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Metaphern: Ihre Analyse und ihr Einsatz in Therapie und Beratung

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Die linguistische Metapherntheorie von George Lakoff und Mark Johnson hat seit ihrem erstmaligen Erscheinen (Lakoff & Johnson 1980) das Verständnis von Metaphern grundlegend verändert. Anstatt nur als rhetorisches Stilmittel betrachtet zu werden, erweisen sie sich mittlerweile als Schlüssel zum Verständnis und zur Rekonstruktion individueller und sozialer Selbst- und Weltverhältnisse. Vor allem für den Bereich der Psychotherapie und Beratung hat sich die neuere Metapherntheorie als extrem fruchtbar erwiesen.

In den letzten vier Jahrzehnten ist ein riesiger Fundus an grundlagentheoretischen sowie forschungs- und praxisbezogenen Büchern und Aufsätzen entstanden, der leider – das gilt auch für die Arbeiten von Lakoff und Johnson – zum allergrößten Teil nur englischsprachig zur Verfügung steht. Im deutschsprachigen Raum sind es vor allem die theoretischen und empirischen Arbeiten von Michael B. Buchholz (u.a.), die in den 90er Jahren maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Arbeiten von Lakoff und Johnson auch hierzulande wahrgenommen worden sind.

In diesem Zusammenhang ist auch Rudolf Schmitt zu nennen, der mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen und Metaphern-Sammlungen (z.B. zu Metaphern des Helfens oder des Alkoholkonsums) das Thema ebenfalls seit langem intensiv bearbeitet. Nach dem Studium der Germanistik und Psychologie in Marburg und Berlin arbeitete er zunächst ein paar Jahre als Familienhelfer in Berlin, dann von 1990 bis 1997 als Klinischer Psychologie in der Allgemeinpsychiatrischen Abteilung der Karl-Bonhoeffer-Klinik in Berlin. In dieser Zeit machte er auch eine Weiterbildung in systemischer Therapie. Seit 1997 hat er an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule Zittau-Görlitz eine Professur inne, seine Betätigungsfelder sind „Empirische Forschungsmethoden, Beratung und Behandlung, Soziale Arbeit mit psychisch kranken und substanzabhängigen Menschen“.

Seine beiden hier besprochenen Bücher decken die Spannbreite der wissenschaftlichen und praxeologischen Beschäftigung mit dem Thema Metaphern auf eine eindrucksvolle Weise ab. Der Band „Systematische Metaphernanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung“, der ursprünglich als „kleines Buch zur Einführung in die Metaphernanalyse“ gedacht war (S. VIII), mündete schließlich in das Habilitationsprojekt von Schmitt mit immerhin 644 Seiten, davon alleine 80 Seiten Literaturangaben, und ist 2017 bei Springer VS erschienen. Neu hinzu gekommen ist der mit 165 Seiten deutlich kleinere Band „Metaphern in Psychotherapie und Beratung. Eine metaphernreflexive Perspektive“ (Beltz-Verlag Weinheim), den er mit Thomas Heidenreich als Co-Autor verfasst hat, der als verhaltenstherapeutisch ausgerichteter Psychologie als Professor an der Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege an der Hochschule Esslingen arbeitet.

Die „Metaphernanalyse“ gliedert sich in fünf große Abschnitte, die die Grundlagen, die Bedeutung und den Ertrag der Metapherntheorie Lakoffs und Johnsons in den unterschiedlichen sozialwissenschaftlich fundierten Feldern systematisch darstellen und kritisch einordnen. In einem ersten kurzen Überblick werden frühe sozialwissenschaftliche Studien von Metaphern skizziert, die aber bei Schmitt zu „Unbehagen“ führen, da hier nur wenig klare Metaphernbegriffe erkennbar sind, Regeln zur Erkennung von Metaphern nicht expliziert werden, Validierung von Interpretationen unterbleiben und die Bedeutung von einzelnen Metaphern übergeneralisiert wird (S. 32 f.). Eine sozialwissenschaftliche Metaphernanalyse kann also von einem Theorietransfer seitens der kognitiven Linguistik nach Lakoff und Johnson nur profitieren, deren Grundlagen Schmitt im 2. Abschnitt zusammenfassend nachzeichnet.

Auch wenn Schmitt die Grundideen von Lakoff und Johnson zum Ausgangspunkt seiner eigenen Überlegungen macht, macht er auf einige grundlegende Defizite der kognitiven Metapherntheorie aufmerksam, die ja „nicht im Hinblick auf ihre Verwendung in der qualitativen Sozialforschung entwickelt worden“ sei (S: 81). So fehlt bei Lakoff & Johnson die Reflexion eigener Verstehensprozesse, d.h. einer Hermeneutik, ohne die es nicht möglich ist, „in unterschiedlichen sozialen, kulturellen und psychologischen Kontexte die jeweiligen metaphorischen Konzepte, in denen ein Phänomen begriffen und gelebt wird, neu zu rekonstruieren“ (ebd.). Die Wahl von Metaphern ist daher nicht nur von den kognitiven Präferenzen der Beteiligten bestimmt, sondern immer auch von den sozialen und kommunikativen Situationen, in denen sie sich befinden. Vor diesem Hintergrund plädiert Schmitt auch dafür, die Frage der globalen oder lokalen Gültigkeit von metaphorischen Konzepten eher vorsichtig so zu beantworten, „dass nur ein sehr kleiner Kernbereich von metaphorischen Konzepten den Status linguistischer Universalien haben könnte“ (S. 85). Auch wenn unsere zentralen Bildspender für Metaphern unseren eigenen, frühen, leiblichen Interaktionen mit Gegenständen und Sozialpartnern entstammen, kritisiert Schmitt, dass für Lakoff und Johnson Embodiment „in verblüffender Weise […] geschlechtslos […] und ohne Thematisierung von frühen, das heißt kindlichen, gestaltprägenden Erfahrungen sozialer Bindung gedacht wird“ (S. 87) und schlägt folgerichtig vor, Geschlecht als eigenes Schema für Metaphernbildung zu betrachten. Um Metaphernanalyse in den Kanon sozialwissenschaftlicher Methoden aufzunehmen, fordert Schmitt daher ihre Einbettung in einen hermeneutischen Verstehensprozess, der in der Lage ist, seine eigenen sprachlichen und kulturellen Prägungen zu identifizieren und zu reflektieren.

Im dritten Kapitel überprüft Schmitt wichtige zentrale eingeführte sozialwissenschaftliche Begriffe in Hinsicht auf ihre „Anschlussmöglichkeiten an den Begriff des metaphorischen Konzepts“ (S. 112), als da wären: Soziale Deutungsmuster (Ulrich Oevermann), Habitus (Pierre Bourdieu), Soziale Repräsentation (Serge Moscovici), Alltagspsychologie (Fritz Heider, Jerome Bruner), Common Sense (Clifford Geertz), Diskurs (Michel Foucault), Tacit Knowlede (Michael Polanyi, Donald Schön) etc.

Zusammenfassend hält er fest:

„Metaphorische Konzepte lassen sich als soziale Deutungsmuster verstehen, als mentale, aber den Akteuren nicht zugängliche Wissensbestände, mit denen sie Handlungsprobleme einer bestimmten gesellschaftlichen Situation deuten.

Metaphorische Konzepte lassen sich als Habitus, als körperlich verankerte Wahmehmungs— und Erzeugungsregeln fassen, die in der kollektiven Praxis des Lebensvollzugs wirken und dabei Emotionen, Kognitionen und Handeln sinnhaft verbinden.

Metaphorische Konzepte lassen sich als Träger von Wissen im Sinne sozialer Repräsentationen nutzen, in denen komplexe gesellschaftlich relevante Sachverhalte bildlich konfiguriert werden. Sie bilden die gesellschaftliche Ordnung des Wissens ab.

Diskursanalysen in unterschiedlicher Anknüpfung an Foucault zielen auf makrosoziologische Formationen, deren Ordnung auch durch Metaphern hergestellt wird.

All diesen Bestimmungen ist gemeinsam, dass sie die Sozialität von Wissen und Erkennen betonen und damit ein Kernthema der Wissenssoziologie berühren. Metaphorische Konzepte bilden darüber hinaus auch das fraglos—gegebene Wissen der Alltagspsychologie und des ,common sense‘ ab“ (S. 187)

Der umfangreichste vierte Abschnitt untersucht, „welche Forschungsfragen und Ergebnisse metaphernanalytische Studien bisher in den Sozialwissenschaften ergeben haben“ (S. 190). Dabei entscheidet sich Schmitt für eine Aufgliederung des ungeheuer vielfältigen Materials nach Disziplinen, nämlich Soziologie, Erziehungswissenschaft, Soziale Arbeit, Sozialmedizin, Pflege- und Gesundheitswissenschaften, Politikwissenschaften, Psychotherapie und Beratung sowie weitere psychologische Subdisziplinen.

Das fünfte und letzte Kapitel ist das ganz den methodischen Herausforderungen gewidmet, die eine systematische Metaphernanalyse zu bewältigen hat, von den Zieldefinitionen und der Erstellung von Ablaufskizzen über Materialerhebung, Identifikation und Interpretation von Metaphern, Gütekriterien, Qualitätssicherung bis hin zur Darstellung der Ergebnisse und den unterschiedlichen Designs von Studien. Seinen eigenen methodischen Konzepten kontrastiert Schmitt mit vorhandenen alternativen methodischen Vorgehensweisen und überprüft diese auf Anschlussmöglichkeiten. Abschließend formuliert er noch einmal zusammenfassend seine Kritik und zu wünschende Modifikationen der kognitiven Metapherntheorie, von denen ich nur zwei hier zitieren möchte:

„Die systematische qualitative Metaphernanalyse fasst im Gegensatz zur kognitiven Metapherntheorie das Interpretieren lebensweltlicher Materialien nicht als theorieloses Suchen, Finden und Ordnen auf […] sondern als Hermeneutik […] Metaphemanalyse erscheint als mehrschrittiges Verfahren, für das Regeln angegeben werden können. […] Die von Lakoff und Johnson beschriebenen metaphorischen Konzepte sind als Ergebnis fast immer zu allgemein für sozialwissenschaftliche Forschungsfragen; es scheint notwendig, die im konkreten Material treffendste Rekonstruktion von sozialem Sinn anzustreben […]. Die hier vorgeschlagene Methodik steht damit im Gegensatz zu einer Tendenz der kognitiven Metaphemtheorie, universell gültige Konzepte rekonstruieren zu wollen“ (S. 560).

Es dürfte jetzt schon erkennbar geworden sein, dass sich das Buch in erster Linie an ein Publikum richtet, das selbst mit Forschungsfragen beschäftigt ist oder sich zumindest dafür interessiert. Wem die sozialwissenschaftlichen Fragestellungen und Grundbegriffe, auf die in diesem Band immer wieder Bezug genommen wird, vertraut sind, wird mit einem großartigen Überblick über die Theorie- und Forschungslandschaft zum Thema Metaphern belohnt werden. Mit seinem stupenden Wissen führt Schmitt seine Leser systematisch durch den klug angelegten und klar gegliederten Aufbau seines Buches und vermittelt einen tiefen Einblick in die theoretischen und methodologischen Fragestellungen der Metaphernanalyse, die in dieser konzentrierten Form bislang noch nicht behandelt worden sind.

Eine ganz andere Zielgruppe haben Schmitt und sein Ko-Autor Thomas Heidenreich im Blick. Mit ihrem überschaubaren und ausgezeichnet lesbaren Band „Metaphern in Psychotherapie und Beratung“ versuchen sie, direkt an der Praxis von Therapeutinnen und Beratern anzuknüpfen und ihnen den Gewinn einer „metaphernreflexiven Perspektive“ nahe zu bringen. Im Unterschied zu einer systematischen Metaphernanalyse als Forschungsstrategie geht es hier um die Erkennung und Nutzung von Metaphern im beraterisch-therapeutischen Prozess seitens der Professionellen wie der Klienten.

Die Geschichte der Psychotherapie ist natürlich reich an Metaphern, wobei jede psychotherapeutische Schule ihre eigenen „Lieblingsmetaphern“ hervorgebracht hat. In den Seminaren, die ich seit 25 Jahren zum Metapherngebrauch in der Psychotherapie mache, höre ich immer wieder Teilnehmer, die mit Begeisterung „mit Metaphern arbeiten“. Es stellt sich dann regelmäßig heraus, dass diese Art der Metaphernarbeit nur wenig mit den Konzepten der neueren Metapherntheorie zu tun haben, sondern eher aus der Tradition des „therapeutischen Geschichtenerzählens“ stammt oder sich im Versuch erschöpft, Klienten sinnfällige Bilder für ihre Problemsituation anzubieten. Die „metaphernreflexive Perspektive“ dreht diese Vorgehensweise um, indem sie zunächst einmal für die Metaphern sensibilisiert, mit denen die Klienten ihre eigene Lebens- und Problemsituation konstruieren.

Das erste Kapitel vermittelt einen Überblick über die alltäglichen Metaphern des Psychischen, die Menschen intuitiv benutzen und die auch in Beratungsgesprächen immer wieder zu finden sind. Da sie an die körperlichen Grunderfahrungen im Umgang mit sich selbst, ihren sozialen Beziehungen und der Welt als Ganzes gebunden sind, existiert „nur eine begrenzte Anzahl sprachlicher Schemata, welche die unzählbaren Möglichkeiten subjektiven krisenhaften Erlebens zu einleuchtenden Mustern bündeln, die gleichzeitig einen Erklärungswert im Sinne einer naiven Psychologie haben“ (S. 14). Die Autoren wollen „zeigen, dass Beratung und Therapie an diese alltäglichen Vorkonzeptualisierungen anschließen müssen, wenn sie ihre Klientinnen und Klienten erreichen wollen. Unsere unabgeschlossene Sammlung vermerkt über 1.800 gebräuchliche metaphorische Redewendungen zu diesem Thema, die sich in 23 Mustern sortieren lassen“ (S. 15). Diese Muster werden im ersten Kapitel vorgestellt, z.B. „Höhen und Tiefen“, Gleichgewicht, „Licht und Schatten“, „heiße und kühle Köpfe“, „Krise als Besessenheit“, „lange Leitung und direkte Drähte“, um nur ein paar zu nennen.

Die Autoren gehen davon aus, dass es sich hier um „verlässlich abgrenzbare metaphorische Modelle [handelt], in denen psychische Erkrankungen, Krisen und Extremzustände in der deutschen Sprache gefasst werden. Die spannende Frage ist demnach, inwiefern sie auch für andere Kulturkreise relevant sein könnte. […] Die Arbeit mit Metaphern muss also den kulturellen Erfahrungsschatz eines Menschen berücksichtigen – metaphernreflexive Arbeit setzt eine kulturreflexive Haltung voraus“ (S. 27).

Nach diesem ersten Einstieg in die Vielfalt, aber auch Begrenztheit möglicher Metaphern wird im 2. Kapitel die Metapherntheorie nach Lakoff & Johnson dargestellt, aber eben nicht unter Forschungsgesichtspunkten: „Dass diese Rekonstruktion nicht – wie im wissenschaftlichen Kontext üblich (vgl. Schmitt, 2017) – nach den Standards der empirischen Sozialforschung erfolgen kann, ist evident. Es wird also im Folgenden darum gehen, Heuristiken zu erarbeiten, die sozusagen eine »Online-Rekonstruktion« von Metaphern im Beratungs- bzw. Therapieprozess ermöglichen. Dass dies zwar »quick«, aber nicht allzu »dirty« erfolgen sollte, wird die zentrale Herausforderung des hier vorgeschlagenen metaphernreflexiven Vorgehens sein“ (s. 31).

Wichtig ist hier die Unterscheidung von metaphorischen Redewendungen und Konzepten und metapherngenerierenden Schemata, die „in der Theorie von Lakoff und Johnson die nächsthöhere Abstraktionsebene [bilden] – wobei wir genauso gut metaphorisch formulieren können: eine tiefere, einfachere Ebene. Lakoff und Johnson gehen mit Piaget davon aus, dass frühe Schemata wie die räumlichen Dimensionen, das Erlebnis eines festen Objekts oder der Körper als Behälter-Phänomen mit einem Innen und Außen als metapherngenerierende Schemata in der späteren Wahrnehmung der Welt erhalten bleiben. Sie strukturieren die menschliche Wahrnehmung grundsätzlich, somit lassen sich viele Metaphern und metaphorische Konzepte auf diese zurückführen. In der Konzeption der metapherngenerierenden Schemata findet sich die am weitesten gehende (und am schwersten zu vermittelnde) Ausdehnung des Metaphernbegriffs, da die einzelnen Schemata (wie Substanz-, Gegenstands- und Behälterkonstruktionen) auch abstrakte Phänomene wie Liebe, Macht, Politik etc. zu fassen versuchen. Die Kenntnis der metapherngenerierenden Schemata ist aber notwendig, um den metaphorischen Charakter einer Vielzahl von Äußerungen zu erkennen. So sind die Präpositionen »in« oder »außen« erst mit dem Wissen um ein Behälterschema als Hinweis auf eine Metaphorisierung zu deuten, wenn sie in Kontexten gebraucht werden, in denen eine räumliche Interpretation wenig Sinn ergibt“ (S. 41). Metapherngenerierende Schemata sind also in unseren Erfahrungen mit Raum und Zeit, mit Objekten, Substanzen, Behältern, Personen etc. angelegt, weitere Schemata sind u.a. das Teil-Ganzes-Schema, das Balance-Schema, das Verbindungsschema (link-schema), das Pfadschema oder das Kraftschema.

Auch hier betonen Schmitt und Heidenreich die mangelnde Reflexion von kulturellen und zwischenmenschlichen Erfahrungen als Basis für metaphorische Konzepte: „Die Betonung der unmittelbaren körperlichen Basis in der Interaktion mit der Umwelt blendet andere Aspekte, insbesondere die (im Bowlby’schen Sinne verstandene) zwischenmenschliche Bindung und auch das Geschlechterschema aus. Von diesem Standpunkt aus könnte man einige Teile der kognitiven Metapherntheorie als androzentrische Reduktion von Interaktion auf mechanische Interaktion mit der Umgebung, nicht als Interaktion mit und durch Menschen beschreiben. Auch Sozialität oder Kultur werden bei Lakoff und Johnson nicht immer in ihrer Wichtigkeit für die Metaphernbildung hinreichend gewürdigt: Bei genauerem Hinschauen zeigt sich, dass Kultur häufig als Ausdifferenzierung körperlich-sensomotorisch angelegter Grundmuster gedacht wird. In frühen wie in späten Texten beziehen sich Lakoff und Johnson nicht auf kulturwissenschaftliche oder soziologische Ansätze. Das führt zur berechtigten Kritik, dass die beiden Autoren faktisch übersehen, wie sehr der Körper nicht nur Ausgangspunkt von Wahrnehmungen, sondern auch Objekt gesellschaftlicher Formierung ist und damit nicht außerhalb der Geschichte steht“ (S. 44).

Für die Therapie und Beratung hat diese Perspektive zur Konsequenz, jedes Gespräch gewissermaßen als eine interkulturelle Begegnung zu verstehen, in der es darum geht, „eine rekonstruierende Haltung einzunehmen, die sich behutsam dem metaphorischen Denken der Klientinnen und Klienten annähert“ (S. 46).

Wenn unser Denken, Sprechen und Handeln metaphorisch strukturiert ist, ist es nicht möglich, nicht in Metaphern zu sprechen. Dennoch haben sich psychotherapeutische Schulen bislang nicht systematisch mit Metaphern beschäftigt. Diejenigen Autoren, die eine solche Perspektive verfolgen, sind in ihrer Bezugsgruppe eher an der Peripherie zu verorten (S. 47). Dennoch gibt es schulenübergreifende Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass die Nutzung von Metaphern in einer positiven Korrelation zur psychischen Gesundheit stehen, oder andersherum: extreme Belastungen oder Traumatisierungen scheinen die Fähigkeit zur Metaphernbildung zu beeinträchtigen. „Interessant ist auch die Frage, ob sich Angehörige unterschiedlicher Therapieschulen im Hinblick auf die Verwendung von Metaphern unterscheiden. Pollio et al. (1977) verglichen in ihrer Arbeit auch das Gesprächsverhalten von Verhaltens-, Gestalt- und Gesprächstherapeuten und stellten eine ähnliche Häufigkeit in der Benutzung von Metaphern im therapeutischen Prozess fest. Sie weisen anhand ihrer quantitativen Einschätzung durch das Rating von »Einsicht« nach, es sei ertragreicher, die Metaphern von Patienten weiterzuverfolgen als neue Metaphern einzubringen – ein Befund, der sich für unser grundlegendes Verständnis einer »metaphernreflexiven« Herangehensweise an Beratung und Therapie als zentral erweisen wird“ (S. 48).

Je nach Therapieschule lässt sich den Autoren zufolge eine unterschiedliche Sicht auf Metaphern nachzeichnen. Aus psychoanalytischer Sicht (hier wird vor allem an die Arbeiten von Michael B. Buchholz angeschlossen) wird betont, dass „die (metaphorischen) Erwartungen der Klienten und Klientinnen […] an die Behandlung als Phantasie strukturierend für den Verlauf einer Behandlung [fungieren]. Entscheidend für eine gelingende Behandlung ist, ob es zwischen den Metaphern der Behandelten und den Metaphern der Professionellen zu einer produktiven Passung kommt“ (S. 51). Für die Verhaltenstherapie, die Metaphern im Rahmen von Psychoedukation und der Erarbeitung eines Störungsverständnisses pragmatisch einsetzt, scheint kennzeichnend zu sein, dass das (leider nicht-reflexive) Verständnis von Metaphern allein auf ihren Einsatz durch die Professionellen begrenzt zu sein scheint (S. 54), während bei den personzentrierten Ansätzen die „Exploration und Entfaltung der Metaphern der Klientinnen und Klienten […] im Vordergrund“ steht (S. 55).

„Für systemische Ansätze ist Kommunikation zentral, daher ist es zu erwarten, dass das Phänomen der Metapher diskutiert wird. Systemisch argumentierend hat Levold das Wort »Problem« einmal als leere Kategorie verstanden und skizziert, mit welchen unterschiedlichen Bildern – und damit auch Erwartungen an den Hilfeprozess – dieser von Hilfesuchenden gefüllt wird: als belastendes Gewicht, als verhinderter Weg etc. (Levold, 2014). In der Familientherapie bzw. den systemischen Ansätzen sind allerdings auch viele Vertreter eines Werkzeugverständnisses zu finden, die der sorgfältigen Erhebung und Explikation der Metaphern der Klientinnen und Klienten weniger Wert beimessen und zum Teil rezeptartige Vorschläge und umfangreiche Sammlungen der ihrer Meinung nach wirksamen Metaphern anbieten“ (ebd.). Wie schon angedeutet, finden wir in Hypnotherapie und im NLP „abweichend zu den gegenwärtigen Theorien der Metapher […] Geschichten […], die absichtsvoll konstruiert und zur Veränderung eingesetzt werden können. Empirische Untersuchungen fehlen“ (S. 57).

Das vierte Kapitel befasst sich mit den Schemata als Dreh- und Angelpunkt für das Verständnis von Metaphern, d.h. als Hintergrund für „metaphernreflexives Intervenieren“, wobei ausgehend vom Piaget‘schen Schemabegriff Konzepte von Jeffrey Young und Klaus Grawe ebenso präsentiert werden wie das Konzept der Personzentrierten Systemtheorie von Jürgen Kriz. Der Schemabegriff wird als geeignet angesehen, eine schulenoffene diagnostische und veränderungspraktische Perspektive anzubieten, die ermöglicht, Klienten in ihrem Metapherngebrauch zu validieren und die benutzten Metaphern zu differenzieren, zu interpretieren und ihr Veränderungspotentials auszuloten. Es geht also nicht um eine „eigene Metaphern-Therapie, sondern [um] ein sprachsensibles, durch qualitative Forschung informiertes Vorgehen, das sich in verschiedene Beratungs- und Therapieformen zwanglos integrieren lassen sollte“ (S. 69).

Im fünften Kapitel werden die Unterschiede und Bezüge zwischen einer systematischen Metaphernanalyse und zwanglosen Metaphernsammlungen herausgearbeitet sowie vorhandene Prozessmodelle der Metaphernarbeit in der Psychotherapie vorgestellt.

Das 6. Kapitel ist schließlich dem „Intervenieren mit Metaphern“ gewidmet, dem Kern eines metaphernreflexiven Vorgehens: „Als implizite Annahme fast aller therapeutischen Ansätze lässt sich formulieren, dass Leid erzeugende Denkmuster als inadäquate Metaphern des Selbst und des Selbst-Umwelt-Verhältnisses begriffen werden. Therapeutisches Handeln lässt sich (a) als Ausdifferenzierung vorhandener oder (b) als (vorsichtige) Dekonstruktion alter Metaphern sowie (c) als Vermittlung bzw. gemeinsame Erschaffung neuer Sprachbilder verstehen. Um dieses leisten zu können, sind zwei Aufgaben vorher zu leisten: die analytische Durchdringung der eigenen Metaphern der Professionellen, um den Fokus, aber auch die Grenzen des eigenen Denkens und des eigenen Vokabulars kennen zu lernen, und in einer ersten Phase der Behandlung eine verstehende Rekonstruktion der bildlichen Denkwelt der Klientinnen und Klienten“ (S. 79 f.)

Die empfohlenen Schritte und deren Reihenfolge werden im Überblick wie folgt dargestellt: „(1) Metaphernanalytisch fundierte Selbsterfahrung … die es (angehenden) Professionellen ermöglicht, ihre eigenen Metaphernkonstruktionen sowie diejenigen anderer Menschen kennenzulernen und zu erkennen. (2) Identifizieren und Validieren der klientengenerierten Metaphern … wobei es darum geht, die Metaphern der Klientinnen und Klienten zu erkennen, sich in die Metaphernwelt der Hilfesuchenden zu begeben und für diese erlebbar zu machen. Damit einhergeht, dass die Beraterin sich in die Welt der klientenseitigen Metaphern einfühlen und hineindenken kann. Dieser Schritt endet mit einer gemeinsamen Landkarte relevanter Metaphern. (3) Interpretieren innerhalb der Metapher … wobei in diesem Schritt die metaphorische Welt der Klientin weiter elaboriert und damit begreifbarer gemacht wird. Hierhin gehört auch das Herausarbeiten der beleuchtenden und der versteckenden Aspekte der benutzten Metaphern. (4) Umdeutung und neue Nutzung der metaphorischen Schemata … wobei ebenfalls innerhalb der klientenseitigen Metaphern gearbeitet wird und diese auf ihre Möglichkeiten für neue Selbstdeutungen exploriert werden. (5) Anbieten neuer Metaphern … die zum Erleben und Bewältigen passen könnten, wo-bei auf der Basis der vorhergehenden Interventionselemente für die Klienten neue Aspekte entwickelt werden. Oft ist dieser Schritt überflüssig, die eigentliche Arbeit vollzieht sich bereits im Rahmen der zuvor dargestellten Behandlungselemente“ (S. 80 f.).

Entscheidend hierbei ist neben den technischen Aspekten des Umgangs mit Metaphern die Betonung der therapeutischen Selbsterfahrung im Sinne der Entwicklung einer eigenen Metaphernkompetenz, die die Voraussetzung dafür ist, dass man den eigenen Lieblings-Metaphern nicht auf den Leim geht und diese den Klienten nicht unreflektiert aufpfropft, sondern sich um die optimale Passung zu den Problemmetaphern der Klienten und den darin versteckten impliziten Lösungsideen bemüht. Für das Training im Erkennen von metaphorischen Konzepten bieten die Autoren ihre Metaphernsammlung zum Thema Alkoholkonsum und sozialer Hilfe an, verbunden mit alltäglichen kleinen Aufgaben, mit denen die eigene Metaphernsensibilität gesteigert werden kann. Anhand von Fallvignetten werden Beispiele für das gelungene und weniger gelungene Validieren, Differenzieren und Umdeuten und von Klientenmetaphern vorgestellt.

Natürlich bedeutet das nicht, dass auch therapeutengenerierte Metaphern hilfreich sein können. Die Autoren geben aber zu bedenken, „dass für die Einführung neuer (therapeutengenerierter) Metaphern eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein müssen:

  • Die Therapeutin muss eine klare und zutreffende Konzeption des Ablaufes auf Seiten der Klientin haben (»Fallkonzept«).
  • Die Therapeutin muss eine dazu passende und auf das Verständnis und den (sub)kulturellen Hintergrund der Patientin zugeschnittene Metapher generieren – Metaphernsammlungen können dazu hilfreich, aber auch gefährlich sein (»Metapher entwickeln«).
  • Die Metapher muss auf eine für die Klientin nachvollziehbare Weise ins Gespräch eingeführt werden, sie muss für die Klientin bedeutsam und im Idealfall intuitiv erfassbar sein.
  • Die Metapher sollte auf dem Hintergrund des Wertesystems der Patientin möglichst wenig »Reaktanzpotenzial« bieten“ –

und: „Das Anbieten neuer Metaphern birgt in der Praxis (insbesondere bei metaphern-unerfahrenen Beratern) das Risiko des manipulierenden Überstülpens fremder Konzepte und sollte daher mit einigen Vorsichtsmaßnahmen verbunden werden. Wie sollen Metaphern, die die Schemata der Klienten nicht adäquat erfassen und die möglicherweise einem völlig anderen (sub)kulturellen Hintergrund entspringen, etwas bewirken außer der Erfahrung, nicht verstanden worden zu sein? Metaphern bedeuten eine Welt, die nicht einfach durch eine andere ersetzt werden kann. Hier liegt auch die Skepsis begründet gegenüber Sammlungen angeblich hilfreicher Metaphern, die einen allzu vereinfachten Weg des Einsatzes von Metaphern suggerieren“ (S. 106).

Das siebte und letzte Kapitel beschreibt Metaphern in konkreten Beratungs- und Therapiesituationen anhand zahlreicher konkreter Problemkonstellationen, etwa bei unterschiedlichen körperlichen Erkrankungen, Depression, bipolare Störungen, Demenz, substanzbezogenen Störungen, Schizophrenie, Angst- und Zwangserkrankungen, PTBS, Anorexie usw.

Insgesamt ist Rudolf Schmitt und Thomas Heidenreich ein klar aufgebautes, gut geschriebenes Buch gelungen, das m.E. zur Pflichtlektüre von allen Professionellen gehören sollte, die in Therapie und Beratung mit Klienten und ihren Problemen zu tun haben. Es eignet sich nicht nur für ein erstes Kennenlernen von Metapherntheorie und -gebrauch, sondern gibt zahlreiche praktische Anregungen, die aus meiner Sicht nicht nur fortgeschrittene Therapeutinnen und Berater ansprechen, sondern die zum Kernbestand psychotherapeutischen und beraterischen Handelns schlechthin gehören – und daher in jedem Ausbildungscurriculum einen zentralen Platz einnehmen sollten. Es ist mehr als erfreulich, ein Buch zu haben, dass in diesem Sinne auch professionellen Anfängern ans Herz gelegt werden kann.

Literatur:

Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors we live by. Chicago/London: University of Chicago Press (deutsch 2011: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern, 7. Aufl. Heidelberg (Carl–Auer)

Levold, Tom (2014): »Welches Problem führt Sie zu mir?« Über die metaphorische Struktur von Problembeschreibungen. In: psychosozial 37: S. 51-64.

Zur website von Rudolf Schmitt

Eine weitere Rezension des Forschungs-Bandes auf socialnet.de von Jos Schnurer

Rudolf Schmitt (2017): Systematische Metaphernanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung. Wiesbaden (Springer VS)

644 S., kartoniert
Preis: 59,99 € (ebook 46,99)
ISBN: 978-3-658-13463-1

Verlagsinformation:

Das Buch beabsichtigt die Forschungsmethodik einer systematischen Metaphernanalyse als Methode der qualitativen Forschung in ihrer Logik zu rekonstruieren. Die linguistische Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson zielt auf alltägliche Denkmuster ab und hat darum im angelsächsischen Sprachraum eine große Resonanz in den Sozialwissenschaften erzeugt. Der vorliegende Band entwickelt sie als qualitatives Forschungsverfahren und als spezifische Hermeneutik weiter. Ihr Kernbegriff, das „metaphorische Konzept“, wird in seiner Reichweite mit Begriffen wie Deutungsmuster, Habitus, tacit knowledge, sozialen Repräsentationen und Diskurs verglichen. Es folgen eine Übersicht bisheriger Studien in den Sozialwissenschaften und ein ausgearbeiteter methodischer Vorschlag.

Rudolf Schmitt & Thomas Heidenreich (2019): Metaphern in Psychotherapie und Beratung. Eine metaphernreflexive Perspektive. Weinheim (Beltz)

166 Seiten, Buch, gebunden
ISBN: 978-3-621-28569-8
Preis: 39,95 €

Verlagsinformation:

Metaphern – verstanden als »Ausdruck einer Sache mit den Mitteln einer anderen« – spielen in Therapie und Beratung seit jeher eine bedeutsame Rolle. Es wird davon ausgegangen, dass eine metaphorische Ausdrucksweise im Gegensatz zu rein rationalen Erklärungen zu einem intuitiveren Erfassen führen kann. Die Autoren, erfahrene Psychotherapeuten, untersuchen die Rolle der Metaphern in verschiedenen psychotherapeutischen Ansätzen. Die praktische Anwendung wird anhand zahlreicher Kriterien vorgestellt: Metaphern von der Stange vs. »on the spot« entwickelte Metaphern, störungsspezifische Metaphern, Metaphern unter transkultureller Perspektive, Metaphern für existenzielle Krisen etc. Um einen eigenen versierten Umgang zu ermöglichen, wird gezeigt, wie »Metaphernkompetenz« erlernt werden kann.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Über die Autoren:

Rudolf Schmitt ist Psychologe und Sozialwissenschaftler und lehrt als Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Hochschule Zittau/Görlitz

Thomas Heidenreich ist Professor für Psychologie an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Er ist Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor mit Ausbildung in Verhaltenstherapie.

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