
Tom Erik Arnkil, geb. 1950, ist ein finnischer Sozialpolitiker, Forscher und Autor, der bis 2014 am Nationalen Institut für Gesundheit und Wohlfahrt (THL) in Finnland tätig war. Er ist bekannt für seine Beiträge zur systemischen Therapie und Beratung, insbesondere in Zusammenarbeit mit Jaakko Seikkula. Sein Ansatz betont dialogische Netzwerkpraktiken. Ein gemeinsames Buch mit Seikkula ist im systemagazin 2008 besprochen worden.
Arnkil war Forschungsprofessor am THL und außerordentlicher Professor für Sozialpolitik an der Universität Helsinki. Sein zentraler Beitrag ist der Antizipationsdialog (Anticipation Dialogues) für verstockte Fälle in Sozialarbeit: Er löst Zuständigkeitskonflikte durch horizontale, zukunftsorientierte Gespräche.
Viktor Dill aus Laufen bei Salzburg ist systemischer Psychotherapeut in Ausbildung bei der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien und Podcaster. In diesem Kontext hat er ein ausführliches Interview mit Tom Arnkil geführt, das in zwei Teilen auf Youtube veröffentlicht wurde und auch als Podcast zu hören ist.
Für systemagazin hat Viktor Dill eine kurze Einführung in den Ansatz des Antizipatorischen Dialogs verfasst.
Viktor Dill, Laufen: Erinnerung an die Zukunft: Tom Erik Arnkil und der Antizipatorische Dialog
Im Jahr 2019 habe ich im Rahmen der Basisfortbildung Offener Dialog von Volkmar Aderhold die Arbeit des finnischen Sozialforschers Tom Erik Arnkil kennengelernt. Arnkil war bis zu seiner Pensionierung 2014 Professor am Nationalen Institut für Gesundheit und Wohlfahrt in Helsinki. Er war zuständig für Entwicklung und Forschung von Netzwerkansätzen und dialogischen Praktiken, insbesondere für Fälle, in denen mehrere Professionen involviert sind.
Während mir der Ansatz des Antizipatorischen Dialogs damals noch fremd war, habe ich durch meine aufsuchende familientherapeutische Arbeit inzwischen am eigenen Leib die Frustration von Helferkonferenzen erleben können. Mit dem Interview möchte ich den Antizipatorischen Dialog in der deutschsprachigen Fachwelt bekannter machen. Der erste Teil des Gesprächs behandelt die Voraussetzungen für dialogische Gesprächskultur und der zweite eine konkrete Demonstration des Antizipatorischen Dialogs.
Das Gespräch ist auch als Podcast auf spotify verfügbar:
Kurze Einführung in den Antizipatorischen Dialog
„Wahrscheinlich hat jede Ärztin, jeder Therapeut, jede Lehrerin, jeder Sozialarbeiter, jede Beraterin, jeder Rehabilitationsspezialist, jede psychiatrische Krankenschwester usw. schon einmal an einer Netzwerkversammlung teilgenommen. (…) Multiprofessionelle Besprechungen finden so oft statt, dass häufig die Frage gestellt wird, ob sich dieser Aufwand lohnt. Netzwerkversammlungen versanden häufig in nervtötendem Kleinkram, anstatt dass sie die Voraussetzungen für neue Ideen und Veränderungen schaffen.“ (aus: „Offener Dialog – Die Vielfalt der Stimmen im Netz“, S. 57)
Wie also die Voraussetzung schaffen für neue Ideen und Veränderungen? Für diese von vielen erlebte Frustration in „Multi-Agency Muddles“, also multiinstitutionellen „Fällen“, hat Tom Erik Arnkil mit seinem Team einen Ansatz entwickelt, der seit Jahrzehnten in Finnland erfolgreich zum Einsatz kommt: Den Antizipatorischen Dialog (engl.: Anticipation Dialogue). Dabei moderiert für ein bis zwei Termine ein externes, allparteiliches Team aus zwei dafür geschulten Personen das Netzwerktreffen, bei dem sowohl die Klienten als auch die relevanten professionellen Helfer anwesend sind.
Das Team ist nicht dafür da Ratschläge zum Fall zu geben, sondern in einer festgefahrenen Situation einen Dialog zu ermöglichen, an dessen Ende wieder klar ist: Wer tut was mit wem als nächstes? Dabei wird auf eine dialogische Gesprächsführung geachtet: Sprechen und Zuhören wird getrennt, die Worte der Klienten verwendet, jeder soll gehört werden, alle Stimmen sind gleichwertig. Als Rahmen dient ein Denkexperiment, das Arnkil „Erinnerung an die Zukunft“ nennt. Dabei werden alle Anwesenden dazu eingeladen, eine wünschenswerte nahe Zukunft zu erinnern.
„Die Erinnerung an die Zukunft unterscheidet sich von der üblichen Verständigung, weil sie phantastische Züge hat. Wenn man lösungsorientierte Zukunftsfragen als einen „Kniff“ einsetzt, so eröffnet dieses Vorgehen den Raum für viel Kreativität. Die Anwesenden bringen oft spontan einen situativen Humor ein. Obwohl die Erinnerung an die Zukunft spielerische Züge hat, ist es kein Spiel. Es ist eine Art des Interviews, die die Formulierung eines aktuellen Sorgenkatalogs, die Hoffnung auf eine Situationsverbesserung und Wünsche nach gegenseitiger Unterstützung fördert – und im Dialog selbst wird ein hoffnungsvolles Klima erzeugt.“ (ebd. S. 105)
Stellen Sie sich vor: Ein Jahr (oder ein Zeitpunkt in der nahen Zukunft) ist vergangen und die Situation hat sich ganz gut entwickelt. Worüber sind sie besonders erfreut? Was waren damals die Sorgen? Was hat ihnen geholfen sie zu verringern, was haben sie selbst getan und was andere?
Anhand dieser hoffnungsvollen Fragen entwickeln die Klienten sowie die professionellen HelferInnen neue Ideen wie es im Hier und Jetzt weiter gehen kann.
Laut Arnkil sind extern moderierte antizipatorische Dialoge besonders sinnvoll, wenn:
– „mehrere Parteien beteiligt sind;
– Unklarheit besteht, was jede Partei macht oder warum sie beteiligt ist;
– die Akteure unzufrieden sind mit dem, was die anderen tun;
– Sorgen zu nehmen und Ressourcen zusammengefasst werden müssten, um sie zu verringern;
– ein Mangel an Koordinierung besteht;“ (ebd. S. 87)
Wie ist das bezahlbar, könnte man sich fragen. In Finnland funktioniert das so: Institutionen können MitarbeiterInnen für eine zweijährige berufsbegleitende Fortbildung bei STAKES (Landesprogramm für Forschung und Entwicklung in Wohlfahrts- und Gesundheitspflege) anmelden. Diese sind dann Teil eines multiprofessionellen, bereichsübergreifenden ModeratorInnenpools, aus dem unterschiedlichste Institutionen ModeratorInnen kostenlos für Netzwerktreffen anfordern können. Das heißt, Institutionen entstehen selbst keine Mehrkosten für die Termine. Sie stellen einige MitarbeiterInnen als ModeratorInnen für andere Institutionen zur Verfügung und erhalten ihrerseits kostenlose Moderation von Netzwerktreffen. Die ModeratorInnen kommen daher aus den verschiedensten Bereichen der psychosozialen Arbeit: „Therapeutinnen, Sozial- und Jugendarbeiter, Ärzte, Lehrer, Erzieherinnen im Kindergarten, Gemeindekrankenschwestern, Hebammen.“ (ebd. S. 90)
Ich freue mich über Feedback und Austausch zum Thema: becoming-dialogical@mailbox.org