »Binge Eating Störung«, psychiatrisiere im Kern eigentlich normal menschliche Entwicklungsstadien und Verhaltensweisen; normales, im Bereich der menschlichen Varianz liegendes alltägliches Verhalten wird unter einer psychiatrischen Prämisse subsistiert und dadurch behandlungswürdig. Frances argumentiert, dass die Pharmakonzerne von dieser Zunahme psychiatrischer Diagnosen profitieren werden – insbesondere, da diese in den USA direkte Konsumenten-Werbung betreiben dürfen. Der großartige Erfolg von Ritalin, in den Vereinigten Staaten und darauffolgend auch in Europa, beruhe darauf, dass Pharmahersteller in Amerika die Hausärzte und Eltern direkt bewerben und als Abnehmer ihres Produkts ansprechen dürfen und so einen neuen Markt kreieren, den sie gewinnorientiert bedienen. Ärzten und Familien wird eine schnelle und einfache Lösung durch die Einnahme von Medikamenten versprochen: »Das echte Geld steckt in den ›benutzerfreundlichen‹ Medikamenten, die einen Massenmarkt ansprechen« (S. 144).
Die gleichsam inflationäre Verbreitung bestimmter Diagnosen dient nicht nur dem Interesse der Pharmakonzerne, sondern kann auch durch Interessenverbände und Angehörige mit ausgelöst werden, wie Frances an der Diagnose Autismus verdeutlicht. Diese Diagnose bilde eine »positive Feedback-Spirale zwischen beherzter Patienten- vertretung und dem Zugang zu schulischen und therapeutischen Programmen [bildet], für den die Diagnose Autismus Voraussetzung ist« (S. 216). »Kinder werden zu Unrecht als Autisten eingestuft, weil die Diagnose die Eintrittskarte zu mehr schulischer Förde- rung und intensiverer medizinischer Betreuung ist« (S. 215).
Diese Thematik handelt Frances kurz und knapp auf vier Seiten ab und kann zwar seine Bedenken und Sichtweise klar formulieren, aber wirklich gerecht wird er der Komplexität dieser Thematik nicht, da er keinen fachlichen Dialog mit anderen Autoren eingeht oder weitergehende Quellen zitiert. Dieses Manko zieht sich durch das ganze Buch. So liegt mit »Normal« insgesamt ein Werk vor, das eine wichtige Thematik auffächert, aber leider nicht in die fachliche Tiefe und Differenzierung vorstößt, die den Leser zu einer wirklich aktiven Herausforderung veranlasst. Ein Sachbuch, aber kein Fachbuch.
P. S.: Wie es anders geht, zeigt ironischerweise das sehr gut strukturierte und fachlich differenzierte Nachwort von Gert Keil, der auf dreißig Seiten das ganze Buch konzen- triert zusammenfasst und kritisch beleuchtet. Leider gibt es beides nur zusammen unter einem Buchdeckel.

(Mit freundlicher Genehmigung aus Kontext 45(2), 2014)

links

 

Hier gibt es weitere Rezensionen, so z.B. in Spiegel Online, der FAZ und der Zeit Online.

Auf youtube gibt es einen Mitschnitt einer halbstündigen Sendung von DeutschlandRadio Kultur, in der sich Frances selbst über seine Thesen äußert

info

 

 

Allen Frances: Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen
Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Nachwort von Geert Keil
430 Seiten, Hardcover
H21 x B13,5 cm

Originaltitel: Saving Normal. An Insider’s Look at What caused the Epidemic of Mental Illness and how to cure It

Originalverlag: William Morrow, 2013
EUR 22,00 [D] / 31,50 sFr.
Erstverkaufstag: 05.04.2013
ISBN 978-3-8321-9700-1

 

Verlagsinformation:
1980 hielt man einen Menschen für normal, wenn er ein Jahr lang um einen nahen Angehörigen trauerte. 1994 empfahl man Psychiatern mindestens zwei Monate Trauerzeit abzuwarten, bevor man Traurigkeit, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und Apathie als behandlungsbedürftige Depression einstufte. Mit dem neuen Katalog psychischer Störungen ›DSM 5‹ wird ab Mai 2013 empfohlen, schon nach wenigen Wochen die Alarmglocken zu läuten. Vor einer Inflation der Diagnosen in der Psychiatrie warnt deshalb der international renommierte Psychiater Allen Frances. Er zeigt auf, welche brisanten Konsequenzen die Veröffentlichung haben wird: Alltäg-liche und zum Leben gehörende Sorgen und Seelenzustände werden als behandlungsbedürftige, geistige Krankheiten kategorisiert.
Verständlich und kenntnisreich schildert Allen Frances, was diese Änderungen bedeuten, wie es zu der überhandnehmenden Pathologisierung allgemein-menschlicher Verhaltensweisen kommen konnte, welche Interessen dahinterstecken und welche Gegenmaßnahmen es gibt. Ein fundamentales Buch über Geschichte, Gegenwart und Zukunft psychiatrischer Diagnosen sowie über die Grenzen der Psychiatrie – und ein eindrückliches Plädoyer für das Recht, normal zu sein.

Über den Autor:

Allen Frances ist emeritierter Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung und lehrte an der Duke University. Er ist einer der profiliertesten Psychiater weltweit. Als Koautor war er an der Entwicklung der psychiatrischen Standardwerke ›DSM 3‹ und ›DSM 4‹ maßgeblich beteiligt. Neben Fachartikeln veröffentlicht er u. a. in The Los Angeles Times, The New York Times, The Huffington Post und Pathology Today und ist international gefragter Redner. Er lebt in Coronado, Kalifornien.

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