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systemagazin-Adventskalender: Die vorweihnachtlichen Leiden eines kinderfreundlichen Soziologen

| 2 Kommentare

3adventPeter Fuchs, Soest:

Ich habe in diesen Tagen mit einem etwa zweieinhalbjährigen Kind gespielt, das mich noch nicht kannte. Dabei habe ich auf meinen Schatz von mechanischem Spielzeug zurückgegriffen, hier dann auf ein Blechkrokodil, das man aufziehen kann. Einmal losgelassen, vollzog es – mit dem Gebiss klappernd – einen wilden Lauf.

Das Kind rennt schreiend, dann quiekend davon, ich gehe langsam und vorsichtig hinterdrein, fasse das Krokodil an, hebe es auf und rede begütigend auf das Mädchen ein, das langsam näher kommt, das Krokodil wird in Bewegung versetzt, das Kind rennt wieder weg, aber deutlich gespielter, womit ich die Erlaubnis habe, das Tier mit meinem Mund knurren (knurren Krokodile?) zu lassen, und so geht es hin und her – mit immer neuen Variationen, bis ich aus meiner Hosentasche einen Blechfrosch ziehe, der hüpfen kann und sobald er es tut, nur noch Entzücken, keine Angst auslöst, während mein Uraltkater heranschleicht, völlig angstfrei den Frosch beschnuppert und ungerührt aus dem Felde geht, wahrscheinlich weil das Gerät nicht nach Fressbarem riecht.

Mädchen läuft hinter Katze her, mein Eheweib eilt herbei: „Nicht Kater, nein, nicht … Oliver kratzt“. Die Mutter des Kindes kommt hinzu, schnappt sich das Kind, das ruft: „Kroko … spielen“, lauter: „Alina Kroko … spielen!“. Mutter: „Nein, wir haben keine Zeit mehr … nächstes Mal wieder!“ Kind versteht vermutlich diesen Satz nicht, ist aber trotz der Negation besänftigt oder fällt in Trotz … oder …

Peter Fuchs (Foto: Tom Levold)

Peter Fuchs
(Foto: Tom Levold)

Man kann, glaube ich, nahezu körperlich ‚spüren‘, was für ein komplexer Abstimmungsprozess in Szene gesetzt wird, welche Muster ‚eingespielt‘ werden, wie Sinn sich bildet und komplexer wird. Poetisch gesonnen, würde ich von einem Tanz sprechen.

Jetzt könnte man das nächste Treffen imaginieren, das Script ist bekannt, wird aktiviert (schon nicht mehr ganz so spannend) und von mir variiert, indem ich ein Karussell hervorkrame, das, sobald aufgezogen, sich dreht und dabei Weihnachtslieder klimpert.

Ich sage: „Karussell … Mit einem Dach und seinem Schatten dreht sich eine kleine Weile der Bestand von bunten Tieren, alle aus dem Land, das lange zögert, eh es untergeht …“ Meine Frau kommt um die Ecke, nimmt das Kind und spricht zu ihm: „Der alte Mann spinnt!“ Ich erwidere, deutlich gekränkt: „Der alte Mann spinnt nicht, er betreibt Frühförderung“

Jenes Mädchen Alina war zwei Tage später noch einmal bei uns. Ich arbeitete mit seiner Mutter in Vorbereitung einer bevorstehenden Klausur zur Wirtschaftslogistik. Das Kind war derweilen im Wohnzimmer und malte still vor sich hin. Zwischendurch kam es in mein Arbeitszimmer, um seiner Mutter ein Bild zu zeigen. Es waren wilde Krakeluren. Die Mutter fragte: „Was ist das?“ Alina wies auf das Bild und sagte: „Das!“

Ich war frappiert von der Genialität dieser Antwort, die manchem gelehrten Reden über Kunst die Spitze abgebrochen hätte.

Ich wollte schon begeistert loslegen, aber die Mutter ließ mich nicht zu Wort kommen, sondern fragte, was dieses oder jenes im Bild darstellen solle. Sie machte auch gleich Vorschläge: „Eine Sonne?“ Kind nickte begeistert. „Und das da unten, ist das Wasser?“

Alina gluckste vor Vergnügen. „Sonne … Wasser, Sonne, Wasser …“ Sie nahm das Bild und lief zu meiner Frau, zeigte ihr das Bild: „Sonne, Wasser … Sterne …“ Mein kinderliebendes Weib bestätigte: „Oh ja … das ist schön, das hast du toll gemacht.“

Das Kind rannte dann zu mir (ich bin ihm seltsamerweise etwas unheimlich), hielt mir das Bild hin. Ich sagte: „Oh … ein schöner blauer Elefant …“ Alina schaut mich an: „Nicht Elefant … Sonne, Wasser …!“ und ging zur Mutter und weinte herzzerreißend. Die Mutter: „Peter macht Spaß … Das ist die Sonne, das da ist Wasser!“ Meine Frau, die die Szene verfolgte, schaute mich sehr böse an …

Das Mädchen, wieder beruhigt: „ … Alina hat einen blauen Elefanten gesehen!“ Mutter: „Quatsch … es gibt weder blaue Pferde noch blaue Elefanten!“ Ich: „Hmm … wenn man so an Franz Marc denkt!“ Meine Frau: „Gib nicht so an!“ Alina: „Blaue Mama! Blaue Mama!“ und dann: lacht sie sich scheckig.

So ungefähr geht die Geschichte.

Franz Marc: Die großen blauen Pferde (2011)

(aus einem Manuskript über Systemtheorie und Heilpädagogik, zusammen mit Rolf Balgo et al.)

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2 Kommentare

  1. Was für eine herrliche Geschichte, vielen Dank, lieber Peter Fuchs! Lothar Eder

  2. Lieber Peter Fuchs
    das hat mir sehr gefallen. Ein echtes Adventskalendertürchen
    Clemens Lücke

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