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ICCP – 3rd International Collaborative Community Practices – Tenerife 30. März – 2. April 2017

Vom 30. März bis zum 2. April fand an der Universität La Laguna in Tenerife der dritte Internationale Kongress für Collaborative Community Practices statt. Corina Ahlers ist auf Tenerife aufgewachsen und hat den Kongress besucht und für systemagazin ihre Eindrücke aufgeschrieben.

Corina Ahlers, Wien:

Gehört habe ich von dem Kongress von Mary und Ken Gergen, als die beiden im April 2016 in Wien waren. Ich hörte davon, als ich mich als ursprüngliche Insulanerin vorstellte. Ich war sehr überrascht, dass schlussendlich um die 400 Personen aus aller Welt auf dieser meiner Heimatinsel zum dritten Kongress dessen, was wir im deutschsprachigen Raum noch „den kollaborativen Ansatz“ nennen, erschienen sind! Deutschland war übrigens nicht vertreten.

Corina Ahlers

Sie alle, aus Taiwan, Brasilien, Argentinien, Spanien, Dänemark, Norwegen, Belgien, Finnland, Griechenland, Slowakei, und noch etlichen anderen Länder, mussten einen weiten Weg fliegen: auf die kleine Insel!

Kollaborativ heißt heute „dialogisch“: das internationale Zusammenkommen einer Gemeinschaft, die sich hinsichtlich ihrer Praktiken und ihrer theoretischen Ausrichtung radikal relational erlebt: Die Praktik Harlene Andersons und aller jener, die sie im Houston/Galveston Institut unterstützen, verbunden mit der Forschungsideen des vom Ehepaar Gergen ins Leben gerufenen Taos Instituts. Vertreter*innen dieses sich synergetisch unterstützenden Projektes waren hier eine bunte Mischung aus Forscher*innen, Praktiker*innen in- und außerhalb der therapeutischen Zunft, Performer*innen, Künstler*innen … aus den genannten Ländern.

Was wurde gemacht?

Das „im Gespräch sein im gemeinsamen Nebeneinander“ liegt den Südländern mehr. Das Ziel, bzw. der Zweck des Gesprächs ist ihnen eher egal als uns strebsamen Nordländern (ich fühle mich zweigeteilt in meiner Bikulturalität, was Vor- und Nachteile der Unterscheidung betrifft). Die Ausbreitung des dialogischen Ansatzes in Lateinamerika und jetzt in Spanien ist groß und hat Wirkungen auf das Gesundheitssystem. Es klingt hier alles leicht, luftig, absichtslos, schön, freundschaftlich, ungezwungen, nah, verbunden, liebevoll, leiblich.

Man hört sich gerne zu: Andachtsvoll. Man lässt den Anderen sein.

Sollte man kritische Stimmen in sich hören, dann geht man besser raus und genießt bis zur Pause die kanarische Sonne. In den Pausen hört man dann die Kritik von manchen, die drinnen eher still und artig sind: Es sei zu wischi-waschi, das sei „eine Art zu sein“, aber kein Ansatz, um klinisch wirksam werden zu können. Das sei naiv gedacht, zuwenig Expertise, zuwenig Technik. Damit könne man professionell nichts ausrichten.

Nun: Das war ja schon bei uns im deutschsprachigen Raum in den neunziger Jahren dieselbe Ansage mit denselben Kritikpunkten. Ich erinnere mich genau, wie Harry Goolishian 1986 in Heidelberg auf einem Kongress, wo ich ihn zum ersten Mal kennenlernte, dieser Vorwurf gemacht wurde. In dem Fall öffentlich und nicht in der Pause. Er antwortete bescheiden und, ohne sich dafür zu rechtfertigen, dass er an seiner Position festhielt.

Harry Goolishian hat mich professionell bis heute getragen. Auch wenn ich nicht alles verstanden habe und auch nicht alles teile. Er hat mich dennoch bis heute inspiriert.

Umso spannender finde ich die auf meiner Heimatinsel einsehbaren Fakten: Obwohl die Kritik dieselbe ist und die Aussagen der Community auch, hat sich der Wirkungskreis verdreifacht: In Skandinavien, Belgien, Holland sowieso. In Lateinamerika seit den späten neunziger Jahren wachsend, jetzt mit einer starken Kollaboration mit Spanien. Taiwan baut gerade ein großes Netz auf. Und Ken Gergen arbeitet hart daran, seine Ideen im arabischen Raum zu verbreiten:

„Come together to make a better world, by relating and being in participative dialogue“.

Mehr ist es nicht! Ken bringt am Podium die Metapher der Verteilung von Keksen, die immer mehr werden, während man sie verteilt. Was ich dort erleben konnte, entspricht als Hoffnung dieser Metapher.

Die Theorie dazu ist locker gewoben: Sozialer Konstruktionismus und eine partizipative Forschung ohne Methode. Viele, viele – hoffentlich nette, auf jeden Fall aufbauende – Gespräche mit Gleichgesinnten.

Ist es mehr als eine Bewegung? Eigentlich denke ich, dass es das ist, aber es ist schwer zu fassen, und man möchte es auch nicht fassen: Es funktioniert auch so. „If it works do not fix it“  sagte Steve de Shazer zu derartigen Zuständen.

Sheila McNamees Workshop ist sehr voll. Die letzten dürfen nicht mehr rein: Sicherheitsgründe, kein Platz, keine Luft. Diejenigen, die gerade noch hereingekommen sind, schauen böse zurück auf jene, die verzweifelt in der Tür stehen. Drinnen schwitzt man vor sich hin, und ist froh, dabei zu sein. Ob diese Haltung gegenüber jenen, die draußen geblieben sind, partizipativ und dialogisch war, wage ich zu bezweifeln. So ist eben das Leben auch!

Zuviel Freundlichkeit verbirgt den anderen Teil, der auch in uns schlummert. Freud meinte, so etwas entdeckt zu haben.

Ich halte beides für wichtig: Die mehr oder weniger kritischen, wertschätzenden, respektvollen Anteile in mir selbst und anderen werden ja durch den Kontext, teilweise sogar zufällig, gesteuert.

Hierorts ICCP: Ich habe selten eine solch frische, hoffnungsvolle Atmosphäre erlebt wie auf diesem Kongress. Und das Engagement der Organisator*innen, „es sollten alle nett haben“, war 100 % spürbar.

Der „Tanz um die Postersession“ wurde gefilmt und über die Nacht als Video zusammengeschnitten, welches am nächsten Tag im Plenum für uns alle gezeigt wurde. Das ist eines der vielen kleinen Zeichen für den Respekt, den man in dieser Gemeinschaft bereit ist, sich gegenseitig zu zollen: Von alt zu jung und vice versa,  von bekannt zu unbekannt und vice versa …

So zeigt sich das Dialogische eben nur dialogisch im Dialog und ist – aus diesem Grund – nicht fassbar! Wohl aber merkbar!

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