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Kommunikation als Lebenskunst

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B. Poerksen & F. Schulz von Thun (2014): Kommunikation als Lebenskunst

B. Poerksen & F. Schulz von Thun (2014):
Kommunikation als Lebenskunst

Zieht man die schnelle Resonanz der Massenmedien auf den gerade erschienenen Gesprächsband Kommunikation als Lebenskunst in Betracht, darf man davon ausgehen, dass dem Carl-Auer-Verlag wieder einmal ein echter Verkaufserfolg gelungen ist. Das dürfte nicht nur mit der Bekanntheit von Friedemann Schulz von Thun zu tun haben, sondern auch mit der außerordentlichen Begabung von Bernhard Pörksen, seine Gesprächspartner in spannende und tiefgründige Diskussionen zu führen, die fernab von Selbstdarstellungen bzw. -inszenierungen immer inhaltlichen Gewinn für das lesende Publikum bieten. Das hat er schon in seinen ebenfalls bei Carl-Auer erschienenen Gesprächsbänden mit Humberto Maturana und Heinz von Foerster eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Den aktuellen Band,  in dem er Friedemann Schulz von Thun über seinen professionellen Werdegang und sein Kommunikationsmodell befragt, hat Jürgen Hargens für systemagazin gelesen. Auch wenn er dem Sender-Empfänger-Modell Schulz von Thuns als Konstruktivist skeptisch gegenüber steht, kann er dem Buch vieles Positives abgewinnen.

Jürgen Hargens, Meyn:

Schulz von Thuns Kommunikations-Modell mit den vier Aspekten (Sachinhalt, Appell, Beziehung, Selbstkundgabe) ist bekannt, beliebt und wird oft verwendet. Dieses Buch ist allerdings „anders“  – erstens handelt es sich um ein Gespräch über das Modell und dessen Hintergründe und dann es geht in drei großen Abschnitten über das Modell hinaus und macht das dahinterstehende Menschenbild, die Haltung deutlich(er). Darin liegt für mich der Nutzen – in der Anregung zur eigenen Reflexion.

Im ersten Abschnitt – „die großen Fragen“ – geht es um das Modell, im zweiten – „die konkreten Fragen“ – um Anwendungen und im abschließenden dritten – „die letzten Fragen“ – geht es genau darum, was vielleicht auch erklärt, dass dieser Abschnitt mit 15 Seiten der kürzeste ist.

Auch wenn Schulz von Thun Kommunikation als Informationsübermittlung versteht, so bleibt auch für ihn klar, dass „der Hörende … mit vier Ohren empfängt und letztlich selbst darüber entscheidet, was ihm besonders zentral erscheint“ (S. 21), womit die Sicherheit der zutreffenden Informationsvermittlung auch grundsätzlich hinterfragbar bleibt. Allerdings steht bei Schulz von Thun immer die gelingende Kommunikation bzw. deren Erarbeitung im Zentrum: „Ein offenkundiges Missverstehen und Nicht-Verstehen enthält eine Klärungschance, die es vielleicht sonst nicht gegeben hätte“ (S. 26). Damit erhalten Missverstehen und Nicht-Verstehen einen negativen Beiklang und Andersartigkeit bzw. Unterschiedlichkeit oder Missverstehen gehören demnach nicht zu einem gedeihlichen Miteinander.

Ich verzichte hier auf die Wiedergabe des Modells und möchte stattdessen einige für mich bemerkenswerte Aspekte betonen.

Schulz von Thun kritisiert die Übertragung technisch-mechanischer Denkmodelle in die menschliche Wirklichkeit und fordert Wachsamkeit vor kybernetischer Terminologie, in der für ihn ein Kontrollbedürfnis steckt (S. 32). Hier hätte ich mir gewünscht, dass der Dialogpartner Pörksen den Unterschied zwischen Kybernetik I und II angesprochen und das Gespräch in dieser Richtung aufklärender geworden wäre.

Was mir bedeutsam erscheint, ist Schulz von Thuns Betonung, dass sein Modell nicht als „Richtschnur“ dienen, sondern helfen soll, „kommunikativ musikalisch zu werden … es ist ein analytisches, kein normatives Modell“ (S. 33). „Die Zerlegung einer Äußerung in ihre vier Botschaften ist sinnvoll im Übungsseminar, mit dem Ziel, musikalischer zu werden im Hören von Ober- und Untertönen“ (S.34).

Es gibt viel Nachdenkenswertes, das ich hier unerwähnt lassen möchte, denn ich empfehle, selber zu lesen und sich Gedanken zu machen – auch über das so scheinbar einfache Modell, denn dazu gehört viel mehr, wie Schulz von Thun es immer wieder deutlich macht.

Im zweiten Abschnitt – die Anwendung steht im Zentrum – beginnt Schulz von Thun mit einer menschen- und fehlerfreundlichen Klarstellung: „Zunächst würde ich mir eine gelassene, durchaus genussvolle innere Haltung gestatten, die von der Annahme ausgeht, dass ich für die Fragen und Probleme dieses Menschen auch keine Antwort und keine Lösungen habe, ja nicht einmal haben darf. Sondern dass ich jemand bin, der ihm als qualifizierter Dialogpartner zu helfen vermag, seine eigenen Lösungen zu finden“ (S. 140). Das klingt sehr vertraut. Mit einer Einschränkung, wie ich glaube, denn auch für ihn steht die Frage im Raum: „Wie kommen wir der Wahrheit der Situation auf die Spur?“ (S. 141).

Die Anwendungsfragen bzw. -beispiele beziehen sich auf die Bereiche „Führung“ sowie „Pädagogik“ und „interkulturelle  Kommunikation“, wobei mir gelegentlich die vorher geäußerte Idee, dass es um „musikalisch werden“ geht und weniger darum, normative Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, ein wenig zu verschwinden scheint. Was nichts daran ändert, dass die Überlegungen immer anregend und bedenkenswert bleiben, etwa wenn Schulz von Thun seine „Zauberformel“ benennt: „A + K = E, sprich Akzeptanz plus Konfrontation befördert die Entwicklung“ (S. 161). Darüber ließe sich prächtig debattieren – denn ich würde mich fragen, ob es um Akzeptanz oder um das Respektieren des anderen Menschen ging und ob es um Konfrontation oder würdigendes und respektvolles Bewerten auch von nicht-akzeptablem Verhalten ginge. Aber das ist eine mehr persönliche Frage von mir und für mich.

Gerade für die Pädagogik gefällt mir Schulz von Thuns Idee des „Schwanenblicks“ sehr: „Wer anderen etwas zutraut, muss den Schwanenblick entwickeln, der im hässlichen Entlein bereits den zukünftigen Schwan erkennt, darf aber das Entlein doch nicht ganz aus den Augen verlieren, denn es will auch wahrgenommen und beschützt werden“ (S. 172). Und solche in meinen Augen wunderbare Ideen hat Schulz von Thun noch viele, die ich hier nicht alle zitieren kann, doch eine kann ich mir nicht verkneifen: „Pädagogische Penetranz ist nach meinem Dafürhalten mindestens so schlimm wie pädagogische Abstinenz“ (S. 172).

Ich denke, es wird deutlich, dass das, was Schulz von Thun hier zu sagen hat, sein Modell übersteigt, allerdings immer daraus abgeleitet und darauf zurückgeführt wird. Und es tut gut zu erleben, dass der Urheber sich darüber sehr im Klaren zu sein scheint.

Der dritte Abschnitt widmet sich – leider sehr kurz – den „letzten Fragen“ von Leben und Tod – sehr nachdenkenswert. Das sollte jedeR selber lesen und sich anmuten lassen. Ich möchte diese Rezension des empfehlenswerten, anregenden Buches mit zwei Zitaten abschließen:

„Sie wollen erneut ans Ende denken?“ beginnt Schulz von Thun seine Antwort. „Jetzt muss die Wahrheit einmal Vorrang haben: Keines dieser Modelle wird Ihnen den Tod ersparen, soviel steht jetzt schon fest! Aber die zweite Wahrheit lautet: Es gibt ein Leben vor dem Tod … Mit diesen Modellen ist es ja so: Der Lehrling lernt sie anzuwenden, dem Gesellen fallen sie im richtigen Moment ein und der Meister hat sie ,vergessen’, weil sie in seiner gereiften Intuition aufgehoben sind“ (S. 203).

Und „[z]uweilen erfasst mich ein demütiges Stauen – und dies ist für mich existentiell stimmiger, als wenn ich eine Glaubensgewissheit vorgeben würde“ (S. 205).

links

 

Eine weitere Rezension in der Zeit von Tina Groll

Und hier noch eine von Karl-Heinz List für mwonline.de

Und noch eine von Marcus Mockler für die Berliner Morgenpost

Hier gibt es das Nachwort von Friedemann Schulz von Thun als Leseprobe: Auf der Suche nach Stimmigkeit in Kommunikation und Leben

Auf der Verlagsseite gibt es dazu auch noch zwei Videos von Gesprächen der Autoren
info

Bernhard Pörksen & Friedemann Schulz von Thun: Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens

Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2014

217 Seiten, 25 Abb., Gb/SU

Preis: 24,95 €
ISBN 978-3-8497-0049-2

Verlagsinformation:

Warum funktionieren Kommunikationsrezepte nie? Was bedeutet Schweigen? Mit wie vielen Ohren hören wir zu? Warum sind Missverständnisse normal? Wie übt man Kritik, ohne den anderen zu verletzen? Ist das Miteinander-Reden eine Lebenskunst?

Dies ist ein Buch über die großen und kleinen Fragen der Kommunikation, ein Dialog zwischen dem Psychologen Friedemann Schulz von Thun und dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

Gleichermaßen humorvoll und ernst, mit Lust an der Debatte und der erhellenden Zuspitzung entfalten die Autoren die zentralen Modelle der Kommunikationspsychologie (das Kommunikations- und Wertequadrat, die Metapher vom Teufelskreis und das Bild vom inneren Team, das Situationsmodell und das Ideal der Stimmigkeit) und zeigen, wie sich humanistische Psychologie und systemisches Denken, die Betrachtung innerer und äußerer Kräfte felder produktiv verbinden lassen. Überdies wird deutlich, wie sich die verschiedenen Modelle und Perspektiven in der Praxis (Coaching, Pädagogik, interkulturelle Kommunikation) bewähren.

Den Schluss des Buches bildet ein Gespräch über das Glück und den Tod und die Frage, was Kommunikation im Angesicht der eigenen Endlichkeit zu leisten vermag. Offenbar wird so das Panorama eines Denkens, das keine Fertig-Rezepte der besseren Lebensführung bietet, wohl aber Reflexionswerkzeuge und gedankliche Geländer für individuell stimmige Lösungen.

Über die Autoren:

Bernhard Pörksen, Prof. Dr., ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er analysiert die Inszenierungsstile in Politik und Medien und beschäftigt sich – forschend, lehrend, beratend – mit der Macht digitaler Öffentlichkeit und der Zukunft der Reputation. Er veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zum konstruktivistischen und systemischen Denken, u. a. die Bücher „Vom Sein zum Tun“ (3. Aufl. 2014, zus. mit Humberto Maturana) und „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ (zus. mit Heinz von Foerster, 10. Aufl. 2013), die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Im Jahre 2008 wurde Bernhard Pörksen zum „Professor des Jahres“ gewählt und für seine Lehrtätigkeit ausgezeichnet. Zu seiner website

Friedemann Schulz von Thun, Prof. Dr. Dr. h. c., war von 1975 bis 2009 Professor für Psychologie an der Universität Hamburg (Schwerpunkt: Kommunikation, Beratung und Training). Bekannt wurde er durch die Trilogie „Miteinander reden“, das Standardwerk in Schule und Beruf. Seit 2007 leitet er das Schulz von Thun-Institut für Kommunikation (Weiterbildungen und Coaching). Er ist Ehrendoktor für Wirtschaftswissenschaft an der Universität St. Gallen und als Berater und Trainer sowie Herausgeber der Reihe „Miteinander reden – Praxis“ tätig. Seine Bücher sind Bestseller und gehören zu den meistgelesenen Werken der Psychologie. zu seiner website

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