Es gibt im Alltag Konstanten, auf die man sich verlassen kann. Zum Beispiel, dass es im Winter kälter wird. Oder dass bei einer Fußball-Europa- oder Weltmeisterschaft Italien gegen uns immer gewinnt. Oder dass man, wenn man in systemischen Foren von Seele, Unbewußtem oder dem Humanum spricht (bzw. schreibt) sicher sein kann, im günstigsten Fall auf milde-überlegenes Lächeln zu treffen. Nicht unwahrscheinlich ist auch, dass man gewissermaßen einer unsystemischen Haltung geziehen wird (vielleicht wäre auch das Wort unsystemische Umtriebe angemessen?).
Dieses Geschehen scheint mir völlig nachvollziehbar. Jede Gruppierung, Strömung, Gemeinde (Community) schafft sich Identitäten, sie schafft sich Überzeugungen und damit ganz i.S. Luhmanns Ein- und Ausschlüsse. Mitglieder des Systems reagieren dann mit Zustimmung oder Ablehnung auf Operationen von Akteuren: passen sie zur eigenen Religion oder nicht?
Damit wäre ich beim Punkt: ich habe Luhmann vor 10, 15 Jahren mit großer Begeisterung gelesen und hatte damals den Eindruck, von der Lektüre enorm bereichert worden zu sein (was sicherlich bis heute stimmt). Mir fällt allerdings ein Satz aus den Sozialen Systemen ein, den ich vor Jahren einmal als Leitmotto über ein Buchkapitel gestellt habe. Der Satz lautet: Einmal in Kommunikation verstrickt, kommt man nie wieder ins Paradies der einfachen Seelen zurück.
Heute finde ich diesen Satz in mehrfacher Hinsicht falsch. Der Satz tut so, als gäbe es eine Evolution von Erkenntnis, in dem die Auseinandersetzung mit kommunikativen Prozessen weiter vorne steht als diejenige mit der Seele. Der Satz behauptet zudem (implizit), dass Kommunikation ein komplexes Geschehen sei, das Seelische aber einfach. Sollte Luhmann dies tatsächlich so gemeint haben, dann irrt er gewaltig. Womöglich (oder gar wahrscheinlich) liegt dies daran, dass er sich mit dem Seelischen gar nicht befasst hat, zumindest nicht in der Tiefe. Dies ist nicht weiter erstaunlich, denn von einem Soziologen erwartet man gewöhnlich keine seelenkundlichen Aussagen. Dennoch aber sind Luhmanns Aussagen zum Seelischen im
eigentlichen Wortsinne beachtlich: denn sie sind ja der metatheoretische Rahmen, in dem die Hauptströmung der (deutschsprachigen) Systemischen Therapie das Seelische sieht.
Für eine psychologische Betrachtung aber, auch für eine psychotherapeutische, ist eine Theorie und Therapeutik, welche das Seelische in den erforderlichen Hinsichten berücksichtigt, per se unerlässlich. Dass dies mit einer Luhmannschen Perspektive allein hinreichend geschieht und geschehen kann, daran habe ich mittlerweile erhebliche Zweifel. Um eine Analogie zu gebrauchen: mit einer physikalischen Metatheorie alleine und sei sie noch so brillant – könnte man schwerlich organische Chemie betreiben.
Das Jahr 2007 bedeutete für mich persönlich eine Wende. Ich verließ das systemische Ausbildungsinstitut, das ich mitgegründet hatte, die Mannheimer Gesellschaft für systemische Therapie (MaGST). Die Neugründung eines anderen Institutes scheiterte. Ich war nun also kein aktiver systemischer Lehrtherapeut mehr. Und was mich wunderte war, dass ich dies als stimmig empfand. Jahre später, bei der Lektüre von C.G. Jung und seinen seelischen Endabsichten im Prozess der Individuation, wurde mir diese Stimmigkeit klar. Ich hatte an einem Scheideweg gestanden, ohne es zu wissen. Ich hatte damals (scheinbar) mehrere Optionen zur Auswahl: mehr im Bereich Coaching und Ausbildung zu arbeiten oder mich auf meine ursprüngliche Identität als Seelenkundler zu besinnen. Und meine innere Antwort war im Laufe von Wochen und Monaten klar: ich bin ein Psycho. Wenn man so will, hat meine Seele (mein psychisches System zu sagen, geht mir an dieser Stelle reichlich gegen den Strich) das gewusst. Es war mir bewusst, dass die Aussicht auf Einkommen und Renommee in anderen Bereichen als der Psychotherapie größer waren, v.a. im systemischen Kontext. Aber ich hatte mich im Alter von 13 Jahren in dieses Fach Psychologie verliebt (damals allenfalls im Besitz einer leisen Ahnung, was es beinhaltet), habe es mit Überzeugung und großer Enttäuschung über den Mangel an Hermeneutik studiert (fast wäre ich gescheitert, zum einen an der Statistikprüfung im 2. Semester, zum anderen an aberwitzigen Blütenträumen, statt eine Diplomarbeit in Psychologie eine Kabarettistenlaufbahn zu beginnen) und war im Besitz einer Approbation und Kassenzulassung für Verhaltenstherapie. Somit besann ich mich auf mein Kerngeschäft: meine Psychotherapiepraxis.
Als weiterer veränderungsstiftender Aspekt kam dazu, dass ich mich seit Jahren auf Psychosomatik als therapeutischen und theoretischen Schwerpunkt spezialisiert hatte. Meine Sichtweisen zu einer systemischen Psychosomatik habe ich in mehreren Fachartikeln und einem Buch (Psyche, Soma und Familie. Theorie und Praxis einer systemischen Psychosomatik, 2007 erschienen) veröffentlicht. In der Beschäftigung mit Patienten, die eine psychosomatische Problematik mitbrachten, wurde mir nach einiger Zeit klar, dass bestimmte systemische Arbeitsweisen nicht oder nur eingeschränkt funktionieren. Zum Beispiel ergibt es wenig Sinn, einen psychosomatischen Patienten nach seinem Therapieauftrag zu fragen. Später, als ich mich mit psychodynamischen Ansätzen beschäftigte, wurde mir klar warum: die Besonderheit psychosomatischer Störungen (letzterer ein in der ST verpönter, aber doch aufgrund seiner Etymologie wie ich finde sehr stimmiger Begriff) liegt eben gerade darin, dass ein ungelöster psychischer Konflikt auf der körperlichen Ebene ausgetragen wird. Er ist vordergründig nicht bewusst und nicht direkt zugänglich. Einen psychosomatischen Patienten zu fragen, was denn am Ende der Therapie herauskommen könnte, ist meiner Meinung nach ebenso effizient als würde ich meinen Kater fragen, ob er sein Futter morgen nicht selber kaufen könne.
Hier ist ein aus meiner Beobachtung weiteres wesentliches Element des systemischen Mainstreams angesprochen. Es wird in der systemischen Literatur oft so getan, als seien Patienten (ich verstehe sie nicht mehr als Kunden) uneingeschränkt über sich selbst auskunftsfähige Subjekte. Meine eigene, durch die Arbeit mit psychosomatischen Problemen angestoßene Sichtweise ist mittlerweile eine andere: Patienten brauchen eine Begleitung, die sie zu einem besseren Verständnis ihrer selbst führt. Ich kann diesen Prozess nicht besser beschreiben als mit der Freudschen Denkfigur: es geht darum, Unbewusstes bewusst und damit zugänglich zu machen. Der Zweck dieses Vorgehens liegt allein darin, dem Patienten die Zusammenhänge seines seelisch-körperlichen Symptomgeschehens zugänglich, verstehbar und damit veränderbar zu machen. Die für mich entscheidende Leitfrage kommt für mich an dieser Stelle allerdings nicht von Freud, sondern von C.G. Jung (den ich nebenbei für den eigentlichen Paten und Meister der Ressourcenorientierung halte): Was will das (dieses Symptom, diese Krankheit, dieses Problem) von dir? Die Systemische Therapie hat nach meiner Einschätzung nicht nur stillschweigend diese Leitfrage übernommen und als eigenes Gedankengut ausgegeben, sie benutzt ohnehin in reichlichem Maße psychodynamische Aspekte: z.B. setzen Modelle wie das der Delegation oder von unsichtbaren Bindungen in Familien unbewusste Prozesse implizit voraus, egal ob man diese so benennt oder nicht (ähnliches gilt m.E. für das Modell der inneren Familie oder das der Externalisierung). Ein weiterer Aspekt: das Bemühen um eine Entpathologisierung therapeutischen
Denkens und Handelns beraubt meiner Meinung nach sowohl Therapeuten als auch Patienten einer wesentlichen Tiefendimension menschlichen Erlebens: derjenigen des Leids. So zu tun, als gäbe es diese Dimension nicht, kommt mir – zugespitzt formuliert – so vor als würde man per Dekret Temperaturen unter Minus 10 Grad abschaffen. Gerade Jung hat, wie ich meine, gezeigt, welch reichhaltige Ressourcen im Anerkennen des Leids einer Symptomatik liegt und im Verstehen der darin enthaltenen Botschaften. Allerdings muss man es im Kontakt mit Patienten dann auch aushalten, diesem Umstand Raum zu geben und darauf verzichten, Patienten mit scheinbar lösungsorientierten oder zirkulären Fragen zu bombardieren.
Ich denke an ein Zitat des Schriftstellers Daniel Kehlmann: Es gibt Reiche unterhalb von Vernunft und Sprache. In der ST, so scheint mir, verschwinden diese Aspekte hinter einer Überbetonung der Besprechung von dem Patienten bewusst verfügbaren und sprachlich auszudrückenden Elementen. Zudem: die fast dogmatische Festlegung, dass eine Therapie in großen Abständen und begrenzt auf maximal 12 Sitzungen erfolgen müsse (gilt die eigentlich noch?) erscheint mir bei einigen Verzeihung! Störungen wie die Aufforderung, Kunstfehler zu begehen. Mit psychosomatischen Patienten sind Kurztherapien meist nicht möglich, mit traumatisierten Patientinnen und Patienten (denen oft erst nach längerer Therapiedauer im Rahmen einer haltgebenden therapeutischen Beziehung der Zugang zu traumatisierenden Ereignissen möglich ist) ebenso wenig.
So habe ich mich, ohne es zu beabsichtigen, aus dem Bereich des gültigen systemischen Kanons schreibend, lesend und therapierend hinausbewegt, hinein in gewissermaßen tabuisierte Gefilde. Aus heutiger Sicht würde ich nicht mehr von einer systemischen Psychosomatik sprechen (und schreiben). Es gibt die Psychosomatik als theoretischen Ansatz und Therapeutik, und in diesen Ansatz können (und sollen) systemische Sichtweisen einfließen.
Katalysiert wurde der Veränderungsprozess meiner Perspektive zudem durch die zeitweilige Mitgliedschaft in einem Forschungskolleg an der Universität Hildesheim zum Thema qualitative Psychotherapieprozessforschung. Eigentlich sollte hierbei eine Dissertation herauskommen, die ich auch begann, dann jedoch einsehen musste, dass ich dieses Vorhaben neben einer Vollzeitpraxis nicht zu Ende würde führen können. Ich brach die Arbeit ab, nahm aber eine reiche Fülle von Anregungen und Erkenntnissen mit. In diesem Kolleg praktizierten wir eine minutiöse Analyse der konversationalen Geschehnisse in Therapien anhand von Therapietranskripten. Geleitet wurde das Kolleg von dem Soziologen Stephan Wolff und dem Psychologen und Psychoanalytiker Michael B. Buchholz. V.a. durch die Verbindung von Konversations- und Metaphernanalyse, der genauen Betrachtung konversationaler Anschlüsse in Therapien geschah etwas, was ich nicht für möglich gehalten hatte: dass ich als Systemiker jemals würde eine Faszination für Psychoanalyse entwickeln können. Das war ungefähr so, als würde man als Anhänger von Borussia Dortmund plötzlich Sympathien für Bayern München entwickeln (oder umgekehrt): never ever! Zu meinem Erstaunen aber war hier ein Brückenschlag offenbar möglich: die Betrachtung von Konversationsprozessen als eigentliche systemische Domäne zusammen mit einer genauen Betrachtung, wie im metaphorischen Sprachgebrauch von Patienten deren innere Konfliktorganisation in die Konversation einfließt. Eine perfekte Verbindung einer systemischen (kommunikativen, konversationalen) und einer psychodynamischen Perspektive.
So ist es bis heute geblieben. Dieses im Titel angedeutete Gehen ist kein Weggehen. Es ist vielmehr ein Ausschreiten eines weiteren Terrains, eine Erweiterung der Erkundungs- und Erkenntniszone. Heute denke ich, dass der Konversationsbegriff für eine Therapeutik oft sinnvoller ist als derjenige der Kommunikation. Ich kann zudem schwer verstehen, weshalb die systemische Therapie ein anthropologisches Kernthema wie Bindung vernachlässigt und es den Psychodynamikern überlässt, wo es doch eigentlich in ihre Zuständigkeit fällt. Stattdessen konzentriert sie sich meiner Meinung nach zu sehr auf epistemologische Fragestellungen. Und sie wählt sich hierfür eine metatheoretische Rahmung, die von der Philosophin Elisabeth List mit gewisser Berechtigung einmal (bezogen auf Maturana) als Theorie, die aus der Kälte kam bezeichnet wurde. Peter Sloderdijk bescheinigt der Systemtheorie in gewohnt überspitzender Formulierung, den Autismus von Einzelwesen zu fördern: [
] die Systemtheorie ist die Fortführung des Idealismus mit anderen Mitteln, Und Idealismen entstehen, wenn Denker meinen, etwas gefunden zu haben, was ihnen das Zusammenleben mit anderen erspart. Die einzige Alternative zu einer überspannten Systemtheorie wäre ein hinreichend tief verankerte Anthropologie [
] (in Selbstversuch. Ein Gespräch mit Carlos Oliveira, S. 109). Therapeutisch zu handeln erfordert nicht nur kommunikatives Geschick, es erfordert die Fähigkeit, die hinter den Äußerungen des Patienten stehenden Intentionen, mitgebrachten Haltungen, Erfahrungen zusammen mit ihm (ihr) zu lesen. Eine annehmende, begleitende therapeutische Haltung scheint nach aller Erkenntnis hierbei förderlich zu sein. Dieser eher mit Wärme assoziierte Aspekt von Psychotherapie lässt sich, wie ich finde, schwerlich von Luhmann oder Maturana beziehen. Sie findet sich eher in einer personzentrierten systemischen Therapie wie der von Jürgen Kriz, der darin Aspekte der (psychodynamisch begründeten Gestalttherapie) aufgreift. Was ich in der systemischen Therapie gelernt habe ist die Bedeutung von Landkarten. Wenn ich das seelische Terrain betrete, erweisen sich psychodynamische Landkarten als durchaus tauglich. Dies überrascht nicht weiter, denn schließlich war Freud der erste, der das Gebiet systematisch erkundet hat. Und er hat sehr konsequent aus den seelischen Gegebenheiten heraus geschrieben. Wer ihm spekulatives Denken vorwirft, müsste das gleiche Luhmann entgegenhalten. Auch hier hat mein systemischer Hintergrund mit sehr geholfen: er enthält für mich die Ermutigung, Tabus zu brechen und Tabuzonen zu begehen. Und Freud zu lesen (was ich nur in bescheidenem Umfang, aber mit Gewinn getan habe) dürfte fast als maximaler systemischer Tabubruch gelten. Meine erstaunliche Erkenntnis auf diesem Weg lässt sich in einer Frage von Fritz Simon zusammenfassen: In der Praxis funktioniert es, aber funktioniert es auch in der Theorie?. Meine persönliche Antwort ist klar: es ist mir vordergründig relativ egal, ob systemische und psychodynamische Theorie konkordant sind oder nicht. In der Praxis (so meine eigene Deutung meines Vorgehens) ist es eine gewaltige Bereicherung, systemische, verhaltenstherapeutische und psychodynamische Brillen zu haben und über entsprechende Haltungen und Vorgehensweisen zu verfügen. So wird hier (und das wird mir genau jetzt beim Schreiben bewusst) einmal mehr ein Sowohl-als-auch deutlich: diesen Weg gegangen zu sein, macht sowohl das Gehen als auch das Bleiben möglich.
Matthias
Gerne trage auch ich eine Geschichte zum Adventkalender des systemagazin bei, die etwas mit meiner ersten wirklichen Schreiberfahrung (so etwas wie Diplomarbeit u.ä. mal nicht mitgezählt) zu tun hat. Und es hat mit dem systemagazin und seinem Betreiber Tom Levold zu tun, dem ich dafür noch heute sehr dankbar bin.
Mein Lernen war immer eher durch persönliche Begegnungen und Nebensächliches geprägt, weniger durch die einsame Lektüre wichtiger Bücher. Der Wechsel von der psychoanalytischen zur strukturellen Familientherapie passierte mir dadurch, dass Welter-Enderlin den zentralen Begriff des Widerstandes der Psychoanalyse in ein anderes – systemisches – Licht setzte, das mich total faszinierte. Zum Verständnis des Problemsystems wiederum, das uns Kurt Ludewig in einem Seminar in Wien vermitteln wollte, kam ich nicht bei diesem Seminar, sondern weil ich Kurt im Rahmen einer Dienstreise in meiner Heimatstadt Hamburg besuchen wollte, ihn sozusagen zu diesem Zwecke utilisierte und ihm dort bei seinen Therapien zuschauen konnte. Also quasi ein Heimaturlaub auf Kosten des Arbeitgebers. Den ersten Artikel, den ich gemeinsam mit Egbert Steiner in der Familiendynamik (Metaphern) veröffentlichen konnte, entstand dadurch, dass Egbert hinterm Spiegel saß und in seiner großen Belesenheit entdeckte, was ich dort unter dem Aspekt eines systemischen Verständnisses praktizierte. So lernte ich durch mein eigenes Tun, weil er dieses Tun in eine systemische Sichtweise brachte. Ich war sehr stolz auf uns und unseren Artikel, auch wenn ihn offensichtlich außer dem Gutachter niemand gelesen hat. Ein anderer Artikel über das Jugendamt wurde von Tom Levold gelesen und in sein wunderbares Konzept vom Problembesitz gebracht. So hatte ich auch dazu einen Zugang. Unter diesem Aspekt konnte ich übrigens später die Trilogie von Stieg Larsson lesen, wo er das Leben der Lisbeth Salander einerseits aus der Sicht der Jugendamts- und Psychiatrieakten und andererseits aus seiner eigenen Sicht erzählt. Zwei Welten, die sich aus unterschiedlichem Problembesitz ergeben. Aber nie war und bin ich mir sicher, ob ich die großen Denker unserer Zunft wirklich verstanden habe. Doch da kam mir ein kleiner Beitrag von Fritz Simon im Internet über Fußball und System in die Finger, wo er verständlich macht, dass Regeln ein System machen, Menschen dessen Umwelt sind. So begriff ich Systeme jetzt wirklich (?) und freute mich, dieses Verständnis auch in meiner Erinnerung an die
Hören kommt vor Sprechen, Lesen vor Schreiben
so heißt es in der Literatur zum Fach Deutsch als Fremdsprache.
Ich lese gerne, seit ich lesen kann. Schon auf dem Schulweg bin ich oft mit Buch in der Hand lesend nach Hause gegangen. Im Studium dann weniger gerne, weil die Lehrbücher in deutscher Sprache den Nachteil haben, dass sie meist ziemlich unlesbar geschrieben sind – vor allem, wenn man sie z.B. mit englischen vergleicht. Fachliteratur hat oft den Nachteil, dass in vielen Worten wenige Neuheiten versteckt sind.
Ich war keine Leseratte. Meine Vorliebe galt der damals so genannten Schundliteratur. Diese war in meiner Jugend der pädagogische Gattungsbegriff für Mickey-Mouse-Hefte, Fix & Foxi, Sigurd, Nick der Weltraumfahrer oder Jerry Cotton. Ich favorisierte die eher kürzeren, heute würde man sagen bildgestützten Texte, deren Lektüre mich durch das Zusammenspiel von lustigen Bildchen, kurzen Texten und plakativen, daher umso spannenderen Inhalten lockte.
Der Umstand, dass die Berichte in der Regel kommentarlos vom medizinischen Dienst der Krankenkassen, sprich vom Gutachter, akzeptiert wurden, machten mir Mut, meine Berichte schließlich nur noch so abzufassen.
Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber meine Begeisterung für systemisches Denken entsprang einem Ort, an dem man diese Begeisterung bis heute selten vermutet: einer traditionsreichen deutschen Universität. Genau gesagt war es die Eberhard Karls Universität zu Tübingen, die sich im Übrigen derzeit mit dem bemerkenswerten Claim Innovativ. Interdisziplinär. International. Seit 1477 (www.uni-tuebingen.de/aktuelles/veroeffentlichungen/imagebroschuere.html) schmückt. Innovativ war sie selbstverständlich auch schon Ende der 1980er Jahre, als ich dem Ende meines Pädagogikstudiums entgegen strebte. In ihren altehrwürdigen Gemäuern war neben viel Historischem auch Platz für Neues und einer dieser Plätze war ein von Ewald Johannes Brunner geleitetes Seminar zu Konzepten der Familientherapie. An die einzelnen Inhalte des Seminars kann ich mich, soviel muss ehrlicherweise eingestanden werden, nicht mehr so genau erinnern. Aber dass ich mit der abschließenden Hausarbeit zur Familientherapie der Mailänder Schule und der Lektüre ihrer faszinierenden Schriften (vor allem Magersucht von Mara Selvini-Palazzoli und natürlich Paradoxon und Gegenparadoxon von der gesamten damaligen Mailänder Gruppe) Wochen und Monate zugebracht habe, das ist mir eindrücklich im Gedächtnis geblieben. Letztlich habe ich diese Hausarbeit dann viel zu spät abgegeben, was sicher nicht nur der vertieften Beschäftigung mit den paradoxen Interventionen, sondern auch einigen unaufschiebbaren handlungspraktischen Zwängen, die Studierende bis heute chronisch plagen, geschuldet war. Dennoch: spätestens nach erfolgreicher Abgabe war ich der der Suggestionskraft der leicht dahin geschriebenen Bücher und den vermeintlich so spielerisch daherkommenden Interventionen der Mailänder Gruppe völlig erlegen.
Krankheiten. Dabei sind mir viele Bücher aus den Reihen systemischer Vordenker und Nachdenker wichtig geworden; hängen geblieben bin ich dann aber vor allem an der Geschichte von Alfred, einem als schizophren diagnostizierten jungen Mann. Alfreds Familie wurde von dem Soziologen Bruno Hildenbrand über eine lange Zeit intensiv teilnehmend beobachtet oder vielleicht in diesem Fall besser, im Alltag begleitet. In Alltag und Krankheit hat er seine Beobachtungen zu einer ethnographischen Fallanalyse verdichtet, die einen romanhaft hineinzieht in die Geschichte, das alltägliche Leben und die alltäglichen Dramen dieser Familie. Dass es nicht beim puren Einblick bleibt, ist der Rückbindung der Beobachtungen an soziologische Theorien – der Lebenswelt, der Phänomenologie u.a. – zu verdanken. Dieses familiendynamische und phänomenologische Verständnis von psychischen und anderen Störungen finde ich bis heute allemal spannender und auch systemischer als so manche naturwissenschaftlich angehauchten Systemtheorien. Aber natürlich kann man das nicht so einfach gegeneinander ausspielen.
Schreiben habe ich eigentlich nicht gemocht und nicht gekonnt. Meine Deutschnoten aus der Schulzeit verrate ich niemandem. Allenfalls Briefe habe ich geschrieben, wenn ich etwas zu erzählen oder meine jugendlichen Lebensphilosophien an FreundInnen heranbringen wollte. Später, im Griechenlandjahr 1981, im Bergdorf ohne Wasser und Strom waren Papierbriefe sowieso das einzige Medium des Kontaktes mit Familie und FreundInnen in Deutschland.
Systemisch bin ich in den frühen achtziger Jahren von den reflexiven Ideen und kollaborativen Dialogen Harlene Andersons, Harry Goolishians und Tom Andersens berührt worden. Letzere meine Mentoren sind verstorben, aber ihr Geist beseelt noch jetzt Forscher und Praktiker skandinavischer Länder und einige deutschsprachiger Kollegen. Als solch eine treue Seele bemühe ich mich, den Studentinnen in der systemischen Ausbildung den relationalen Dialog und das Reflexive des Systemischen Ansatzes gegenüber dem von ihnen erwarteten Werkzeugkoffer für Studenten zu vertreten. Andererseits, wenn ich reflexiv ehrlich zu mir bin, dann muss ich zugeben, dass ich Harry Goolishian zwar faszinierend fand, dass ich seine Interventionen jedoch nicht erkennen und damit auch nicht umsetzen konnte. Nicht umsonst wurde sein Tun öfters als unsichtbare Therapie bezeichnet. Tom Andersen fand ich humorig, seine unendliche Reflexivität jedoch manchmal nervtötend. Ich erlebte eine verzwirbelte blutlose therapeutische Haltung und fand für mich keine Verkörperung im Spiel mit den Worten. Da sprach meine bilinguale spanische Seele aus mir und sagte: Zu trocken, zu verkopft, zuwenig Rhythmus, plätscherndes therapeutisches Geplänkel. Was bleibt denn da beim Gegenüber hängen?
Im Bücherregal meines Vaters das Regal, das ich mittlerweile geerbt habe standen diverse Bücher, die mir in frühen Tagen Ehrfurcht einflößten, vor allem Ehrfurcht vor meinem Vater, der diese Bücher offenbar gelesen und verstanden hatte.