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Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemagazin Adventskalender: Context Your Life!

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Andreas Manteufel, Bonn: Context Your Life!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,
ich begrüße besonders den stellvertretendenden Leiter des Referats „Innere Gesundheit“ im Bundesgesundheitsministerium,
und ich begrüße unter allen Online-therapeutisch Tätigen insbesondere die Repräsentantinnen und Repräsentanten der „guten alten systemischen Therapie“.

Heute dürfen wir mit Ihnen ein Jubiläum feiern: Auf den Tag genau vor nunmehr zehn Jahren, im Dezember 2020, wurde der „Systemischen Therapie“ die endgültige Anerkennung als kassenfinanziertes Therapieverfahren zuerkannt. Über wie viele Jahre hinweg hatten die systemischen Verbände Anträge eingereicht, wie viele Gutachten wurden geschrieben, wie viele Wirksamkeitsnachweise zusammengestellt, bis der Gemeinsame Bundesausschuss und die Kassen ihre positive Entscheidung für die systemische Therapie bekannt gaben (anhaltender Applaus).

Wer konnte damals wissen, dass dies die letzte Verlautbarung des Gemeinsamen Bundesausschusses sein würde? Musste man ein Visionär sein, um zu erahnen, dass kaum drei Wochen später das gesamte kassenfinanzierte Psychotherapiewesen auf den Kopf gestellt wurde? Dass „Psychotherapie“ als „Gesundheitsdienstleistung“ von der Übergangsregierung Spahn abgeschafft und das Thema psychische Gesundheit einer völligen Neubewertung und Neuorganisation unterzogen wurde? Zugegeben: Vielen erschien das Tempo hin zur Online-Therapie rasant. Aber man konnte schon 2018 wissen, dass einer der wichtigsten psychotherapeutischen Wirkfaktoren, nämlich die sogenannte therapeutische Allianz, von Klientinnen und Klienten im Online-Setting als ebenso gut eingestuft wird, wie in der alten Face-to-Face-Therapie, und das sogar bei einer klassischen psychodynamischen Herangehensweise (Ärztliche Psychotherapie 2018, 13(4), 247-253). Die Therapieverbände selbst überboten sich bald mit erfolgreichen Therapie-Apps, denken wir an die Programme „Talk to me“ (Psychoanalyse), „StApp by StApp“ (Verhaltenstherapie) oder „Context your Life“ (Systemische Therapie). Der Glaube daran, dass nur persönliche Begegnung im Therapiezimmer von therapeutischem Nutzen sein könne, wurde endlich entmystifiziert. Gleichzeitig leerte die historisch zweite, große „Enthospitalisierungswelle“ zu Beginn der Zweitausend-zwanziger Jahre die psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken, so dass nur noch die wirklich schwer neuropsychisch kranken Patienten zur notwendigen pharmako- und neuropsychiatrischen Behandlung in den großen Nervenzentren verblieben. Im ambulanten Bereich folgte schließlich die viel zitierte „Ent-Therapeutisierungswelle“. Endlich konnte eine klare Grenze gezogen werden zwischen psychisch-neurologischer Akut- bzw. Notfallbehandlung auf der einen Seite und der in der Regel internetbasierten Eigentherapie, selbstverantwortet und selbstfinanziert von jedem, der meint, seine „Psyche“ „optimieren“ zu müssen (Gelächter und Applaus).
Dass sich die ganze Diskussion um therapeutische „Schulen“ plötzlich als hinfällig erwies (Zwischenruf: „Gott sei Dank!“), dass die dramatischen Einsparungen im Gesundheitswesen das damals eingeführte „bedingungsgebundene Grundeinkommen“ überhaupt erst ermöglichten – auch wenn die Schwelle zum Existenzminimum natürlich noch in weiter Ferne liegt – und dass sich so manche sogenannte „Traumatisierung“ durch das Prinzip der selbstverantworteten Finanzierung (SelFi) ohnehin rasch erledigt (Gelächter) – dies alles ist an anderer Stelle schon ausführlich gewürdigt worden.

Offen bleibt, meine Damen und Herren, die Frage nach den Gründen für die schnelle Selbstauflösung der alten systemischen Therapieverbände, nicht weniger, nachdem einer der Ur-Väter der deutschen systemischen Therapieszene, der heute 82 Jahre alte F.B.S aus Heidelberg, per Twitter verlautbaren ließ: „Uns hat es nie wirklich gegeben“ (Gelächter). War es Protest? War es Kapitulation? War es Kalkül? Die Bewertung bleibt wohl jedem selbst überlassen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, bevor Sie nun, wo immer Sie sich gerade aufhalten, Ihre VR-Helme abnehmen – natürlich nicht, ohne vorher den „Learned- A-Lot“-Button aktiviert zu haben (Gelächter) – erlauben Sie mir ein Wort in eigener Sache: Zwei Jahre lang stand ich Ihnen nun als Online-Therapy-Guide zur Seite. Jetzt warten neue Herausforderungen auf mich. Meine Nachfolgerin, die Sie ja bereits kennen lernen durften, wird Sie beim nächsten VR-Meeting „Round Insight“ im März begrüßen und ich wünsche ihr und Ihnen allen eine hohe Kompatibilität miteinander. Bleiben Sie uns und der Online-Therapie treu und bleiben Sie stets anschlussfähig. Vielen Dank für Ihre virtuelle Aufmerksamkeit (Gelächter, anhaltender Applaus und Ende).

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7 Kommentare

  1. Peinlich, lieber Andreas,
    natürlich meinte ich Dich! Martin war mir noch im “Auge”, weil er der erste war, der einen Kommentar verfasst hatte…
    Also nochmal ein besonderes Kompliment an Dich, lieber A n d r e a s
    – und sorry
    Arist

  2. Lieber Martin, Dein Kalendertürchen hatte ich vom iPad aus geöffnet, von dort konnte ich meinen Kommentar nicht abschicken. Ich war und bin von Deinem Text begeistert! Vielen Dank und schöne Feiertage, Arist

  3. Großartiger Text!
    Rudolf Klein

  4. Mit Thomas Bernhard könnte man sich fragen: Ist es eine Komödie oder ist es eine Tragödie.

    Nachdenklich – Peter Kaimer

  5. Hahahaha, klatsch, klatsch

  6. Lieber Herr Manteufel,
    danke für diesen herrlichen Beitrag – Sie sprechen mir aus der Seele!
    herzliche Grüße, Lothar Eder

  7. Lieber Andreas

    Wunderbar! Wir brauchen mehr solche, selbstorganisierten Hofnarren wie Dich!

    Herzlich
    Martin

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