systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Corina Ahlers: Relationale Identität – Gedanken einer interessierten Leserin von Texten einer relationalen Haltung

| Keine Kommentare

Systemisch bin ich in den frühen achtziger Jahren von den reflexiven Ideen und kollaborativen Dialogen Harlene Andersons, Harry Goolishians und Tom Andersens berührt worden. Letzere – meine Mentoren –sind verstorben, aber ihr Geist beseelt noch jetzt Forscher und Praktiker skandinavischer Länder und einige deutschsprachiger Kollegen. Als solch eine treue Seele bemühe ich mich, den Studentinnen in der systemischen Ausbildung den relationalen Dialog und das Reflexive des Systemischen Ansatzes gegenüber dem von ihnen erwarteten „Werkzeugkoffer für Studenten“ zu vertreten. Andererseits, wenn ich reflexiv ehrlich zu mir bin, dann muss ich zugeben, dass ich Harry Goolishian zwar faszinierend fand, dass ich seine Interventionen jedoch nicht erkennen und damit auch nicht umsetzen konnte. Nicht umsonst wurde sein Tun öfters als „unsichtbare Therapie“ bezeichnet. Tom Andersen fand ich humorig, seine unendliche Reflexivität jedoch manchmal nervtötend. Ich erlebte eine verzwirbelte blutlose therapeutische Haltung und fand für mich keine Verkörperung im Spiel mit den Worten. Da sprach meine bilinguale spanische Seele aus mir und sagte: Zu trocken, zu verkopft,  zuwenig Rhythmus, plätscherndes therapeutisches Geplänkel. Was bleibt denn da beim Gegenüber hängen?
Noch viel schlimmer stellt sich das Lesewerk von Michael White dar, die direkte Übersetzung aus dem Englischen wird im Deutschen unhandlich: Ineinander verschränkte Sätze, deren Inhalt darin verloren geht.
Ich war so froh, 2010 endlich das Buch „Landkarten Narrativer Therapie“ auf Deutsch lesen zu können. Da hab ich den Ansatz verstanden, allerdings nicht genug, um ihn weiter vermitteln zu können. In unserer österreichischen Ausbildung wird „Narrativ leicht gemacht“ vermittelt. Man lernt dann, Geschichten zu erfragen und mit Stories zu operieren, ohne den theoriegeleiteten Diskurs um das relationale Selbst im Umgang mit dominanten Diskursen zu reflektieren, wieder einmal ein Werkzeugkoffer ohne den Hintergrund zu bearbeiten, dh. die Komplexität zum besseren Verständnis reduzierend.
Ich erlebe mich pendelnd zwischen der Faszination für komplexe systemische Zusammenhänge und dem praktischen „down to earth“ Umgang mit Klienten und Studentinnen, wenn ich Aufstellungen mache oder wenn ich konkrete Aufgaben entwickle. Gleichzeitig frage ich mich dabei: Wie lässt sich eine komplexitätsförderliche systemische Haltung erwerben und an Klienten weitergeben?
Vor kurzem hatte ich eine gute Möglichkeit, wieder einmal in die systemische Welt der Reflexivität einzutauchen. Anlass war Ottar Ness, ein junger norwegischer Familientherapeut und Forscher, der im Geiste unseres Mentors Tom Andersen Praxis forscht. Ich lernte ihn auf  einer Fortbildung für Lehrtherapeuten zum Thema Forschung kennen. Seine im Geiste Tom Andersens verfasste Dissertation wurde in Zusammenarbeit mit dem Taos Institute betreut, welches von Gergen & Gergen ins Leben gerufen wurde. Es handelt sich hierbei um eine intellektuelle Gemeinschaft, welche narrative, kollaborative und reflexive Ideen in Forschung und Praxis als virtuelle Universität anbietet. Die Dissertation von Ottar Ness „Learning new ideas and practices together“ (2011; ab 2014 online bei www.taosinstitute.net) widmet sich dem kooperativen Lernen der relationalen Sprache Johnella Birds, die er als Aktionsforschung an norwegischen Beratungszentren betreibt. Vorbild ist die reflexive Forscherin Linda Finlay (2011). Linda Finlay versteht reflexive Praxisforschung als prozessuale Auseinandersetzung mit dem Forschungsvorhaben im selbstreflexiven Dialog. In der Auseinandersetzung mit Menschen darf nicht objektiviert werden. Der entstehende Text ist ein dialogischer Suchprozess in Partnerschaft mit dem Beforschten, Vorurteile sind zu vermeiden. Sprache entsteht in Kooperation und darf nicht zum Machtinstrument werden. In den Memokasten, in denen sonst meistens Textzusammenfassungen stehen, textet sie ihren selbstreflexiven Prozess zu dem Gedankengang, den sie vorher beschrieben hat. Der gesagte Inhalt wird gleich auf einer anderen Ebene reflexiv relativiert. Damit wird verhindert, dass sich ein dominanter Diskurs festsetzen kann. So entwickelt sich der Text um die diversen beforschten Inhalte langsam, prozessual, assoziativ: Es ist fast wie ein therapeutischer analytischer Prozess! Hochinteressant, anders als das, was ich bisher kannte: relational! Und gleichzeitig herausfordernd, schwierig zu lesen, anstrengend.
In Bezug auf meine Fragestellung, wie man die Komplexität des Systemischen am ehesten verdeutlichen kann, drängen sich mir bei der Auseinandersetzung mit Ansätzen von Ottar Ness und Linda Finlay drei Fragen auf: Wie gehen Leser mit so einem Text um? Wird unsere Lesehaltung dadurch verändert? Vorläufige Antwort: Es entsteht kein flüssiger Text, der Leser gräbt sich durch komplexes Denken, welches sich ihm vermeintlich mit viel Respekt und ohne Position zeigt. Ist der Ansatz eigentlich systemisch? Er richtet sich an intersubjektive Prozesse, aber berücksichtigt er den Kontext? Vorläufige Antwort: Dadurch dass das intersubjektive Spiel mit den eigenen Reflexionen so komplex ist, wage ich zu bezweifeln, dass die kontextuelle Einbindung des Geschehens gleichzeitig erfassbar ist. Kann der dominante Diskurs der Macht wirklich so vermieden werden? Vorläufige Antwort: Hier bin ich zweigeteilt. Einerseits ist eine derartig reflexive Haltung eine Vorbeugung  mächtiger, dominanter Positionsbestimmungen. Andererseits frage ich mich, ob es nicht ebenso effektiv wäre, eine Position zu beziehen, die dann widerlegt werden kann. Eine permanente Selbstreflexion lässt keine Argumente mehr zu, stattdessen mag sie sich manchmal, selbstbezogen, um die eigene Denkachse drehen.
Und so finde ich mich wieder, wie schon am Anfang meiner Gedanken, in der Rolle, keine schließenden Worte zur dieser narrativ-kollaborativ-relational-reflexiven Gemeinschaft zu finden. Ich bleibe beeindruckt, voller Achtung und dennoch skeptisch am Weg.

Finlay, L. (2011) Five Lenses for the reflexive interviewer, in J. Gubrium, J.Holsteir, A.Marvasti & J.Marvasti (Eds.) Handbook of Interview Research, CA: Sage Publications.
White M (2010) Landkarten narrativer Therapie, Carl Auer Verlag, Heidelberg
Ness O (2011) Learning new ideas and practices together: a co-operative inquiry into learning to use Johnella Bird´s relational language-making approach in couples therapy, Tilburg Univercity Press, Netherlands

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar verfassen

Zur Werkzeugleiste springen