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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Subjekt und Lebenswelt. Personzentrierte Systemtheorie für Psychotherapie, Beratung und Coaching

Jürgen Kriz ist für die systemagazin-Leserschaft kein Unbekannter. Seit vielen Jahren betreibt er sein Projekt einer „Personzentrierten Systemtheorie“, deren Grundzüge er schon in vielen Aufsätzen und Vorträgen der systemischen Öffentlichkeit vorgestellt hat. Mit seinem neuen Buch „Subjekt und Lebenswelt. Personzentrierte Systemtheorie für Psychotherapie, Beratung und Coaching“ legt er nun erstmals eine Gesamtdarstellung seines Ansatzes vor, die vor wenigen Wochen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen ist. Wie er in seinem Vorwort schreibt, geht es ihm um „eine Einladung, sich auf die Komplexität des Geschehens einzulassen, das nun einmal unser Leben als Subjekt in der heutigen Lebenswelt ausmacht. Ich bin überzeugt davon, dass eine größere Bereitschaft, sich auf diese Komplexität einzulassen, nicht nur die inhaltlichen und theoretischen Grabenkämpfe zwischen »Richtungen« befrieden könnte, weil die Würdigung für die Perspektiven der anderen dann leichter fällt. Aus einer solchen ganzheitlichen Sicht lässt sich zudem leichter jene Vorgehensweise im jeweils konkreten Fall entwickeln, die jenseits von »Schulengrenzen« der spezifischen Situation (aus Patient- bzw. Klienten-, Problem- bzw. Störungs- und Beschwerdelage, Entwicklungsmöglichkeiten, eigenen Vorlieben und Ressourcen usw.) gerecht wird. Es ist dies ein Buch, das der Informationsstruktur von 160-Zeichen-Einheiten (SMS) und dem Lernerfolg in Form von reproduzierbaren Sätzen, die sich zum Training in Tutorien für das Bestehen eines Multiple-Choice-Tests eignen, zuwiderläuft. Es ist vielmehr gedacht für Menschen, die wie ich das Anliegen haben, dem Geschehen in Psychotherapie, Beratung und Coaching tiefer auf den Grund zu gehen und die komplex verwobenen Teilaspekte in ihrem Zusammenwirken besser zu verstehen.“ Wolfgang Loth hat das Buch gelesen und resümiert: „Unbedingt empfehlenswerte Lektüre!“

Wolfgang Loth, Bergisch-Gladbach:

Jürgen Kriz ist einer der sehr wenigen AutorInnen unserer Profession, die in der Lage sind, die mittlerweile überbordende Materialfülle an Theorien, Konzepten, Forschungsergebnissen und darüber hinaus der damit verbundenen Richtungskonflikte zu überblicken. Der Überblick, den die Lektüre seiner Arbeiten erlaubt, ist ebenso umfassend wie fundiert. Dabei hat Kriz in seinen Publikationen, Vorträgen und Präsentationen nicht nur eine ungeheure Fülle an inhaltlichen Informationen zur Verfügung gestellt, sondern in seinen methodenkritischen Arbeiten auch die Kontexte akribisch beleuchtet, wie Wissen produziert, reklamiert und veröffentlicht wird. Mit Kriz im Gepäck ist man gut gefeit dagegen, dass man ein X für ein U vorgemacht bekommt. Das mag vielleicht nicht jedem gefallen – „die Welt“ hätte es gerne in unterhaltsamen Häppchen, stromlinienförmig und womöglich „postfaktisch“ -, doch ist die Bereitschaft zum unbedingten, also unkorrumpierten Hinhorchen und Hinschauen auf die Vielfalt des Geschehens letztlich wohl das, was unserer Profession die Würde bewahrt. Nicht zuletzt hat dies der systemischen Szene geholfen in den Wirrnissen der interessengeleiteten, mit harten Bandagen geführten Auseinandersetzung um die Anerkennung als wissenschaftlich fundiertes Verfahren.

Mit dem hier vorgestellten Buch hat Jürgen Kriz nun den von ihm schon lange propagierten Ansatz einer Personzentrierten Systemtheorie ausformuliert. Es handelt sich um eine in sich stimmige, umfassende und doch spezifisch verwendbare Beschreibung der Grundlagen unserer Arbeit. Über viele Jahre schon hat er immer wieder einzelne Aspekte und Bestimmungsstücke dieses Ansatzes veröffentlicht, sowie Forschungsergebnisse und Erkenntniswege, die ihn begründen können. Das vorliegende Buch fasst das zusammen und lässt darüber hinaus erkennen, was mit einem solchen Ansatz für die Praxis gewonnen ist.

Die zentralen Begriffe, mit deren Hilfe Kriz dem quirligen Kosmos menschlichen Daseins auf den Grund geht, sind im Buchtitel benannt: Subjekt und Lebenswelt. Sehr grob zusammengefasst könnte man sagen, dass mit diesen beiden Begriffen das beständige Ringen darum erkundet werden soll, wie es gelingt, sich selbst gemeinsam mit anderen in einer möglicherweise überwältigenden Fülle von einströmenden Einflüssen zurechtzufinden und, ja, zu überleben. Das ist nicht nur physisch-physikalisch gemeint, sondern eben besonders auch sinnhaft im eigenen Erleben von sich und sozial im Kontakt mit anderen. Dies spielt sich, um einen bildlichen Zugang zu versuchen, stets und gleichzeitig auf verschiedenen Bühnen innerhalb eines Theaters ab, dessen Existenz nicht gefährdet werden darf.

Der Begriff wiederum, der diese spannende Dynamik zwischen erlebendem und deutendem Subjekt einerseits und nährend-fordernder Lebenswelt andererseits zusammenhält, ist der Begriff der Person. Auf sie fokussiert sich die hier vorgeschlagene Systemtheorie und Kriz fasst zusammen: „Mit dem Begriffsteil „Person“ betont die Personzentrierte Systemtheorie (…) eine humanistische Sicht auf den Menschen, bei der »Person« immer nur und immer schon im Zusammenwirken des Individuums mit seiner sozialen Mitwelt in einem Kontext evolutionärer, bio-psycho-sozialer und soziogenetisch-kultureller Entwicklungsdynamik gesehen werden kann und muss. Zentrale Aspekte wie Sinn, Bedeutung oder Kohärenz finden primär auf der Ebene personaler Prozesse statt – auch wenn diese ganz erheblich durch soziale Prozesse in ihrer biografischen und historischen Dynamik sowie durch verkörperte Erfahrungsstrukturen beeinflusst werden“ (S.234). Man kann vielleicht Person als die Schnittstelle zwischen Subjekt und Lebenswelt verstehen. Im Sinne einer System/Umwelt-Unterscheidung: Person als die Einheit der Differenz. In ihr kulminiert das Ganze, in ihr gewinnt es Bedeutung und Leben. Das gelingt nur, wenn in ihr Subjekt und Lebenswelt zu einem fruchtbaren Verhältnis zueinander finden, ein Verhältnis, das sowohl dem erlebenden Subjekt als auch der sozialen Umwelt genügend konstruktive und förderliche Anschlussmöglichkeiten bereitstellt. Wie ich das verstehe, geht es genau darum im vorliegenden Buch.

In dem eben zitierten Passus klingen zwei Bedeutungsstränge an, die sich durch das ganze Buch ziehen. Zum einen ist es das interpersonelle Eingebundensein der Person. Person ist nur als Mitperson denkbar und sinnvoll. Sie ist notwendig, um ein Miteinander zu konstituieren. Gleichzeitig beeinflusst dieses Miteinander die Person. Daraus ergeben sich die vielfältigen Facetten des Personbegriffs. In der „1.Person“ verweist er auf eine aus einer Binnensicht heraus bestimmte Einheit (im Singular: „ich bin“, im Plural: „Wir sind miteinander“), in der „3.Person“ („sie ist“, „sie sind“) auf eine Sicht von außen auf andere. In der „2.Person“ schließlich erfolgt die Synthese von Innen und Außen in Form kommunikativer Ansprache (Singular und Plural: „Du bist mein Gegenüber“, „Ihr seid meine Gegenüber“). In diesem Beziehungsgeflecht spielt sich sowohl das menschliche Leben ab, wie eben auch das spezifische, durch Kontexte, Anliegen und Absprachen definierte Miteinander in Therapie, Beratung und dergleichen.

Der andere Bedeutungsstrang ist das stete Berücksichtigen von vier Perspektiven, bzw. Prozessebenen: die interpersonelle, die psychische, die gesellschaftlich-kulturelle und die körperliche. Den Blick stets auf die Vollständigkeit und die Wechselwirkung dieser vier Verstehensperspektiven gerichtet, untersucht Kriz die Grundlagen menschlichen Verhaltens und möglicher Wege, sich hilfreich zur Seite zu stehen. Der Aufbau des Buches schlägt dabei zunächst ein Auseinandersetzen mit wissenschaftlichen Grundlagen vor, zu Anfang mit „Leben als Zeichenprozess“, speziell „die Perspektive der Biosemiotik“. In diesem Kapitel wird deutlich, dass Leben bereits evolutionär „als Prozess der Regelsuche und -erfindung verstanden werden“ kann (S.76). Vieles, was in späteren Kapiteln im Hinblick auf symbolisierende Zeichenbildung zur Sprache kommt, insofern die Fülle sozialer und kultureller Verständigungshilfen, bzw.-vorgaben, ist hier schon angelegt.

Im Anschluss daran folgen „systemische Prinzipien“ und Essentials, wie nicht-lineare Dynamik und Selbstorganisation, Rückkoppelung, Komplettierungsdynamik, Trivialisierung, Bottom-up- und Top-down-Dynamiken, Attraktorbildung und Sinnattraktoren, und vieles mehr, was mittlerweile in den einschlägigen Theorien und Konzepten zu finden ist, doch selten so grundlegend und nachvollziehbar beschrieben wie bei Kriz. Einiges davon findet sich daher bereits in anderenorts Veröffentlichtem, jedoch meist verstreut in verschiedenen Publikationen. Daher macht es Sinn, das hier in der Zusammenschau noch einmal aufzuführen. Es ist hilfreich für das weitere Verständnis der Argumentation.

Die nachfolgenden Kapitel entfalten sich dann zunehmend wie aus einem Guss und haben mich in der Dichte der Beschreibung und in der Konsequenz, mit der die vorgestellten Perspektiven eingehalten werden, sehr beeindruckt. Im vierten Kapitel geht Kriz die bereits genannten vier zentralen Prozessebenen durch. Er beginnt dabei mit der Prozessebene, die bislang als der „eigentliche“ Referenzbereich systemischer Ansätze gilt: die interpersonelle. Bereits hier wird deutlich, wie die ursprünglich auf Interpersonelles fokussierte Aufmerksamkeit systemischer Ansätze zu kurz gesprungen erscheint. Kriz spricht vom „biosemiotischen Nadelöhr der Interaktion“, spezifiziert als „Nadelöhr persönlicher Sinndeutungen“ (S.135). Kommunikation erweist sich als voraussetzungsvolles Unternehmen. Zu den Voraussetzungen gehören zum einen sowohl die verschiedenen Einflüsse aus der nicht unmittelbar zugänglichen – jedoch durchaus wirkungsfähigen – Umgebung als auch die Einflüsse der subjektiv erfahrenen „Umwelt“ (die wahrgenommen und mit Bedeutung versehen als „Lebenswelt“ der bzw. für die Person fungiert). Zum anderen spielen die Zugangswege eine Rolle, auf denen die Person sich ihre Welt „heranholt“ und sich ihre „Merkwelt“ vergegenwärtigt (Kriz nennt das „afferente Kommunikation“). Ebenso spielt eine Rolle, dass und wie sich die Person „über efferente Wirkungsprozesse (Effektoren, Handlungsorgan) […] in ‚die Welt‘ hinein äußert“. Und schließlich gilt es in diesem Zusammenhang auch noch „das ‚innere Selbstgespräch‘“ zu berücksichtigen, „mit dem sich das Subjekt „P“ seiner Lebenswelt (…) bewusst wird“. Kriz nennt das die „selbstreferenten Kommunikationen“ (S.136).

Die ursprüngliche Konzentration auf Interpersonelles wird dabei von Kriz nicht verteufelt, sondern durchaus anerkannt als ein guter Ausgangspunkt, der seinerzeit frischen Wind bringen konnte. Damit es jedoch aus Sicht der Personzentrierten Systemtheorie zu nachhaltigen Veränderungen kommen kann, ist das Berücksichtigen der psychischen Prozessebene, wie auch der gesellschaftlich-kulturellen Sinnattraktoren unbedingt erforderlich. Alles dieses wäre wiederum nicht funktionsfähig ohne das Berücksichtigen des biologischen Körpers als „Integrator von Fühlen und Denken“, als „biologischer Basis unserer Lebenswelt“ und als „Ort ganzheitlicher Organisation“. Erst durch das Berücksichtigen aller vier Prozessebenen entsteht eine faire Wahrscheinlichkeit dafür, dass im Rahmen professionellen psychosozialen Helfens nachhaltig wirkende Übergänge von einer belastenden, einengenden in eine freiere, anregend-orientierende „Ordnung“ entstehen.

In dem sich daran anschließenden Kapitel über die „Welt des Bewusstseins“ geht es „um den Menschen als Subjekt, das mit seinem reflexiven Bewusstsein sich selbst und seine Lebenswelt betrachtet“ (S.209). Das reflexive Bewusstsein ist es letztlich, um das sich alles dreht. Einerseits ist es interpersonell verborgen (kann nicht direkt beobachtet werden), andererseits ist es genau dieses reflexive, genauer eigentlich: selbstreflexive Bewusstsein, das die immense Vielfalt von sinnhaften Antworten auf die einströmenden äußeren und inneren Reize sowohl ermöglicht als auch handhabbar macht, indem es auswählt. Vieles davon tritt nicht unbedingt als bewusst wahrgenommener Vorgang auf, könnte jedoch in den Fokus der Bewusstheit gelangen, wenn nötig. Hier knüpft ein Bild an, das Kriz wählt, das Bild einer „gemeinsamen sinnorientierenden Wanderung“. Dieses Bild enthält die Möglichkeit, „dass trotz letztlich gegenseitig nicht betretbarer subjektiver Bewusstseinsräume dennoch hilfreiche Angebote zu deren Erkundung und gegebenenfalls Neuorientierung möglich sind. Allerdings ist es dafür gut, wenn professionelle Begleiter einiges über die vernetzten Wirkungen der unterschiedlichen Prozessebenen wissen – beispielsweise über die unterschiedlichen Zeitfenster bei der Veränderung rational-kognitiver oder affektiver Strukturen, oder über den Zusammenhang von verkrusteten Interaktionsdynamiken mit reduzierten Sinndeutungen der Beteiligten. Immer ist dabei aber die grundlegende Komplementarität zweier Perspektiven zu beachten – nämlich die Perspektive, die wir einnehmen, wenn wir »die Welt« beschreiben, im Kontrast zur Perspektive, die wir einnehmen, wenn wir »die Welt« erleben“ (S.213, Hervorh. i.O.).

Eine Reihe von Hinweisen, was dazu praktisch möglich ist, enthält das abschließende Kapitel, das Personzentrierte Systemtheorie „im Kontext der Praxis“ diskutiert. Hier bleibt es bei einem eher kurzen, wenn auch gehaltvollen und durch illustrierende Vignetten angereicherten Skizzieren. Es handele sich bei Praxis und Theorie nicht um ein – so der so einseitig -dominierendes Verhältnis, sondern um ein anregendes. Wenn es gut geht, regen sie sich wechselseitig zu Erkenntnissen an, womöglich zu Höhenflügen, können sich aber auch gegenseitig zur Vorsicht mahnen. Und das wäre kein Widerspruch, sondern eher eine Voraussetzung des Gelingens. Im Zentrum der von Jürgen Kriz favorisierten Praxis stehen zum einen das Anregen, Fördern und Begleiten von unmittelbarem, sinnlichem Erleben, insbesondere des Erlebens der Möglichkeit positiver Ordnungs-Ordnungs-Übergänge („Vom Sinn zur Sinnlichkeit“). Zum anderen geht es ihm um den Blick in Richtung Zukunft. Hier dürfte zwar auch planerisch verstehbares Entwickeln von Zielen eine Rolle spielen, im Vordergrund steht jedoch das Ermöglichen und Fördern imaginativer Prozesse, die Spielräume schaffen für das fühlbare Einleben in erwünschte Richtungen. Insofern ergänzen sich die beiden genannten Schwerpunkte vortrefflich. Alles dieses ist darauf angewiesen, eine Gratwanderung zu bewältigen, „eine Gratwanderung, sich vom Bekannten und Vertrauten so weit zu lösen, dass genügend Raum für das Neue bleibt, ohne im Unverständnis zu versinken – weil ja »Verständnis« immer auch Bisheriges voraussetzt“ (S.115). Die Person als Bedeutung vergebendes Subjekt verändert sich in einer verändert gedeuteten Lebenswelt, indem sie sich weiterhin (oder wieder) auf sich verlassen kann als eben dieses Bedeutung vergebende Subjekt. Die Strudel im Fluss des Lebens (eine Metapher, die Jürgen Kriz bevorzugt im Vergleich zum Berg, der sich problematisch erhebt) können sich auflösen oder überwunden werden, es fließt wieder, aber es zer-fließt nicht, weil dem Flussbett, einschließlich seiner möglichen Veränderungen zu trauen ist. So etwa.

Ein Wort noch zur Form des Buches. Jürgen Kriz weist in seinem Vorwort darauf hin, weshalb er in solch extensiver Weise von Fußnoten Gebrauch macht. Mir scheint, er hat durch diesen Kunstgriff so etwas wie zwei Bücher in einem geschaffen. Wer will, kann sich auf den reinen Fließtext konzentrieren. Ich empfehle die Lektüre der Fußnoten dennoch. In ihnen wird auch die Redlichkeit des Autors deutlich: Fast jede dieser Fußnoten ist eine Warnung davor zu vergessen, dass es sich stets um ein komplexes Zusammenwirken von Phänomenen handelt, selbst wenn für den Hausgebrauch „einfach“ erscheinende Setzungen auszureichen scheinen. Fast jede Fußnote lässt sich verstehen als: „Ganz so einfach ist es nicht!“, „Bitte mit Vorsicht genießen!“, „Es handelt sich hier um Annäherungen, nicht um ein letztgültiges Abbild der Wirklichkeit“. Hierzu gehört auch Kriz‘ Unterscheidung zwischen „Wirklichkeit“ und „Realität“. Wirklichkeit steht bei ihm für das vielleicht noch nicht einmal ansatzweise vollständig fassbare Reizuniversum. Realität steht für das, was Menschen daraus für sich als Subjekte in Form von (beschreibbarer) Lebenswelt gemacht haben, realisiert sozusagen. Nicht ohne Grund beruhen viele der in Kriz‘ Arbeit „realisierten“ Erkenntnisse auf einer Unterscheidung, die seinerzeit von Jakob von Uexküll vorgeschlagen wurde, die Unterscheidung zwischen Umgebung und Umwelt. Umgebung ist sozusagen „alles“, Umwelt dagegen nur das, was mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Mittel bemerkt werden kann. Kriz zieht daraus die Schlussfolgerung: „Während also in den Naturwissenschaften die Umgebung eines Systems intersubjektiv (»objektiv«) beschrieben wird, müssen wir bei der Systemtheorie, die sich auf lebende Systeme – besonders Humansysteme – bezieht, stets die doppelte Perspektive von (»objektiver«) Umgebung und (»subjektiver«) Umwelt mitbedenken“ (S.123). Kriz beherzigt dies auf eine redliche und eben auch emanzipatorische Art: Er lädt zum Mitdenken ein, mutet dabei auch zu, dass jede Erkenntnis eine vorläufige ist, als eine Art Anpassung an die bislang wirkenden Einflüsse. Das macht Arbeit, eröffnet jedoch auch eine generativ wirksame Möglichkeit, sich darüber immer wieder des eigenen Spielraums bewusst zu werden. Ein gelingendes Miteinander ist nicht ohne Einsatz zu haben, doch der Einsatz ist möglich und oft genug lohnend.

Welchen Stellenwert gewinnt das vorliegende Buch für mich in der Tradition und in der aktuellen Breite systemisch orientierter Literatur und Theorienbildung? Wenn man die Entwicklung der systemischen Szene von Beginn an verfolgt hat, konnte man so etwas erleben wie die Metamorphose einer anfangs frischwärts aufmüpfigen, munter wider den Strich bürstenden Alternative zum Mainstream hin zu einer selbstbewussten Vermarktung von Claims und (vermeintlichen) Ideenbesitztümern. Fundamentalistische und realo-istische Positionen sind immer noch im Gespräch miteinander (so hoffe ich), regen sich (zeitweise) an, dienen sich (zeitweise) als gegenseitiges Ärgernis, halten sich jedoch – und das finde ich sehr brauchbar – in einer konstruktiven Spannung. Kriz‘ Ansatz, und somit dieses Buch, können dabei eine wichtige Rolle spielen, indem sie beiden Seiten Futter zum Nachdenken geben. Im Prinzip halte ich die Personzentrierte Systemtheorie für in der Lage, zu einer grand unifying theory zu werden. Allerdings haben es solche Optionen in der systemischen Szene (ich verkürze auf den Singular) immer schwer gehabt. Doch hat das meines Erachtens Gründe, die sich aus der Besonderheit systemischer Perspektiven ergibt: Sie verstehen sich stets als zwar profilierte Positionen, dabei jedoch ebenso stets als Gralshüter konstruktiver Vielfalt. Das ist gut so, macht jedoch anfällig für Missverständnisse, inklusive des Missverständnisses, die Vielfalt an sich werde es schon richten. Das halte ich deswegen für ein Missverständnis, weil die Vielfalt an sich kein ethisches Prinzip ist, sondern sich relativ opportunistisch ihre Verwirklichungsweisen sucht. Hier nun kann Kriz‘ Ansatz Anregungen zu Ordnungsbildungen bieten, die sowohl die Vielfalt möglicher Realisierungen im Kontext einer komplexen Welt anerkennen, als auch durch den Fokus auf die Person im Blick haben, dass es erlebende Menschen sind, die in ihren Freuden und Leiden miteinander daran wirken, was von der Welt erkennbar wird. Und was erkennbar sein sollte. Kriz Ansatz erscheint mir insofern als ein rundum gelungenes Beispiel für eine ethisch klare, theoretisch umfassend und in sich stimmig begründete, sowie praktisch hilfreiche Orientierung für unsere Arbeit. Das ist Arbeit, die sich lohnt. Unbedingt empfehlenswerte Lektüre!

(Mit freundlicher Genehmigung aus systeme 1/2017)

 

 

Inhaltsverzeichnis und Vorwort als PDF

 

 

Jürgen Kriz (2017): Subjekt und Lebenswelt. Personzentrierte Systemtheorie für Psychotherapie, Beratung und Coaching. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht)

1. Auflage 2017
300 Seiten mit 54 Abb. und 8 Tab. kartoniert
ISBN 978-3-525-49163-8
Preis: 30,00 €

Verlagsinformation:

Die Personzentrierte Systemtheorie von Jürgen Kriz ist eine Mehr-Ebenen-Konzeption zum Verständnis von klinischen, psychotherapeutischen, beraterischen und auf Coaching bezogenen Prozessen unter besonderer Berücksichtigung des Zusammenwirkens unterschiedlicher Ebenen (u. a. körperliche, psychische, interpersonelle und gesellschaftliche Prozesse). Es geht dabei im Kern um Fragen, wie wir Menschen aus der unfassbaren Komplexität einer physikalisch-chemischen und informationellen Reizwelt unsere Lebenswelt mit hinreichend fassbarer, sinnhafter Ordnung erschaffen, wie diese sich typischerweise an stets neue Bedingungen und Herausforderungen (»Entwicklungsaufgaben«) anpasst, warum diese Adaptation aber auch partiell misslingen und sich insbesondere als überstabil und inadäquat erweisen kann – was für Probleme und viele Symptome typisch ist, wie professionelle Hilfe unter Nutzung von Ressourcen und Selbstorganisationspotentialen gestaltet werden kann. Obwohl die Personzentrierte Systemtheorie seit 1985 in mehreren Dutzend Beiträgen für jeweils bestimmte Fragen ausgearbeitet und publiziert wurde, liegt nun erstmal eine Gesamtdarstellung vor, in welcher sowohl die systemischen Prinzipien als auch die vier zentralen Prozessebenen in ihrer Interaktion ausführlich erläutert werden. Der Ansatz versteht sich als ganzheitlich und schulenübergreifend. Allerdings wird der humanistischen Perspektive, den Menschen als Subjekt zu begreifen, ein zentraler Stellenwert eingeräumt.

Über den Autor:

Prof. Dr. Jürgen Kriz, approbierter Psychologischer Psychotherapeut, ist Emeritus für Psychotherapie und Klinische Psychologie an der Universität Osnabrück. Er hatte zudem über 25 Jahre einen Lehrstuhl in Statistik, Forschungsmethoden und Wissenschaftstheorie und zahlreiche Gastdozenturen im Ausland inne. Er ist Ehrenmitglied mehrerer psychotherapeutischen Fachgesellschaften. Zu seinen Auszeichnungen gehören u. a. der Viktor-Frankl-Preis der Stadt Wien (2004), der AGHPT-Award der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (2014) und der Ehrenpreis der Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung (GwG).

2 Kommentare

  1. Lieber Wolfgang, dem schließe ich mich sehr gerne an!
    Auch von mir ein herzlicher Dank für diese Besprechung.
    Herzliche Grüße
    Peter

  2. Lieber Wolfgang,
    herzlichen Dank für diese – wie immer – fundierte und informative Rezension! herzlichen Gruß, Lothar