Petra Bauer, Tübingen:

Levold & Wirsching (Hrsg.) (2104): Systemische Therapie und Beratung
Das große Lehrbuch nennen die beiden Herausgeber das in intensiver Zusammenarbeit einer großen Zahl von Autorinnen und Autoren entstandene Werk und betonen mit der Wahl des bestimmten Artikels »das« auch die Einzigartigkeit ihrer Herangehensweise. So folgen Lehrbücher in der Regel der Logik, dass ein, zwei besonders befähigte oder sich befugt fühlende Fachkolleg/innen die Aufgabe übernehmen, den Stand der Diskussion zu einer bestimmten Thematik zusammenzustellen und auf einen lehr- und lernbaren Inhalt herunterzubrechen. Dieses Lehrbuch beruht dagegen auf einzelnen Artikeln und dem Mitwirken von insgesamt 76 Einzelautor/innen, deren Beiträge in diesem Band vereint wurden. Damit beruht dieses neue Lehrbuch auf einer Sammlung von Artikeln, lässt aber seinen Charakter als Sammelband kaum mehr erkennen. Es ist den beiden Herausgebern in ganz besonderer Weise gelungen, die Vielfalt der Stimmen und Perspektiven der beteiligten Autor/innen so gut aufeinander abzustimmen und zu beziehen, dass dieser Sammelband als Buch aus einem Guss erscheint – sowohl in der Sprache als auch im durchgehenden Duktus dessen, was hier vermittelt und aufgezeigt werden soll. In dieser Hinsicht ist das große – neue – Lehrbuch tatsächlich einzigartig.
Inhaltlich gliedert sich das Lehrbuch in sechs unterschiedlich umfangreiche Teile, die ich in ihrem Zuschnitt kurz charakterisieren möchte.
Ein erster sehr weit gespannter Teil widmet sich den »Grundlagen systemischer Therapie und Beratung«. Etwas überraschend erfolgt unter diesem Gesamtrahmen zunächst eine grundlegende Verortung der systemischen Praxis, die mit den Attributen transdisziplinär und multiprofessionell in ihrer Besonderheit auch im Vergleich zu anderen Therapieschulen bezeichnet wird. Paradigmatisch für das neue Lehrbuch wird in diesen einführenden Überlegungen darauf abgehoben, das breite und vielfältige Dach des »Systemischen« nicht vorschnell zugunsten berufsrechtlicher Engführungen aufzugeben und sich so auch weiterhin die kreativen Impulse unterschiedlicher disziplinärer Zugänge für die Therapie und Beratung nutzbar zu machen. Hier grenzt sich das Lehrbuch insbesondere auch von einer klinisch-therapeutischen Engführung der theoretischen Zugänge und einer berufsrechtlich begründeten Fokussierung auf Psychologie als Leitdisziplin entschieden ab und verdeutlicht stattdessen die Breite der beruflichen Zugänge und der damit verbundenen disziplinären Perspektiven in entsprechenden Artikeln zum Beispiel zu Psychologie, Medizin, Sozialer Arbeit, aber auch Pflege und Theologie. Die anschließend aufgefächerten erkenntnistheoretischen Zugänge vermitteln dagegen eher in klassischer Weise Grundkonzepte, die aber durch ihre Qualität als Einzelartikel fast handbuchartig einen ersten guten Überblick in die entsprechenden Denkmodelle liefern. Einen interessanten anderen Zugang zu systemischem Denken bietet der vierte Abschnitt, in dem unter dem Stichwort »Dynamik sozialer Systeme« zum Beispiel die Rolle von Affekten, Geschlecht, Sexualität und Macht für die Gestaltung sozialer Beziehungen und damit auch deren Bearbeitung in therapeutischen und beraterischen Settings ausgeleuchtet wird. Vergleichsweise viel Raum bekommt ein diesen ersten Teil abschließendes Kapitel zur Rolle von Diagnostik, das die intensiven Kontroversen um die Nutzung psychiatrischer Diagnosen zusammenfasst und die Möglichkeiten, einer eigenständigen, kreativen und angemessenen Nutzung von Diagnosen betont. Gerade hier zeigt sich aber nochmal der spezifische Duktus des Lehrbuchs, die Besonderheit systemischer Zugänge – so zum Beispiel die gut begründete Haltung, klassifikatorische Diagnostik abzulehnen – nicht vorschnell zugunsten berufsrechtlicher Anpassungsstrategien aufzugeben. Weiterlesen →

Familie und Schule, das klingt nach Stress. Als vierfacher Vater, dessen Kinder alle noch in Schule oder Studium sind, weiß ich, wovon ich rede. Die Familiendynamik eröffnet mit Heft 1/2015 ihren 40. Jahrgang (Herzlichen Glückwunsch!) mit einem Themenheft über das Spannungsfeld Familie – Schule. Verantworten tun das Heft Herausgeber Hans Rudi Fischer und Gastherausgeber und Beirat Michael Göhlich, Professor für Pädagogik an der Universität Erlangen. In ihrem Editorial schreiben sie: „Die Familie wird mindestens während der Schulpflichtzeit des Kindes, heute oft sogar zwei Jahrzehnte lang durch ihr Verhältnis zur Schule geprägt. Diese Beziehung ist seit jeher spannungsgeladen und Thema vieler Familientherapien. Mit den jüngeren Entwicklungen der Schule zur Ganztagsschule verändert sich das Verhältnis von Schule und Familie, wobei zeitgleich ältere Entwicklungen weiterhin wirksam sind. Dies leuchten die Beiträge des vorliegenden Heftes in verschiedener Hinsicht aus. Dabei wird das Verhältnis zwischen Schule und Familie nicht nur als Spannungsfeld, sondern auch als kooperatives Zusammenspiel sichtbar. Zu diesem kooperativen Zusammenspiel tragen nicht zuletzt mimetische Prozesse bei: die Verschulung der Familie und die Familiarisierung der Schule. Während der erstgenannte Prozess mit dem Anstieg elterlicher Ansprüche auf Bildung der Kinder (Bildungsaspiration) seit den 1970er Jahren einhergeht und zum Einbezug professioneller Nachhilfe in die Familie sowie zum Aufbau professioneller Einrichtungen zwischen Schule und Familie geführt hat, ist der zweite – nach einem Vorlauf in Reformpädagogik und Alternativschulpädagogik des 20. Jahrhunderts – erst in den letzten Jahren vermehrt in Schulen zu beobachten. Die Perspektive unserer Fokus-Beiträge, sie argumentieren auf der Basis empirischer Studien, ist teils vorrangig schulbezogen, teils vorrangig familienbezogen, hat aber letztlich immer das Verhältnis von Schule und Familie im Blick.“



